Tag 44


Tag 44

Joana weckt mich. Sie hat sich mit Dursun unseren Schaden angeschaut. Wir trinken zusammen Kaffee. Ich sage ihr, dass ich nicht mehr zu Wolfgang muss. Er ruft mich an, wenn er mich braucht. Joana meint, wir könnten heute Nachmittag endlich mal wieder spazieren gehen.

„Frage doch ma Alfred, ob er für uns e boar Langlaufski hat.“

„Das klingt gut. Mach ich. Gehts mit’m Auto?“

„Grade so. Ich foar langsam.“

Wir essen wieder etwas Stollen. Der schmeckt jeden Tag besser. Joana geht jetzt. In der Wäscherei ist viel Arbeit. Wäschewechsel und Abreisen. Von gestern ist auch etwas liegen geblieben.

Marco steht schon bei Marlies. Er hat heute Galamenü. Alfred ist mit seinem Vorschlag etwas unzufrieden. Der wäre für das Wochenende zu teuer. Das erste Mal sehe ich Alfred knurrend. Marco ist etwas rot. Marlies gibt mir einen Kaffee. „Guten Morgen“, sag ich etwas lächelnd.

„Ah. Karl. Guten Morgen.“ Alfred schlägt sofort um und spielt die Freundlichkeit. Marco hängt sich gleich ran und wünscht mir ebenfalls einen Guten Morgen. Die Situation scheint mit einem Mal entspannt.

„Ich überbacke die Fasanenbrust“, sagt Marco und Alfred wird zunehmend lockerer. Marco hat ihm indirekt gesagt, dass sich damit der Wareneinsatz verringert.

„Haben wir Alles dafür?“, fragt Alfred.

„Aber sicher“, antwortet Marco. Marco kocht heute:

Gefüllte Rindszunge

Cremesuppe von Champignons

Cannelloni mit Spinatfülle

Mit Rauchfleischkruste gratinierte Fasanenbrust im Wacholderjus zu Duchessekartoffel und Schwarzwurzelragout

Williamsbirnensorbet

Nach den Feiertagen scheint Marco immer noch auf verkürzte Menüs zu setzen. Ich frage ihn nicht deswegen. Das Menü ist gut. Marlies fragt mich, ob ich heute Abend ein paar Brötchen brauche. Sie will mir ein paar mit aufbacken. Ich frage sie, ob sie ein paar Laugenbrötchen mit hat. „Ja, gerne.“

Alfred stutzt die Ohren. „Laugenbrötchen?“

„Wir haben noch ein Glas Leberwurst von Wolfgang. Die schmeckt mir mit Laugenbrötchen am besten.“

„Na super! Wie geht das Auto zu fahren?“

„Naja. Ein paar gemischte Gefühle habe ich schon. Der Kotflügel klappert ganz schön.“

„Ruf mich an, wenn was ist.“

Dursun sagt mir, dass er mir hilft.

Jetzt fühle ich mich schon erheblich sicherer. Der komische Druck ist weg.

Das Auto lasse ich heute nicht warmlaufen. Ich fahre es kalt an. Bereits an der Hauptstraße ist es relativ warm. Ich halte noch mal an, um zuschauen, ob irgendwelche Flüssigkeiten auslaufen. Der Blick unter die Kühlerhaube, gab keine Hinweise. Zu schließen ging die Haube einfach. Bei dem Aufprall hatte nur das Schloss ausgehängt. Zum Glück gibt es noch einen Sicherheitsriegel. Mir wäre sonst die Haube aufgesprungen bei der gestrigen Fahrt. Einzige, was mir Sorgen bereitet, ist der Radkasten.

Bis Ried, an der Abfahrt nach Serfaus, ist wenig los. Ab dort ist zähfließender Verkehr in Richtung Landeck. Irgendwie scheinen dort die Autos aus allen Richtungen zu kommen. Nicht nur aus Serfaus und Fiss. Alle sind randvoll bepackt. Man könnte den Eindruck bekommen, die Insassen nehmen mehr mit als sie gebracht haben. Den Tunnel in Landeck umfahre ich wieder. In Landeck ist es seltsam ruhig. Die Einwohner scheinen ausgeflogen zu sein. Bis auf ein paar türkische Betriebe, haben alle Geschäfte geschlossen. Was wäre die Stadt ohne die türkischen Unternehmer? In Imst ist das nicht viel anders.

An der Paznauner Abfahrt das altbekannte Bild. Nur die Gendarmen sind heute andere. Heute gibt es keinen Gruß. Ich hebe trotzdem die Hand. Die zwei Gendarmen schauen mir hinterher und denken sich sicher, ‚Was iss’n das für’n Trottel?‘

Bei Wolfgang ist jetzt schon Vollbetrieb. Es sind Einheimische. Wahrscheinlich sitzen die beim Frühschoppen mit Watten. Die Fenster sind angelaufen. Da brauch ich nicht reingehen. Maria hat da voll zu tun.

In Ischgl an der Bahn ist Vollbetrieb. Auch im Ort. Die Saufhäuser sitzen voll. Ich sehe um die Zeit schon reichlich Besoffene rumtorgeln.

Bei Ruth sitzt auch das Restaurant voll. Dort wird auch gewattelt. Alle haben die Tracht an und gehen etwas später, besoffen, in die Kirche. Der Pfarrer scheint den Geruch zu lieben.

