Tag 60


Tag 60

Wir stehen zusammen auf. Ich setze uns einen Kaffee an, während Joana im Bad ist. Joana weiß schon Bescheid. Ich hab es ihr erzählt. Sie ist nicht überrascht deswegen. „Das war meine Vermutung“, sagt sie ganz trocken. „Hast Du andere Bewerbungen zu laufen?“

„Genug. So, um die zehn.“

Wir gehen nach dem Kaffee zusammen runter zu Marlies. Geld sparen und bei Marlies frühstücken. Dursun und Alfred stehen bei Marlies. Alfred fragt, warum ich gestern so ins Haus geschlichen bin.

„Ich bin schon wieder arbeitslos.“

„Joana hatte es mir schon angedeutet. Mein Beileid.“

Eigentlich müsste ich jetzt aufs Arbeitsamt und mich arbeitslos melden. Im Grunde ist der Aufwand höher als der Nutzen. Ich rufe auf dem Arbeitsamt an. Ein paar Sachbearbeiter kenne ich schon persönlich. Ich bin schon fast Stammgast dort als Saisonkraft. Zu den Saisonenden steht man dort stundenlang für die Abmeldung. Eigentlich erwarte ich, dass wir das irgendwann einmal per Email machen können. Der einkunftsfreie Arbeitslose muss nicht unbedingt noch mit touristischen Bus- und Bahnpreisen schikaniert werden. Dazu wäre jetzt eine günstige Gelegenheit, sich von einem Arzt anständig untersuchen zu lassen. Oder gar, an einem Sprachkurs teilzunehmen. Leider kostet das Geld, das wir nicht haben. Schade.

So müssen wir leider immer wieder auf die Bildung zurückgreifen, die wir in der DDR oder in unseren sozialistischen Bruderländern, kostenlos erhielten.

Die Ausbildung wird ja nur für die Arbeit benötigt, von der wir leben, nicht unsere Arbeitgeber.

„Was ist den in unserer Nähe? Gibt es da keine Arbeit?“

„Eigentlich wollte ich zurück nach Südtirol. Die langen Arbeitswege sind mir irgendwie zu teuer.“

„Ich kann mal schauen, ob einer meiner Kollegen einen Platz hat“, bietet mir Alfred an.

„Schön wär‘s. Danke Alfred.“

Marlies geht in den Kühlschrank und holt eine luftgetrocknete Blutwurst.

„Das ist ja eine Rarität!“, rufe ich. „Die letzte luftgetrocknete Blutwurst habe ich vor dreißig Jahren bekommen. Bei meinem Onkel.“

„Wir machen die nicht mehr all zu oft. Die will Keiner.“

„Für mich kannst Du die immer machen. Soll ich sie bei Dir bestellen?

„Du bist zu arm dafür“, antwortet mir Marlies.

„Mir reicht es, wenn Ihr sie macht. Trocknen kann ich mir die selbst.“

„Probier die erst mal.“

Marlies holt mir eine frische Semmel. Sie schneidet ein paar Scheiben von der Blutwurst ab und will sie in die Semmel legen.

„Mach bitte reichlich Butter unten drunter.“

„Keinen Senf?“

„Ja nicht! Schon gar nicht den blöden Estragonsenf von Euch.“

„Schmeckt der Dir nicht?“

„Das ist Müll. In Italien gibt es einen Senf, der ist wirklich Natursenf. Wenn ich einen anderen Geschmack möchte, kann ich mir diesen Senf selbst abschmecken. Ich gebe zum Beispiel Honig rein, Andere, Tomaten- oder Peperonipaste.“

„Und das schmeckt?“

„Probier das mal. Du wirst staunen.“

Die Blutwurst schmeckt spitze. Sie ist fast so gut abgeschmeckt wie die zu Hause.

„Habt Ihr einen sächsischen Knecht?“

„Bei uns sind das Gesellen, keine Knechte.“

„Ja. Aber, bescheißen tut Ihr sie auch. Oder?“

„Bei uns hat der Geselle freie Kost, Logis und zwölfhundert Euro netto.“

„Das ist eigentlich ein guter Lohn.“

„Normal machen das die Kinder der Bauern, wenn sie später den Hof übernehmen wollen.“

„Mein Vater war auch Geselle bei seinen Eltern, also, bei meinen Großeltern. Ich schätze, die Bezeichnung ist eine Bauerntradition.“

„Im Handwerk ist das auch so“, sagt Alfred.

