Tag 54


Tag 54

Heute weckt Joana mit mir auf. Es ist bereits sechs Uhr. Ich frage sie, was los ist.

„Ich habe heute frei.“

Joana könnte heute mit mir fahren. Ich frage sie, ob sie will. „Natürlich“, hat sie mir geantwortet. Sie möchte unbedingt meinen neuen Chef und meine Kollegen kennen lernen. Mir ist natürlich an ihrer Bewertung auch gelegen. Wir trinken also zusammen Kaffee und essen ein paar leckere Pfefferkuchen.

Bevor wir losfahren, gehen wir bei Marlies vorbei. Marlies schwimmt gerade. Ihre Gäste sind alle zusammen gekommen. Marco hilft ihr etwas. Er ist heute schon recht früh da. Als hätte er das gewusst. Marlies hat hausgemachte, Vinschger Marillenmarmelade mit gebracht. Die wird sich ganz sicher Dursun reinziehen. Der ist ein absoluter Marmeladenfan. Marco hat auch schon davon gekostet.

„Fortissimo“, stöhnt er, während er für Marlies die Kaffeekännchen füllt.“Wie können die Leute solchen Kaffee trinken?“, fragt er mich. Ich zucke nur mit den Schultern. „Die kennen keinen besseren.“ Marco lacht.

Wir verabschieden uns. Im Foyer steht Alfred in bester Kleidung. „Was ist los heute? Alle sind so zeitig da.“

„Heute kommt Radio Tirol zu uns. Die machen einen kleinen Bericht.“

„Da iss ja gut, dass wir gleich verschwinden.“

Alfred lacht und wünscht Joana einen schönen freien Tag.

Dursun steht vor dem Haus. Er hat etwas Schnee geschoben. In der Nacht gab es fünf Zentimeter. „Der kommt vom Norden“, sagt er. „Vom Norden kommt nicht Gutes.“

„Heute kommt das Radio. Zieh Dein schönes Schürzchen an heute.“

„Die haben doch keine Kamera mit.“

Wo er Recht hat. Er steht trotzdem vor der Tür. Vielleicht fällt ein kleines Trinkgeld ab. Wir verabschieden uns und gehen zum Auto. Das hat Dursun auch schon mit vom Schnee befreit. „Zufrieden?“, ruft er.

„Danke, Dursun“, ruft Joana zurück.

Am See entlang und durch die Malser Heide kommen wir relativ flüssig. Es gibt nur eine paar kleine Wehen, die wir dank der Reparatur locker durchfahren können.

Joana stöhnt trotzdem etwas. Sie befürchtet wieder Schäden. Ich bin mir auch sicher, Schäden durch die Wehen zu bekommen. Natürlich kleine. Mit einem neuen Auto würde ich das auch nicht tun.

In Schlanders ist schon wieder reger Arbeiterverkehr. Wir verlieren zwanzig Minuten. Darum fahren wir die Umgehung zwischen Vezzan und Latsch. Dort sparen wir uns die Wartezeiten an Bahnübergängen.

Am Kaufhaus sind wir pünktlich. Komisch. Jeden Morgen muss man im Vinschgau mit Verspätungen rechnen. Bei Arbeitswegen aus den Pässen auch. Es gab schon Arbeitgeber, die sagten zu mir, ich solle einfach eher losfahren. Bei vier Arbeitswegen in Betrieben, die geteilte Arbeitszeiten anbieten. Verarschen kann ich mich auch selbst. Zahlen tut mir die Zeit, Keiner.

Die Kollegen sind da und viele von ihnen stehen oben am Café. Wir brauchen keinen.

Joana geht mit in den Gang, in dem ich mich umziehe.

„Garderobe gibt es hier wohl keine?“

„Schon. Aber Unten.“

„Geh Dich in Zukunft lieber Unten umziehen. Deine Sachen riechen sonst nach Küche.“

Die feine Nase meiner Joana könnte ich echt als Spürhund einsetzen. Leider habe ich selten Etwas zu suchen.

Mein Chef kommt zur Kontrolle, ob ich schon da bin.

