Tag 42


Tag 42

Freitag und Montag sind die zwei Tage mit der höchsten Verkehrsbewegung bei den Einheimischen. Mit dieser Erkenntnis wecke ich auf am Freitag. Irgendwie wirkt das sogar auf den Kaffeegeschmack oder besser gesagt, auf den Appetit. Joana nimmt sich heute etwas mehr Zeit für unser Frühstückstreffen. Sie sagt mir, „Heute sind massenhaft Abreisen.“

„Das wird wieder ein schönes Chaos auf dem Arbeitsweg geben. Ich komme heute wahrscheinlich etwas später. Wolfgang braucht mich. Er ist krank. Heut früh muss ich noch beim Dok vorbei, den Verband wechseln und den Faden ziehen.“

„Tut es noch weh?“

„Überhaut nicht. Mich wundert das auch. Es juckt eher. Trotzdem sieht es irgendwie schlimm aus.“

„Die Kaminwurzn ist wohl für uns?“

„Die ist vom Hirsch.“

„Oh; eine ess ich jetzt gleich.“

„Ist der Stollen schon schön fett oder muss ich den noch mal bestreichen?“

„Der ist gut. Ich hab Ahu und ihren Kolleginnen welchen gegeben. Marco hat auch probiert.“

Wir brechen zusammen auf. Joana geht gleich in die Zimmer der Abreisen. Zuerst wird kontrolliert, ob die Trinkgeld da gelassen haben. Im Foyer steht Alfred und fragt, wie es Wolfgang geht. „Er richtet schöne Grüße aus. Er sieht nicht gut aus. Ich schätze, eine Woche wird das dauern.“

„Grippe?“

„Alfred. Ich bin Koch. Ich weiß es nicht.“

Alfred lacht. „Köche werden ja auch nicht krank.“

Ich schätze, er bezieht sich auf Marco. Mich kennt er ja nicht so genau.

Im Ort sieht es aus wie ein Generalaufbruch. An jeder Ecke stehen Autos und laufen warm. Einige stehen im totalen Nebel. Die haben eine Extraheizung. Man könnte leicht denken, die brennen. Dabei produzieren sie nur Schnee. Noch mehr Schnee, so zusagen.

Ich glaube fast, dass ich heute extra vorsichtig fahren muss. Bei dem Aufkommen an Flachländlern. Ich sehe reichlich holländische und auch Norddeutsche Kennzeichen. Berge und deren Tücken sind denen unbekannt. Sie glauben eher, das mit einem SUV meistern zu können. Ein gewaltiger Irrtum. Jetzt mal ehrlich. Im Schnee und im Winter fuhr der Trabant am besten. Kein anderes Auto. Soviel Vorsprung durch Technik hatte der DDR Trabant aus Zwickau. Ein Produkt der Sparsamkeit. Von Kommunisten auch noch.

Den Reschen runter bekomme ich schon die besten Eindrücke vom Fahrkönnen unserer nördlichen Gäste. Einer klebt in den Steinen und der Andere, sein Gegenpart, an der äußeren Begrenzungsmauer. Dem sein Hoseninneres möchte ich jetzt nicht sehen und riechen. Nochzumal, der extra hoch sitzt in seinem SUV. Sozusagen; freie Flugbahn für die Brechreizergebnisse. Ich verliere da schon mal zehn Minuten. Wenn sich das so addiert, kann ich den Verbandswechsel schon während meiner Arbeitszeit einplanen.

Bis nach Landeck läuft Alles recht glatt und ich komme gut zum Doktor. Der türkische Imbissbesitzer grüßt. „Ich komme nach dem Dok zu Dir“, antworte ich ihm. Beim Doktor erwartet ich eine andere Sprechstundenhilfe. Eine Slowakin. Die einheimische Schwester ist im Urlaub. Die Schwester ruft den Arzt. Er grüßt mich und bittet mich ins Behandlungszimmer. Nach dem Öffnen des Verbandes verzieht sich sein Gesicht etwas. „Sie wollten nicht arbeiten! Ich rieche ja die Schnitzel und Pommes!“

„Doktor. Zehn Tage nichts tun, kostet mich, zehn Kilo Übergewicht.“

„So schlimm ist das?“

„Aber sicher!“

„Ich drück mal ein Auge zu. Wir können heute die Fäden ziehen. Brauchen sie dafür eine Betäubung?“