Jan steht in der Küche und schält Kartoffeln. Emil schiebt gerade ein paar Gastronorm in den Dämpfer. „Gemüse und Kraut“, sagt er. Die Salate sind schon fertig. Das Fleisch liegt verpackt am Hackstock. „Heut gibt es auch Kotelett“, sagt mir Emil. Ich ziehe von den Koteletts die Ketten ab. Die machen wir zu Hamburgern. Emil sagt mir, dass wir die Koteletts auch sägen können und zeigt mir die Knochensäge. Die ist fest installiert und muss nur herausgeklappt werden. Das Fleisch ist im Kern noch etwas gefroren. Dafür ist die Bandsäge schon mal gut geeignet.

Eigentlich brate ich Koteletts im Stück schon mal etwas im Dämpfer vor. Damit verhindere ich rohe Stellen am Knochen. So werden sie auch etwas saftiger und braten nicht aus. Der eigentliche Vorteil liegt in der verkürzten Grillzeit. Den Jungs gefällt die Methode. Ich lege ihnen zum Personalessen ein paar Stück auf den Grill.

Schnitzel schneide ich Dreihundert. Zweihundert paniere ich. Dazu paniere ich auch einhundert Putenschnitzel. „Das reicht! Mach nicht zu viel!“, ruft Jan. „Die Meisten essen eh nur Pommes.“

Pommes und Pasta sind eigentlich ein gutes Geschäft. Auch, wenn sie billig erscheinen. Müssten die Gäste die Gesundheit des Koches mit bezahlen, wären Pommes mindestens doppelt teurer. Gesundheit und Umweltschutz, dürfen wir Touristen natürlich nicht berechnen. Das wäre wirklich ungerecht. Sie bringen doch das Geld in die Ausflugsregionen. Mit dem Maul, natürlich. Schon bei dem Kassieren einer kleinen Kurtaxe, protestieren sie lautstark. Die Touristiker sind dann freche Abkassierer. „Die nehmen es von den Armen!“, heißt das Lied.

Wir verkaufen alle Schnitzel und schwimmen zeitweise. Ich komme erst nach Drei aus der Küche. Kuchen habe ich keine gebacken. Wir haben noch ein paar Stücke. Anfangs dachte ich, die Leute kämen wegen der Bewegung und dem Langlauf. Ski hatten sie Alle mit. Die Wenigsten sind wirklich Ski gelaufen. Sie haben gesoffen und gefressen – nicht gegessen. Der Blick auf und unter die Tische belegt das. Man fragt sich besorgt, warum wir Tischdecken und Bestecke auflegen. Ich glaube, die Gäste können Pommes und Hamburger nur noch mit den Händen essen. Mitunter geht mir ein Witz durch den Kopf. Der, mit dem zerkratzten Gesicht bei den Ostfriesen. Bei denen bin ich mir aber sicher, dass die mit Besteck umgehen können müssen. Fisch lässt sich mit den Fingern schlecht essen.

Ruth gibt mir dieses Mal recht viel Geld. Dazu drückt sie mir eine Tüte in die Hand. Schnitzel. Sie hat mir vier Schnitzel eingepackt. „Dein Personalessen“, hat sie gesagt. Wir trinken noch einen Kaffee zusammen.

Die Heimfahrt wird zu einem Chaos. Es staut schon in Galtür. Nach Ischgl brauche ich eine Stunde. Von Ischgl nach Kappl dauert es wieder eine Stunde. Bei Wolfgang steht eine Schlange vor der Tür. Ich muss an unsere Platzierungsschlangen vor den Restaurants in der DDR denken. Für die sind wir mal von diesem Volk ausgelacht worden. Eigentlich stehen die überall Schlange. Der Gedanke kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich diese Warteschlangen sehe.

In Landeck steht Alles. Nur nicht in meine Richtung. Irgendwie scheine ich es noch zu schaffen vor achtzehn Uhr, denke ich mir. Wie gesagt. Ich dachte es mir. In Pfunds steht wieder Alles. Dieses Mal den Reschen rauf. Ich sehe gerade unseren Spaziergang, Flöten gehen. Den Reschen hoch bis Nauders brauche ich ab Pfunds, zwei Stunden. Das Abendmenü bei Alfred wird heute besonders lange dauern, wenn die Anreisen mit im Stau stehen.

Alfred steht schon am Eingang. Er wartet nur auf eine Anreise. Denen wird Marco eine kalte Platte machen und gut ist. „Staut es?“

„Ich wollte nachmittags da sein.“

„Wann bist Du denn los gefahren?“

„Kurz nach Drei.“

„Fast sechs Stunden. Rekord ist das aber noch keiner.“

„Wie? Hast Du schon länger gestanden?“

„Ja. Acht Stunden von Kappl hier her.“

„Ich habe Schnitzel mit. Die hat mir Ruth eingepackt.“

„Ruth? Das wundert mich. „

Alfred lässt sich nicht näher aus dazu. Ein paar Hotelgäste verwickeln ihn in ein Gespräch. Bei Marco gehe ich nicht vorbei. Die Zwei schwimmen sicher jetzt.

Joana wartet schon. Sie hat die Brötchen von Maria in der Mache.

„Ich habe Schnitzel mit.“

„Das auch noch.“

Die Schnitzel essen wir mit Butterbrötchen. Die aufgebackenen Teiglinge schmecken gut. Maria lässt die gut gehen.

„Morgen hab ich frei. Ich kümmere mich morgen um Arbeit.“

Wir gehen schlafen.