Tag 81


Tag 81

Der Wecker klingelt und mein Tag beginnt mit bösartigen Kopfschmerzen. Ich hab auch nicht gut geschlafen. Permanent geht mir die Arbeit durch den Kopf. Joana hat mir schon den Kaffee durchgelassen. In unserer Hausapotheke haben wir ein Pülverchen das hilft. Joana bekommt das nur auf Rezept. Komisch. Die Sachen, welche helfen, gibt es nur auf Rezept. Von dem Pülverchen nehme ich ein Drittel. Das schluckt sich wie Brausepulver und schmeckt auch so. Ich stell mir den Wecker neu und lege mich noch mal fünfzehn Minuten hin. Bis dahin müsste das Pülverchen wirken.

Der Wecker klingelt wieder und der Kopfschmerz ist weg. Das Mittelchen hilft. Im tiefen Inneren ist noch ein Druck da aber der schmerzt nicht. Den Rest des Pülverchens nehme ich mit. Zur Sicherheit. Nach der Toilette gehe ich runter zu Marlies.

„Du bist aber spät dran heute.“

„Ich bin immer bissl spät dran.“

„Interessant, Karl.“

Marco hat ein paar Panettone gebacken. Den soll ich probieren. Ein Genuss! Er hat ein paar Schokostreußel mit eingearbeitet. Die lösen sich nicht auf beim Backen.

Der Tag beginnt also schon mal gut. Die Kopfschmerzen sind weg und der Panettone schmeckt wie aus dem Himmel.

In Bozen deutet sich noch ein Termin an. Ein Betrieb irgendwo in den Weinbergen. Ich rufe erst an, wenn ich in Italien bin. Jetzt ist mir das zu teuer. Wir haben immer gelacht, wenn wir unsere Kollegen mit den neuesten Telefonen trafen. Jetzt muss ich fast gestehen, ohne das Handy läuft auch Nichts. Das ist eine der wichtigsten Investitionen für Arbeiter. Der Besitz eines Handys belegt zumindest den Wille, sich bedingungslos, in jeder Zeit, ausbeuten zu lassen. Das Telefon ist damit die unsichtbare Hundeleine. Ich halte generell das Handy ausgeschalten. Ich schalte es ein, wenn ich wirklich Zeit und Ruhe habe. Auf dem Motorrad hört man es eh nie. Und jetzt das Ding für mein Geld in den Helm einzubauen, finde ich lächerlich. Außerdem lenkt es ab. Und zwar gewaltig.

Die Nauderer wünschen mit wieder alles Gute und viel Glück.

Zuerst muss ich mal tanken bei meinen türkischen Freunden. Die freuen sich und befragen mich, wo ich jetzt arbeite. „Ich suche noch“, antworte ich ihnen. Sie kennen das aus ihrer Familie. Ihre Verwandten arbeiten alle in Saison. Agnes weiß nur Schlechtes zu berichten. Von Handgreiflichkeiten und unbezahltem Lohn angefangen bis zu schäbigen Verleumdungen bei anderen Hoteliers. So in etwa, „das ist ne Nutte.“ Sie ist eine Nutte, weil sie „Nein“ gesagt hat. Nicht, weil sie hingehalten hat für eine Stelle. Die klugen Kolleginnen sind da etwas routinierter. Sie essen einfach keine Pille und wenn der Begatter nicht aufpasst, zahlt oder heiratet er, notgedrungen. Diese Ehen haben wir auch in Südtirol recht zahlreich. Von Tirol will ich erst gar nicht anfangen. Wir können also davon ausgehen, in Tirol und Südtirol wirklich nur sehr selten einem echten Landsmann zu treffen. Wenn das die Reinrassevertreter wüssten.

Schon auf der Hauptstraße im Ort ist reger Schwerverkehr. Und das zum Dienstag. Die Fahrt wird mir viel Freunde bereiten. Bis Schlanders brauche ich eine Stunde. Und das ist der halbe Weg.

