Fortsetzung Tag 66


Tag 66-Fortsetzung

„Du kannst mal einen Tag zur Probe bei mir arbeiten. Wann geht es Dir?“

„Ich habe im Moment keine Arbeit. Also morgen ist es auch schon möglich.“

„Ich rufe heute Abend noch an.“

„Also. Bis dann!“

Beim Herausgehen treffe ich die Chefin. Ein freundlicher Blick sieht anders aus. Sie grüßt nicht.

Der kommende Termin ist etwas weiter weg. Um nicht zu sagen, erheblich weiter. Und das am Montag. Ich muss ins Schnalstal. Und das, ziemlich weit hinauf. Ich muss in unsere Frau Madonna. Ein Ortsname. Dort könnte ich ja eigentlich Barmherzigkeit erwarten.

Ab Schlanders geht es ziemlich zivilisiert zu. Der Schwerverkehr wird wie üblich, geduldig ertragen. Mich nervt es etwas wegen dem Zeitdruck. Wenn ich noch an meine Kilometer denke, wird mir etwas bange.

Kurz vor Naturns ist eine Abfahrt ins Schnalstal. Das Schnalstal ist ein Nord-Süd-Tal und teilweise ziemlich schmal. Entsprechend schmal sind die Straßen, die von ziemlich hohen Berge gesäumt sind. Steinschläge und Lawinen gehören dort fast zur Tagesordnung. Ich muss durch Tunnel ind Viadukte fahren, um mal wieder ein Licht zu sehen.

Nach dem dritten Tunnel steht eine Sperrscheibe vor mir. Weiterfahrt gibt es keine. Mit mir müssen drei Autos von Leuten, die hinauf wollten, umkehren. Allein das Manöver beim Anblick der Schlucht auf der linken Seite bergaufwärts, macht etwas nervös. Zwei meiner Vorgänger, die nicht von hier zu sein scheinen, sind nervöser als ich. Sie steigen aus und in ihrem Gesicht ist deutlich Furcht zu erkennen. Die Straße ist auch nicht ganz schneefrei. Da zu wenden, erfordert schon etwas Mut. Die Landsleute aus dem Süden entscheiden sich, Schneeketten zu montieren. Ich nutze die Zeit, um ungestört zu wenden. Das Vorhaben ist nicht Ohne. Am Felsen und auf der Straße gefriert das Wasser, das weiter Oben in der Sonne taut. Das gibt hässliche Eisschollen auf der Straße und Abstürze von riesengroßen Eiszapfen. Ich bin mir sicher, diese Eiszapfen schlagen auch locker durch Autodächer. Also, nichts wie weg hier.

Auf der Abfahrt kommt mir kein Auto entgegen. Wahrscheinlich hat der Straßendienst schon unten gesperrt. Als ich ankam, waren Carabinieri da.

„Wie viele noch oben?“

„Es sind noch drei Autos oben.“

„Fahre Sie!“, ruft er mir freundlich zu und winkt mit seiner Kelle. Er gibt mir gerade Vorfahrt auf der Hauptstraße. Entschuldigen werde ich mich nicht müssen bei dem Gastwirt. Der hat sicher von der Straßensperre erfahren.

Das nächste Ziel ist nicht weit weg von unserem zu Hause. Im Vertigen. Da wohnt man zehn Jahre an einem Ort und kennt nicht mal die nähere Umgebung. Das kann nur ein Witz sein. Der Witz nennt sich Arbeit von Früh bis in die Nacht. Im Finsteren weg von zu Hause und im Finsteren zurück. Das war‘s. Von Leben kann da keine Rede sein. Selbst Sklaven waren da besser dran.

Ich eiere die teilweise schmalen Straßen in Richtung Tschigat-Rötl und muss sehr häufig am Straßenrand anhalten, um den Gegenverkehr, Platz zu lassen. Da übliche Heimatgefühl stellt sich wieder ein. Ich werde etwas lockerer.

