Tag 65


Tag 65

Joana lässt mich wieder von allein aufwecken. Ohne Wecker. Wir haben nur einen Vorstellungstermin am Vormittag ausgemacht. Ich sehe keinen Zwang, da unbedingt um Acht anzureisen.

Zuerst gehe ich runter zu Marlies. Marlies lässt mir schon den Kaffee raus, ohne dass ich fragen musste. Sie schaut mich fragend an. Ich soll ihr bestimmt erzählen, wie es weiter geht mit meiner Arbeit. Also erzähle ich ihr es.

Den Betrieb, bei dem ich ich heute vorstelle, kennt sie. Persönlich. Das ist schon mal eine gewaltige Hilfe. Ich kann sie ausfragen. Sie gibt mir brauchbare Informationen. Vor allem über die Betriebsführung. Ich erwarte also nichts in meinem Spektrum. Grundsätzlich meide ich Schicki-Micki. In meinen Augen ist das Aufschneiden mit Dingen, die man nicht hat aber vorgibt, zu haben. In der Gastronomie ist das eine Methode, mit übertriebener Garnitur zu versuchen, billigen oder künstlich überteuerten, Importierten Kram an den Mann zu bringen. In meinen Augen ist das keine Küche. Wo man versucht, ein Essen wie eine leblose Skulptur anzurichten, achtet man den Rohstoff und seinen besonderen Charakter nicht.

Ich bin ein Anhänger der natürlichen Darstellung eines Lebensmittels. Also, das ganze Gegenteil von den Schnitzereien und Formen.

Ich verabschiede mich von Marlies. Sie wünscht mir Glück. Ich frage mich warum.

Die Anfahrt nach Burgeis in den Ort ist schon ein kleines Abenteuer. Wegen dem Gegenverkehr und der sehr schmalen Straße. Ich bereue, nicht den leichteren Weg genommen zu haben. Ich komme an einem sehr schönen Kloster vorbei. Das Marienberg war ein Männerkloster. Irgendwie muss ich bei dem Gedanken daran lachen. Ein Männerhaus in Südtirol. Leider ist das geschlossen. Das bräuchte es heute dringend. Naja. Dafür hat Südtirol wenigstens genug Kneipen.

Ab hier wird die Auffahrt zum Glücksspiel. Geräumt ist relativ gut. Aber es rutscht gewaltig. Bei etwas Gegenverkehr kann ich schon in Bedrängnis kommen.

Am Hotel angekommen, suche ich erst mal den Eingang. Eine Rezeptionistin empfängt mich mit der typisch – Südtiroler aufgesetzten Freundlichkeit. Ich komme mir im Trainingsanzug ziemlich fehl am Platz vor. Wobei ich eigentlich nur Leuten in protziger Skikleidung begegne. Die Rezeptionistin hat schon den Hausmann los geschickt, um Bescheid zu geben, dass ich da bin. Und schau. Kaum bin ich in einer Art Vorzimmer, kommt mir der Chef des Hauses entgegen. Freundlich, sehr freundlich und einladend. Er fragt mich gleich, ob ich Etwas trinken möchte.

„Einen Verlängerten oder Capuccino hätte ich gern. Es darf auch ein Filterkaffee vom Frühstück sein.“ Am liebsten teste ich den Frühstückskaffee, um zu überprüfen, ob die Bewerter des Hotels lügen. Zumindest kann ich so deren Geschmack und ihre Aussagen über Geschmack beurteilen. In den meisten Fällen bekomme ich die Geschmacksmuster der Beurteiler bestätigt. Wer keinen Wert auf ein ausgezeichnetes Getränk legt, nimmt es sicher mit dem Essen nicht so genau.

Der junge Chef gibt mir tatsächlich einen Frühstückskaffee, den mir eine einheimische Kellnerin bringt. Wenn sie den Kaffee gefiltert hat, kann ich mir gut den Hausstand vorstellen. Der Frühstückskaffee ist grässlich. Ich überlege, ob die junge Frau nicht die Teekanne oder den Hauskaffee erwischt hat. Für Tee ist es jedenfalls, braun genug. Ich muss an einen Gaststättenwitz denken, in dem ein Ober vom Gast gefragt wird, was er gerade gebracht hat.