Wie üblich, wenn ich in Südtirol bin, steige ich aufs Motorrad um. Schließlich bezahle ich Ganzjahressteuer. Von Radfahrern kann ich das nicht behaupten. Nach und in Bozen, kann ich mich mit einem Motorrad am besten bewegen. Während die Autofahrer in der Schlange stehen, nutze ich den Freiraum, mich zu wichtigen Sachen durchzuzwängen. Die Neidhammel versuchen regelmäßig, ihre sture Rumsteherei in ihrem spritfressenden Multimediazentrum zur Gewohnheit zu machen. Das sind die, die sich das leisten können und die sind ganz sicher keine Arbeiter. Statt sich also auf ein umweltfreundliches Zweirad zu bemühen, die es heute als Zweiliterfahrzeuge gibt, steht diese Herrenrasse gern in ihrem Protzschlitten rum.

Ein Motorfahrrad, kurz Mofa, gibt es für keine tausend Euro. Und das fährt in übersichtlichen Geschwindigkeiten mit zwei Litern pro hundert Kilometern. Ich bin mir sogar sicher, für dieses Motorfahrrad wäre die Benutzung der Radwege erstreitbar. Selbst die Erzeugung von Energie aus Wasserkraft, ist sicher nicht umweltfreundlicher als die Zweilitermotoren der Mofas. Und sogar mit dem Gefährt bin ich schneller als ein im Stau stehender SUVFahrer. Und das mit einem gewaltigen Unterschied. Ich habe beide Hände auf dem Lenker. Die SUVFahrer auch. Sie haben aber ein Handy zwischen den Fingern und lenken offensichtlich mit ihrem Gemächt. Es fehlen also dringend Handys, die man zusätzlich noch mit den Füssen bedienen kann. Erst dann würden die SUVFahrer wirklich umweltfreundlich stehen.

Ich komme am Hotel an. Ein Riesenkasten. An der Rezeption sage ich meinen Namen. „Ich habe einen Vorstellungstermin.“ Wie üblich in den Kästen, weiß die Linke nicht, was die Rechte tut. Genauso stelle ich mir deren Gastronomie vor. Karrierebetont. Zuerst dachte ich, ich rede mit einem Roboter. Zumindest hat mir das Aussehen der angesprochenen Gestalt den Eindruck vermittelt. Die Haare oder was das auch sein soll, waren eng angelegt, sahen aus, wie gefettet und umhüllten ein Gesicht, welches nicht aus menschlicher Haut bestand. Ich frage mich, ob Salat genug Energie liefert, allein die verkleisterten Augenlider aufzubekommen. Das Etwas rief irgendwo an und sagte mir gestenreich, ich solle bitte etwas warten. Ein Kaffeeautomat hätte mir die Wartezeit verschönert. Leider eine Fehlanzeige. Es gibt da keinen. Nach rund zehn Minuten kam mir ein relativ junger Mann entgegen, der sich als Chefkoch vorstellte. Den Namen habe ich nicht verstanden. Ich traute mir auch nicht, nochmal nachzufragen.

„Ich würde gern zuerst die Küche sehen, bevor wir über eine Bewerbung reden.“

„Kommen Sie mit.“

Wir gehen in die Küche und zu meinem Erstaunen, arbeiten dort ziemlich junge Menschen.

„Wir haben heute Lehrlingstag.“

Also, wie immer. Die Lehrlinge kochen während die Chefs saufen und das als ihre Leistung verkaufen.

Der Küchenchef zeigt mir auf mein Verlangen die Karte und mir blieb fast der Atem stehen.

„Verkauft Ihr auch das Geschirr mit dem Essen?“

„Wir sind ein Feinschmeckerbetrieb.“

Also doch. Der Geschirrpreis ist bei jeder Portion einkalkuliert. Zufällig stellt ein junger Kollege ein Portion her. Er muss sie nicht kochen. Er greift in einen Karton und holt dort eine Vorspeise heraus. Mit einer Schere schneidet er die Plastikverpackung ab, die locker das Etwas umhüllt.

„Was ist das?“

„Eine Vorspeise.“

Den Namen kann ich nicht beschreiben. Das Wort ist mir unbekannt. Den Kunden sicher auch. Aber, die essen das. Ich glaube, erkannt zu haben, die Vorspeise wäre ein etwa mittelgroßer Gamberischwanz. Etwas gebacken, scheinbar.

