Ein Jahr Virus


Ein Jahr Virus

Heute habe ich mal einen nicht ganz fachfremden Kommentar zu dem Virusgeschehen.

Köche sind im Umgang mit Viren und Bakterien speziell geschult. Unsere Hygienerichtlinien schrieben und schreiben uns vor, wie wir uns bei der Speisenherstellung zu verhalten haben. Mehr oder Weniger, halten wir uns daran, sofern wir dazu die dafür benötigte Zeit haben.

In dem Zusammenhang erlaube ich mir, mal eine DDR, sprich, ein sozialistisches- mit dem anderen System zu vergleichen.

Zunächst stellen wir fest, dass wir jetzt mittlerweile, ein Jahr und einen Monat, im Hausarrest sitzen. Saisonarbeiter mit Saisonablauf, Herbst 2019 und keinem Wintervertrag, sitzen schon ein und ein halbes Jahr zu Hause.

In der DDR gab es ein Gesundheitssystem, das nicht perfekt war. Wir hatten immerhin unter tausenden Sanktionen und Embargos zu leiden. Das bedeutete, wir bezahlten Importe der sanktionierten Rohstoffe, mit einem bis zu zehnfachen Einkaufspreis. Dazu gehörte das Glück, nicht von einem der westlichen Nachbarn bestohlen zu werden. Das führte bisweilen zum Totalverlust bereits gekaufter Waren. Die Verbrecher im Westen haben sich mit dem geklauten Gut, goldene Nasen verdient. Ob jetzt gerade Penicillin oder Steinkohle geklaut wurde, war saison- oder sanktionsabhängig. Zusätzlich wurde die DDR nahezu gezwungen, eigene Produkte zu entwickeln, um diese Embargos abzumildern oder gar nachhaltig zu umgehen. Wer einmal miterleben durfte, wie Arbeitskollegen nach einem Arbeitsunfall, die Hand oder Finger abgenommen werden mussten, weil es kein Penicillin oder andere wichtige Medikamente gab, darf sich gern vorstellen, wie es ist, einen lieben Familienangehörigen zu verlieren.

Die DDR hatte praktisch das Know How, jedes Embargo wirkungsvoll zu umgehen oder abzumildern. Genau in dem Zusammenhang sehe ich das aktuelle Virengeschehen und die Reaktionen darauf. In der DDR wurden keine Krankenhausbetten reduziert, keine Krankenschwester um den Lohn beschissen oder Ärzte vertrieben.

Die DDR hätte allgemein so reagiert wie der Bruderstaat Weißrussland. Ganz einfach deswegen, weil wir genug Krankenhauskapazitäten und gut ausgebildete Ärzte hatten. Damit erübrigt sich, nachzudenken, wer einem nun das verlorene Jahr bezahlt und entschädigt. Angeblich sind wir ein Bestandteil der Freien Welt. In der DDR hätte sich Keiner getraut, einem Werktätigen, ein Jahr Freiheit zu stehlen.

In günstigen Fällen erlebt ein Arbeiter, siebzig Jahre. Eins ist uns davon gestohlen worden. Nicht von dem Virus. Da müssten wir Köche und auch Ärzte, fünfzig verlorene Jahre anzeigen. Köche, auch Ärzte und Viele mehr, arbeiten täglich mit Viren, von denen sicher Einige tödlicher sind als das aktuelle.

Wir reden also von einer übergreifenden Unfähigkeit der Vertreter kapitalistischer Systeme im Umgang mit Viren und Krankheiten. Das zeigt uns der mafiöse Streit um Masken, um Impfstoffe, um Menschen- und vor allem, um Kinderleben.

Es ist jetzt Zeit, sich ernsthaft zu fragen, ob dieses System, trotz der Riesenpropaganda der bezahlten Meinungsmacher, das bessere ist.

Beachten Sie bitte dabei, der Großteil der Erwachsenen Bürger und Saisonkräfte aus dem Osten Europas, kennt den Sozialismus. Und die vergleichen diese beiden Systeme wie ich.

Sie dürfen mich gern fragen, wer da verliert in dem Vergleich.

Tag 78


Tag 78

Ich werde geweckt. Nicht von Joana, sondern vom Zimmertelefon. Joana ist schon Unten. Reka hat die Telefonanlage neu programmiert, die mich wecken soll. Sie sagt mir, es sei eine Probe. Sie mussten die Anlage neu programmieren. „Der Kaffee wartet schon“, sagt sie zu mir und lacht.

Nach einer Katzenwäsche gehe ich schnell runter. Alle sind da. Heute ist ein Wechseltag. Für sämtliche Abreisen stehen Anreisen zu Buche. Die Zimmermädchen haben heute besonderen Druck.

Oft stehen die Anreisenden schon im Haus, während die Abreisenden noch bis Zehn im Zimmer sind. Wir üblich, gibt es auch da säumige Gäste. Die sind eben der Meinung, sie könnten bis Nachmittag im Zimmer bleiben. In so einem Fall räumt Dursun das Zimmer. Dursun weiß viel zu erzählen über solche Räumaktionen. Dursun ist aber weder ein Arzt noch ein Anwalt. Er steht nicht unter Schweigepflicht. Als Gast, der es auf so Etwas ankommen lässt, würde ich mir das vorher überlegen. Vor allem dann, wenn ich über undichte Ausscheidungsöffnungen verfüge oder es mit der Sauberkeit nicht so genau nehme. Wer sich also nach der Benutzung der Toilette nebst reichlich Toilettenpapier, ungewaschen auf das Bett setzt, zeigt das Dursun. Dursun und unsere Frauen müssen sich davon nicht mehr übergeben. Sie sehen es zu oft. Und selbst da, können sie Unterschiede zwischen einzelnen Völkern und Nationen erkennen. Und ausgerechnet die, welche Bürger anderer Nationen als Untermenschen oder Drecksvolk bezeichnen, haben die längsten Bremsspuren in der Bettwäsche. Ausgerechnet unsere italienischen und muslimischen Gäste, hinterlassen mehrheitlich, tadellose Bettwäsche. Oft denken unsere Zimmermädchen, die Zimmer wären nur kurz belegt oder gar nicht benutzt worden. Wir amüsieren uns immer wieder über Dursuns Geschichten. Ahu und Mira geben dazu auch kurze Kommentare. Genauer brauchen sie das nicht beschreiben. Der Bäcker würde denken, wir mögen seine Personalgaben nicht mehr. Zum Glück ist sonntags das Gebäck bereits verzehrt. Sonntagmorgen finden die Zimmermädchen und Dursun auch diverse Mageninhalte in den Betten und Bädern. Da bliebe das Gebäck stehen.

