Tag 43


Tag 43

Diesen Samstag wecken wir wieder ohne Wecker auf. Vorm Hotel schlagen die Autotüren. Das klingt nach großem Aufbruch. Den Lärm machen also genau jene Leute, die sich über Lärm beschweren. Am besten, wir vermieten ihnen in Zukunft, Zimmer im Keller.

Den Kaffee setze ich heute an. Ich fühle mich frisch. Im Mund ist es mir etwas zu trocken. Das ist eine typische Gebirgserscheinung im Winter. Kalte Luft trocknet. Das ist die beste Zeit, Trockenfleisch in Form von Speck und Schinken herzustellen.

Joana freut sich darüber, dass mir der Faden gezogen wurde. Der Anblick des Schnittes ist trotzdem ein Grund, vorsichtig zu sein. In der Küche ist es wirklich schwer und bisweilen unangebracht, Feuchtigkeit zu meiden. Ein Koch wäscht sich am Tag, rund zweihundert Mal die Hände. Bei der Bearbeitung vieler Speisen, sind die Hände auch die wichtigsten Werkzeuge.

Joana hat heute Zeit, meinen Kuchen zu probieren. Sie schmatzt. Wenn ich könnte, würde ich jeden Tag so ein Stück mitbringen. Schon an den vergangenen Tagen konnte ich ein Blech vom Bäcker mitbringen. Das haben die Zimmermädchen zusammen verzehrt. Kuchen darf nicht zu alt werden. Vor allem, kein sächsischer. Beim Stollen ist das genau anders herum. Der muss reifen.

Ich probiere unseren bestrichenen Stollen. Fast wie zu Hause. Mit der Gebirgsbutter bestrichen, wäre der sächsische Stollen heute, unangefochtener Weltmeister. Die DDR Butter war für mich eh die beste Butter. Ich weiß nicht, was die Westbesatzer in die Butter dreschen. Von richtiger Butter ist das jedenfalls weit entfernt. Naja. Die Westbesatzer der DDR haben früher schon mehr Margarine als Butter gefressen. Das merkt man umgehend. Von einer Butterkultur können wir bei denen nicht ausgehen.

Wir gehen zusammen nach Unten. Alfred sitzt bei Marlies und frühstückt.

„Guten Morgen. Hat Dich die Frau rausgeschmissen?“ Alfred scherzt zurück.

„Mein Frau? Die ist noch nicht zurück vom Strich.“

Margret, unsere Chefin, sitzt schon seit Drei im Büro und schreibt Rechnungen für die Abreisen.

Das ist ein unglaublicher Aufwand. Geringe Fehler bei der Eingabe in der Rezeption, können schwere Folgen bei der Abrechnung nach sich ziehen. Vor allem dann, wenn auch der Konsum mit auf Kredit erfolgte. Das gibt regelmäßig Streit bei der Abreise. Bar bezahlen will aber auch Keiner.

Die Hosentasche scheint bei vielen Gästen nicht kreditfähig zu sein. Bei der Bezahlung überwiegt jedenfalls die Kreditkartenabrechnung. Traurig, aber wahr.

Marlies kommt mit einem Kaffee um die Ecke und stellt ihn mir hin. „Ich hab schon einen halben Liter rein.“

„Na, den schaffst Du doch noch!“

Den Frühstückskaffee kann ich auch nicht als gefährlich einstufen. In Sachsen lief das als Tee oder Bodensehkaffee. Wir würden den vielleicht als Muckefuck verkaufen. In der DDR gab es mal den Kaffeemix. Der schmeckte ähnlich, aber dennoch, besser. Es gibt also kaum ein DDR – Produkt, das wir nicht mit dem Westprodukten vergleichen könnten. Der Witz ist, dass es im Westen keine besseren Produkte gibt. Und das nach zwanzig Jahren Besatzungszeit. Eigentlich gehen wir bei zwanzig Jahren Entwicklungszeit davon aus, dass sich ein Produkt verbessert. Das Gegenteil ist der Fall im Westen. Und genau das ist der Hauptunterschied zur DDR und zum Sozialismus allgemein.

„Ich muss los!“

Alfred sagt mir, ich solle heute vorsichtig fahren, Marlies schließt sich dem Wunsch umgehend an. Die Zwei sollen Recht behalten. Schon bei der Ausfahrt stehen die ersten zwei vollgepackten Touristenkisten ineinander verhakt vor mir. Kaum bin ich auf der Hautstraße, rutscht mir ein Norddeutscher aus der Nebenstraße ins Auto.

