Tag 62


Tag 62

Joana weckt mich schon, bevor das Telefon klingelt. Es ist um Drei. Wer um diese Zeit aufsteht braucht sicher eine Stunde, um halbwegs normal zu sein. Ich kann sofort den Beruf Bäcker verstehen. Meine Knochen sind noch steif wie ein Brett. Großartig essen muss ich nicht. Kaffee ist wichtig. Die Maschine läuft, während ich im Bad bin. Eine Tasse trinke ich hier und den Rest nehme ich mit.

Auf der Fahrt treffe ich Keinen. In knapp vierzig Minuten bin ich schon in Schlanders. Am Tor sagt mir ein Wärter, ich soll mein Auto Draußen parken. Der Parkplatz steht voll. Ich muss Etwas suchen. Dabei rauche ich schnell noch Eine. ‚Acht Stunden ohne Tabak…‘, denk ich mir. Ich sage dem Pförtner, dass ich in die Küche muss und der neue Koch bin. Er zeigt mir den Weg, den ich gehen soll. Das ist ein Extraaufgang. „Die Garderobe ist Oben.“

„Danke.“

„Die Semmeln sind vor dem Aufgang.“

Ich schau hin. Dort stehen zwei Riesensäcke aus Papier. Dafür muss ich sicher zwei Mal gehen. Mein Gepäck und die Semmeln sind zu Viel zum Tragen.

„Dort ist ein Fahrstuhl“, ruft mir der Wachmann leise hinterher und zeigt auf die damit markierte Tür. Jetzt brauche ich wenigstens die Semmeln nicht per Hand hochschleppen.

Die Küche ist, bis auf ein Notlicht, stockdunkel. Ich suche die Schalttafel, die mir der Kollege am Tag vorher zeigte. Ein Hauptschalter ist zu betätigen. Die Küche riecht nicht besonders gut. Es riecht nach altem Fett. Der Kollege hat an seine Anschlagtafel das Menü von Heute geschrieben. Das erspart mir damit langes Suchen. Im Küchenbüro hat er zudem die Menüs für die gesamte Woche geschrieben. Ich muss dann Alois anrufen, ob dafür schon die Bestellungen abgegeben wurden.

Zuerst setze ich einen Topf für die Brühe auf und fülle den Pastakocher. Die Küche läuft auf Gas und ich fummele fast zwanzig Minuten mit Papierstreifen und Holzstäbchen, die Zündflammen an zu bekommen. Eine fürchterliche Erfindung. Zwischendurch hatte ich Zweifel, ob ich den Haupthahn, statt auf, zu gestellt habe. Mit den angeblichen Sicherheitsstandarts hat man Profiküchen, unbrauchbar gemacht. Die Bain Maries laufen auch auf Gas. Ekelhaft. Ich schalte die Lüftung ab. Jetzt springen die Zündflammen an. Eine halbe Stunde ist weg. Im Westen hat man einfach keine Ahnung davon, funktionierende Profiküchen zu bauen. Wenn ich an unsere Ascoblock und Nagema denke, kommen mir bei Anblick dieser Schrotthaufen die Tränen. In der ersten Stunde macht sich schon eine Art Verzweiflung breit. Zunehmend erklärt sich mir die Kündigung meines Kollegen. Ich stelle mir gerade vor, wie ich das den Beamten des Arbeitsamtes erklären soll, dass es einfach unmöglich ist, auf diesem Schrottplatz zu arbeiten, ohne einen Gesundheitsschaden ab zu bekommen. Mir scheint, dass das auch der Grund dafür ist, warum die Küchen verpachtet werden. Selbst möchte man sich offensichtlich nicht blamieren vor seinen Angestellten.

Der Migrant soll also wieder Mal den Prellbock spielen für ein schlampiges Managment. Ich bin mir fast sicher, dass, wenn die Küche neu gebaut ist, es kein Migrant schafft, dort einen Arbeitsplatz zu bekommen.

Nachdem ich die Technik an bekommen habe, geht es ans Belegen der Semmeln. Im Kühlfach unter der Aufschnittmaschine liegt mein Aufschnitt für das Frühstück. Mit dem Käse, sind es drei Sorten. Auf einen Zettel hat mir der Kollege beschrieben, wie ich die Semmeln belegen soll. Auf einer Waage mach ich die Probe. Die Brötchen werden dicht belegt. Arbeitslose bekämen Tränen in den Augen bei dem Anblick. Immerhin müsste ein Kunde im Geschäft, knappe drei Euro für einen Semmelbelag zahlen. Bei zwei Semmeln macht das sechs Euro. Im Monat, einhundertzwanzig, was der Arbeiter zu Hause spart. Beim Belegen der Brötchen komme ich etwas in Verzug. Irgendwie muss mir jetzt Etwas einfallen. Sonst stehe ich da und meine Semmeln sind nicht fertig. Zuerst rühre ich mal die Fertigsuppe in das kochende Wasser. Dann befülle ich die Bain Maries mit frischen Frankfurtern, Meranern, der Suppe und zwei Behälter mit Reservewasser. Die Frühstückseier koche ich gleich in der Verpackung. Die Bratplatte ist noch einzuschalten für Spiegelei und Leberkäse. Das Rührei hat mir der Kollege schon aufgeschlagen und ins Kühlhaus gestellt. Ich werde das in den kommenden Tagen durch Flüssigei ersetzen müssen. Immerhin spare ich mir damit eine halbe Stunde, die ich allein für das Eier aufschlagen benötigen würde. Jetzt kann ich zu den Semmeln zurück. Ich schneide jetzt eine ganze Portion in die Hand und verteile das nach dem Auflegen auf die Semmel etwas. Das funktioniert. Ich brauche nur noch die halbe Zeit.

Den Leberkäse schneide ich zuletzt. Jetzt habe ich wirklich noch fünfzehn Minuten bis zur Öffnung. Zigarettenpause. Wo rauche ich jetzt meine Zigarette? Auf der Toilette? Oben, auf dem Feuerleitereingang zur Küche? Ja. Genau dahin gehe ich jetzt, um eine zu rauchen..oder zwei.

Fortsetzung folgt

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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