Tag 52


Wir wecken zusammen auf. Heute fahre ich Joana auf Arbeit und fahre von dort zu meiner Arbeit. Der Arbeitsweg ist zwar etwas länger als von zu Hause, dafür arbeite ich aber wieder in Südtirol. Irgendwie fühle ich mich hier heimisch.

Joana packt uns viel Kaffee ein. Eigentlich ist das nicht notwendig. Bei Marlies kann ich immer noch Kaffee trinken. Ich sage Nichts dazu. Joana ist an solchen Tagen immer etwas nervös. Ich möchte sie nicht zusätzlich reizen.

Einen Vorteil für den längeren Weg erkenne ich trotzdem. Ich kann in Österreich tanken. Das hilft gewaltig Sparen. Ich hoffe, damit werden die Mehrkilometer abgegolten.

Wir fahren gegen vier Uhr los. Montags ist wie üblich, massenhaft Verkehr. Um diese Uhrzeit ist es erträglich. Wir kommen recht zügig voran. Nach Schlanders benötigen wir zwanzig Minuten. Nach Schluderns, dreißig. Nach Mals sind, außer ein paar kleinen Wehen, keine Behinderungen vorhanden. Wir kommen bei Alfred, halb Sechs an.

Marlies ist noch nicht da. Dursun schläft auch noch.

Auf unserem Zimmer trinken wir noch Kaffee zusammen und essen dazu Pfefferkuchen. Joana stellt mir den Wecker auf sieben Uhr, gibt mir einen Kuss und geht.

Sieben Uhr stehe ich auf, gehe ins Bad und anschließend zu Marlies. Ich hab zwar schon sechs Kaffee rein, aber Marlies bringt mir einen Extragroßen. Den trinke ich natürlich auch. Sie legt mir eine Plunderteigmaultasche mit hin. „Die ist mit Nougat gefüllt.“ Da kann ich nicht Nein sagen. Sicher kommt die vom hiesigen Bäcker. Der hat die Maultasche extra noch glasiert. Marlies wünscht mir viel Erfolg bei der neuen Anstellung.

„Ich habe wenig Vertrauen. Dafür ist die Stelle wenigstens in Südtirol.“

„Willst Du bissl Kaffee mitnehmen auf die Fahrt?“

„Die Thermoskanne hab ich Oben.“

„Ich hab ein paar da. Die bringst Du heute Abend wieder mit.“

Mit dem Kaffee und besten Wünschen mach ich mich auf den Weg. Montags bis ich etwas skeptisch des Betriebes wegen. Ich plane eine Stunde Fahrzeit ein.

Bis auf einen Stau in Schlanders, ist der Weg relativ frei. Die Stunde hat gereicht und ich bin etwas eher da.

Ich parke vor dem Haus. Im Inneren sehe ich einige Geschäfte. Ich sche das Schild mit dem Hinweis für das Restaurant. Eine Etage höher. Mitten im Raum geht eine Wendeltreppe aufwärts. Oben angekommen, sehe ich eine geteilte Theke und linker Hand einen Pizzaofen. Am Kaffeeservice auf der rechten Seite arbeiten zwei Frauen. Der Tresen ist voll belegt. Ich bestell einen Kaffee und frage, ob der Chef da ist. Ich wäre der neue Koch. Die junge Frau ruft an und bittet mich, etwas zu warten. Nach zehn Minuten kommt der Chef.

„Wo kann ich mich umziehen?“

„Hier im Gang. Wir haben keine Garderobe.“

Wie immer, wird am Wichtigsten gespart.

„Wie viele Essenteilnehmer kommen? Schätzungsweise! Das reicht mir.“

„Ich weiß nicht. Vielleicht zwanzig?“

Die haben ein Geschäft und wissen nicht, wie viel sie verkaufen. Das ist nicht der Einzige in der Branche.

„Wie viele waren denn gestern da?“

„Ich weiß nicht.“

„Ich muss mal die Kühlzelle sehen.“

Wir gehen zusammen in den Gang und in die erste Zelle. Da liegt frisches Gemüse. Vereinzelt etwas angegriffen.

„Wann ist hier Liefertag?“

„Ich ruf mal meine Frau an. Die sitzt im Büro.“

„Warum ist de Köchin nicht mehr da?“

„Die hatte es irgendwie satt. Es war ihr zu viel Arbeit.“

Das ist ja schon mal ein Anhaltspunkt. In der Fleischkühlzelle liegen zwei Stränge vom Schweinsrücken und zwei Putenbrüste. Ah. In einer Kiste finde ich noch fünf Päckchen Hühnerbrüste.

Ich werde heute Fried Chicken mit Kartoffelwedges machen. Die Wedges liegen in der Gefrierzelle nebenan. In der Gefrierzelle finde ich zu dem, massenhaft unbeschriftete, lose eingerollte Reste von irgendwelchen Fleischteilen.

