Tag 45


Tag 45

Irgendwie war ich aufgeregt im Traum. Jedenfalls habe ich kaum geschlafen und Joana halb Fünf geweckt. Wir trinken Kaffee und ich rede mit Joana, ob sie nicht irgendwie Frei bekommt. Sie geht.

Als Erstes schalte ich unseren Computer ein. Stellenangebote sind reichlich. Wie üblich, muss ich die jetzt in Routen zusammenstellen. Die Bewerbungsgespräche müssen mit einem Tagesausflug erledigt werden. Bewerbungsgespräche sind Dienstfahrten. Die sollten auf alle Fälle von denen bezahlt werden, die sie auslösen. Mit dem derzeitigen System werden die Fahrten samt Unfallrisiko auf die Arbeiter abgewälzt. Damit wird auch das Risiko eines dauerhaften körperlichen Schadens auf die Arbeiter abgewälzt. Zumindest erwarte ich, dass ich diese Dienstfahrten steuerlich absetzen kann. Aber das funktioniert auch nicht.

Seit langem deutet sich eine Runde in Südtirol an. Immerhin ist das unsere Wahlheimat, in der wir Versicherungen und Steuern bezahlen. Am liebsten wäre mir, noch einen Arbeitsplatz in der laufenden Saison zu erwischen. In Südtirol gibt es da mehrere Möglichkeiten bis hin zu Gletschergebieten. Bei der Planung muss ich jetzt darauf achten, dass ich nicht zu weite Wege zu meiner Joana habe. In Südtirol wird der Arbeitsweg bewusst nicht bezahlt. Man möchte damit den Werksverkehr verringern. Die Umweltbelastung durch die Touristen und den Transit ist eh schon zu hoch. Wir bringen die Opfer für unsere Gäste. Leider verstehen das die wenigsten Touristen. Sie denken, das ist eine Selbstverständlichkeit. Statt die Touristen mit ihren platzraubenden SUV’s und Wohnmobilen einfahren zu lassen, würde ich eher einen einspurigen Verkehr bevorzugen. Der läuft flüssiger und wesentlich umweltfreundlicher. Genau der Verkehr wird aber stark verleumdet. Ich rede von Motorrädern und Scootern. Dazu kommen ganz einfache wirtschaftliche Belange. Ein SUV – Fahrer oder ein Camper, wird seine Urlaubsverpflegung samt Verpackung, in seinem Fahrcontainer umher schleppen. Die Gastronomie kann von solchen Touristen nicht leben. Der Umweltschaden ist erheblich. Die Verpackungen bleiben hier und liegen in den naturgeschützten Bergen herum. Ein mehrspuriger Verkehr benötigt natürlich auch den entsprechenden Raum. Ein normales Auto benötigt zehn bis sechzehn Quadratmeter. Ein Wohnmobil oder Campinganhänger, benötigt sicher nicht unter zwanzig Quadratmeter. Diesen Platz gibt es weder in den Bergen noch auf den Straßen zwischen den Bergen. Die Zukunft Südtirols liegt damit eindeutig im einspurigen Verkehr. Einspurig heißt aber nicht, Fahrradverkehr. Fahrräder werden von den Touristen nach Südtirol mitgenommen. Auf dem SUV genauso wie auf anderen Autos und in Anhängern. Das ist kein Umweltschutz. Das ist eher ein Müllexport. Dazu kommt, dass die Fahrräder bis an den Berg oder an das Naturschutzgebiet, individuell transportiert werden.

Ich konzentriere mich bei meiner Bewerbung also zunächst auf den Vinschgau. Das stellt kurze Arbeitswege in Aussicht. Mit den kurzen Arbeitswegen wird auch das Unfallrisiko scheinbar etwas eingeschränkt. Für den Vinschgau gilt das in der Hinsicht natürlich nicht unbedingt. Dort herrscht in jeder Saison das reinste Verkehrschaos.

Der Nachteil der Täler ist eben, dass man zu wenig Umgehungsstraßen bauen kann.

Ich schreibe Betriebe in Burgeis, Schlanders, Partschins, Prad, Mals, Latsch und im Schnalstal an. Mal sehen, wie sie reagieren. Im Grunde schreibe ich nicht viel. Den Meisterbrief kann ich dort eh nicht gebrauchen. Den verschweige ich. Ich zähle ein paar Betriebe auf, in denen ich gearbeitet habe. Zeugnisse bekommt man kaum. Trotzdem fragt jeder nach Zeugnissen. Das ist schon eigenartig im Gebirge.