„Ich konnte das Auto nicht halten. Entschuldigung.“

„Darf ich eher davon ausgehen, dass sie nicht fahren können?“

Seine Alte sitzt noch in dem Kasten und hält sich das Gesicht zu. SUV mit Allradantrieb. ‚Mein Kotflügel ist im Arsch‘, denk ich mir. Ich probiere, ob er am Reifen schleift. Es geht.

„Kostet zwei Mille!“, sag ich dem Unfallfahrer.

„Macht meine Versicherung!“, ist die Antwort, die ich bei diesem Volk auch erwartet habe.

„Und ich finanziere ihnen das vor? Ich zahle das Leihauto, die Werkstatt und warte, ob das ihrer Versicherung gefällt?“

„So hab ich mir das gedacht.“

„Ich möchte den Schaden bitte sofort bezahlt haben! Wie sie das mit ihrer Versicherung abrechnen, ist ihre Sache. Wir gehen zu Alfred ins Hotel und klären das dort.“

Alfred sitzt noch beim Kaffee. Er ruft als Erstes den Ortsgendarm. Inzwischen rufe ich Ruth an und sage, dass ich einen Unfall habe. Ruth zischt vor Wut. „Wann kommst Du in etwa?“

„Das Auto fährt noch. Nur der Trabi – Kotflügel ist geknickt und dadurch etwas angerissen.“

„Also bis dann!“

Der Gendarm kommt sofort, nimm Alles auf und schreibt das Protokoll. Wir schrieben ins Protokoll, dass ich eine Teilanzahlung des Schadens fordere. Ich könnte sonst nicht meiner Arbeit nachgehen. Der Norddeutsche erklärt sich bereit. Er gibt Alfred die Karte, um tausend Euro abzubuchen. Die erste Karte nimmt der Kartenleser nicht an und prompt kommt eine andere. In Gold.

„Da kannste ooch glei Fünftausend abbuchen mit Schmerzgeld“, sage ich zu Alfred. Der Norddeutsche hustet. Seine Furie glüht knallrot vor Wut. Ich dachte, sie frisst vor Wut ihren falschen Zobelkragen. An dem knabbert sie schon die ganze Zeit rum.

Joana kommt, ruft Markus, unseren Autohändler an und bestellt den neuen Kotflügel. Sie fragt, was der kostet mit Einbau und Teillackierung. „Rund drei Mille“, hat er gesagt. „Wann ist der da?“

„In ’ner Woche.“

„Alles klar. Mach uns bitte ’nen Termin.“

Wie sagt mer so schön? Den freien Tag verbringen wir entweder beim Arzt oder in der Werkstatt. Freizeit ist Mangelware in unseren Kreisen.

Alfred sagt mir, der Unfallverursacher hat tausendfünfhundert reingedrückt. Offensichtlich hat er Mitleid mit mir. Alfred drückt mir gleich die Scheine in die Hand. Den Unfallbericht für unsere Versicherung, die mit seiner Versicherung abrechnet, hat mir Alfred kopiert. „Die Durchschläge sind nicht sicher“, sagt er mir dazu. „Du kennst Dich gut aus!“, antworte ich ihm. „In Touristenhochburgen gehört das zum Tagesgeschäft. “ Er lacht. Ich gebe Joana das Geld mit. Wenn mir unterwegs noch etwas passiert, kommt das sicher weg. Ich laufe zu unseren Autos und fotografiere das Ganze noch mehrmals. Vor allem, mit sämtlichen Verkehrsschildern und Bremswegen. Nach der Feststellung, fahre ich nun endlich los zu meiner Arbeit. Inzwischen haben sich ein paar Schaulustige eingefunden, die rege den Unfallhergang diskutieren.

Witzigerweise brennt das Licht noch. Die Motorhaube sitzt fest aber nicht an ihrem ursprünglichen Fleck. Ich denke, mit den Nebenschäden, auch an den unentdeckten Stellen, wird das Ganze erheblich teurer. Die Bremsen funktionieren aber erst mal.