Die Stücke sind von einhundert Gramm aufwärts bis rund zwei Kilo. Ein Casino ohne Vergleich. Ich schaff das nicht, das aufzuräumen. Wahrscheinlich muss ich jeden Tag, Etwas machen. Mal sehen.

In der Fritteuse das Fett ist pechschwarz. Ich wechsel das. Die Bain Marie ist keine Bain Marie, sondern ein recht großer Nudelkocher. Ich kann also kaum Etwas warm halten. Naja; ich hab den Dämpfer und einen Holdomat. Was mach ich jetzt?

ich bin fast ratlos.

„Wann kommen die Essenteilnehmer?“

„So gegen Elf fangen wir an.“

Ich hab keine Stunde mehr. Der Pizzaiolo kommt. Endlich ein kompetenter Mann. Der Chef quatscht mit ihm. Er hört nur halb zu, während er den Ofen startet. Der läuft mit Gas. Der Chef geht nach Unten und der Pizzaiolo grüßt mich. Er stellt sich gleich vor mit Rolfo.

„Ich bin Karl. Wie viele Gäste kommen hier zu Mittag?“

„So um die dreißig. Das sind Arbeiter von Nebenan und einige unserer Verkäufer.“

„Ich mache heute Fried Chicken. Wann kommt das Gros?“

„Die Arbeiter kommen alle zusammen. Das sind etwa zwanzig. Die kommen halb Eins. Die Anderen kommen einzeln, nach und nach.“

Viel Zeit ist nicht mehr. Ich schneide schnell ein paar Zitronenkeile.

„Bekommen die auch Salat?“

„Aber sicher!“

Die Blattsalate schneide ich zu Chiffonade. Karotten schäle ich und reibe sie. Es sind ein paar Bohnenkerne da und auch Rote Beete. Tomaten schneide ich in Viertel und Gurken lasse ich geschält in Scheiben durch. Das muss heute reichen. Auf die Ausgabe stelle ich zehn vorbereitet Salatteller. Rolfo hat mit seinem Teig zu tun. Er sieht mich schneiden und fragt, ob ich ihm Tomaten, Peperoni und Champignons mit schneide. Natürlich.

Etwa zehn Portionen Fried Chicken backe ich vor und gebe sie in den Dämpfer bei neunzig Grad. Das Gleiche mache ich mit den Wedges. Eine Salsa rosa verteile ich in kleine Einwegschalen. Ich muss das sicher auch abspülen. Der Chef hat nichts von einem Abspüler oder einer Küchenhilfe gesagt.

Die Arbeiter sind freundlich, grüßen und freuen sich über das Essen heute. Die Ausgabe geht relativ zügig. Ein paar kommen nur, um zu schauen. Viele holen sich eine Pizza von meinem Kollegen.

Rolfo fragt mich, ob ich eine probieren möchte. Ich sage ihm, dass ich die zum Feierabend mitnehme.

Das Geschirr, sämtliche Behälter und die Bestecke wasche ich in einer Maschine. Den Fußboden wische ich. Die kommenden Tage muss ich das anders organisieren.

Für morgen plane ich Champignonschnitzel. Ein Gemüse muss ich mir noch suchen. Rolfo spricht von Suppe und Kompott. Ich schätze, morgen muss ich etwas eher kommen. Das wird sich kaum ändern an den kommenden Tagen.

„Morgen machen wir die Bestellungen“, sagt Rolfo und verabschiedet sich. Wir sind schon fertig mit der Arbeit. Es ist um Zwei.

Ich nehme die Pizza, steige ins Auto und fahre nach Nauders. Die Straßen wirken wie entvölkert im Vergleich zu heute Morgen. Bis Goldrain fahre ich eine Nebenstraße. Auf der Laaser Höhe gab es einen Unfall. Die Polizei ist noch nicht da. Ich frage, ob ich helfen kann. „Wir haben schon Hilfe gerufen.“ Mich hält jetzt Nichts mehr auf. Bis nach Mals treffe ich wenig Verkehr. Die Heide hoch fährt wieder der Winterdienst.

Dursun sieht mich mit dem Pizzakarton. „Pizza heute?“ „Selbstgemacht“, lüge ich ihn an.

„Niemals“, hat er lächelnd geantwortet.

„Ich hab in Bozen schon mal ein paar Monate, Pizza gebacken. Die hier, habe ich aber nicht gemacht.“

„Joana ist Oben. Sie wartet.“

Joana hat Pfefferkuchen in der Hand und trinkt gerade Kaffee. Über die Pizza freut sie sich.

Wir unterhalten uns noch etwas über den Tag. Ich bin müde.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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