Mit den wirklich unterhaltsamen Frühstück im Bauch, fahre ich los. Ich befürchte einen recht strengen Verkehr. Die Befürchtung wird nicht erfüllt. Die Straßen sind leer. Fast wie Sonntagmorgen. Ab Naturns kommen mir erst Autos entgegen, die Skiausrüstungen auf dem Dach haben.

Zu Hause bin ich recht früh. Ich kann fast zwei Stunden ruhen. Ehrlich gesagt, brauche ich das auch. Ich fühle mich schlaff und verbraucht.

Zu Gunda fahre ich heute wieder mit dem Motorrad. Abends sind zwar Niederschläge angesagt, aber Schnee erwarte ich keinen. Es ist tagsüber zu warm für Schneefall.

Heute ist kein Tagesmenü vorzubereiten. Das passt. Wir sind kein Ausflugslokal. Ein paar Frühschoppler sitzen am Tresen. Sonst ist das Lokal ziemlich leer.

Küchentechnisch ist eigentlich Nichts vorzubereiten. Selbst Salatteller würde ich erst auf Abruf herstellen. Ich koche ein paar Pellkartoffeln. Gunda hat feine Pustertaler Kartoffeln mitgebracht. Die liegen etwas zu warm neben der Kühlzelle. Ein Fünf-Kilo-Säckchen koche ich, bevor sie anfangen zu keimen. Ein paar Karotten könnte ich noch schälen. Als Vorbereitung für Salat oder als Gemüsebeilage für Montag.

Das Mittag geht schnell rum. Wir verkaufen drei Spiegeleier und ein Wiener Schnitzel mit Pommes. Kaum ist das Mittag vorbei, kommt Dora. Sie bleibt bis zum Feierabend über Nachmittag. Sie hat Kuchen mit. Wahrscheinlich verkauft Gunda am Samstag Nachmittag etwas Gebäck. Ich verabschiede mich bis zum Abendservice. Selbst diese vier Wege von zu Hause zur Arbeit und zurück, kosten mich ohne den Weg nach Nauders, pro Tag, Benzin für fast vierzig Kilometer. Das sind drei Euro. Pro Monat wären das zwischen siebzig und achtzig Euro. Die Kosten inklusive Steuern, bezahle ich von einem Lohn, den ich schon versteuert habe. Und das zu Gunsten einer Firma, für die ich arbeite.

Im Fernsehen kommt alpiner Skisport. Ich stelle die Wecker und schlafe ein bei der Übertragung. Zu Essen gibt es nichts.

Gegen halb Fünf weckt mich wieder der Wecker. Langsam wird mir der Tagesablauf zu eintönig. Schlafen, Fahren und Buckeln. Am Montag geht es nach Schenna. Mal sehen, was es dort gibt. Ich erwarte etwas Abwechslung. Sonst nichts.

Das Abendgeschäft schien mir etwas interessanter zu werden. Im Gastraum saßen um die zwanzig Gäste, die ich noch nicht gesehen habe. Ich dachte, die bleiben zum Essen. Irrtum. Zehn Minuten später brechen sie auf. Neben ein paar Wiener- und Naturschnitzeln mit Pommes und Röstkartoffeln, verkaufe ich zwei Speckbrettln. Das war mein Abendgeschäft. Ehrlich gesagt, ist der Erlös bei Spiegeleiern etwas höher.

Gunda dankt mir und Dora möchte die Küche allein putzen. Sie schicken mich nach Hause. Es ist ziemlich spät. Bei einer Stunde Fahrt, schaffe ich es noch vor Zwölf.

Zu Hause angekommen, rufe ich Joana an. Sie verbietet mir zu fahren. Mir bleibt also ein einsamer Fernsehabend. Um mich etwas aufzubauen, schaue ich mir „Die Olsenbande“ an. Trotz des lustigen Filmes, muss ich an Helga Hahnemann denken, die an Krebs starb. Helga kannte ich noch als kulinarischer Gastgeber. Sie war ziemlich oft Gastkünstler in unserem Kulturhaus.

Ich schlafe ein beim zweiten Teil dieser Serie.

Tag 77


Tag 77

Der Freitag beginnt mit dem Klingeln von Joanas Wecker. Ich stehe gleich mit auf. Freitags muss ich mit dichtem Verkehr rechnen. Ich möchte fahren, bevor der Berufsverkehr einsetzt. Zu Hause kann ich mich ja noch eine oder zwei Stunden hinlegen.

Natürlich erzähle ich Joana vom ganzen Tag und Joana mir, von ihrem. Ich teile ihr auch den Termin in Schenna mit. Da spekuliert sie auch etwas mit einem Ganzjahresplatz. Wenn ich ehrlich sein soll, ist mir angesichts der Arbeitszeiten, ein Ganzjahresarbeitsplatz gar nicht so recht. Irgendwann müssen die Knochen auch mal ausruhen. Sechstagewoche bei mindestens zwölf Stunden täglich, ist als Jahresarbeitsplatz bösartige Ausbeutung. Bei gesetzlicher Arbeitszeit wären das immerhin zwei Arbeitsplätze. Sogar in Schichtbetrieb, wie in der DDR. Nicht im geteilten Dienst mit vier riskanten, teuren Arbeitswegen wie in Südtirol. Wir reden noch nicht von Umweltschutz und den Behauptungen dahingehend. Wer eine geteilte Arbeitszeit durchsetzt, ist nicht wirklich am Umweltschutz interessiert. Und schon gar nicht an der Minderung des Verkehrsaufkommens. Mich wundert nur die relativ geringe Anzahl an Unfällen.

Nach der Toilette gehen wir zusammen runter zu Marlies. Marlies hat Stress. Sie hat aber feines Gratisgebäck vom Bäcker da liegen. Dursun ist schon am Kauen. Der Bäcker hat diesen herrlichen Stollenkuchen mitgeschickt. Bei uns wurde der Kartoffelkuchen genannt. In Sachsen. Auch bei uns in der DDR gab es regionale Unterschiede. Bei uns wurde der Pizza ähnliche Kuchen mit reichlich Butter bestrichen und Zucker bestreut. Rosinen, Mandeln und auch mitunter Zitronat, waren Bestandteile dieses Blechkuchens. Frisch schmeckte der köstlich wie jedes Hefegebäck.

Für Hefegebäck braucht es eben auch genug Kunden.