Jona kommt aufs Zimmer. Markus, der Besitzer unserer Autowerkstatt, hat angerufen. Er kann uns den Kotflügel am Mittwoch einsetzen. Er hat den schon da und lackiert ihn heute. Die Schürze hat er auch mit bestellt. Die lackiert er gleich mit.

Joana bekommt ab Mittag frei. Wir können einen schönen Spaziergang am See einplanen.

Ich gehe mit nach Unten und frage Alfred nach ein paar Langlaufski. Er kann die uns organisieren. Auch die Spezialschuhe. „In einer Stunde sind die da. Welche Schuhgröße hast Du und Joana?“

Wir sagen Alfred unsere Schuhgrößen. Er hat sie vergessen. „Wollt Ihr abfahren oder Langlaufen?“

„Langlaufen. Abfahren können wir nicht.“

„Mein Bruder lernt Euch das.“

„Nein danke. Auf den Pisten sind mir zu viele Besoffene.“

„Da könntest Du Recht haben.“

Die Ski bringt uns Dursun. „Ich hab die gleichen Ski und Schuh genommen, wie das letzte mal.“

„Danke Dursun. Der Chef hatte unsere Größe und die Ski schon vergessen.“

„Im Moment ist viel zu tun. Alfred muss sich mal ein-zwei Tage frei nehmen.“

„Gehen wir noch Mal zu Maria, Etwas essen?“

„Gerne. Ich komme mit.“

Ich wusste, dass er bei Maria umgehend nachgibt.

„Weißt Du, was ich unbedingt mal essen würde? Einen Grießbrei oder Haferflocken mit Butter und Zucker.“

„Oh ja, darauf hätte ich auch mal Appetit.“

Wir gehen mit den guten Vorsätzen zu Maria. Maria ist davon auch begeistert. Sie würde das auch gern essen. Ich suche im Lager von Marco die Zutaten. Schau, es ist Alles da. „Willst Du eine Brennsuppe oder eine einfache Mehlsuppe kochen?“, fragt Maria. „Was schmeckt Dir am besten?“

„Die einfache.“

„Esst Ihr die auch mit Butter und Zucker?“

„Naja. Die gibt es mit Sauerrahm oder so, wie Du es vorgeschlagen hast. Manche geben auch Zimt dazu.“

„Ich eß die am liebsten mit brauner Butter und Zucker.“

„Oh ja, mach uns das so!“, sagt Dursun.

Maria ist auch für diese Variante. Ich koche den Grießbrei mit Wasser an, gebe Salz dazu und, als er dick wird, saure Sahne. In einer Schüssel auf der Induktionsplatte stelle ich die braune Butter her. Das geht so schnell. Dursun ist begeistert. Die Butter ist braun, wenn sie anfängt zu schäumen. Ich koste die Variante mit der sauren Sahne. Maria beobachtet mich. Ehrlich gesagt, die Variante schmeckt gut. Maria richtet drei Teller. Ich gehe noch mal zu Marco ins Lager. Dort hole ich Vanille, Zitronasun und Rumrosinen. Das rühre ich in den Greißbrei. Dursun staunt und schnüffelt. „Das ist mit Alkohol!“

„Da ist kein Alkohol drin. Das ist Rumaroma!“

Maria lacht. Sie probiert…flutscht mit der Zunge über die Lippen und gibt ein Kompliment.

„Jetzt noch Schokoflocken drauf und wir können das als Gourmet verkaufen.“

Ich antworte ihr. „Diesen Brei koche ich auch mit Äpfeln oder Birnen. In einigen Menüs biete ich das als Dessert. Die Westdeutschen essen das nicht.“

„Das kann ich nicht verstehen“, sagt Dursun.