„Ich weiß nicht, wie Sie zu Werke gehen. Tut es weh? Ich muss noch fahren.“

„Auf Arbeit?“

„Das kann ich erst nach der Behandlung entscheiden. Wo ist denn die hübsche Schwester?“

„Im Urlaub. Die Schwester vorn, hat mir ein Kollege geliehen.“

„Ein beachtliches Leihgut.“

„Oh ja!“

„Geht es ohne Faden? Was sagen Sie als Arzt?“

„Sie müssen vorsichtig sein, dass es nicht aufbricht. Sind Sie Raucher? Es ist relativ schnell geheilt.“

„Ich rauche schon. Aber nicht nur Tabak.“

„Haschisch?“

„Wo denken Sie hin. Ich bin ein armer Prolet. Ich kann mir weder den teuren Tabak noch andere Drogen leisten.“

„Was rauchen Sie dann?“

„Naja. Ich sammle paar Kräuter, Weinblätter und so, trockne, fermentiere, schneide das und mische es unter den Tabak.“

„Das schmeckt?“

„Mir reichts. Ich muss nur noch für zehn Euro, Tabak kaufen im Monat.“

„Beachtlich. Ich zahle mehr für Tabak.“

„Ich habe mit den Zigaretten, die mir ungeraucht abbrennen auf Arbeit, leicht zweihundert Euro pro Monat gedrückt.“

„Das zahle ich auch.“

„Ich rolle mir jetzt die Zigaretten und drehe mir dort, zwei Baumwollfilter rein. Das funktioniert gut.“

„Das muss ich mir mal überlegen.“

„Ich bin oben in Galtür bei Ruth und Martin für ein paar Stunden am Tag.“

„Dort laufe ich am Wochenende lang. Ich komme vorbei.“

„Tschüs. Wir sehen uns.“

Am Imbiss hält mir der türkische Kollege ein Panino vor die Nase. Es duftet.

„Probier mal!“

„Mach mir bitte einen großen Kaffee dazu.“

„Und? Wie iss‘ er?“

„Das ist das beste Hacksteak, das ich je gegessen habe. Deine Sauce, das Fleisch und das Brot… . Du hast Kalb und Lamm gemischt!“

„Mei! Du schmeckst das raus?“

„In dem Fall schon. Du hast extrem frisches Lamm benutzt. Keine Gefrier- oder Vakuumware. Das schmeckt fast wie Kalb und passt sehr gut damit zusammen.“

„Du kennst Dich aus.“

„Woll‘ mer hoffen, das Du heute und morgen das Lamm verkaufst.“

„Keine Sorge. Morgen ist es verkauft.“

„Was willst Du haben für den guten Kaffee und den exzellenten Hack?“

„Nichts!“

„Nehm das Trinkgeld! Das ist heilig!“

Ich gebe ihm zehn Euro, bedanke und verabschiede mich.

Das Paznauntal hinauf ist Chaos. Alles steht. Schon an der Autobahnabfahrt geht es los. Ich rufe Ruth an und sag ihr das. Ruth sieht das extrem ruhig. „Kuchen haben wir genug. Wo stehst Du?“

„Schon unten an der Autobahnabfahrt.“

„Ich sag es den Jungs. Wir brauchen heute reichlich Vorbereitung.“

„Bis dann.“

Es geht gerade weiter. Wahrscheinlich wurde der Stau durch eine Kontrolle verursacht. Am Rand stehen wieder sechs – acht Fahrzeuge mit deutschen und holländischen Nummern. Die haben sich berührt, sehe ich gerade.

Bis Kappl geht es zäh aber fließend. Die Holländer werden weniger. Kappl ist fest in holländischer Hand. Maria steht an der Tür und winkt mich rein.

Ich kann nur in die Tiefgarage fahren. Vorm Hotel der Parkplatz ist voll.

Wolfgang ist Unten. Er grüßt mich.

„Wie geht’s Dir? Du siehst besser aus. Ich war gerade Fäden ziehen; schau.“

„Mir geht’s nicht besser. Ich muss wieder hoch ins Bett.“

„Ich komme heute wahrscheinlich etwas später.“

„Iss gut. Bis dann.“

Ich schaue kurz zu den Jungs in die Küche. Zolt wirkt ruhig. Er grüßt kurz und sagt, er hat zu tun.

