Tag 64


Tag 64

(samstag)

Joana ist schon weg, als ich aufwache. Sie hat sich leise weggeschlichen. Eigentlich mag ich das nicht. Treu der Erziehung in der DDR, ist es eigentlich normal für ein Ehepaar, dass Beide zusammen aufstehen. Wohl in dem Wissen der Lästigkeit im Zuge diverser Aufenthalte im Bad nebst ihren Unterschieden. Eigentlich wollte ich mit Joana das weitere Vorgehen besprechen. Sie hat sich dieser Diskussion entzogen.

Heute ist Samstag und samstags werden die offenen Stellen angezeigt in Südtirol. Im Netz stehen zwar nicht alle Stellen, aber nachschauen lohnt sich in der Not. Allgemein bewerbe ich mich landesweit bei allen Stellen die meiner Qualifizierung entsprechen. Am liebsten ist mir jedoch die Arbeit als Alleinkoch. In sozialistischen Betrieben war es ein Genuss, seinen Kollegen die Arbeit zu verteilen. Bei Fehlanweisungen gab es sofort Kritik und so konnten Spannungen vermieden werden. In diesem System jedoch, ist das fast ausgeschlossen. Der Chefkoch ist derjenige, der die Kritik sowohl von den Gästen als auch von der Geschäftsführung kassiert. Und das wohl in der Kenntnis der mangelhaften oder fehlenden Ausbildung seiner Kollegen. Man schiebt das gern auf eine Kontrollpflicht seitens des Chefkochs gegenüber einen untergebenen Kollegen. Für Küchen ist das aber das falsche System. Küchen funktionieren anders. Der Chefkoch sollte eigentlich dafür sorgen, dass bei ihm im Team, die Posten entsprechend der Leistungen und des fachlichen Könnens verteilt werden. Im Idealfall braucht es dafür keine Kontrolle. Köche verfügen über einen hohen Grad an Eigenkontrolle. Die Eigenkontrolle wird auch im gesamten Kollektiv gepflegt. Sie lernen das. Köche sind auch von sich aus, äußerst kreativ. Mit überflüssigen Befehlen und übertriebener Kontrolle wird genau diese Kreativität vernichtet. Die Kunst besteht jetzt darin, genau diese Kreativität zu steuern. Das positive Ergebnis nennt sich dann Kochkunst. In einem Ausbeutersystem mit endlosen Arbeitstagen wird die Kreativität natürlich schwer beeinträchtigt. Ich finde, dass wir in der DDR besser gekocht haben als hierzulande. Nicht nur kreativer, sondern auch geschmacklich und fachlich besser. Und das kommt ausgerechnet aus dem Mund eines Koches, der sich in Südtirol und den Alpenländern recht wohl fühlt. Allgemein findet das Wohlgefühl nicht so sehr die Ursache bei meinen Südtiroler Gastgebern. Die Ursache ist eher bei den Kollegen aus aller Herren Länder zu suchen.

Nach dem Studium der Anzeigen, komme ich auf nahezu dreißig Bewerbungen. Ich bewerbe mich überall und überlasse es meinen zukünftigen Arbeitgebern, einzuschätzen, ob sie mich nehmen. Migranten haben nicht das Glück, auf ein Familienvermögen zurückgreifen zu können. Wir müssen Alles nehmen, was sich anbietet. In der Situation ist es besser, so lange wie möglich durchzuhalten auf der neuen Stelle. Leider stehen dem Anliegen, ziemlich oft, absolute Rindviecher im Weg. Das kann Unsereins leider erst nach einem persönlichen Gespräch feststellen. Und auch da warten ziemlich oft verhängnisvolle Fallen. Entweder stehen nicht die wirklich Verantwortlichen vor Einem oder die Betreffenden haben einen so hohen Kreidekonsum wie der Wolf von den Sieben Geißlein.

Kaum sind die Bewerbungen weg, klingelt schon das Telefon. Jetzt klingelt auch wieder meine Kasse bei unserem Telefonanbieter wegen des Roamings. Ich muss also wieder Geld mitbringen, um eine Arbeit zu bekommen. Arme Schweine haben da keine Chance.

Ich gehe ran ans Telefon und werde nach Burgeis eingeladen zur Vorstellung. Na gut. Das ist gleich um die Ecke, denke ich mir. Das nehme ich also mal mit. Ich suche als Erstes den Standort des Hotels. Auf der Karte im Computer sieht das recht freundlich aus. Wir verabreden uns auf Sonntag. Für die Nähe muss ich keine Route extra zusammenstellen. Irgendwie regt sich in mir eine Art Vorfreude. Ich schaue schnell nach, welches Hotel das ist. Es riecht nach Sternen. Die Vorfreude dämpft sich etwas. Das Überdrehte der Besitzer von Vier Sterne – Betrieben ist mir mittlerweile schon fast lästig. Ich kann mit diesen Leuten kaum reden. Sie sind größtenteils alle irgendwie abgehoben oder nicht mehr von dieser Erde. Zum Einen, wollen sie einen fachlich sehr gut ausgebildeten Kollegen und zum Anderen, kommen sie mit der einfachen Beschreibung eines fortschrittlichen Garverfahrens nicht zurecht. Die stellen sich fast so an, wie ich mich mit einer Programmierbeschreibung. Und das wollen Gastronomen sein. Ich muss innerlich lachen. Dort erwarte ich nichts Besonderes.

Laufe des Vormittags treffen reichlich Emails ein, die ich beantworte und zu einer Bewerbungsroute zusammen stelle. Ich muss mir Notizen machen und für jede Vorstellung samt Anreise, eine Stunde einplanen.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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