Tag 40


Tag 40

Jetzt könnte ich sagen, der Mittwoch beginnt wie jeder andere Tag mit einem Kaffee und etwas Süßem. Heute ist das leider nicht so. Wir werden durch Polizeigeräusche vor und im Hotel geweckt. Im Flur unserer Zimmer ist ein Mordspektakel. Ein Zimmer wird geöffnet und zwei Personen abgeführt. Alfred steht im Bademantel da. Er ist nicht mal dazu gekommen, sich anzuziehen. Auf der Uhr ist es halb Vier. Eigentlich könnte man sich jetzt umdrehen und weiter schlafen. Das ist nicht möglich. Es bleibt laut im Haus. Verhaftet werden zwei westdeutsche Hotelgäste. Sie haben sich während der Abwesenheit der Zimmerbewohner, deren Schlüssel an der Rezeption gestohlen und die Zimmer geplündert. Wahrscheinlich waren die Zwei schon am Packen.

Ich koche uns den Kaffee, weil Joana eh gegen Fünf nach Unten geht. Sie weiß dann sicher mehr. Joana erzählte gestern schon von komischen, verdeckten Anschuldigungen. Einige Hotelgäste hätten ihr gesagt, dass ihnen Sachen fehlen. Allgemein wird das sofort den Zimmermädchen unterstellt. Vor allem, den ausländischen. Da auf den Zimmern sehr selten eine einheimische Kraft arbeitet, ist damit die gesamte Zimmermädchenbelegschaft gemeint. Ich möchte jetzt nicht in irgendeine Ausländer- oder Rassenmeinung verfallen, aber trotzdem feststellen, dass ich in Deutschland ausnahmslos von Deutschen und in Österreich, von Österreichern beschissen und beklaut werde. Ausländer bin ich in beiden Nationen als DDR – Bürger. Wenn wir den Westbesatzern etwas wegnehmen auf DDR – Gebiet, ist es eh unser Eigentum. In dem Fall, reden wir von einer Rückgabe. Ich frage mich eh seit geraumer Zeit, warum ausgerechnet BRD Touristen, Rabatte bekommen. Eigentlich gehört denen die doppelte Hotelrechnung unterbreitet. Sozusagen, als gesplittete Reparation für vergangene und aktuelle Raubzüge. Dabei dürfen wir auch die Entschädigungen für vergangene und aktuelle Massenmorde nicht vergessen.

Beim Kaffeetrinken beschäftigen wir uns zweitrangig mit dem Thema. Joana ist aber gewaltig abgelenkt. Sie befürchtet einen gewaltigen Zeitverlust bei der heutigen Zimmerreinigung. Das wirkt sich sicher auch auf unsere geplante Heimreise aus. Wir packen unsere Sachen und gehen runter ins Foyer. Alfred ist mittlerweile angezogen. Er empfängt uns an der Rezeption. Die Polizisten fragen Alfred, ob wir mit der Sache zu tun hätten oder Zeugenaussagen machen könnten. Alfred verneint das. Der Gendarm schaut mich an und mir kommt es vor, als würde er mich mit einer Geste fragen: ‚Weißt Du was?‘ Joana schaut er ähnlich an. Er lässt uns gehen. Alfred wünscht uns einen schönen freien Tag.

Auf den Parkplatz vorm Hotel stehen sechs Polizeiautos. Die zwei Täter sitzen getrennt. Nach ihrer Verurteilung werden die Zwei endlich die Freudschen Gesetze kennen lernen. Ob sie damit resozialisiert werden, ist eine andere Frage. Bei uns kommt etwas Schadenfreude auf. Das hält an bis an den Reschensee. Von dort oben sieht man den Sonnenaufgang bedeutend früher. Bis jetzt ist er nur in Form eines hellen Striches hinter den Bergen sichtbar. Bis nach Hause, wird sich an dem Anblick nicht viel verändern. Um diese Zeit treffen wir kaum ein Fahrzeug. Die Straßen sind schön frei bis Mals. Ab Spondinig sind sie sogar trocken. Die Ausnahme ist wieder die Laaser Höhe. Joana greift wieder zum Türgriff. Das macht sie automatisch, wenn Schnee auf der Straße liegt. Die betreffenden Stellen sind ungefährlich. Einer der Naturnser Tunnel wird gereinigt und wir müssen eine Umleitung durch Staben fahren. Die Schranke vor der Einfahrt auf die Hauptstraße ist geöffnet.