„Unser Geselle ist Thüringer. Du hast Recht mit der Wurst. Er macht sie bei uns.“

„Als hätte ich es geahnt.“

Alfred gibt mir ein Kompliment für meinen Geschmack.

„Weißt Du auch, woher Italiener sind, wenn Du deren Tomatensauce isst?“

„Nicht ganz. Aber, ich bin mir fast sicher, meine italienischen Landsleute ahnen das beim Essen.“

Mein Handy klingelt. Ich entschuldige mich bei meinen Gesprächspartnern und gehe vor das Haus. Dort stehen gerade paar Deutsche aus dem Westen, so, wie die angezogen sind. Ich nehme an, melde mich mit meinem Namen und entferne mich etwas weiter. Die Deutschen spitzen mir ihre Ohren zu sehr. Sie haben blitzartig aufgehört, miteinander zu reden. Ein schreckliches Volk.

Zuerst verstehe ich nur die Hälfte. Mein Anrufer ist ein Südtiroler. Ich frage zwei Mal nach, wer er ist und wie er heißt. Er stellte sich nicht mit seinem Namen vor. Das hat wahrscheinlich Tradition in Italien. Niemand meldet sich mit seinem Namen dort. Er ruft aus der Mensa an, bei der ich mich beworben habe. Ich solle mal kommen und mir einen Tagesablauf anschauen und eventuell etwas mithelfen. Allgemein schlage ich das bei meinen Bewerbungen vor. In den Betrieben, die mich interessieren, möchte ich sehen, wie sie dort arbeiten, Teller anrichten und wie groß die Portionen sind. Ich finde das ungeheuer wichtig, um anfängliche Missverständnisse und Streit zu vermeiden. In Küchen wird allgemein sehr stark gemobbt. Neue Kollegen werden mit hundert Augen beobachtet und bewertet.

Zuerst suche ich Joana im Haus. Sie ist noch in den Zimmern. Die Zimmer sehen aus wie verwüstete Schlachtfelder. Ich frag mich, wie sich Menschen in so einem Müllberg wohl fühlen können. Wenn Joana nicht lüften würde, käme ich allein bei dem Gestank schon an die Kotzgrenze. Joana sagt zu mir: „Schau mal ins Bad.“

Wir sollten, statt das Bad zu fließen, einen Blecheimer in den Wald stellen. Die Tanten schmeißen immer wieder ihre Hoseneinlagen und Binden in die Toilette. Dursun ist schon unterwegs. Generell würde ich vor der Abreise das Bad und die Toilette kontrollieren. Bei Verstopfungen, käme bei mir eine fünfhundert Euro – Rechnung dazu an der Rezeption.

Ich erzähle Joana von meinem Vorstellungsgespräch.

Nach dem Abschied setze ich mich in Bewegung. In Schöneben ist reichlich Betrieb. Auch auf dem See.

Auf den Parkplätzen stehen reichlich Busse. Die Busfahrer stehen teilweise rauchend vor den örtlichen Cafe‘s. In Richtung Mals ist Alles geräumt. Ich komme recht flott voran. Den üblichen Stau gibt es heute nicht. Ich bin dafür zu spät unterwegs. Die Einzigen, die ich treffe, sind Lieferanten. In Schlanders ist schon der Einkaufsverkehr unterwegs. Angekommen in Vezzan, muss ich mir erst mal einen Parkplatz suchen. Alle besetzt. Ich fahre direkt in das Gelände. Dort ist ein Platz direkt am Haus frei. Da stehen zwei Leute und rauchen. „Der Parkplatz ist besetzt“, sagt mir Einer von den Beiden. „Ich bin nicht lange da.“

„Uns geht das Nichts an.“

Ich suche den Eingang zur Mensa. Die Tür steht offen. In der Küche steht ein Kollege, der mich freundlich begrüßt. „Bist Du Karl?“

„Ja.“

„Wir kochen hier für einhundertzwanzig Gäste. An manchen Tagen sind es einhundertachtzig.“

„Von wann bis wann geht die Ausgabe?“

„Mittags von Elf bis Eins. Frühstück von halb Sieben bis Neun.“

„Oh, ganztags.“

„Aber sicher. Nach der Essenausgabe musst Du noch putzen und abrechnen.“

„Bin ich allein?“

„Zur Ausgabe kommt eine Kassiererin, die Dir etwas hilft.“

„Zeig mir mal die Menüs, die zu kochen sind.“

„Du hast früh belegte Brote, vielleicht etwas Kuchen und eine süße oder herzhafte Suppe. Mittags sind Salatteller

Suppe

Vorspeise

Hauptgang und

Dessert fällig.

