Tag 47


Tag 47

Wir stehen gegen vier Uhr auf. Joana macht den Kaffee und ich lass das Auto warm laufen. Maria ist noch lange nicht da. Sie kommt erst gegen sechs Uhr. Wie üblich, nehmen wir eine Thermoskanne voll Kaffee mit.

Bis auf die Malser Heide kommen wir gut voran. Bergab gibt es ein paar Wehen. Mit dem angeschlagenen Kotflügel kann ich unmöglich durch die Wehen fahren. Wir würden die Schürze samt Kotflügel verlieren. „Wir müssen Markus anrufen, ob er uns abschleppt“, sagt Joana.

„Ich will mal probieren, rückwärts durch die Wehen zu fahren. Vielleicht gelingt das.“ Joana steigt aus. Ich drehe das Auto. Zu viel Schwung brauche ich nicht. Die Wehen sind nicht hoch. Die Schürzen baggern etwa zehn Zentimeter weg. Es funktioniert. Joana steigt wieder ein. Das Manöver machen wir sechs Mal auf der Abfahrt nach Mals. Geschafft. Der Kotflügel und die Schürze sind noch dran.

Auf der Fahrt treffen wir nur ein paar Leute. Gelegentlich liegen auf der Straße größere Eisbrocken. Das sind die Abwürfe aus den Radkästen der Lastwagen. Die muss ich umfahren. Ein hart gefrorener Eisbatzen dieser Größe ist mit einem Felsabwurf vergleichbar.

Die Fahrt nach Hause dauert eine und eine halbe Stunde. Auf der Straße wird es etwas bewegter. Vor allem, nach Naturns. Im Ort treffen wir unsere Carabinieri, die gerade von einer Streife zurück kommen. Sie grüßen. Beide bemerken unseren Schaden am Auto und zeigen darauf. Ich winke dankend zurück.

Unsere Wohnung ist nicht zu kalt. Wir können noch zwei Stunden schlafen bis die Werkstatt öffnet.

Zu unserer Werkstatt fahren wir im Arbeiterverkehr. Es braucht eine halbe Stunde bis Meran. Das Tor der Werkstatt steht schon offen. Ein Verkäufer von Markus steht vor der Tür und raucht noch eine Zigarette. Er grüßt freundlich und bestaunt unseren Schaden. „Das dauert bis heute Nachmittag.“ Ich bin vorerst beruhigt.

Nach einer Begrüßung öffnet Markus die Werkstattschranke. Der Monteur, der immer unser Auto baut, lacht. „Der wilde Hayafahrer! Ich hab mir jetzt auch ein Motorrad gekauft.“

„Wie lange brauchst Du für den Schaden?“

„Die Teile sind schon fertig. Das geht recht schnell. Komm heute Nachmittag wieder.“

Markus hat uns derweil einen Leihwagen bereit gestellt. Wir könnten jetzt zwei Betriebe besuchen, in denen ich mich beworben habe. Einer ist in Latsch, einer in Schlanders und der andere im Schnalstal. Das Schnalstal ist mir etwas zu gefährlich mit dem Leihwagen. Über Latsch und Schlanders können wir reden. Ich rufe die Betriebe an. In Latsch verabreden wir uns auf zehn Uhr und in Schlanders auf zwölf. Kaum ist der Anruf abgesetzt, klingelt das Telefon. Ein Mensabetrieb möchte mich kennen lernen. Ich sage dem Anrufer, dass ich gerade da bin.

„Der Betrieb steht in Vezzan. Wir benötigen dort einen Koch.“

Arbeiterversorgung, also, eine Ganzjahresarbeit von früh bis Nachmittag, wäre mein ausgesprochener Wunsch. Mir gehen die Freizeitmöglichkeiten durch den Kopf und Vieles mehr. In Latsch wären das die gleichen Bedingungen. Latsch ist etwas näher. Also, gewinnt erst mal Latsch in meiner persönlichen Auswahl.

Der Betrieb in Latsch ist ein kleines Einkaufscenter. Der Betrieb sieht gut aus. Wir gehen die innere Treppe hinauf. In dieser Etage befindet sich eine kleine Imbissabteilung. Eine Theke steht am Rand dieses Imbisses. Hinter der Theke ist ein Pizzaofen mit einem kleinen Arbeitsplatz für einen Pizzaiolo. Gleich daneben ist ein Bereich mit einer eingelassenen, kleinen Bain Marie neben einer Grillplatte. Ein Dämpfer mit sechs Einschüben ist auch da. Unter dem Arbeitsplatz befinden sich Kühlschränke und hinter einer leichten Wand, eine Spüle. Im hinteren Bereich befinden sich mehrere Kühlzellen. Zwei Gefrierzellen und ein Trockenlager sind auch da. Ein idealer Arbeitsplatz.