Maria begleitet mich bis in die Garage. „Komm noch mal heute Nachmittag. Wir sehen dann, was fehlt.“

Kaum bin ich aus der Garage, versuche ich mich in die Autoschlange einzureihen. Selbstverständlich verhindern das die Skitouristen. Es dauert glatte zehn Minuten, ehe mir ein italienischer Landsmann, Platz lässt. Bis Ischgl brauche ich von Kappl aus, eine geschlagene Stunde und bis Galtür, fast zwei.

Damit bin ich bei Ruth mit einer und einer halben Stunde zu spät. Das Frühstück ist schon mal vorbei. Sara stellt mir eine Kanne Kaffee vom Frühstücksservice hin und wünscht mir guten Appetit. Dabei lächelt sie etwas schräg. Der Frühstückskaffee für Hausgäste wird allgemein etwas dünn gekocht. Das ist ein typisches Produkt dieser Einstellung. Diese Brühe haben auch dort westdeutsche Touristen eingeführt. Die Frühstücksbedienungen wurden permanent schikaniert wegen angeblich zu starkem Kaffee.

„Sind die Kuchen gestern alle geworden?“

„Nein“, antwortet Emil, „wir haben ein und ein halbes Blech verkauft.“

„Das sind umgerechnet, drei Eineintel Gastronorm. Ich backe heute zwei Backbleche dazu. Was ging denn am besten?“

„Der Heidelbeer- und Kirmeskuchen. Die sind beide fertig.“

„Heidelbeeren sind noch da?“

„Aber sicher. Kirschen haben wir auch neu bekommen.“

„Wie viele Schnitzel braucht Ihr heute. Dreihundert?“

„Ganz sicher! Schneid‘ mal Vierhundert und paniere zweihundert.“

Emil ist mein bester Ratgeber. Zum Anreisetag ist eigentlich keine so große Menge notwendig. Aber das reguliert Emil schon recht zuverlässig. Ich schätze, er gibt Mailänder Schnitzel auch zum Abendmenü.

Zuerst stelle ich die Kuchen her und während der Backzeit, schneide ich den Jungs die Schnitzel. Ausgeben muss ich nicht mit. Es ist bis jetzt, relativ wenig los. Zur Mittagspause komme ich trotzdem nicht. Ich arbeite durch, weil ich noch zu Wolfgang möchte. Das Mittagsgeschäft ist für mich zu Ende. Die Familie verabschiedet sich von mir und Ruth gibt mir heute das Geld. Ruth ist etwas sparsamer als Martin. Ich frage Ruth, ob ich meiner Joana ein Stück Kuchen mitnehmen darf. Ruth schneidet mir den ab. Vom frischen. Soll ich jetzt rückwärts durch die Tür gehen? Ich bedanke mich herzlich und Ruth sagt: „Es gibt nix zu Danken!“ In solchen Situationen weiß ich nicht, was ich tun soll. Im Grunde stehe ich als Schuldner da und habe nichts zu sagen. Mir bleiben die restlichen Worte im Hals stecken und ich verschwinde mit einem trockenen „Auf Wiedersehen.“

Bergab in Richtung Kappl ist kaum Betrieb. Ich bin auch zu zeitig. Vor Wolfgangs Gasthof sind ein paar Parkplätze frei. Ich gehe ins Haus und dort herrscht schon fast Totenstille. Keiner ist zu sehen. Garbor kommt. Er trägt Abfall. Ich helfe ihm. Der Kübel ist sauschwer. Garbor ist ein dünner Mann. Er kommt aus der Puszta. Die Eltern haben dort eine kleine Landwirtschaft. Von der können sie heutzutage nicht mehr leben. Im Sozialismus war das besser.

Ich frage Garbor, ob die Jungs Alles vorbereitet haben. Er nickt. Ich gehen trotzdem mal reinschauen. Die Bain Maries stehen schon. Alle sind gefüllt und angesteckt. Über den Brühansatz muss ich lachen. Ich hatte Wolfgang mal empfohlen, den auch in der Bain Marie zu machen. Dort wird die Brühe schön klar und bleibt auch so.