Die Beschreibung liest sich etwa so:

„Ein mit Kalmutbrösel panierter, in Kokosfett gebräunter, argentinischer Gamberi in Sizilianischem Mandarinenschaum“. Wir reden von einem nicht knusprigen, dreißig Gramm schweren amtlich erklärten Lebensmittel, bei dem sicher am Personal gespart wurde, um den quecksilberhaltigen Darm zu entfernen. Ich schaue nicht nach. Ich möchte meinen Kollegen nicht enttäuschen.

Die Küche samt Einrichtung ist eigentlich zufriedenstellend. Dort kann Unsereiner gut basteln und nahezu Alles, selbst herstellen. Wenn man es kann und darf.

„Wie sieht es denn mit den Arbeitszeiten und dem Lohn aus?“

„Lohn gibt‘s bei uns Tarif. Überstunden müssen genehmigt werden. Wir haben geteilte Arbeitszeiten.“

Also, für Tarif, vier Wege nach Bozen und zurück. Wir haben eine Steigerung zu Schenna von nahezu hundert Prozent. Zu meinen Lasten.

„Bei uns gibt es keine Wegevergütung.“

„Und schwarz?“

„Das gibt es bei uns nicht.“

„Was ist mit Wäschegeld, Wäscherei, Dienstkleidung, Handwerkszeug und so weiter?“

„Dienstkleidung gibt es hier. Handwerkszeug nur das, was wir im Betrieb haben.“

Ich soll also von vierhundert Euro pro Monat, Netto, leben. Ich frag mich gerade, wo ich in Bozen eine Wohnung für vierhundert Euro mieten kann. Nicht mal in der Garagensiedlung. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln könnte ich mich nicht bewegen. Die sind nicht für Gastronomen mit geteiltem Dienst gedacht. Abends müsste ich eh zu Fuß nach Hause gehen. Der Gesundheit wegen. Zimmermädchen und Frühstückspersonal leiden unter den gleichen Bedingungen. Nur zum Vergleich. In der DDR fuhr in der Nacht ein Bus für die Schichtarbeiter. Wer diesen Bus aus Dienstgründen nicht schaffte, bekam ein Taxi gestellt. Das fuhr dann alle Kollegen zusammen, nach Hause. Und zu DDR Zeiten konnten wir uns selbst als Kind, nachts allein auf die Straße oder die Allee getrauen. Bei uns gab es bedeutend weniger Kranke, die Kinder befummelten.

Fortsetzung folgt

Ein Jahr Virus


Ein Jahr Virus

Heute habe ich mal einen nicht ganz fachfremden Kommentar zu dem Virusgeschehen.

Köche sind im Umgang mit Viren und Bakterien speziell geschult. Unsere Hygienerichtlinien schrieben und schreiben uns vor, wie wir uns bei der Speisenherstellung zu verhalten haben. Mehr oder Weniger, halten wir uns daran, sofern wir dazu die dafür benötigte Zeit haben.

In dem Zusammenhang erlaube ich mir, mal eine DDR, sprich, ein sozialistisches- mit dem anderen System zu vergleichen.

Zunächst stellen wir fest, dass wir jetzt mittlerweile, ein Jahr und einen Monat, im Hausarrest sitzen. Saisonarbeiter mit Saisonablauf, Herbst 2019 und keinem Wintervertrag, sitzen schon ein und ein halbes Jahr zu Hause.

In der DDR gab es ein Gesundheitssystem, das nicht perfekt war. Wir hatten immerhin unter tausenden Sanktionen und Embargos zu leiden. Das bedeutete, wir bezahlten Importe der sanktionierten Rohstoffe, mit einem bis zu zehnfachen Einkaufspreis. Dazu gehörte das Glück, nicht von einem der westlichen Nachbarn bestohlen zu werden. Das führte bisweilen zum Totalverlust bereits gekaufter Waren. Die Verbrecher im Westen haben sich mit dem geklauten Gut, goldene Nasen verdient. Ob jetzt gerade Penicillin oder Steinkohle geklaut wurde, war saison- oder sanktionsabhängig. Zusätzlich wurde die DDR nahezu gezwungen, eigene Produkte zu entwickeln, um diese Embargos abzumildern oder gar nachhaltig zu umgehen. Wer einmal miterleben durfte, wie Arbeitskollegen nach einem Arbeitsunfall, die Hand oder Finger abgenommen werden mussten, weil es kein Penicillin oder andere wichtige Medikamente gab, darf sich gern vorstellen, wie es ist, einen lieben Familienangehörigen zu verlieren.