Unser Morgenplausch ist recht kurz und wir beschränken uns auf kleine Anspielungen des Lächelns wegen. Frei nach de Sprichwort: „Wer lächelt, hatte Sex.“ Genau in diesem Rahmen werden dann Komplimente für Figur, Aussehen und Verhalten verteilt. Das wirkt für den kommenden Arbeitstag recht erfrischend und aufbauend. Wahrscheinlich ist das deswegen jetzt verboten. Wer will schon einen positiv motivierten, lustigen Arbeiter? Der ist doch krank.

Langsam werden die Nächte etwas wärmer, scheint mir. Ich muss das Auto nicht warm laufen lassen.

Auf der Hauptstraße ist schon reichlich Gedränge. Halb Sechs früh. Trotzdem gibt es bis Schlanders keine Behinderungen. In Schlanders wird der Verkehr etwas dicker. Das liegt aber eher an der Zeit. Warum ausgerechnet freitags und montags, mehr Betrieb ist als an den anderen Tagen, bleibt mir ein Rätsel. Arbeiten Südtiroler nur an den zwei Tagen?

Zu Hause angekommen, kann ich mich noch ein Stündchen hinschmeißen. Ich stelle mir drei Wecker. Wehe, ich verschlafe. Ich lege mir einen Film ein: „Fargo“. Der wirklich herrliche Film ist schlecht geeignet zum Einschlafen. Trotzdem gewinnt die Müdigkeit. Ich werde mir den Film zur Mittagsruhe noch einmal anschauen.

Acht Uhr klingelt mein Wecker. Nach einer kleinen Erfrischung genehmige ich mir ein zwei Kaffee.

Endlich kann ich wieder etwas Motorrad fahren.

Gunda steht nicht allein vor dem Restaurant. Sie redet mit einem Gast. Sie grüßen mich.

„Bischt Du der Neie?“

„Ja. Guten Morgen.“

„Er isch e Extrakommitarier aus Ostdeitschloand“, sagt Gunda zu ihm. Gunda ist dreisprachig, bemerke ich gerade. Italienisch, Deutsch und Südtirolerisch. Italienisch und Mundart, nutzt man gern, wenn man nicht verstanden werden möchte.

Ich verstehe das als Aufforderung, zu gehen.

Kaum bin ich umgezogen, kommt Gunda. „Heute gibt es:

Salatteller

Tomatensuppe

Spaghetti Carbonara

Rippelen, Röstkartoffel, Sauerkraut

Erdbeerjoghurt

In der Küche steht ein Karton mit deutschen, abgekratzten Knochen als Rippelen. Da muss ich ja pro Kunde ein Kilo braten, damit der etwas Fleisch findet. Dazu werde ich eine Extratonne für Knochenabfälle benötigen. Auf die Art exportiert das Reich seine Knochen. Aber wehe, ein Südamerikaner lässt die Knochen am Rinderrücken. Die müssen in Südamerika vergraben werden. In Fleisch mit Knochen bekommt der deutsche Westfleischer auch keine fünfzig Prozent Salzwasser. Schließlich wollen die Westkunden, Salzwasser statt Fleisch. Sie sind das gewöhnt. Dazulande möchte man Fleisch mit dem Löffel oder der Heugabel essen.

Die Carbonara werden mich über Mittag ziemlich beschäftigen. Rippelen passen da sehr gut dazu. Die sind nach meiner Behandlung fertig portioniert und ich muss sie nur ausgeben. Im Kutter mache ich mir gleich die Würzmischung mit Öl fertig. Damit muss ich die Rippelen nur einstreichen. In den Dämpfer geht der ganze Kartoninhalt rein. Zehn Kilo. Ich schätze, abends wird es davon auch noch etwas geben.

Zu Mittag sind es heute relativ wenig Gäste. Entweder haben sie schon frei, setzen ab oder sie wollen zeitig Feierabend machen. Es könnte auch sein, die Kunden sparen für das Wochenende. Schließlich ist am Wochenende die Familie auszuführen. Und genau das, kann in Südtirol ziemlich teuer sein. Zumindest für Jene, die nicht direkt aussehen wie Südtiroler.

Ich fahre in unsere Wohnung und starte den Film in der Hoffnung, ihn mir ansehen zu können. Von meinen Nachbarn ist leider Keiner anzutreffen. Vielleicht sind sie bei Doris, Karten spielen. Ich nehme mir vor, abends ein Rippele zu kosten. Zumindest da möchte ich wissen, ob sie auch schmecken. Deutsches Fleisch esse ich sonst nicht. Schon gar nicht das von unseren Besatzern. Sie müssten uns DDR – Bürgern das eh ein Leben lang schenken. Bei dem, was die uns geklaut haben.

Nach dem Aufwecken fahre ich sofort zu Gunda. Abends rechnen wir mit etwas mehr Kundschaft. Es gibt Einiges vorzubereiten. Bei meiner Ankunft steht schon der Parkplatz voll. Mir schwant Schlimmes. Sollte etwa eine Gesellschaft da sein, von der mir Gunda nichts gesagt hat? Mal sehen.

Ich gehe nicht durchs Restaurant in die Küche, sondern den Personalschleichweg. Der führt an der Toilette vorbei. Und die riecht etwas unangenehm. Man feiert ausgelassen. In der Küche steht schon Jemand. Eine junge Frau. Dora. Sie stellt sich mit dem Namen vor.

„Ich helfe freitags immer etwas.“

Wahrscheinlich muss ich freitags nicht abspülen. Das klingt fast wie eine Erleichterung. Wenn sie sich wirklich auskennt hier, ist es eine.

Die Röstkartoffeln hat sie schon geschnitten. Ich vermenge sie gleich mit Zwiebelöl und Gewürzen. Die Mischung gebe ich in zwei Gastronorm und schiebe sie in den Dämpfer bei zweihundertdreißig Grad. Eier hat mir Dora schon bereits gestellt. Den Salat auch. Ich frage sie, ob das reicht. Sie nickt.

Gunda kommt in die Küche und stellt mir Dora vor. Familie. Alles bestens. Mehr muss ich nicht wissen bei meinem kurzen Einsatz hier.

Entgegen den Erwartungen, bleibt das Abendgeschäft relativ ruhig. Mit einem Unterschied. Ich verkaufe heute das erste Mal einen Rostbraten. Ein Rumpsteak mit dem Namen. Als Koch würde ich so Etwas niemals in einem Restaurant bestellen. Es sei denn, für meine Gäste. Für den Preis einer Portion bekomme ich ein Kilo im Laden. Und genau dieses Kilo, würde ich nur mit meiner Joana verdrücken. Wir kommen heute Abend nicht ins Schwimmen. Alles bleibt gemütlich, obwohl wir sechzig Portionen verkaufen. Dora lobt meine Ruhe und Besonnenheit.