Der junge Chef sucht einen Chefkoch. Ich schätze, er möchte sich eher um die geschäftlichen Dinge kümmern oder zumindest, genug Zeit dafür haben. Das Anliegen ist angesichts der Hotelgröße angebracht. Trotzdem befürchte ich dabei schwere Reibereien. Und genau die möchte ich in meinem Alter nicht mehr haben. Ich frage den Chef, ob er mir Karten, Menüs und Tagesangebote zeigen kann. Er hat das geahnt. All die geforderten Sachen hat er unterm Arm. Wir schauen uns das an; auch Fotos. Das gefällt mir. Ein Küchenchef zeigt mit Fotos, wie er gern die Teller und Platten angerichtet hätte. Das ist keine Vorgabe, die ich getreu umsetzen soll. Das ist nur die Art des Anrichtens, die er mir zeigen möchte.

Ich erzähle ihm von meiner Einstellung und von meiner Schule. Als Kollege begreift er sofort, dass das nicht mein Weg ist. Aber er kämpft. Er lobt mich wegen meiner Erfahrung und fragt, ob ich es nicht versuchen möchte. Im Betrieb sind ausreichend Kollegen. Ich müsste körperlich nicht leiden und könnte den übertriebenen Garniturkram an meine Kollegen delegieren. Sein Lohnangebot ist verlockend. Jetzt stünde nur die Frage des Arbeitsweges, des geteilten Tages und des Personalzimmers. So lange Joana in der Nähe ist, wäre das ja erträglich. Der Dienst von Acht bis Zwei und von Fünf bis Zehn, wäre praktisch ein Vierzehn-Stunden-Dienst. Dazu müsste ich die Hin- und Heimfahrt rechnen. Im Vinschgau. Unter einer Stunde pro Weg, wäre da Nichts möglich. Vielleicht ginge mit dem Motorrad. Jede Stelle erfordert auch etwas langfristige Planungen. Im günstigsten Fall, wäre ich also sechzehn Stunden pro Tag in Sechs-Tage-Woche unterwegs. Ich muss jetzt wirklich abwägen, was mir mein Leben wert ist.

„Ich muss mir das mit meiner Frau zusammen überlegen.“

„Was ist Deine Frau von Beruf?“

„Zimmermädchen.“

„Zimmermädchen brauchen wir schon auch.“

Das ist eigentlich ein faires Angebot, was uns zumindest den täglichen Arbeitsweg ersparen würde.

Bleibt eigentlich nur die Art der Küche. Also, eine Arbeit ohne Spaß in einem Haus, in dem jedes Familienmitglied mein Chef ist.

Jetzt frage ich den Chef, wann er denn die Einstellung vorsieht.

„Im Frühjahr.“

Sprich, nicht jetzt.

Ich unterrichte ihn von meinen anderen Bewerbungen. Das schien ihm egal. Er überlässt mir die Entscheidung. Wir verabschieden uns.

Ich gehe zum Auto und versuche, vom Parkplatz zu kommen. Das versuchen auch einige andere Fahrer. Davon sind reichlich Italiener. Es braucht etwa zwanzig Minuten, ehe ich wegkomme. Ich lass mir absichtlich auch Zeit in der Befürchtung, am Berg auf Probleme zu stoßen.

Die Heimfahrt in Richtung Nauders läuft ohne Behinderungen trotz reichlich Verkehr. Irgendwie scheinen jetzt die besseren Autofahrer unterwegs zu sein.

Dursun steht vor dem Hotel. Er lacht als er mich sieht.

„Haste Oarbeit?“

Das ganze Haus scheint Bescheid zu wissen. Mich freut, Hauptthema bei den Personalgesprächen zu sein. Ich bin gerade pünktlich zum Personalessen.

Reka, die sehr schöne Rezeptionistin, begrüßt mich, als wolle sie mich heiraten. Ausgeruhte Männer sind wahrscheinlich gefragt heute. Das überlasse ich aber Marco. Der ist dafür zuständig.

Marco hat ein feines Streifenfĺeisch gekocht. Nur das Beste. Ich sehe ein paar Steinpilze drinnen.

Wir reden glaub ich, fast ausschließlich von meiner Bewerbung. Die Kollegen horchen mich aus. Das ist, an sich, recht nützlich in unserem Beruf. Auf die Art erfahren die Kollegen untereinander, welche Betriebe empfehlenswert sind und welche nicht.

Marco hat mir noch ein Stück von dem Schokokuchen aufgehoben. Wir sagen Schokokuchen. In Österreich nennt der sich Sacher. Richtig gebacken und feucht gehalten, ein Hochgenuss.

Joana redet von ihrem Feierabend. Sie ist fast fertig. Aber, Ski fahren wollen wir heute nicht mehr. Ruhe ist angesagt.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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