Tag 38


Tag achtunddreißig

Heute wecke ich zusammen mit Joana auf. Ich höre zum ersten Mal in diesem Jahr den Wecker. Komisch. Wenn ich ein kleines Nickerchen zur Zimmerstunde gemacht habe, reichte mir immer das Signal meines Handys. Morgens überhöre ich das ziemlich oft. Dafür muss ich mir immer einen Wecker mitnehmen. Den überhöre ich nie. Während Joana im Bad ist, lasse ich den Kaffee durch und packe die Dominosteine aus.

Früher habe ich mich immer gewundert, warum Joana so lange im Bad ist. Heute, nachdem ich ins Bad gegangen bin, weiß ich es besser. Sie putzt früh schon das Bad. Das sind alles Tätigkeiten, die wir nicht bemerken und selten honorieren. Meine Joana macht das nebenbei und fast schon aus Gewohnheit. Köche tun das auch; auf Arbeit. Wieso machen wir das ausgerechnet zu Hause nicht? Naja; das Personalzimmer ist nicht unbedingt unser Zuhause. Aber, immerhin ist das Personalzimmer samt Bad der Ausdruck unseres Hygienebewusstseins.

Joana fragt mich heute, wann ich frei habe. Sie hat am Mittwoch frei. Zu unserem Gewohnheitstag. Ich hatte das schon vergessen. Das muss ich unbedingt gleich auf Arbeit mit vortragen. Eigentlich wird das bei der Einstellung besprochen und gleich mit fest gemacht. Bis jetzt habe ich aber auch nicht den Eindruck, dass ich eingestellt würde.

„Das musst Du heute gleich ansprechen“, sagt Joana zu mir. In der Beziehung bin ich etwas zu passiv. Der Druck von zwei Seiten ist mir zu wider. Joana nimmt sich heute Zeit. Wahrscheinlich haben die Mädels, Alles im Griff.

„Hast Du keine Hausordnung heute?“

„Ne. Das macht Ahu heute. Ich fang erst in der Sauna an.“

„Und die Zimmer? Wie sehen die aus?“

„Das sind reine Dreckställe. Morgen kommen die besseren Gäste. Bei den Abreisen gab es auch wenig oder kein Trinkgeld. Ich hab keine zwanzig Euro von vierzehn Zimmern bekommen.“

Das ist dramatisch für uns, weil wir vom Trinkgeld unsere Fahrtkosten bezahlen. In den Alpenländern ist das steuerlich nicht absetzbar. Und gerade bei uns in Italien, ist das besonders schmerzhaft bei den Treibstoffpreisen.

„Ich muss langsam los. Mit Stau rechne ich nicht. Eher mit einem starken Last- und Lieferverkehr.“

„Unsere Brötchen sind alle. Ich schau mal, ob mir Maria ein paar frische gibt.“

Joana geht mit runter und verabschiedet mich. Alfred steht bei Maria in der Küche. Marco ist noch nicht da.

„Fährst Du schon los“, fragt er mich.

„Ja. Guten Morgen.“

„Sei vorsichtig. Es ist sehr viel Lastverkehr.“

Alfred war wahrscheinlich schon Draußen. Oder hat das Maria erzählt? Bestimmt. Dursun steht am Eingang und wartet schon auf mich.

„Sind heute Abreisen, Dursun?“

„Nur zwei. Die kommen gleich.“

Das sind kluge Gäste. Die umgehen den Ferienstau von Gestern. Dafür bekommen sie heute den Arbeiterstau. Der Montag nach Feiertagen ist auch schlimm. Irgendwie sind die Fahrer da noch in Gedanken bei ihren Familien. Schon im Ort treffe ich sehr viel Lieferverkehr. Auf der Hauptstraße ist es noch belebter. Selbst die Paketdienste sehe ich schon. Zum Glück sind die Straßen schön schneefrei. Die Serpentinen runter fahren einige Lieferautos. Die Fahrer sind von hier. Mit denen gibt es selten Probleme. Den Landecker Tunnel meide ich heute. Ich nehme die Stadtdurchfahrt. Im Tunnel ist heute ein gewaltiger Dunst. Mir würden heute dort die Scheiben anlaufen. Und genau die, will ich heute im Tunnel nicht öffnen. Dort stinkt es fürchterlich. Im Paznauntal ist ruhiger Verkehr und ich komme recht zügig bis Galtür. Meine Fahrzeit heute war knapp zwei Stunden und das ist guter Durchschnitt.

Ruth steht schon vor der Tür und begrüßt mich.

„Heut‘ wird’s ruhig“, sagt sie.