Gegen Zehn sind wir fertig. Die Küche ist zu Zweit schnell geputzt. Gunda bringt mir einen Kaffee und wir verabreden uns auf morgen.

Freitagabend ist auf der Algunder Straße recht viel los. Fast wie werktags gegen Mittag. Ich muss mich etwas in Acht nehmen. Die Jugend fährt ziemlich übermütig. Und nicht nur die. Man hat den Hang, unbedingt ein Rennen zu veranstalten. Sobald ich zum Überholen ansetze, gibt der Fahrer des trödelndem Fahrzeuges, das ich überholen möchte, plötzlich Gas. Nicht nur Einer. Die Krankheit ist weit verbreitet. Ich frag mich, ob die schon fertig sind, ihre Raten zu bezahlen. Bei der Feierlaune. Naja. Vielleicht hat ihnen der Papa ein Auto geschenkt. So fahren auf alle Fälle keine Jugendlichen, die sich ihr Auto selbst verdienen mussten.

Zu Hause angekommen, überlege ich, ob ich noch zu Joana hoch fahre. Freitags scheint mir das zu riskant. Ich rufe Joana an. Sie rät mir ab, sagt aber nicht, Nein.

Ich ziehe mich um und fahre. Irgendwie brauche ich das. Bis Schlanders geht das auch recht flüssig. Außerhalb Schlanders ist reger Verkehr. Ich schätze, irgendwo sind Discos oder Tanzlokale. Anders kann ich mir den Verkehr nicht erklären. Die Autos sitzen alle voll mit Jugendlichen.

Ab Spondinig ist etwas mehr Ruhe. Gelegentlich kommt ein Gegenverkehr. Nach Mals wird es aber wieder lebhaft. Mich überholen laufend einheimische Jugendliche. Man setzt auf getunte Fahrzeuge mit den üblichen Fuchsschwänzen und Schleifchen an den Antennen.

In Nauders angekommen, stelle ich auch dort einen regen Verkehr fest. Der Ort ist voller Spaziergänger und Touristen. Wahrscheinlich ist Anreise angesagt. Alfred jedenfalls, steht noch an der Rezeption. Und die wird rege belagert. Alfred winkt nur. Zu Marco schaue ich ganz kurz rein. Er schwimmt. Dursun hilft ihm.

Joana schläft schon. Es ist weit nach Elf. In knapp fünf Stunden steht Joana wieder auf. Joana hat mir ein Schnitzel in eine Semmel gelegt. Das ist mein Tagesessen vor dem Schlafengehen.

Wander-/Lieferausflug Prad 23.03.2021


Ausfahrt/Lieferung 230321

Die heutige Buchlieferung schickte mich nach Prad.

Prad liegt unterhalb des Stilfser Joches. Das ist momentan noch gesperrt.

Natürlich nutze ich die Gelegenheit, etwas zu wandern. In Motorradmontur. Als Knieschützer nehme ich in diesen Tagen eine mobile Anwendung. Die kann ich am Ziel abnehmen und dann, wandern.

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Heute bin ich mal vom Parkplatz am Hotel Prad bis zum Gasthof Adler und zurück gelaufen. Luisa und Reinhold von Hotel Prad haben freundlich gewunken. Sie hoffen immer noch, zu Ostern ihre ersten Gäste in diesem Jahr empfangen zu dürfen.

Liebe Landsleute, besucht die zwei Gastrosenioren und gebt ihnen etwas Hoffnung für die kommenden Monate. Die Saison in dieser Gegend ist eh viel zu kurz.

Auf der Rückfahrt habe ich Euch mal einen Blick auf Hafling fotografiert.

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Fortsetzung Tag 76


Fortsetzung Tag 76

Eigentlich backe ich zum Tiramisu meinen eigenen Biskuit. Die Chefin wollte das nicht. Ich soll den fertigen Keks nehmen. Ich weiche die Biscotti in Kaffee ein. Und mache mich an die Creme. Normal müsste ich jetzt Ei trennen, das Eiweiß steif schlagen und Mascarpone unterziehen. Es gibt aber auch Methoden, die zwar nicht billiger sind aber etwas gebräuchlicher. Und eine davon nutze ich jetzt. Sagen wir dazu, alpine Version des Tiramisu. Ich schlage einfach unsere frische Alpensahne mit einer Prise Salz, Zucker, Vanillie und Zitronenabrieb cremesteif, ziehe da die Mascarpone unter und schlage das zusammen steif. Jetzt fehlt nur noch ein oder zwei Eigelb, pasta gialla, ein winziger Schuss Rum und schon steht vor mir ein Tiramisu-Männchen. Obwohl; jetzt, verspritzt in ein Schale, ähnelt die Form eher einem alpinen Tiramisu-Weibchen mit kräftigen Hüften. Fast wie eine Matroschka. Man könnte fast meinen, unsere russischen Freunde hätten das Dessert erfunden. Bei denen nennt sich das Sotschniki. Und dieser Biskuit wird selbst gebacken, nicht gekauft. Vielleicht haben es unsere Venezianischen Freunde von der Krim mitgebracht. Mr rinnt die Zeit weg bei meinen philosophischen Ausflügen.

Jetzt kommt der Salat dran und bei der Gelegenheit wasche und schneide ich auch gleich meine Zucchini zum Grillen mit. Zur Garnitur grille ich zwei Tomatenviertel mit. Unsere Arbeiter werden sich freuen.

Die Salate sind fertig, das Dessert auch, die Zucchini auch und die Suppe….schmeckt. Ein Wunder. Die Chefin kommt und sagt mir, ich hätte die Pasta vergessen. Das stimmt, muss ich feststellen. Da bleibt jetzt nur eine schnelle Napoli und der Hausfrieden ist wieder hergestellt. Die Chefin hat mir das Menü diktiert. Aber, ich darf nicht streiten, hat Joana gesagt. „Halt Dein Maul.“

Aber, das scheint in meinem Handwerk nichts zu bringen. Kochen muss ich es trotzdem und das unter besonderem Druck. Bei Zimmermädchen ist das etwas anders.

Die Hühnerbrustschnitzel schneide ich etwas kleiner und verarbeite sie als Fried Chicken. Die Chefin guckt erst etwas überrascht, ist aber nach einer Probe begeistert. Hoffentlich will sie jetzt keinen Sex. Köche sind heiß begehrt als Haussklaven. Sie sind selten zu Hause und wenn, dann müssen sie kochen. Für den Sex sind sie ja nicht da. Das machen dann Andere.