Endlich sind wir zu Hause. Wir treffen gerade unseren Nachbar, der immer so zeitig auf Arbeit fährt. Er ist ein Bauarbeiter. Normal ist er die ganze Woche nicht zu Hause. Mit der Europäisierung des Bauwesens, haben Bauarbeiter fast die gleichen Arbeitswege wie Saisonarbeiter. Das nennt sich europäischer Umweltschutz. Die Bauunternehmen der gleichen Branche dürfen sich jetzt europaweit zu Lasten der Arbeiter unterbieten.

Unsere Wohnung ist nicht kalt. Wir haben die Heizung auf fünfzehn Grad gestellt. Es ist sogar wärmer. Obwohl unter uns niemand wohnt, scheint irgend Jemand unsere Wohnung mit zu beheizen.

Von unseren Nachbarn sehen wir Keinen.

Wir trinken einen Kaffee und essen ein paar Kekse dazu. Danach läuft Joana runter zu Antonia und klingelt. Die freut sich und erkundigt sich umgehend nach unserem Wohlbefinden. Zwei Briefe hat sie da und einer davon musste unterzeichnet werden. Ein Amtsschreiben. „Biste wieder zu schnell gefahren?“, fragt Antonia. Joana kann das nicht beantworten. Sie weiß von Nichts und hat auch nichts bemerkt auf unseren Fahrten. Wir schauen schnell nach, ob wir irgend Etwas versäumt haben. Im Umschlag steckt irgendetwas Hartes. Es fühlt sich an wie eine Karte. Es ist die Bürgerkarte für Joana. Endlich. Die Angaben sind endlich auch angepasst. Joana hatte viele Jahre zwei Steuernummern und zwei Namen. Das gab unendlich viel Aufregung und Arbeit. In unserem neuen Zuhause werden die Unterlagen mit dem Mädchenname der Frau geführt. Nicht mit dem Ehenamen. Rein bürokratische gesehen, achtet Italien damit die Frauenrechte höher als die Besatzer der DDR. Dort wird eine Frau ihren Geburtsnamen mit der Heirat los.

Jetzt überlegen wir, was wir mit unserem freien Tag anfangen. Wohin fahren wir? Wir einigen uns auf Verona. Dort waren wir schon eine Ewigkeit nicht mehr. In Verona gab es sogar mal einen Schluck DDR. Eine Wernesgrüner Bierstube. Zuvor war es ein Jahr lang eine Radeberger Bierstube. Ein Traum.

Einmal im viertel Jahr, fuhr ich mit dem Zug von Zuhause nach Dresden in den Radeberger Bierkeller. Im Zuge der Rekonstruktion der Hauptstraße zu einer Fußgängerzone in Richtung Albertplatz, Dresden Neustadt, wurde eine Radeberger Bierstube eröffnet. Das war unser neuer Tempel. In Radeberg wurde das beste Bier der DDR gebraut. Mit der Westbesatzung der DDR wurde aus einem Kultbier, eine billige Brühe nach Weststandart. Ekelhaft. Bekannte, die in der besetzten DDR geblieben sind, erzählen mir, das Bier würde neuerdings in Polen gebraut. Zu solchen Taten sind nur gewissenlose Besatzer fähig. Arbeiter, die so einen namhaften Betrieb aufgebaut haben, könnten das nie.