Fortsetzung folgt

Tag 66


Tag 66

Wir stehen zusammen auf. Während Joana im Bad ist, mache ich den Kaffee. Wir müssen neuen kaufen. Der ist jetzt finito. Ich muss Kaffee mitbringen. Joana fragt mich aus wegen der Vorstellung und wie sie verlaufen ist. Eher, wegen der Bestätigung unserer Vorurteile als wegen dem Bericht. Abends haben wir das nicht mehr besprochen. Wir schauen noch mal schnell in den Computer, die Emails kontrollieren. Zwei sind dazu gekommen. Die sind auch für den Saisonanfang im März. Zuerst werde ich mich auf die konzentrieren, die sofort einen Koch suchen.

Bevor ich fahre, gehe ich bei Marlies und Alfred vorbei. Marco ist auch schon da und Dursun ist am Trinken von Türkischem Kaffee. „Willst Du auch mal Einen? Guten Morgen!“

„Laß mich den probieren. Vielleicht schmeckt er hier besser als der Gefilterte.“

„Ganz sicher. Probiere!“

Er hat Recht. Wenn die Zeit reicht, werde ich zukünftig diesen Kaffee bestellen.

„Heute geht‘s nach Hause, in den Vinschgau“, sagt Dursun.

„Ja. Ich habe Vorstellungen. Es geht bis nach Bozen.“

„Am Montag“, antwortet Marco.

Er hat Recht. Ich hoffe auf etwas weniger Verkehr. Obwohl meine Fahrtzeit beschissen gewählt ist. Zu Mittag wäre es eigentlich am besten. Aber, die vielen Vorstellungen schaffe ich nicht ab Mittag.

Ich müsste dafür mehrere Tage ausmachen. Und das geht wiederum nicht. Leider sind dann die Stellen weg. Wer zuerst kommt, malt zuerst. Und genau das zählt leider in diesem Geschäft. Schon sind wir bei dem Thema Unfallgefahr. Die ist freitags und montags besonders hoch.

Joana verabschiedet mich. Auch die Kollegen wünschen mir viel Glück. Wie üblich, kommt das vorsichtig Fahren als Auflage.

Das Wetter ist günstig und von den Temperaturen her, schon fast frühlingshaft. Und das in der Höhe. Weiter Unten wird das sicher erheblich besser. Schon am Grenzübergang bereue ich den Montagstrip. An der Abfertigung stehen in zwei Richtungen Lastwagenschlangen. Die Schmuggler werden gefilzt. Aber gehörig, wie ich sehe. Ein paar westdeutsche Campingautos sind auch dabei. Man möchte sicher in den Süden. An den Autos kleben wieder ein halbes dutzend Fahrräder und Scooter. Innen sind sicher noch Gummiboote und der ganze Kram. Einer hat Hinten sogar einen Kleinwagen drauf stehen. Das verprotzte Volk glaubt, sie fahren auf eine Messe. Mich würde nicht wundern, wenn der ganze Kasten noch voller Konserven liegt. Der Streit mit diesem Volk ist praktisch vorprogrammiert. Die beugen jede Verkehrsregel wegen dem Zollgesetz und tun so, als wüssten sie nichts. Eigentlich müsste Italien an jede Grenze Verkehrspolizei schicken, wie sie es sehr oft am Brennerübergang tun. Leider wird das im Vinschgau etwas vernachlässigt. Alles, was mitgeführt wird, ist zollfrei und bedarf keiner Zollerklärung. Dafür werden die Kästen hoffnungslos überladen und zu vorprogrammierten Verkehrsunfällen. Wir dürfen als nicht mehr von Fahrlässigkeit ausgehen, sondern von reinem Vorsatz. Wer einmal einen Unfall mit so einem deutschen Trottel hatte, weiß, wovon ich spreche. Die sind natürlich an Garnichts schuld. Und da nehmen die sich mit Südtirolern und Trentinern nicht viel. Bei einem Tausend-Euro-Schaden wird gern mal vier viertausend Euro gestritten. Dummheit regiert.

Den Malser Berg runter, geht die Qual weiter. Man ist vom Panorama beeindruckt und neigt dazu, dafür eine echte Schlangenlinie zu fahren. Manche wechseln im Traum auch die Straßenseite und müssen mit einem Hupkonzert geweckt werden.