Das Mittag läuft gut. Ich bekomme zwei Besuche in der Küche, die mir ein Bier ausgeben wollen. Zu Mittag. Warum nicht zum Frühstück? Andere Länder, gleiche Sitten. „Bist Du der Ersatzmann?“ Jetzt kommt es raus. Also doch. Naja. Wenn es gut bezahlt wird, warum nicht. Gunda, den Namen der Chefin erfahre ich gleich mit, verschwindet erst mal kurz.

Die Gäste sind draußen, das Mittag beendet und Gunda bestätigt mir das. Am Montag kommt Fausto, der Koch wieder. Man hätte sich gestritten. Das ist eigentlich schon wieder gelogen. Vielleicht sind nur ein paar freie Tage offen oder Fausto hatte einen Familienanlass. Dem Ansuchen von Angestellten, kommen Südtiroler Unternehmer nur schwer entgegen. Man muss sozusagen, jedes Mal mit einer Kündigung drohen.

„Wenn ich einer Ersatz brauche, habe ich zu viel bürokratischen Kram zu erledigen.“

„Sie sind aber Bestandteil und Förderer dieser Bürokratie“, sag ich zu Ihr.

„Wieso? Das ist ein Witz!“

„Wenn ein Gastarbeiter aus Osteuropa zu Hause einen Trauerfall hat und drei Tage frei haben möchte, verlangen Sie von ihm die amtlich beglaubigte Sterbeurkunde. Damit sind Sie Bestandteil und Förderer der Bürokratie.“

„Oh ja. Sie haben wahrscheinlich Recht. Aber wir bekommen die Fehltage nicht bezahlt.“

„Sind Sie der Unternehmer oder das Amt? Wenn Sie frei machen, bekommen Sie das auch nicht bezahlt. Oder doch?“

Für mich sind das Alles, Schutzbehauptungen. Grobe Unwissenheit will ich mal Keinem unterstellen. Und übertriebene Ehrlichkeit schon gar nicht.

Zur Mittagsruhe ist wieder Fernsehen angesagt. Ich stelle mir einen Film an, bei dem ich gut einschlafen kann. „Das Fenster zum Hof.“ Mein Fenster wird schnell dunkel.

Meine vier Wecker melden sich. Jetzt bräuchte ich auch vier Hände, um die Geräusche abzustellen.

Zum Abendgeschäft das Gleiche wie gestern. Ich komme mir vor wie Ostern. Eier, Eier, Eier. Ein Speckbrett für Vier. „Na endlich mal etwas zu Essen.“ Ich huste nach der Bemerkung. Gunda lacht. „Vergess die Sauren Zwiebeln nicht!“

Das hätte ich tatsächlich vergessen. Leider wird das in vielen Restaurants nicht mehr dazu gegeben. Eine Tradition schläft eben langsam ein, wenn man es nicht selbst tut.

Zum Feierabend begleitet mich Gunda an die Tür. Sie will sehen und hören, wie mein Moto klingt und wie ich drauf hänge.

Zu Hause wechsele ich das Fahrzeug, trinke schnell noch einen Kaffee und begebe mich in Richtung Reschen. Es ist Alles frei bis Nauders. Ich komme nach fünfundvierzig Minute Oben an. Das riecht nach einem Rekord. Dursun oder Alfred stehen nicht vor der Tür. Aber im Foyer.

„Ein seltener Gast“, ruft Alfred. Ich war nur einen Tag weg und schon vermisst er mich.

„Alles gut“, fragt Dursun.

„Ja, bis morgen oder Sonntag.“

„Und. Hast Du schon wieder Termine?“

„Ja. In Schenna.“

„Also, noch weiter weg.“

„Es gäbe vielleicht noch Etwas in Prad. Aber da muss ich erst noch mal anrufen.“

„Du bist ein viel beschäftigter Mann“, scherzt Alfred. „Dein Essen steht schon Oben. Gute Nacht.“

Joana schläft schon. Bei der Arbeit, kein Wunder. Nach meiner Toilette ist sie wach und hat mir einen Kaffee eingegossen. Wir reden noch etwas.

„Heute wäre eigentlich mal bissl Sex dran“, sag ich zu Joana. „Den hatte ich schon“, scherzt sie zurück.

Ausfahrt 22.03.21


Endlich! Nach einem halben Jahr dürfen wir wieder die Sonne sehen. Ohne Fensterrahmen oder Balkongeländer.

Nach einem halben Jahr ohne Sonne werden die Zähne locker, die Haare fallen aus und die Haut fühlt sich an wie grobes Sandpapier.

Nach einem halben Jahr ohne Motorradfahren bekommen wir Muskelschwund an der Hand zwischen Zeigefinger- und Daumenballen.

Nach einem halben Jahr ohne Ballanceübung besteht die Gefahr, beim Aufsteigen auf das Vehikel, mit dem Motorrad einfach umzufallen.

Nach einem halben Jahr sind die Beine und Füße so geschwollen, dass wir nicht einmal in die Motorradstiefel kommen.

Nach einem halben Jahr bekomme ich fast schon Gänsehaut beim Klang des Motors.

Ich hab mal ein Foto geschossen. Kein besonders schönes, aber ein unglaublich erlösendes.

In dem Sinne, möchten wir unserem Landesvater, Herrn Arno Kompatscher, herzlich für den Freigang danken.

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Tag 76


Tag 76

Die erste Nacht nach über einem Viertel Jahr, muss ich allein aufwachen. Na gut. Den Kaffee bring ich gerade noch in die Kanne. Ein zwei Zigaretten bekomme ich auch gedreht. Nur das Bad. Ich lasse mich zu gern Waschen und Rasieren von Joana. In meinem Alter, muss ich mich langsam auf die Heimbetreuung einrichten. Wir haben leider Niemand, der das bezahlt. Uns bleibt, sozusagen, die Brücke als Altersheim. Irgendwie wird es langsam Zeit, mich um einen Nachtwächterposten zu bemühen. Da wird wenigstens die Beerdigung kostenlos für meine Joana.

Heute Früh fehlt mir irgendwie der Gang zu Marlies und Dursun. Es ist so still. Unser Fernseher, ein Südtiroler Produkt vor dem uns Südtiroler Händler warnten, hat zwar eine Radiofunktion, aber das Bedienungsmenü ist kaputt. Leider baut uns den Fernseher keiner mehr. Also, gibt es eben kein Radio.