Die Fahrt nach Verona ist uns aus Zeitgründen nur auf der Autobahn möglich. Das sind von uns aus, fast zweihundert Kilometer. Verona ist als Tagesziel geeignet, weil unsere Autobahn direkt bis an die Stadt führt. Das Schönste an dieser Fahrt ist der eintägige Abschied von der Eintönigkeit des Schnees. Nach zweihundert Kilometern erwartet uns eine um zwanzig Grad wärmere Umgebung. Unsereiner könnte dort schon kurzärmelig herum laufen. Auf der Fahrt durch das Etschtal sehen wir links und rechts in den Bergen weiße Spuren in grünen Wäldern. Es sind die Skipisten von Südtirol und dem Trentino. Die Pisten vom Monte Baldo sehen wir schon ab Auer, einer Stadt im Unterland Südtirols. Bis nach Rovereto ist es ziemlich kalt, dunkel und stellenweise, gefährlich. Gelegentlich sehen wir eine Caribinieristreife. Auf dieser Fahrtroute scheint das mehr als notwendig. Mit der Ankunft in Affi wird die Dunkelheit des unteren Etschtales beendet. Mir scheint, es wird wärmer. Auf der Temperaturanzeige des Autos ist noch Nichts zu sehen. Jetzt müssen wir etwas aufpassen, weil wir ein Autobahnkreuz überqueren. Genau da ist der Abzweig nach Verona. Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder fahren wir die Strada Besciana rein oder wir nutzen die Autobahn ab Verona Nord, Interporto. Wir entscheiden uns für die Strada Bresciana. Die ist etwas ruhiger und erheblich gemütlicher. Irgendwie merke ich jetzt, dass ich lange nicht da war. Die Veränderungen in Verona sind atemberaubend. Komisch. Wir arbeiten und leben zwanzig Jahre in Norditalien und kennen uns dort nicht aus. Ich denke, das liegt an unserer Arbeit. Wenn wir in Sechs-Tage-Woche, früh gegen Fünf Uhr auf Arbeit fahren und dreiundzwanzig Uhr zurück kommen, bleibt wenig Zeit, das schöne Italien kennen zu lernen. Das gilt auch für die Sprache. Welcher Mensch kann nach zwölf Stunden Arbeit eine neue Sprache erlernen? Sicher kein Mensch. In dieser Zeit kann man such keine Freundschaften aufbauen. Man vereinsamt. Im Sozialismus sind solche Erscheinungen ausgeschlossen. In der DDR so und so.

Wir fahren bis an den inneren Ring Veronas über den Corso Milano. Und schon sehen wir die herrliche Stadtmauer und seine Bastionen. Wir fahren die Stradone Porta Palio ab, weil wir uns erhoffen, dort einen günstigen Parkplatz zu erhaschen. Schließlich wollen wir unbedingt den Platz um die Arena erreichen. Gegenüber vom Castelvecchio finden wir ein Plätzchen. Nicht billig, aber zumindest so lange benutzbar, wie wir wollen.

Die Stunde kostet fünfzig Cent und für Verona geben wir das gern. Den Parkschein ziehen wir nicht an einem Automaten, sondern den verkauft uns ein freundlicher, uniformierter Parkplatzwächter in gehobenem Alter. Er spricht Deutsch mit uns. Woran sieht dieser Veronesi, dass wir Deutsch sprechen? Das bleibt uns ein Rätsel. Jedenfalls antworte ich ihm in dem Italienisch, das ich beherrsche und ernte dafür Komplimente. Ich ärgere mich immer wieder, dass wir einfach zu wenig Zeit haben, diese wirklich schöne Sprache ergiebig zu lernen. Vielleicht gelingt uns das im Rentenalter. Aber nur, wenn sie uns vor unserem Tod, auch wirklich eine Rente zahlen und zugestehen. Bei der aktuellen Entwicklung habe ich eher den Eindruck, wir müssen neunzig Jahre alt werden, um in den Genuss einer Rente zu gelangen. Ich frag mich gerade, wer uns dieses Geld stiehlt. In der DDR hat es jedenfalls gereicht. Und gerade die DDR – Bevölkerung bekommt ja von den Westplünderern vorgeworfen, dass sie nicht rechnen könnten. Offensichtlich bestätigt sich gerade das Gegenteil.

Aktuell haben wir in Verona etwas um die fünfzehn Grad. Uns kommt das vor wie Sommer. Gegen Mittag wird es sicher wärmer. Wir schlendern durch die sehr schönen Gassen und bemerken, dass einige Kettenunternehmen das Stadtbild beherrschen. Wenn ich einkaufen will, kann ich also, europaweit, in allen Städten, bei einer Handelskette einkaufen. Und genau diese Behinderten verleumden die DDR, ihr Markenangebot und die landesweit einheitlichen Preise. Verona war bekannt für feinste Manufakturen. Angefangen bei Schuhen und geendet bei wirklich feinen mechanischen Aufschnittmaschinen. Alle diese Produkte hielten ein Leben lang. Fast wie DDR Kaffeemaschinen. Genau die, werden eben auch in Verona hergestellt. Wir genehmigen uns ein Eis, das mit Zucker hergestellt wird und nicht mit Glucose. An einem Messergeschäft der dazugehörigen Manufaktur, kommt ein Koch sofort ins Schwärmen. Mit einem Blick in die Geldbörse, ist dieser Traum sofort beendet. Die zwei schönen Verkäuferinnen in dem Geschäft sind diesen Gesichtsausdruck von Vorbeigehenden gewohnt. Durch die Gassen gehen meist Bustouristen aus den Skigebieten und anderen Urlaubshochburgen. Mittels Tagesreisen werden die Touristen in die sehenswerten Städte gekarrt. Für die Mahlzeiten halten diese Busse eher vor einem Mac als vor einem italienischen Restaurant. Wir bevorzugen italienische Imbissbetriebe. Die sind unschlagbar. Für den Besuch eines Restaurants, verdienen wir einfach zu wenig.