An der zweiten Kurve gibt es sogar einen kleinen Auffahrkuss. Ein Campingauto steckt mit der Schnauze in einem Fahrradangebot. Ich muss laut lachen bei dem Anblick. Oh, der winkt mich an. Ich soll dem wahrscheinlich helfen. Ich lass die Scheibe runter. Er fragt mich, wo die nächste Werkstatt ist. Bei so viel Blödheit, bleibt mir fast die Sprache weg. Werkstätten auf meinem Urlaubsweg suche ich mir im Voraus. Wozu hat dieses verblödete Volk einen Computer als Handy? Die haben Karten, auf denen jede Werkstatt eingetragen ist, online. Mit Telefonnummer. Und dieser Trottel fragt mich. Dazu kann der sich alle Telefonnummern vorher abspeichern. Es gibt in den Bergen auch Funklöcher. Der hat den Massenspeicher in der Hosentasche. Der ist nicht nur für Pornos und misslungene Fotos. Das ist auch ein Hilfsmittel.

Mit den Lastwagen, ist bei dem Verkehr das Lückenspringen aus Zeitgründen schon etwas riskant. Vor allem, weil es auch glatte Stellen gibt. Bisweilen sind das kleine, recht lockere Überwehungen, die einen Zentimeter hoch sind. Deren Glätte kann tödlich sein oder zumindest in den Rollstuhl führen. Dort gibt es regelmäßig Unfälle von Leuten, die ihren Winterreifen und Fahrkönnen, Wunder zumuten. Unser Nachbar ist beim Weißen Kreuz, Fahrer. Er darf sich regelmäßig abgerissene Beine und Arme anschauen. Der Appetit auf Pizza ist ihm deswegen noch nicht vergangen. Bei den Opfern ist das anders. Die essen Pizza nur gewürfelt.

In Mals vor der Ampel, steht eine Schlange. Erst mit der dritten Grünwelle komme ich über die Kreuzung. Das wird lustig. In Mals habe ich keine Vorstellungsgespräche. Von da kamen nur Absagen. Mein erster Termin ist in Schlanders. Ein Restaurant am Marktplatz.

Schlanders hat einen sehr schönen Marktplatz. Eine Augenweite. Die Farbenpracht erinnert mich etwas an Rostocker und Stralsunder Einkaufspassagen zu DDR – Zeiten. Auch an den Karl-Marx-Städter Brühl und die Dresdner Uferpromenade. Deren farbige Fassaden wurden in Zwickau hergestellt. Das war ein DDR – Patent. Im Westen versucht man das höchstens mit dem Farbtopf. Sozusagen, Dreck auf Dreck. Hautsache bunt. Der Geruch spielt keine Rolle in den Kreisen. Wir hatten uns am Rheinufer mal ein Hotel angeschaut. Die Wirtsleute wollten das verpachten. An DDR-Bürger. Landsleute hätten das wahrscheinlich nicht getan. Ich wunderte mich darüber, wie man dort dreckige Höhlen vermietet.

„Wir sind gut belegt“, sagte der Altwirt. Und damit sagte er uns Alles. Und die Leute reden über DDR-Altbauten.

Im Restaurant ist schon reichlich Betrieb an der Theke. Man trinkt Kaffee gespritzt, Viertel und Bier. Früh am Morgen. Verdauungsprobleme haben die sicher nicht. Die junge Frau am Tresen frage ich, ob den jemand von der Chefität da ist.

„Wer?“

„Ich suche einen Chef. Ich bin Koch.“

„Bewerbung?“

„Ja!“

Sie rennt in die Küche und ruft etwas. Es dröhnt fast wie eine Sirene.

Eine Chefin kommt. ‚Gute Nacht‘, denk ich mir. ‚Das wird ein kurzes Gespräch.‘ Bei der Vorstellung bemerkt sie meinen sächsischen Dialekt.

„Können Sie Südtiroler Küche kochen?“

„Nein. Aber Sie können mir das sicher lernen, wenn ich etwas falsch mache.“

„Wir haben hier einen gut besuchten Mittagstisch.“

„Touristen oder einheimisch?“

„Im Sommer, beides.“

Bei dem Betrieb am Tresen um diese Zeit, könnte sie Recht haben.

„Wie viele Portionen sind es dann zu Mittag?“

Die Antwort dauert wieder zu lange. Das nennt sich Südtiroler Überblick. Man weiß auf die Portion genau, was man verkauft.