Auf meinen chinesischen Computer ist da etwas mehr Verlass. Mit dem habe ich Radio. Und genau das stelle ich mir jetzt ein. Ich möchte zumindest hören, ob sich auf meinem Arbeitsweg ein Unfall ereignet hat.

Jetzt, wenn ich einmal in Südtirol bin, kann ich auf Arbeit auch mit dem Motorrad fahren. Das erspart mir Stau und unnötige Wartezeiten. Ich bin einfach etwas pünktlicher als mit dem Auto. Der größte Vorteil ist, ich bin auf Arbeit bedeutend aufgeweckter. Das behindern nur die auf der Straßenmitte fahrenden SUV Fahrer. Die bezahlen mit ihren Steuern nicht nur die Straßen, sondern auch die Tankstellen und den Reifenservice. Dafür wollen sie natürlich die ganze Straße für sich. Eines sparen die SUV Besitzer allerdings. Nicht persönlich, sondern ihr Altwagenvermittler. Der schickt das Gefährt zur Entsorgung an die bewaffneten Gebrauchtwagenbenutzer in Libyen, Syrien oder an die ukrainische Ostfront. Dort kontrolliert auch Keiner das Reifenprofil und den Spritzschutz.

Ich bin schon da. Auch, wenn auf der Straße von Algund nach Meran, ständig Stau herrscht. Später kann ich ja die Abfahrt Mitte durch den Tunnel nehmen.

Die Chefin ist schon da. Wann schläft die gute Frau? Das erklärt mir auch das schroffe Auftreten.

„Arbeitermenü ist heute:

Salatteller

Ochsenschwanzsuppe

Hühnchenschnitzel Wiener Art, Kroketten, gegrillte Zucchini

Tiramisu.“

Kannst Du das?“

„Gerade so. Soll ich die Kroketten machen. Auch das Tiramisu?“

„Die Kroketten habe ich schon fertig gefroren. Das Tiramisu nicht.“

„Alles klar. Wie viele kommen heute?“

„Du kannst ruhig etwas mehr machen. Das verkaufe ich zur Jause und abends.“

Das ist ja schon mal eine Ansage. Die Chefin hat Alles da. Wie scheint, frisch geholt irgendwo. Es liegt noch auf dem Küchentisch.

Lange werde ich nicht brauchen. Von ein paar Rindfleischabschnitten von gestern und Wurzelgemüse, stelle ich mir ganz schnell eine Brühpaste her. Mit dem Fleischwolf mache ich das Grobe. Der Kutter geht etwas zu langsam dafür. Den nehme ich anschließend.

“Was ist das?“, fragt mich die Chefin.

„Die Brühe.“

„Die machen wir Normal anders.“

„Ich aber nicht. Die Brühe ist schneller fertig und kostet weniger Energie.“

„Willst Du Kaffee?“

„Cappuccino oder Filterkaffee. Danke.“

Inzwischen setze ich den Pastakocher an und erhitze die Bratplatte. Auf die Induktion, worüber ich mich besonders freue, setze ich gleich das Brühwasser an. Eine Schlagmaschine haben wir nicht. Dafür hat die gute aber ein feines Handgerät mit einem Schneebesenvorsatz. Das Tiramisu ist so Minutensache.

„Ich brauche einen Topf Kaffee für die Tiramisu. Oder haben wir Instantkaffee?“

„Im Trockenlager findest Du welchen.“

Da ist ja Alles klar. Ich nehme gleich das Warmwasser aus der Leitung.

Fortsetzung folgt

Arbeitertabak


Arbeitertabak

Arbeiter benötigen Rauchpausen, um sich legal, eine Verschnaufpause gönnen zu können. Die Verschnaufpause ist wichtig für den kreativen Arbeitsprozess von Handwerkern in ihrer 90-Stunden-Arbeitswoche.

Arbeiter an automatisierten Bändern benötigen das nicht. Sie müssen kaum denken.

Das trifft auch auf sture Beamte zu. Die rauchen aber trotzdem. Sie dürfen das in ihrer 40-Stunden-Woche und beim Spazierengehen am Wochenende.

Arbeiter können sich Tabak nicht mehr kaufen.

Also, gehen sie Kräuter sammeln und rauchen die. Alle Ureinwohner der Welt, haben ihre Medizin geraucht.

Das hat geholfen.

Pillen, Drogen, Tee und Tropfen, gab es erst viel später. Das hilft etwas seltener und oft mit Nebenwirkungen.

Um Kräuter rauchen zu können, müssen sie gesammelt, getrocknet und etwas fermentiert werden.

Die meisten Kräuter benötigen eine kurze Fermentierung. Einige Kräuter mit etwas strengerem Laub, müssen länger fermentieren.

Es gibt auch Baumlaub, das geraucht werden kann. Zu erwähnen wäre Wein, Birke, Feige und Haselnuss. Die jungen Blätter sind am interessantesten.

Bei Kräutern wären zu erwähnen, Brennnessel, Taubnessel, Pfefferminz, Melisse.

Ein Raucher raucht pro Jahr, um die fünf Kilogramm getrocknete Kräuter.

Geschnitten werden die Kräuter in Streifen mit Nudelmaschinen.

Zu Tabak verarbeitet, wiegen die Kräuter etwa sieben Kilogramm.

Tabak wird trocken geraucht. Man sollte eine Feuchtigkeit von drei bis sechs Prozent anstreben. Das ist sehr trocken, fast dürr. Ist der Tabak feuchter, bildet er mehr Kondensat. Das sind die gelben Gardinen.

In dem Zustand wird er auch geschnitten.

Erst dann wird er im Sprühverfahren, fermentiert.

Befeuchtet wird Tabak nur mit Alkohol. Am besten, Rum. Der Rum kann mit Vanille oder anderen Aromen zusätzlich fermentiert werden.

Tabak, der mit Wasser/Wein/Saft befeuchtet wird, schimmelt.

Ich wünsche unseren Köchen eine gesunde Rauchpause.

Übrigens:

Ich rauche seit fast zehn Jahren Kräuter.

Die haben kein Nikotin. Deshalb lache ich, wenn mich Kollegen als nikotinsüchtig bezeichnen.

Wir fahren wieder


Wir fahren wieder

Ab dieser Woche dürfen wir wieder fahren.

In der Gemeinde.

Unsere Gemeinde besteht aus drei Orten.

Eine Runde durch die Orte, bringt etwa fünf bis sechs Kilometer.