Wolfgang hat zwei Bain Maries mit Brühe zu stehen. Wolfgang kommt im Trainingsanzug. „Wie seht es aus?“, fragt er mich. „Spitze!“, antworte ich ihm. „Zolt macht das sehr gut!“

„In ein paar Minuten kommt ein Bus zum Kaffeetrinken.“

„Rolf aus dem Kaunertal?“

„Den kennst du auch?“

„Ja. Ich bin sogar noch bei ihm angestellt. Auf Abruf, schätze ich.“

„Dann bist Du wenigstens versichert. Ruth hat Dich sicher nicht extra angemeldet.“

„Na gut, dass ich das endlich mal erfahre.“

„Willst Du noch bis zur Ausgabe bleiben?“

„Wann kommt denn Zolt zurück?“

Rolf schaut auf die Uhr und sagt: „Die Tür müsste jetzt aufgehen.“

Ich muss lachen, weil Zolt schon hinter Wolfgang steht. Zolt sagt mir, dass sie mich nicht brauchen. Die Neuen kommen gut zurecht. Wir trinken noch einen Kaffee, den ich wirklich fast schon brauche. Ich bin müde. Von der dünnen Brühe bei Ruth bin ich eher müder geworden statt wach.

„Sag Maria einen schönen Gruß. Ich muss los. „

Zolt verspricht mir das und Wolfgang gießt sich ein Bier ein. Wolfgang wird sich freuen, endlich mal Bier trinken zu können, ohne Nachteile fürchten zu müssen.

Bis Landeck ist relativ wenig Verkehr. Im Tunnel staut es und ich umfahre den durch die Stadt. Auf der Umgehungsstraße ist etwas Werksverkehr. Bei der Auffahrt nach dem Tunnel in Fließ, wurde der Verkehr ziemlich zäh. Fließ ist der Geburtsort von dem Pfarrer Neururer, der im Buchenwald kopfüber an den Füßen bis zu seinem Tod aufgehangen wurde. Bei unseren Schülerbesuchen in Buchenwald durften wir das lernen. Gerade im Alpenraum gibt es viele Menschen, die dem Hitlerregime etwas nachhängen, gern hinter Kreuzen marschieren und leider, diesen aufrichtigen Mann und seine Mörder vergessen. Viele Reichswehrsoldaten, die den Krieg und damit auch ihre Verbrechen überlebt haben, bekommen heute von Hitlers Nachfolgern eine üppige Rente. In der DDR gab es das nur für Menschen, die auch wirklich gegen dieses Regime gekämpft und Opfer gebracht haben. Man fragt sich, ob die Angehörigen des Priesters Neururer in der DDR besser gelebt hätten als hierzulande.

Bis Prutz läuft der Verkehr zäh. Danach scheint sich etwas Lockerung abzuzeichnen. Ab der Ausfahrt in Richtung Serfaus, geht es zügig voran.

In meine Richtung fahren ein paar Holländer und Deutsche mit. Vereinzelt sehe ich italienische Landsleute.

Vorm Hotel in Nauders steht Dursun. Er wartet auf Gäste, um sich ein paar Cent Trinkgeld zu verdienen. Dursun hilft beim Verstauen der Ski und trägt sie auch in den Skikeller herunter. Er grüßt mich freundlich und sagt, dass Joana noch Unten sei. Mit Unten meint er sicher die Wäscherei. Alfred bestätigt das und zeigt mir den Weg.

Die Mädels stehen unten und ziehen gerade die Wäsche durch die Bügelmaschine. Mira zeigt mir wieder ihre schicken Schlüpfer, die unter dem zu kurzen Kittel heraus stechen. Heute in rosa Neonfarbe. Passend zu ihrer wirklich schönen Hautfarbe. Mira schaut über ihre recht Schulter und ich habe fast den Eindruck, dass sie ihren Hintern noch etwas anhebt. Die anderen Mädels sehen das und lachen laut. „Ich komme etwas später“, sagt Joana. Damit wird sich heute die Heimreise erübrigen.

Ich gehe direkt aufs Zimmer und schaue nach den Stellenangeboten. Als Joana kommt, bin ich schon eingeschlafen.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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