Die DDR hatte praktisch das Know How, jedes Embargo wirkungsvoll zu umgehen oder abzumildern. Genau in dem Zusammenhang sehe ich das aktuelle Virengeschehen und die Reaktionen darauf. In der DDR wurden keine Krankenhausbetten reduziert, keine Krankenschwester um den Lohn beschissen oder Ärzte vertrieben.

Die DDR hätte allgemein so reagiert wie der Bruderstaat Weißrussland. Ganz einfach deswegen, weil wir genug Krankenhauskapazitäten und gut ausgebildete Ärzte hatten. Damit erübrigt sich, nachzudenken, wer einem nun das verlorene Jahr bezahlt und entschädigt. Angeblich sind wir ein Bestandteil der Freien Welt. In der DDR hätte sich Keiner getraut, einem Werktätigen, ein Jahr Freiheit zu stehlen.

In günstigen Fällen erlebt ein Arbeiter, siebzig Jahre. Eins ist uns davon gestohlen worden. Nicht von dem Virus. Da müssten wir Köche und auch Ärzte, fünfzig verlorene Jahre anzeigen. Köche, auch Ärzte und Viele mehr, arbeiten täglich mit Viren, von denen sicher Einige tödlicher sind als das aktuelle.

Wir reden also von einer übergreifenden Unfähigkeit der Vertreter kapitalistischer Systeme im Umgang mit Viren und Krankheiten. Das zeigt uns der mafiöse Streit um Masken, um Impfstoffe, um Menschen- und vor allem, um Kinderleben.

Es ist jetzt Zeit, sich ernsthaft zu fragen, ob dieses System, trotz der Riesenpropaganda der bezahlten Meinungsmacher, das bessere ist.

Beachten Sie bitte dabei, der Großteil der Erwachsenen Bürger und Saisonkräfte aus dem Osten Europas, kennt den Sozialismus. Und die vergleichen diese beiden Systeme wie ich.

Sie dürfen mich gern fragen, wer da verliert in dem Vergleich.

Tag 80


Tag 80

Ich wecke allein vom Wecker auf. Joana ist schon auf Arbeit. Sie hat mir die Messer eingepackt. Die brauche ich heute. In Italien sind Winterferien. Eigentlich bin ich nur für Heute zur Probearbeit bestellt. Ich bin mir sicher, heute ist das Restaurant ausgebucht. Eine Gesellschaft. Es gibt:

Salatteller

Mille fanti

Hirtenmakkaroni

Ossobuco, Safranrisotto

Tris von Schokomousse

Mir scheint, die Gesellschaft ist eine italienische. Bei dem Programm muss ich sehen, recht schnell aus dem Haus zu kommen. Ich kenne die Küche nicht. Auf dem Handy ist zudem eine neue Nachricht. Ein Hotel aus Bozen. Die suchen einen zweiten Koch und wollen mich heute oder morgen sehen. Wir haben keine feste Zeit vereinbart. Im Managment arbeitet ein Westdeutscher. Da muss ich mir als DDR – Koch keine Hoffnungen machen. Die kommen von einem anderen Planeten und wollen Abfall, schön eingepackt servieren. Die brauchen keine Köche. Bei denen machen das unterbezahlte Abspüler aus Bangladesch. Die Verhandlung besuche ich nebenbei. In Garmisch wollte mir so ein Manager tausend Euro Lohn anbieten und davon, achthundert für Wohnung und Essen abziehen. In Bayern dürfen kriminelle Betrügerbanden offiziell arbeiten. Dir dürfen die das vom Lohn abziehen und gleichzeitig dürfen die das steuerlich absetzen. In Italien wären längst die Carabinieri in dem Haus zwecks Beweissicherung.