Für eine 50 Kilometerausfahrt darf ich also zehn Runden fahren. Das ist fast schon die Rennstreckenlänge des alten Sachsenring.

Um eine Runde außerhalb des Gemeindegebietes fahren zu dürfen, muss ich das Motorrad verkaufen und mir ein Fahrrad zulegen. Das kostet mittlerweile soviel wie ein Motorrad. Letztendlich ist es ein Motorrad, wenn es über eine Batterie und einen Hilfsmotor verfügt.

Um ein Motorrad fahren zu dürfen, werde ich angehalten, einen Vollschutz in Form eines Helmes (Maske) zu tragen. Zusätzlich benötige ich Handschuh, Kombi (Textil oder Leder). Spucken, niesen, husten ist nur unter der Maske (Vollhelm) möglich.

Um ein Fahrrad fahren zu dürfen, genügt eine Turnhose und ein paar Schuhe. Das Fahrradfahren ist mit Maske erlaubt, aber leider unmöglich. Deshalb fahren alle nackten Radfahrer ohne Maske. Dabei schwitzen, spucken, niesen und husten sie, ungeschützt.

Um zu wandern, genügt eine Turnhose, Schuhe, ein Zellulosefetzen mit Bezeichnung Maske für 7 Euro aufwärts. Das nennt sich Schutz.

Sie sollen Alles mit Handschuhen angreifen und Anderen keine Hand geben. Die Infektion ist aber keine Schmierinfektion.

Lieber Gott, lass Gras wachsen. Die dummen Rindviecher werden immer mehr:-))

Tag 75


Tag 75

Joana weckt mich. Wir stehen wieder zusammen auf. Heut ehat Joana schon den Kaffee gemacht. Wir reden etwas über Meran, die Stelle und über meine Hoffnung auf eine Ganzjahresstelle. Joana sagt, ich soll mir keine Hoffnung machen.

Nach dem Kaffee gehen wir zusammen zu Marlies. Heute steht Alfred zusammen mit Dursun bei Marlies. Die Mädels kommen mit uns. Wir begrüßen uns im Foyer. Den Kaffee vor der Arbeit trinken alle stehend. Keiner benutzt dafür den Pausenraum. Das Geschnatter ist trotzdem das gleiche. Es geht wieder über Blusen, Hosen, Röcke Kleider und Unterwäsche. Jetzt fehlt nur noch, die Mädels fangen an, ihre Unterwäsche direkt zu vergleichen. Dursun bekommt schon starre Augen. Ich auch. Die schönen prallen Hintern von Mira und Ahu sind immerhin einen Extrablick wert. Ich grade schon fast ins Träumen. Joana schaut mich scharf an.

Alfred fragt mich, wo ich den heute bin. Ich sage ihm, es wäre schon wieder ein neuer Betrieb. Er kann das nicht verstehen im Angesicht meiner Leistung, die ich bei ihm gelegentlich beweise.

„Das steht aber nirgends. Und die sind selbst zu faul, eine Beurteilung auszuschreiben. Sie verlangen eine und schreiben keine.“

„Fragst Du sie nicht danach? Die müssen Dir eine ausstellen.“

„Ich soll sie fragen, ob ich in der kommenden Saison wieder kommen darf. Ich bettele aber nicht um Arbeit. Entweder sie waren zufrieden mit mir und sagen das oder ich gehe. Den Gästen gehen sie doch auch auf den Geist mit der Frage: Hat‘s geschmeckt?“

„In dem Sinne haste schon Recht.“

„Sie sind dann böse und stellen kein Zeugnis aus. Ich habe auch schon direkt danach gefragt. Nichts. In diesen Kreisen macht sich eine überhebliche Frechheit breit, die Ihresgleichen sucht.“

„Das ist wohl eine passende Einschätzung. Ich wünsch Dir heute etwas mehr Glück.“

„Soll ich ehrlich sein? Ich bin mehr als skeptisch. Ich schätze, dort soll ich eine Vertretung machen.“

„Der Bäcker hat Euch Etwas mitgegeben“, sagt Marlies. Das fehlt gerade noch. Es sind drei Riesenmarmorkuchen mit Schokodecke. Marlies schneidet sie an. „Mei. Die sind ja noch saftig“, sagt Alfred. „Zu gut fürs Personal“, antworte ich ihm. Alfred lacht laut. „Meinen Leuten geht‘s gut!“

„Naja“, antwortet Dursun. Marlies klopft ihm auf die Schulter. „Du hast nix zu beklagen!“ Zack. Iss er ruhig. Es droht eine Sexsperre. Der Kuchen schmeckt spitze. So Ähnlichen habe ich schon mal aus unserem Gefriersortiment gegessen. Normal wird in den Alpen ein verdammt trockenes Marmorgebäck verjubelt. Ein Fürzchen kann so leicht zu einem Nebeleinbruch werden. Schade ums Geld. Die Hersteller solcher Backwaren müssten wir mit diesem Müll zwangsernähren. Ohne Begleitgetränke.

Dursun hat mir schon das Auto gestartet. Heute ist es etwas frischer. Er sorgt sich um meine Gesundheit. „Das ist eine Gewohnheit. Bei uns darfst Du ni krank werden. Da kostet eine Erkältung schon ein Vermögen.“

„Bei uns auch. Ich muss für einmal Stempeln, fast fünfzehn Euro drücken. Eine Überweisung und ich bin dreißig los. Frag mal Einen, der kein Geld bekommt, von was er das bezahlen soll.“

„Ich kenn‘ das.“

„Machs gut. Ich muss los.“

Ich treffe kaum Jemand auf der Straße. Die Fahrt heute wird ziemlich zügig gehen. Das bestätigt sich. In einer knappen Stunde bin ich schon in Algund. Vor dem Restaurant ist der Parkplatz frei.

Ich gehe hinein und die Chefin wartet mit einem Servicemann auf mich.

„Wir gehen gleich in die Küche. Heute gibt es als Arbeiteressen, Schnitzel. Wir machen das natur vom Schwein. Dazu einen Salatteller, eine Suppe und ein Dessert.“ Sie erwartet jetzt bestimmt einen Vorschlag. Dazu möchte ich erst Mal schauen, was da ist an Rohstoffen. Wir gehen ins Lager, ins Kühlhaus und schauen in die Gefriertruhen. Besonders sauber ist es nicht. Es riecht etwas. Nicht nach vergammeltem Essen. Nein. Es riecht nach abgestandenem Bier und Rauch. Der Betrieb wird schlecht belüftet. Wir würden Kneipe dazu sagen. Stelle ich jetzt die Lüftung der Küche an, wird es mir den Geruch von Draußen, reinziehen. Ich muss warten, bis meine Chefin draußen die Lüftung einstellt.