An der Schweizer Abfahrt vor Pfunds steht eine Autoschlange. Nicht in Richtung Schweiz, sondern in Richtung Pfunds. Es könnte sein, dass die auch in Richtung Samnaun wollen. Es sind italienische Nummern dabei. Auch in der Einfahrt Samnaun steht Alles. Wahrscheinlich wollen Viele noch mal Etwas einkaufen auf dem Nachhauseweg.

Der Verkehr läuft zähfließend aber er steht nicht. Nach einer knappen Stunde stehe ich vor der Wahl, durch den Tunnel oder durch die Stadt Landeck zu fahren. Die Stadt hat gewonnen. Den Schleichweg muss ich heute nicht nutzen. Bereits am Stadtausgang sehe ich einen Stau. Den Stau kenne ich mittlerweile. Der ist dort jeden Tag. Das hängt das mit der Autobahnauffahrt zusammen. Die Landecker werden diese Straße hassen. Ihnen geht es wie uns.

An der Abfahrt Paznauntal stehen wieder die Gendarmen. Die haben gerade ein paar Autos in der Mache. Bei den fälligen Ordnungsgeldern müssen die Gendarmen öfter arbeiten als unsere Polizia Stradale. Ein Ordnungsgeld bei uns, bringt leicht das Zehnfache. Ein Gendarm erkennt mich, grüßt und winkt mich an dem Stau vorbei. Dem hat sicher mein Essen beim Wolfgang geschmeckt. Ich bedanke mich artig, grüße zurück und kann mich in die Schlange in Richtung Paznauntal einordnen. Das spart mir schon mal zehn Minuten. Bekanntlich, haben Urlauber keine Zeit. Bis zum Wolfgang allein, brauche ich eine Stunde. Maria steht nicht draußen. Ich halte nicht an. Von dort nach Galtür, benötige ich noch mal eine Stunde. Das Frühstück ist damit verpasst. Ich freue mich schon auf den Frühstückskaffee.

Karin steht mit Emil vor der Tür und raucht. Am Wochenende ist auch wieder mal Karin da. Eine hübsche Frau. Rudi zieht wieder die Spur und die Zwei scheinen das zu beobachten. In der Loipe ist schon ganz schön Viel los. Rudi muss gelegentlich hupen. Emil sagt mir: „Heute wird nicht viel.“ Er könnte Recht haben. Samstag war bei uns immer Wechsel. Die Neuen laufen etwas, duschen, gehen zum Abendmenü und verschwinden auf den Zimmern. Restaurants haben kaum etwas von dem Geschäft. Die Einheimischen arbeiten noch und kommen eher am Sonntag. Rolf und die anderen Fahrdienste, fahren samstags nicht zu den Pisten. Am Samstag besteht die Möglichkeit, einigen Kollegen frei zu geben. Angesichts der Staus überall, scheint das Keiner zu wollen. Es sei denn, unter unseren Kollegen sind Wintersportliebhaber. Danka und Jan sind die angesprochenen Liebhaber. Sie lieben alpinen Skisport. Beide kommen zu ihrer Saison mit einem Lieferauto. Auf der Heimfahrt sammelt Jan die gebrauchten, ausrangierten Ski von den Verleihern ein und verkauft die zu Hause. Jan fährt auch bei den Hotels vorbei. Dort lassen die Gäste ihre alten Ski einfach stehen. Der übliche westdeutsche Müllexport eben. Bei einem Neukauf sind natürlich die Entsorgungskosten für die alten Ski erdrückend. Die zehn Euro müssen unbedingt eingespart werden. Dafür bekommt ein deutscher Skitourist immerhin eine Flasche Bier an der Piste. Das Bier ist wichtiger.

Emil sagt mir heute von allein, wie viel Kuchen sie verkauft haben. Reichlich. Für den Sonntag backe ich ihm zwei Bleche. Eierschecke wäre besonders beliebt. Ein halbes Blech mach ich klassisch und die andere Hälfte mit Kirschen. Auf dem anderen Blech backe ich einen gedeckten Apfelkuchen und, der Versuch ist es wert, einen Pflaumenkuchen. Für den Apfelkuchen reibe ich die Äpfel und binde die mit Bisquit, etwas Mehl und Ei. Für die Decke nutze ich die Eierdecke der Schecke und würze die mit Zimt und Nelke. Die Decke färbt sich dadurch etwas brauner. In die Pflaumen und Äpfel gebe ich natürlich Rum. Martin ruft, „Nicht so viel. Das essen auch Kinder.“ Ich merke, dass selbst Profis von Schauergeschichten in deutschen Medien verrückt gemacht werden. Darum mal ganz kurz zum Mitschreiben. Alkohol verdampft beim Backen. Aus Schokolade, Pralinen, Konfitüren und Glasuren, verdampft Alkohol natürlich nicht. Es gibt genug Speisen, in denen Alkohol verarbeitet wird ohne dass sie gekocht werden. Ich würde mich da nicht unbedingt an einem Stück Kuchen oder Strudel aufziehen. Wobei ich festhalten möchte, dass der Alkohol im Strudel, sicher nicht verfliegt.