Der Weg nach Meran wird heute eine besondere Belastung, schätze ich. Ich fülle mir eine Thermoskanne mit Kaffee. Marlies muss ich mal fragen, ob sie Sahne hat. Unsere ist alle. Dursun steht zusammen mit Alfred bei Marlies. Die Zimmermädchen sind schon wieder weg. Heute ist sehr viel Wäsche zu waschen und zu bügeln. Die Mädels tun mir leid.

Alfred fragt wie immer, wo ich heute bin. Ich erzähle ihm von Schenna. „Schenna? Dort sind wir fast jedes Jahr. Nur kurz. Wir treffen dort unsere Wintergäste.“

„Also, die arbeitsscheuen westdeutschen Dauerurlauber und Schutzgeldpresser.“

„Genau. Von Denen leben wir.“

„Ich dachte, in Europa ist Geldwäsche verboten.“

Dursun lacht laut und Marlies muss die Zwei mit einem diskreten Nicken zur Ruhe anhalten. Am Eingang zur Frühstücksküche steht eine westdeutsche Touristin und hört uns die ganze Zeit zu. Marlies stürmt zu ihr hin und fragt, wie sie ihr helfen kann.

„Die Brötchen sind alle!“, sagt die in einem barschen Ton. Komisch. Marlies war wirklich erst vor fünf Minuten drinnen. In Fünf Minuten ein Buffet abräumen, schaffen wirklich nur Westdeutsche und Holländer. Letztere verteilen sie Speisereste noch sorgfältig im Bett und im Hotelzimmer. Grausam. Die scheinen sich im Gestank wirklich wohl zu fühlen.

Die Drei verabschieden mich und wünschen mir eine gute Fahrt. Marlies packt mir ein Schinkenbrötchen ein. Mehr Schinken als Brötchen. Was hab ich getan, dass ich den Kollegen so leid tue?

Montags den Reschen runter ist ein Qual. Heute darf ich das besonders spüren. Mit etwas Grips und dessen Anwendung, würde das nicht passieren. Ich setze aber keine Intelligenz voraus bei den Logistikunternehmen. Die gehen nach billig. Nicht nach wirtschaftlich.

Die Fahrt bis Meran dauert eine und eine halbe Stunde. Bis Schenna rauf, sind noch dreißig Minuten fällig. Eine viertel Stunde stehe ich allein in Sinich rum. Eine Abfahrt mit direkter Anbindung an den Kreisverkehr nach Schenna und Hafling unter der Umgehung von Sinich, wäre der absolute Lottogewinn. Viele Südtiroler würden diese Abfahrt feiern. Bis zur Heli ist sie ja schon gebaut.

Ich komme in Schenna an und muss auch nicht wirklich lange suchen.

Ich werde freundlich empfangen. Die Küchentechnik ist nicht die neueste. Alles steht bereit. Das Mousse hat mir schon die Familie gekocht und kalt gestellt. Das Mousse ist mit Kochschokolade hergestellt. Die nehme ich nicht. Vor allem nicht bei Gesellschaften, deren Speisefolge ungewiss ist. Das Mousse wird immer zu kalt serviert wegen der Schokolade. Schokolade schmeckt eiskalt nicht so intensiv wie bei Zimmertemperatur.

Zumindest habe ich diese Arbeit weniger. Da dauert eh das Portionieren am längsten. Und das bleibt mir nicht erspart.

Die Ossobuci samt dem Wurzelgemüse sind schnell angesetzt. Ich brate sie gleich im Dämpfer an. Das Ragu für die Bolognese schiebe ich gleich mit rein. Der Nudelkocher dampft schon. Fehlt nur noch die Suppe, der Salat und das Risotto. Gegen Elf bin ich fertig. Das Risotto habe ich lediglich vorgekocht. Die Sauce vom Ossobuco habe ich zusätzlich zum Dunst beim Anrösten, mit Kartoffelflocken gebunden. Wir erwarten sechzig Gäste im Mittel. Gedeckt und gekocht haben wir für achtzig. Gebucht haben die italienischen Gäste für halb Eins. Das ist lange überschritten und ich muss mir jetzt Gedanken machen, das Essen in der Qualität zu halten, in der wir es vorgesehen hatten.