Nach dem Umziehen schreibe ich schnell das Menü. Wir haben heute:

Salatteller

Kartoffelsuppe

Linguine Pesto

Schnitzel in Röstzwiebelsugo, Pilaw, Grüne Bohnen

Bayrisch Creme in Kirschsauce

Eigentlich gibt es ein Dreigangmenü für das Arbeiteressen. Wir haben sozusagen, Wahlmöglichkeiten.

Als Erstes schalte ich die Bratplatte ein. Die Schweinskaiserteile liegen im Kühlhaus. Es ist deutsches Fleisch. Ich schneide und klopfe es. Inzwischen ist die Bratplatte warm. Wir erwarten Gäste für um die dreißig Arbeitermenüs. A la carte geht auch. Die Gäste können das Arbeitermenü als Tagesmenü ordern. In Dreigang und Fünfgang.

Im Pastakocher koche ich die Linguine vor. In einem Suppentopf setze ich die Kartoffeln an. Für sie Suppe brauche nicht zu viel. In drei Minuten sind die geschält, gewaschen und geschnitten.

Das Geschäft beginnt und die Gäste merken sofort, ein anderer Koch ist da. Leider weiß ich nicht, ob es ihnen recht ist oder nicht. Der Kontakt fehlt dem Koch. Für die Köche ist diese Zeit ein Blindflug. Wir müssen den Aussagen der Chefitäten glauben. Und genau das fällt mir in Südtirol schwer. Die erzählen es mir so, wie sie es brauchen; nicht, wie ich es benötige. Köche benötigen die Rückmeldung. In jedem Restaurant gibt es einige Stammkunden. In erster Linie möchten wir Köche die Stammkunden ansprechen und deren Verbrauchsgewohnheiten umsetzen. Köche können das. Sie müssen es nur wissen. Wenn ich als Koch deren Geschmack nicht treffe, liegt das in erster Linie nicht an mir. Ich kann den Geschmack oder die Gewohnheiten der Gäste nicht erraten. Und plumpes, „schmeckt nicht“, hilft da nicht.

Genau an dem Punkt sind wir nun angekommen. Ich benötige die konkrete Rückmeldung. Die kommt nicht. Jetzt müsste ich schlussfolgern, die Chefin liebt ihre Kunden nicht. Wenn sie Einen als Partner hat, wird sie ihm doch auch mitteilen, wie sie es gern hat. Das gewisse Extra. Und wenn das gewisse Extra zu kurz kommt, dann wird sie sicher wechseln.

Ich kann an gewissen Bemerkungen hören, ich vertrete einen Stammkoch, der sich gerade ein Extrafrei erstritten hat. Das wäre nicht das erste Mal. In dem Fall wird gelogen, bis sich die Balken biegen. Und das rotzfrech. Mich würde jetzt nicht wundern, wenn noch Aussagen zwecks Sauberkeit und Geschmack kämen. Die kommen nicht. Offensichtlich will die Chefin vermeiden, dass ich sie umgehend allein da stehen lasse.

„Wie lange geht es heute Abend?“

„Bis zehn Uhr.“

„Bis dann.“

Sie antwortet fast schon überfreundlich. Das wirkt nicht aufgesetzt. Es kommt vom Herzen. Machen wir uns Nichts vor. Ich möchte zwischendurch ein paar Cent verdienen. Und die Kollegen geben mir die Möglichkeit. Jetzt könnte ich verlangen, sie mögen das ehrlich tun. Es gibt bei uns in Südtirol irgendeine Kraft, die genau das verhindert. Wir DDR-Bürger sind das nicht gewohnt. Wir sind für ehrliche Verhältnisse und klare Aussagen. So sind wir erzogen. Im Laufe der Zeit, hat sich das bei mir als ein Hauptwiderspruch dargestellt. Komischerweise, reden die Unternehmer mit ihrem Klempner anders; intimer. Aber der kostet Geld. Er verdient ihnen den Lebensunterhalt nicht.

Draußen rufe ich Joana an und teile ihr mit, wann bei mir Feierabend ist.

„Du musst nicht unbedingt danach zu mir rauf kommen.“

„Aber morgen komme ich. Heute werde ich etwas müde sein.“

Die Zimmerstunde nutze ich gleich mal zur Stellensuche zu Hause. Gut. Eine Stunde Ruhe brauche ich dann doch. Mir zieht es die Augen zu.

Gegen halb Fünf fahre ich wieder runter nach Meran. Die Chefin steht hinter dem Tresen.

„Wann schläft die Frau? Hat sie keine Familie?“

Das Gastwirtsleben ist kein Leben für die Familie. Es ist ein Leben für den Kunden. „Wer nischt wird, wird Wirt“, ist ein Sprichwort. Komisch. Bei anderen Dienstleistungsberufen, wie zum Beispiel Friseur oder Verkäufer, sagt das niemand. Es ist Arbeit mit Menschen. Und genau das, scheint mir die wichtigste Arbeit zu sein.

Das Abendgeschäft konzentriert sich eher auf Getränke und mehr oder weniger, fröhliche Runden. Zum Essen kommt hier, unter der Woche, kaum Jemand. Essen ist hier Nebensache. Ein Blick auf die Karte verrät mir das. Trotzdem, auch wenn Essen hier eine Nebensache ist, muss es hier schmecken. Nur das Angebot wird auf normal und notwendig reduziert.

Diesen Abend koche ich um die zwanzig Spiegeleier mit Speck und Röstkartoffeln. Es gibt auch da Abwechslung. Beidseitig gebratene Spiegeleier zum Beispiel. Mit und ohne Speck. Ein Ei mehr oder weniger. Die Röstkartoffeln knusprig oder weniger knusprig, deutlich gewürzt oder nur mit Salz. Man könnte jetzt auswendig lernen, wer welche Speise, wie haben möchte. Vorausgesetzt, der Koch kennt den Gast persönlich oder der Übermittler der Bestellung, personalisiert sie. Das nennt sich dann, Stammkneipe. Das zweite Zuhause von Menschen, die entweder allein sind oder missverstanden werden.

Der Abend ist relativ schnell rum. Ich putze die Küche. Die Chefin bietet mir ein Feierabendbier an. Das lehne ich ab. Ich muss fahren.

Der Abend allein in der Wohnung ist trostlos. Ich glotze etwas Fernsehen und schlafe.