„Auf der Langlaufloipe ist aber schon etwas los.“

„Das sind Profis. Die kommen nicht zu uns.“

Ich hätte das sehen können. Die ziehen mit Geschwindigkeiten um die Loipe…, bei denen ich mich an DDR – Jugendzeiten erinnere. An unsere Kinder – und Jugendspartakiade. Da hab ich mit meinen Allzweck – Holzbrettern von Germina, am Langlauf Wettbewerb teil genommen. An der Piste standen unsere Sportasse vom Kreis und haben uns angefeuert. Selbst mein Trainer, der Bademeister aus dem Stadtbad, war dabei und feuerte mich an. Es hat geholfen. Ich habe gewonnen, obwohl ich an einer Spitzkehre in den Wald fuhr. Herr Weller, der Bademeister unseres Stadtbades, half mir wieder auf und rief mir zu, dass ich sehr gut in der Zeit liege und nicht aufgeben sollte. Bei der Siegerehrung mit Medaillenverleihung, konnte ich es kaum fassen, dass ausgerechnet mein Name gerufen wurde. Als Sieger. Sieger auf einem ungewachsten, breiten Tourenski aus Holz mit Seilzugbindung. Eigentlich hätte ich Lust, mal wieder lang zu laufen.

Ruth sagt, „das Frühstück ist fertig.“

Ich solle bitte mit reinkommen. Und was sehe ich? Der Kuchen vom Vortag ist, bis auf ein Stück, alle.

„Heute kannst Du von dem, zwei Bleche machen“, sagt Ruth zu mir.

„Den gleichen Kuchen?“

„Kannst Du auch einen anderen?“

„Noja. So hundert verschiedene Kuchen kann ich schon. Es kommt eben nur drauf an, ob Alles da ist, was es dafür braucht.“

„Backe einfach Kuchen aus den Rohstoffen, die wir da haben.“

„Das ist ein Wort.“

Der Frühstückskaffee bei Ruth schmeckt gut. Ich bin das von den Hotels nicht gewohnt. Danka hat den gefiltert. Ich frage sie, ob sie in Sachsen Filterkaffee gelernt hat. Ihre Mutter hat in Dresden gearbeitet. Als Studentin bei der Ernte in der Obstgenossenschaft Lockwitzgrund. Danka spart auf alle Fälle nicht an Kaffeepulver. Und das, hat sie sicher von ihrer Mutter geerbt.

„Wie viele Portionen gehen unter der Woche?“, frage ich Ruth.

„So etwa zweihundert“, ist die Antwort.

Zweihundert Portionen ist fast wie Urlaub zu dritt.

„Kann ich am Mittwoch frei bekommen? Meine Frau hat da frei.“

„Das geht sicher“ antwortet Ruth.

„Danke.“

Wieso sage ich Danke für einen freien Tag in der Woche? Ich komme mir innerlich richtig blöd vor. Ruth scheint das zu bemerken. Sie fragt mich, ob ich lieber zwei freie Tage möchte.

“ Das muss nicht sein, weil meine Frau auch nur einen Tag frei hat.“

„Arbeitet Deine Frau noch bei Alfred?“

Schau. Die kennen sich.

„Ja. Bis Anfang März.“

„Sag Alfred einen schönen Gruß von mir.“

„Ich soll Sie auch von ihm grüßen.“

„Tagesessen ist heute:

Makkaroni Amatriciana

und

Tafelspitz, Petersilkartoffeln“, sagt Ruth.

‚Endlich mal kein Schweinsbraten‘, denk ich mir.

Emil und Jan kommen zusammen mit Kamil. Jan wirkt etwas angeschlagen. Wie er sagt, ging es gestern bis dreiundzwanzig Uhr. Danka sieht man das nicht so an. Wahrscheinlich arbeitet sie nicht im Abendgeschäft.

Wir setzen gleich den Tafelspitz an. Die Jungs wundern sich, weil ich den mit dem Suppengrün im Brühtopf anbrate. Normal könnte ich das auch im Dämpfer. Aber den benötigen wir für Gemüse, Reis, Knödel und Kartoffeln. Die Zeit ist zu kurz für Spielereien. Die Nackenstücke vom Schopf, von dem ich die Holzfällersteaks abgeschnitten habe, gebe ich gleich dazu. Vom Schnitzelfleisch lasse ich die Endstücken etwas größer und aus denen stellen wir Sauer Fleisch her. Emil freut sich und schneidet gleich an der Aufschnittmaschine die Zwiebelringe. Die blanchieren wir gleich im Dämpfer mit, geben Zucker, Essig, Lorbeer, Piment und Pfefferkörner zu und löschen das etwas ab. Die Jugend ist begeistert. Nebenbei zeige ich den Jungs, wie man Weißkrautsalat etwas bekömmlicher hinbekommt. Den geben wir auch fünf Minuten in den Dämpfer und mürben ihn damit etwas. Der Vorteil ist, dass der Salat seine Farbe nicht verändert und über den ganzen Tag schön frisch bleibt. Nach dem Abkühlen, zum Personalessen, bestätigen mir alle Kollegen, dass ihnen der Salat so besser schmeckt. Ich habe etwas Zeit und stelle den Kollegen gleich noch ein paar Seidene Klöße zum Tafelspitz mit her. Ich finde, das schmeckt besser als mit Semmelknödeln. Im Grunde sind Seidene Klöße, große Gnocchi. Ich mach die für uns etwas kleiner und steche sie mit dem Löffel ab wie Nocken. Ruth hat in ihrer Küche einen schönen Robot. Ich frage die Jungs, ob sie mir schnell ein paar Pellkartoffeln schälen. Die schneide ich etwas kleiner, gebe sie zusammen mit Muskat, Salz, Dunst und zwei Eiern in den Kutter und mische dort den Kloßteig. Mit zwei Salatlöffeln steche ich die Nocken aus auf einen Gastronorm, schiebe das in den Dämpfer und in knapp zehn Minuten sind die Klöße fertig. Martin rennt noch mal in die Küche und brät sich etwas braune Butter für die Nocken. Jan sagt ihm, dass er auch Butterbrösel da hat.