„So zwischen fünfzig und hundert Essen.“

‚Gemütlich‘, denke ich. Und ich sage das auch.

Das war der Kollegin dann schon zu dick aufgetragen. Zumindest, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen.

„Kann ich mal die Küche sehen?“

„Ja. Kommen Sie.“

Die Küche war relativ gut eingerichtet. Der Anrichteplatz war etwas klein. Aber, allein, braucht der Koch nicht zu viel. Entscheidend ist, ob gut abgetragen wird. Über der Anrichte hingen zwei Wärmelampen. Damit soll das Essen nicht abkühlen. Der Salat wird aber auch warm damit. Naja; zu kalt, schmeckt auch Salat nicht. Das geht.

Der einzige große Nachteil war die Entfernung von der Bratplatte zur Anrichte. Die Fritteuse war auch zu weit weg. Ich muss praktisch Alles mit der Schüssel vor transportieren. Das gibt Feuer im Schritt. Eine Bagno Maria fehlt. Ich frage, ob so Etwas da ist. „Das haben wir. Der letzte Koch hat das nicht gebraucht.“

„Deswegen ist er ja auch noch da, oder? Muss ich das machen wie der letzte Koch?“

„Nein. Das will ich nicht gesagt haben.“

Und schon habe ich den Zorn bekommen.

„Wir melden uns bei Ihnen. Ihre Telefonnummer haben wir ja.“

Weit muss ich nicht gehen. In Schlanders habe ich auch gleich den Folgetermin. Ein neues Hotel-Restaurant. Direkt an der Hauptstraße. Der Parkplatz ist jetzt schon gerammelt voll. Wer das gebaut hat, hat sich sicher übernommen. Wenn da keine große Familie da ist, sieht es schlecht aus. Der Betrieb muss von früh bis spät in die Nacht, voll laufen. Auch das ist zu teuer. Es braucht zu viel Personal. Auch bei den Arbeitszeiten, die in Südtirol üblich sind. Ich weiß nicht, wer das rechnet. Die Zahlen möchte ich nicht sehen.

Ich gehe hinein. Zwei junge Frauen stehen am Tresen und bedienen die zahlreichen Kunden davor. An den Tresen komme ich nur schwer ran. Die Leute davor wollen gebeten werden. Erst dann rücken sie mit einem Lächeln beiseite.

„Ostdeutscher?“

Die Frage höre ich zu oft. Es ist nicht böß gemeint. Eher freundlich und fast schon gastgeberisch, einladend.

„DDR!“

Die Jungs lachen. ‚Ein Stolzer‘, werden sie sich denken. Ich weiß es nicht. So scheint es mir.

In Südtirol stolz auf seine Heimat zu sein, ist schon mal kein Fehler. Es gibt Vinschger Brot, Ultner Brot mit dem gleichen Geschmack und Marteller Erdbeeren. Aber Alle trinken Algunder oder Mila Milch aus den Tälern ohne Namen. Erstaunlich.

Ein Mädchen hat den Chef gerufen. Er lädt mich gleich in die Küche ein. Eine kleine aber praktische Küche. Gut eingerichtet mit wenig Wegeaufwand. Hier hat ein Fachmann eingerichtet. Der Chef ist der Fachmann. Um diese Zeit steht der schon allein in seiner Küche. Alle Achtung.

„Woher kommst Du?“

„Aus Partschins:“

„Ne. Ich eine richtig.“

„Naja. Aus Rabland.“

„Du bist doch Ostdeutscher.“

„Vertriebener Ostdeutscher.“

„Kannst Du Südtiroler Küche?“

„Ich koche hier schon paar Jahre.“

„Wir haben hier zu Mittag um die zweihundert Arbeiteressen und reichlich a la carte.“

„Ich brauche viel Arbeit.“

„Abends mache ich Pizza und Ihr seid zu Zweit hier in der Küche. Einundzwanzig Uhr ist Euer Feierabend.“

„Was? Der Chef ist Früh der Erste und macht abends bis Zwölf, Pizza?“ Und das bei einem Ruhetag. Na. Der ist zu fleißig für Südtirol. Das geht nicht lange gut.

Fortsetzung folgt