Die Küche ist gut eingerichtet und damit dürften die Speisen kein Problem sein. Vorausgesetzt, die Technik geht auch. Sie geht. Alois, der Koch, stellt sich vor und ich mich auch.

„Was habe ich hier zu tun?“

„Ich soll Dich testen.“

„Soll ich Dich vertreten?“

Keine Antwort. Okay. Mach mer uns ans Werk.

Heute gibt es:

Salatteller

Brühe mit Ei

Pasta Napoli

Hühnchenkeule, Pilaw, Mischgemüse

Vanillepudding

Vom Frühstück liegen noch ein paar belegte Semmeln da und etwas Kuchen. Das präsentiert Alois extra als Geschenk.

Die Salate macht in aller Regel, Luise, die Kassiererin.

„Du kannst mir mal die Pasta kochen. Der Pastakocher läuft bereits. Die Tomatensauce ist schon fertig.“

Allgemein wird Pasta in diesem Umfang vorgekocht. Die Spaghetti koche ich also so weit, dass ich sie in sehr kurzer Zeit, aufwärmen kann. Zu Hause wird Pasta al dente gegessen. Bei den Arbeitern, die bei uns essen, sind viele Italiener dabei. Die essen die Pasta etwas fester als unsere Einheimischen. Das ist das Rätsel dieser Ausgabe, sofern Keiner sagt, wer ein Italiener ist. Meine neuen Kollegen kennen ihre Kunden. Da habe ich Nichts zu befürchten. Mein Kollege ermahnte mich, die Pasta rechtzeitig abzukühlen. Ich mache einen Test und sage: „Einen Moment noch.“

„Die sind zu weich!“, ruft Alois.

Ich bezweifle das. Ich habe schon für unsere Landsleute in den Skibetrieben gekocht und kenne deren Pastagewohnheiten genau. Das sage ich Alois zur Beruhigung. Er gibt Ruhe. Pasta wird hier nicht abgeschreckt. Sie wird aber geölt und dann umgerührt.

Man legt sie breit, damit sie schnell abkühlt. In der Küche ist genug freier Platz dafür.

Die Ausgabe läuft reibungslos. Die Gäste fragen Alois, ob ich der Neue bin. Viele stellen sich persönlich vor und Einige sagen, wo sie arbeiten. Sie sind allesamt, freundliche, liebevolle Kollegen. Es gibt nicht einen einzigen Stänker dabei. Im Vergleich zu einem Touristenhotel, ist das direkt ein Erholungsort.

Alois gesteht: „Die Pasta war richtig.“

Hätte ich sie raus genommen, als Alois das wollte, müsste ich sie länger erwärmen; sozusagen, nachkochen.

Alois zeigt mir noch die Abrechnung. Das kann mitunter extrem zeitaufwendig sein. Es gibt verschiedene Abrechnungsarten. Barzahler, Essenmarken mit unterschiedlichen Abrechnungsmodalitäten und Essenmarken des Eigenverkaufs. Das muss sortiert und gezählt werden. Anfangs wird das meine Arbeitszeit weit überschreiten. Überstunden werden sicher nicht vergütet. Nennen wir das Lehrgeld.

Louise und Alois verabschieden mich und wünschen mir eine angenehme Fahrt. Wir verabreden uns auf morgen Früh, sechs Uhr. Ich soll eine Schicht komplett kochen und ausgeben. Mich freut das.

Irgendwie bin ich ganz aufgeregt in Vorfreude, das Joana mitteilen zu können. Die Fahrt auf den Reschen vergeht wie im Flug. Ich habe nie gedacht, dass ich mich als Meisterkoch fühlen darf wie ein Lehrling im Ersten Lehrjahr. Dank Südtirol darf ich das. Leider werde ich nicht jünger dabei.

Joana fragt mich, wie es war. Alfred steht auch mit da und spitzt die Ohren. Ich erzähle ihr es. „Das ist ja die Arbeit, die Du gelernt hast!“, freut sich Joana.

Tatsächlich habe ich in zig verschiedenen Betriebsküchen und auch in Mensen gearbeitet. Als Chefkoch und auch als Partiekoch. Ich könnte es den Leuten praktisch lernen. Das wollen sie leider nicht.

Ich bin eben nicht von hier.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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