„Ich hoa seltn so guate Nocken gegessn“, sagt er Martin mit vollem Mund. Ruth und die Jungs nicken. Die Semmelknödel bleiben übrig fürs Geschäft.

Auf dem Parkplatz kommt ein Bus an. Etwa dreißig Leute steigen aus. Sie wollen Skiwandern. Der Großteil sind Frauen. Ehrlich gesagt, sind wir etwas überrascht. Am Montag, Busse? Die dreißig Frauen bringen die Küchenmannschaft schwer zum Schwimmen. Sie ordern die Karte zwei Mal hoch und runter. Dazu lernen wir wieder, von welchen Krankheiten, Menschen heimgesucht werden können. Und das gleich am Anfang des Tages. Von Milch- bis Fischallergie, ist Alles vertreten. Komisch ist, dass keine der Damen, Kuchenallergie hat. Den fressen sie komplett weg. Irgendwie sehe ich das auch an den Hinterteilen der Damen. Jan sagt, „in großen Taschen ist gut packen“ und rollt mit den Augen bei dem Anblick. Die Pandallons sind gut gefüllt. Danka gibt ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. Käsespätzle können wir heute gleich auf einem großen Blech im Backofen herstellen. Die laufen massenhaft. Wir haben etwas mehr Essen verkauft als am Sonntag. Martin genehmigt sich einen Obstler und biete uns einen an. Jan und Emil trinken den und meinen gleich mit. Die Mundwinkel der Beiden berühren schon die Ohren. Sie sind scheinbar leicht glücklich zu machen. Martin drückt mir wieder meinen Tageslohn in die Hand. Er reicht immerhin zum Tanken.

An der Tankstelle ist der Preis gleich mal um vier Cent gefallen. Das Mädchen and er Bedienung sagt mir, sie hätte zu viele Brötchen belegt. Ob ich nicht ein oder zwei haben möchte. Sie bietet sechzig Prozent Rabatt. „Dann nehm‘ ich vier; zwei Käse, zwei Schinken.“ Sie gibt mir sogar noch einen Verlängerten dazu. Die Brötchen packen wir ein. Das wird unser Frühstück für morgen.

Irgendwie bin ich in den Arbeiterverkehr geraten. Den darf ich jetzt täglich erwarten auf meinen Arbeitswegen. Gendarmen sind auch genug Draußen. Ab der Abfahrt nach Samnaun ist zähfließender Verkehr. Vor allem, passaufwärts. Es scheint am Winterdienst zu liegen. Für den Fernlastverkehr ist gesperrt. Ein paar kleinere Lastwagen stehen mit in der Schlange. Ich bin, von dort aus, in einer dreiviertel Stunde in Nauders. Dursun hat wahrscheinlich frei. Er steht nicht vorm Hotel. Vorm Hotel stehen ein paar junge Frauen. Die sind irgendwie so angezogen, als gingen sie auf dem Strich. Im Foyer ist Alfred gerade in ein Gespräch verwickelt. Marco ruft mich in die Küche und sagt mir, warum die jungen Frauen da sind. „Haste gesehen. Die schießen vorm Hotel, Fotos für ein Modemagazin.“

„Für ein Modemagazin ist das? Ich dachte, es wären Damen vom leichten Gewerbe.“

„Das auch. Aber das ist Designermode.“

„Ach! So nennen die das jetzt?“

„Der Chef freut sich. Er hat dafür extra Geld bekommen.“

„Für Werbung?“

„Ja. Und mich haben sie auch auf ein paar Fotos zwischen den Damen. Mit ein paar Platten für die Jause.“

„Haste auch Geld bekommen? Das versauf mer morgen.“

„Bis morgen. Ich habe noch zu tun.“

Joana ist schon auf dem Zimmer. Viel könn‘ wer heute nicht mehr machen. Irgendwie ist die Nachmittagsruhe langsam zu einer Gewohnheit geworden. Ich bin stockmüde. Joana auch.