Ich frag den Chef, wie viele Kunden dort täglich bekocht werden. Er sagt mir, etwa zwanzig bis dreißig. Das Gros würde aber Pizza bevorzugen. Ich frage mich, für was in aller Welt dann die Kühl- und Trockenlager da seien. Mit dieser Lagerfläche kann man täglich, locker, mehrere hundert Kunden versorgen. Ich bestehe darauf, die Lagerbestände sehen zu dürfen. Wir öffnen die Türen der Gefrier- und Kühlzellen. Das sieht nicht ao aus, als würden dort täglich, zwanzig Imbisse verkauft. Der Bevorratung nach zu urteilen, wäre es eher das Fünffache. Ich werde also wieder für blöd verkauft und stolz belogen. Ich frage den Chef, wann der Pizzaiolo kommt. „In dreißig Minuten.“

„Auf den würde ich gern etwas warten. Gibt es im Haus ein Cafe?“

„Ja. Unten ist ein Konditor, der auch ein Cafe mit betreibt.“

Ich rufe Joana. Sie will gleich mal Etwas einkaufen für uns. Kaffee will sie keinen mit trinken. Der Chef bestellt einen Kaffee und bezahlt den auch gleich dort. Für sich selbst hat er keinen bestellt. Er erzählt, den Job hätte eine Frau gemacht und die will sich verändern. Irgendwie kommt mir der Spruch bekannt vor. Das stinkt schon wieder gewaltig nach Lüge. In Südtirol werden Lügen, lächelnd geäußert. Es gibt kaum eine Veränderung der Farbe im Gesicht. Man lügt also gewohnheitsmäßig. Und das auch noch wie gedruckt.

Minderheiten und Bergvölker sind Weltmeister im Lügen und Heucheln.

Ich sage zu und will erst mal schauen, was da abläuft. Der Pizzaiolo hätte vertretungsweise die Arbeiter versorgt. Die wollen jetzt auch mal etwas Griffiges.

Wir machen aus, kommende Woche ab Montag.

Joana ist skeptisch und sagt: „Der lügt!“

„Mir ist das egal, wenn er bezahlt. Jeder Tag im Lohn, ist ein Tag mit etwas Gewinn.“

Ich habe schon lange keine Angst mehr vor Arbeitslosigkeit und sozialem Elend. Wir leben im sozialen Elend. Also, lügen wir mit und bescheißen auch, wo wir können. Immer schön im Rhythmus unserer Ausbeuter. Immerhin haben Proletarier die Pflicht, ihren Klassengegner zu schaden wo sie können. Umgedreht funktioniert das ja bestens. Die Gewissenlosen sind sich da einig.

Joana hat fertig eingekauft. Sie hat die preisgesenkten Restangebote von Lebkuchen und Weihnachtsgebäck geordert. Das gibt ein Fest. Stollen ist auch dabei. Der wirkt zwar etwas trocken, aber zu Hause kann ich den nochmal richtig bestreichen. Ich rufe in Schlanders an und sage, dass wir das heute nicht mehr schaffen mit der Vorstellung. Wir müssen in die Werkstatt.

Wir fahren zurück nach Hause. Zuerst widme ich mich dem Stollen. Ich spüle den Staubzucker ab und stelle den Stollen in unseren Minibackofen bei neunzig Grad mit Dampf. Dampf ist wichtig, damit der Stollen schön saftig wird. Auf die Induktionsplatte stelle ich ein Stück Südtiroler Butter in einer Stahlschüssel. Darin mache ich aus der vorzüglichen Butter, braune Butter. In einem Kuttervorsatz des Mixstabes zerkleinere ich Zucker zu Staubzucker. Das wird eine Mischung wie Wiener Zucker. Genau richtig für Stollen. Zum Bestreichen muss der Stollen warm sein. Und das ist er jetzt. Im warmen Stollen kommt die Butter genau dahin, wo sie hin soll. In’s Stolleninnere. Jetzt streue ich den Wiener Zucker auf und stelle den Stollen kalt. Morgen früh ist der fertig.

Joana hat ein Stück Schweineschopf gekauft. Sie hat Appetit auf Gyros. Pizza essen wir heute nicht. Die gibt es erst abends. Den Schopf schneide ich in ganz dünne Schnitzelchen. Die gebe ich in eine Schüssel und würde das mit etwas Öl und Gyrosgewürz. In Deutschland gibt es eine Firma, die stellt genau die richtige Mischung her. Und von der haben wir ein Kilo. Gyrosnot kann bei uns schon mal nicht ausbrechen. Die Schnitzelchen stecke ich jetzt auf einen Schaschlykspiess und lege sie in den Grill. Es duftet. In unseren Topfen rühre ich einen Becher Mascarpone, etwas Salz, Zucker und dazu etwas Knoblauchöl. Griechen würden jetzt dazu einen feinen Tomatenreis servieren. Wir haben uns das gespart. Etwas Brot reicht. Nach dem Essen stellen wir uns die Wecker für Nachmittag.

Pünktlich vier Uhr klingelt das Telefon. Das Auto ist fertig. Wir fahren hin. Markus sagt, sie rechen das mit der Versicherung des Unfallverursachers ab. Ich sage ihm, dass ich einen Vorschuss verlangt habe und ob er das mit verrechnen will.

„Du hast doch Schmerzen und Kosten!“

„Ja schon.“

„Naja. Das ist dann Dein Schmerzensgeld. Haste fein gemacht. Hat der das freiwillig bezahlt?“

„Naja. Nicht ganz. Ein Ortssheriff war da.“

„Gratulation! Freu Dich! Es sind zwar noch ein paar Kleinigkeiten. Die machen wir später, nach dem Winter.“

„Tschüß. Wir müssen los. Gesundes Neues Jahr, Allen!“

„Danke. Euch auch! Grüß Alfred von mir!“

‚Mein Gott! Die kennen sich auch‘, denk ich mir.

Unser Auto sieht zwar nicht neu aus, ist aber wieder in Ordnung. Immerhin steht mir jetzt das Pendeln von zu Hause nach Latsch und nach Nauders bevor. Da muss das Auto schon gehen.

Zu Hause legen wir uns wieder hin. Das viele Umherfahren macht müde. Der Tag war anstrengend.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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