Dafür werden die Kinder nach dem Strudelgenuss etwas ruhiger.

Zu Mittag haben wir ein paar Extrawünsche zu bekochen. Es gibt schon Gäste, die nutzen kundenarme Zeiten aus. Bisweilen endet das in sadistischen Ausmaßen. Wenn vier Gäste, pro Kopf, vier Allergien angeben, sind wir bei sechzehn Einzelgerichten. So viele Flammen und Kochstellen haben nicht einmal Großküchen. Wir bemerken, dass Allergien auch auf die Gehirnwindungen wirken. Rechnen wird dabei oft zur Hauptallergie.

Martin macht das wie ich. Er schickt die Gäste ins Landecker Krankenhaus. Karin ist in der Beziehung wie Martin.

Martin schickt mich nach Hause und gibt mir etwas Geld in die Hand. Es ist bedeutend weniger als gestern. Er sagt, ich soll die Finger nicht spreizen, weil es sonst ganz weg ist. Das breite Lachen dazu, zeigt etwas Schadenfreude.

Die Straße nach Kappl ist ist fast autofrei. Ohne Schnee, könnte man schon mal Einhundert probieren. Gendarmen sind keine mehr zu sehen. Die Tankstelle im Ort ist leer.

Maria steht nicht vor dem Hotel. Im Hotel merke ich warum. Es gibt Probleme mit den Zimmern der Anreisenden. Man streitet wie üblich. Das Geschacher um die Preise hat bei Deutschen, System. Heute herrscht aber genug Nachfrage. Maria fragt die Gäste, ob sie bleiben möchten. Sie haben das Zimmer gebucht. Das ist praktisch ein Rausschmissangebot. Die besoffene Tante die sich so über das schöne, neu gebaute Zimmer beklagte, wurde ruhig. Kein Bonus. Im Fahrstuhl jaulte die Kreatur wieder.

Maria geht mit in die Küche. Die Jungs sind alle da. Samstag Abend kommen auch viele Einheimische. Zolt hat einen Hirschbraten als Tagesgericht gekocht. Samstags gehen vor allem auch die typischen Tiroler Gerichte aus Innereien. Touristen mögen das seltener. Denke ich an Beuchel oder an Blutwurstsackerl, sehe ich vor Ekel verzogene Frauengrimassen. Komisch. Als Wurst mit einem Haufen Nitritsalz, essen sie das eher.

Zolt sagt, er braucht mich nicht. Es ist Alles vorbereitet. Ich bedanke mich bei ihm für den freien Tag. Markus ist auch da und wie ich sehe, will der mitkochen.

Maria führt mich vors Haus, gibt mir zehn Euro und bedankt sich. „Wenn ich Dich brauche, rufe ich an.“

Das ist im Grunde die Freistellung, die mir das Nachfragen erspart. Sie gibt mir zwei Gläser Leberwurst mit, die Wolfgang gemacht hat.

Die Fahrt nach Nauders ist ziemlich einsam. Ich könnte heute Gas geben. Leider wackelt mein rechter Radkasten. Er droht sich zu lösen bei höheren Geschwindigkeiten. Ab achtzig Stundenkilometern wird das Geräusch ziemlich lästig.

Joana ist überrascht, dass ich schon da bin. Sie hat erst abends mit mir gerechnet. Neben dem Kuchen, können wir zum Abendbrot auch noch die Leberwurst von Wolfgang probieren. Verhungern können wir nicht so schnell. Mit dem Auto verzichten wir auf eine Heimreise. Das wäre zu riskant. Mittlerweile gibt es Anzeigen aus Südtirol. Die werde ich mal mit beantworten und Bewerbungen absetzen. Vorstellungen haben aber erst Sinn, wenn das Auto wieder läuft.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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