„Guten Morgen. Geht Alles gut?“

„Bis jetzt, ja. Haben Sie die Bain Maries bestellt?“

„Die kommen heute oder morgen.“

„Da ist ja Alles bestens.“

„Schmeißen Sie bitte kein Fleisch weg.“

Der Hinweis hat mir gerade noch gefehlt. Wahrscheinlich hat er bemerkt, dass ich am Vortag, Lammabschnitte wieder eingefroren habe. Mit Beschriftung. Die kann ich höchstens mal, gekuttert, in Lammbraten verarbeiten. Allgemein wird Lamm aber Rosa verzehrt in Südtirol. Keiner will das durchgebraten. Schöpsernes, wie es traditionell gegessen wird, will Keiner mehr. Ich müsste es mal als Suppe probieren. Das merke ich mir für Später.

Heute koche ich:

Salatteller

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Lasage al forno

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Gefüllte Truthahnbrust, Rosmarinkartoffel, Erbsengemüse

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Kirschjoghurt

Es kommen schon ein paar Kollegen und fragen mich, was es heute gibt.

Die Truthahnbrust fülle ich mit Knödelbrot, Rotwein, Ei, Rosinen und Rosmarin. Die pochiere ich im Ofen mit siebzig Grad. Für die Rosmarinkartoffeln nehme ich die Wedges aus der Gefrierzelle. Für das Ragout der Lasagne muss ich erst mal ein paar Fleischstücke auftauen. Das mach ich gleich bei den siebzig Grad mit. Auch die gefrorenen Teigplatten für die Lasagne lege ich gleich mit rein in den Dämpfer. Für die Bechamel koche ich ein dickes, gut gewürztes Gulli und strecke das nach dem Kochen mit Sahne. In den Naturjoghurt rühre ich gefrorene Kirschen und Zucker ein. Zu Mittag ist der fertig.

Joana geht inzwischen Etwas einkaufen. Ein freier Tag in Warteposition. Sie muss sechs Stunden auf mich warten. Es gibt wirklich schönere Beschäftigungen als dort auf mich zu warten. Inzwischen kommt Rolfo und ich stelle ihm Joana vor. Sie trinken einen Kaffee zusammen.

„Joana, willst Du nicht nach Hause fahren?“

„Ja. Ich fahre jetzt. Ich hol Dich dann ab.“

Die Essenausgabe geht recht flüssig. Ich habe heute um die dreißig Gäste. Lasagne musste ich eher Aus sagen. Einige meiner Gäste haben das als Hauptgericht verlangt. Das habe ich nicht berücksichtigt. Einige Gäste fragen nach Suppe. Ab morgen muss ich ihnen eine Suppe mit anbieten.

Rolfo fragt mich, ob ich Pizza haben möchte. Ich frage ihn, ob er mir zwei macht. „Joana hat heute frei und wir sind zu Hause.“

„Natürlich. Schönen Feierabend.“

Er sagt das mit einem verschmitzten Lächeln. Wohl in der Anspielung auf meine schöne Joana.

„Deine Frau ist wunderschön. Die passt gar nicht zu Dir.“

„Aber zu Dir?“

„Meine Frau kommt morgen einkaufen.“

Jetzt gehen wir schon die Frauen vergleichen. Was ist das für eine Welt?

Joana kommt pünktlich.

„Bist Du schon fertig?“

„Nein. Wir müssen noch die Bestellungen aufgeben.“

Rolfo steht mit dem Zettel. Ich diktiere ihm meinen Bedarf. Der Chef kommt und holt den Zettel ab. Nebenbei stellt er mir die Chefin vor. Sie faxt die Bestellungen heute noch weg.

Wir verabschieden uns. Ich sage ihnen, dass ich morgen früh raus muss.

Rolfo gibt mir die zwei Pizza mit. „Personalessen“, sagt er zum Chef. Der Chef nickt und verabschiedet sich.

Bei unserer Heimfahrt müssen wir einen kleinen Umweg durch Naturns fahren. Der Tunnel ist gesperrt. Ein Unfall. In Naturns ist demzufolge auch ein zäher Stau. Wir verlieren eine Stunde.

Zu Hause schauen wir uns einen Film an und essen dabei unsere Pizza. Und schon sind wir wieder müde.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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