Kurz nach Mittag haben wir unseren Stadtrundgang beendet. Jetzt sind es achtzehn Grad. Das wünschen wir uns im Sommer oft als Schattentemperatur. Auf dem Nachhauseweg versuchen wir, das Wernesgrüner Bierstübl zu finden. Wir sehen es nicht. Schade. Der Hunger greift langsam um sich und wir bemühen uns, einen Imbiss zu finden. Und schon steht sie vor uns. Eine Paninotheca. Ohne aus dem Auto auszusteigen, sehen wir schon im Fenster die Riesenpaninos liegen. Die Auswahl scheint grenzenlos. Wir sehen Panini, die locker einen achtundzwanzig Zentimeter großen Teller ausfüllen. Und was verlangt jetzt ein Gast? Natürlich ein Panino mit Parma- oder San Daniele – Schinken. Ich gehe ans Fenster. Joana bleibt sitzen. Kaum äußere ich einen Wunsch, schnappt sich der Wirt ein Riesenpanino und schneidet, schneidet, schneidet ohne aufzuhören. Er fragt mich: „Du deutsch?“

„Io come della DDR.“

„Aaah, communist Germania?“

„Si, Si. Vivo in Alto Adige da molto tempo.“

„Soso, migrante!“

„Sono un cuoco e lavoro lì da vent’anni.“

„Allora hai poco tempo libero“

„Si, Si.“

Er schneidet eine Extraportion Schinken auf das Panino. Für Joana auch.

„Bella donna. Lei è tua moglie. Complimento!“

„Grazie!“

Für ein Panino wollte er Fünf Euro Sechzig. Für die Zwei gab ich ihm Fünfzehn.

„Il resto è una mancia.“

Er greift hinter sich und gibt mir eine kleine Flasche Trentino Vino Santo. Ein köstliches Gesöff.

Wir verabschieden uns und er wünscht uns, dass wir wieder einmal bei ihm vorbei schauen.

Joana fragt mich im Auto, was ich denn so viel mit ihm geredet habe. Ich habe ihr das Kompliment für ihre Schönheit weiter gegeben. Sie wird etwas verlegen. Ich glaube, sie hat das gehört und wollte das nur mal von mir bestätigt haben. Ich sage es ihr einfach zu selten und freue mich heimlich, dass ich es übersetzen durfte. Ehrlich gesagt, muss ich mir das etwas zusammenreimen, weil ich nur die Hälfte verstehe. Mittlerweile ist es Vierzehn Uhr. Die Zeit ist günstig, sich aus Verona zu verabschieden. Zurück fahren wir über den Anschluss Flughafen. Der ist wie eine Autobahn gebaut und auch relativ früh, mautpflichtig. Wir fahren mit Telepass und haben selten zu warten. Mit der Maut werden die Fahrtkosten für Autobahnen, verdoppelt. Wir benutzen die Autobahn deshalb nur, wenn wir es wirklich eilig haben.

Auf der Heimfahrt fallen uns die vielen osteuropäischen Autonummern an den Lastwagen auf. In sehr seltenen Fällen, sehen wir italienische oder westeuropäische Nummern. Und selbst in diesen Fahrzeugen sitzen keine Fahrer aus den Ländern, welche auf dem Nummernschildern zu sehen sind. Wir stellen fest, dass diese Länder ohne den versklavten Osten, nicht mehr existieren könnten.

Die Heimreise ist ziemlich eintönig und wird nur gelegentlich von einigen ganz Eiligen belebt. Als Ausländer halten wir uns ziemlich genau an die Vorschriften. Unsere Polizisten können via Nummer ermitteln, wer da drinnen sitzt. Wir wollen nicht unbedingt die Großzügigkeit unserer Gastgeber überstrapazieren.

Gegen achtzehn Uhr sind wir zu Hause. Eine Pizza ist nach dem Panino nicht mehr nötig. Wir gehen zeitig zu Bett. Schließlich beginnt unser Morgen, vier Uhr.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s