Joana kommt bereits. Wir können loslegen. Gleich hinterm Hotel geht die Langlaufspur los. Wir müssen bis zum See, bergaufwärts laufen. Auf der halben Strecke müssen wir erst mal eine Pause einlegen. Wir gehen einen Kaffee trinken in der Liftstation. Dort stehen die Abfahrer. Wie versprochen. Einige sind schon jetzt strotzbesoffen. Ich höre Schwäbisch. Wir gehen gleich raus aus der Menge. Als DDR – Bürger muss man sich schämen in diesem primitiven Haufen. Der Kaffee schmeckt gut. Nach dem Kaffee laufen wir gemütlich zum See. Das dauert locker drei Stunden. Es ist Mittagszeit. Wir sind fast allein auf der Piste. Für eine ganze Runde um den See, reicht unsere Freizeit nicht. Wir laufen nur bis zur Staumauer und kehren dort um. Jetzt wird wieder etwas mehr Betrieb. An uns pfeifen zwei Langläufer in einem strengen Tempo vorbei. Sie laufen im Schlittschuhschritt. Ich probiere das und Joana lacht mich aus. Irgendwie scheint das witzig auszusehen. Dafür sind meine Ski auch zu lang. Wir müssen bei Dursun das nächste Mal kürzere Ski bestellen. Vom See in Richtung Nauders wird es gemütlicher. Das Gefälle bringt eine recht gute Geschwindigkeit. Joana fährt vorneweg. Plötzlich bleibt sie in der Spur stehen, um auf mich zu warten. Ich rufe: „rieber!“ Sie steht wie ein Stock. Mit Langlaufskiern ist das Umsteigen in eine andere Spur nicht einfach. Schon gar nicht für einen Langläufer, der immerhin vor dreißig Jahren die Kreisspartakiade gewann. Die einzige Methode war also, hinsetzen. Im Laufe der Zeit hat sich natürlich das Körpergewicht etwas verändert. In der Loipe war jetzt ein gewaltiges Loch. „Ist Dir auch Nichts passiert?“ Was soll ich da antworten?

„Mir fehlt Nichts, Schatz.“ Nach dem Aufrichten der Schildkröte – so fühlte ich mich, sind wir weiter gewandert. Joana möchte unbedingt verhindern, dass mit Etwas passiert. Immerhin geht es um unser Familieneinkommen.

Dursun steht vorm Hotel. Er sieht uns kommen und meinen feuchten Hintern. „Hingefallen?“

„Nur hingesetzt, Dursun. Den Skiern ist nix passiert.“

„Zum Glück. Und die Stöcke?“

„Die sind auch heil geblieben.“

„Na dann gehen wir einen Kaffee trinken.“

„Das wird Zeit. Ich gehe erst mal trockene Hosen anziehen.“

„Den guten Anzug?“

Dursun wollte scherzen. Er weiß, dass ich nur Trainingsanzüge und Kochklamotten besitze.

„Wieso? Ist Marco krank?“

„Nein. Das war nur ein Gag.“

„Achso! Auf alle Fälle gehe ich nicht mit der Hausmeisterkombi ins Kühlhaus.“

Dursun lacht: „Stronzo!“

Joana hat Hunger bekommen. Sie hat nicht von unseren Brei gegessen. „Soll ich Dir einen Grießbrei kochen?“

„Pfui!“ Joana bezeichnet meinen Lieblingsbrei als Geschlabber. In der Nacht, wenn ich schlafe, isst sie den Rest heimlich. Ich hab mir angewöhnt, immer die dreifache Menge von dem zu kochen, was ich gern essen möchte. Morgens ist das immer weg.

„Willst Du ein Panino?“

„Nein. Dursun hat Würstl für die Jause warm gemacht. Stimmt das, Dursun?“

„Aber sicher. Ich hol Dir welche.“

Jetzt weiß ich es sicher. Die Zimmermädels gehen nachmittags bei Dursun zur Jause. Dursun hat die Schlüsselposition zu den Frauenherzen.

Alfred gesellt sich zu uns.

„Wie war die Skitour?“

„Das nächste Mal würde ich gern mal kürzere Ski nehmen.“

„Skater? Aber, die sind unten dran anders geschliffen.“

„Normale wären mir lieber.“

„Die haben wir auch. Hat schon Jemand geantwortet?“ Alfred zeigt Mitgefühl an meiner Stellensuche.

Wir gehen aufs Zimmer. Ich möchte noch schauen, wer geantwortet hat.

Es gibt ein paar Antworten. Um die kümmere ich mich morgen. Wir gehen zeitig zu Bett.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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