Die Gäste kommen. Es ist halb Zwei. Das Menü beginnt gegen Zwei. Die Vorstellung heute, kann ich schon mal abschreiben. Es waren siebzig Gäste. Den Rest haben wir mit Platten nachgereicht. Unsere Gäste haben Alles bestens aufgegessen. Sie kommen in die Küche und geben mir Komplimente. Ich dachte erst, unsere Gäste wären Förster. Sie sind Alpini. Sie sind zu einem Treffen eingeladen, bei dem es um die Vorbereitung eines feierlichen Anlasses geht. Sie schießen ein paar Fotos zusammen mit den Gastgebern und mir. Die Atmosphäre ist herzlich und liebevoll. Typisch, italienisch eben.

Nach dem Küchenputz gibt mir der Chef ein Geld. Nicht zu wenig.

„Willst Du die Saison bei uns arbeiten?“

Ja, und jetzt wird‘ s geschäftig.

„Zwei geteilter Dienst?“

„Ja. Von Neun bis Zwei und von Sechs bis Zehn.“

Das klingt ja oberflächlich schon ziemlich zivil.

„Habt Ihr ein Zimmer für mich?“

„Nein. Du hast es doch nicht weit.“

„Naja. Zwanzig Kilometer sind es. Und das mal Vier, sind achtzig. Durch Stadtverkehr. Das macht zwischen zwei und drei Stunden Fahrtzeit. Dazu kommen aller drei Tage, zwanzig Euro für Benzin.“

„Stimmt.“

„Ja. Und das fehlt mir. Dazu kommt die erhöhte Unfallgefahr.“

„Was macht das dann bei Dir.“

„Ja….Dreiacht bis Vier.“

„Wir rufen Dich an.“

Und schon bin ich wieder im Auswahlverfahren.

Wir verabschieden uns herzlich. Der Tageslohn ist jedenfalls beachtlich. Er drückt mir Zweihundert.

Mit der vollen Tasche geht es jetzt in Richtung Reschen. Nachmittags ist das kein Zuckerschlecken. Ich brauche eine und eine halbe Stunde.

Marco ist schon da und bereitet das Abendmenü vor.

„Joana ist Oben und hat Dein Essen mit.“

„Brauchst Du Hilfe?“

„Nein. Das kann Alles Dursun.“

Alfred ist nicht da. Er macht sich wahrscheinlich frisch für das Abendgeschäft. Morgens mit der Erste und Abends, der Letzte. Beachtlich in dem Alter.

Joana wartet. Sie schläft noch nicht. Ich krempele meine Taschen um und gebe ihr den Inhalt.

„Ganz schön. Und?“

„Morgen bin ich in Bozen. Das wird eine kurze Vorstellung.“

Fortsetzung Tag 79


Danke sag ich aber, wenn ich nicht grob beschissen werde. Und das ist sehr selten.

„Ich rufe an, wenn ich Dich wieder brauche.“

Das klingt jetzt bissl komisch. Für was, außer Kochen, kann ich denn sonst noch gebraucht werden? „Ist denn der Streit mit Fausto behoben?“

„Welcher Streit?“

„Sie haben zu mir gesagt, Sie hätten sich mit Fausto gestritten und der will wo anders anfangen.“

„So? Hab ich das gesagt?“

Eigentlich wird es Zeit, dort wegzukommen. Schneefall hat eingesetzt. Das wird lustig. Algund ist ein ziemliches Niederschlagsloch. Dort regnet es besonders viel, scheint mir. Immer, wenn ich in Tiefdruckzeiten durch Algund muss, werde ich nass. Neben Sinich, macht sich diese Gegend durch wirklich starke Niederschläge bemerkbar. Oft dachte ich, bis nach Hause schaffe ich es trocken. Algund hat oft gereicht, meine Lederkombi restlos aufzuweichen. Das Schlimme dort ist, es gibt keinen einzigen Fleck, an dem man sich schnell mit dem Motorrad unterstellen könnte. Zwei Kilometer Weg reichen, um eine Volldusche zu bekommen. Nicht selten steht dort das Wasser auf der Straße, zwanzig bis dreißig Zentimeter hoch. Das ist für Autofahrer nicht ungefährlich.

Bei dem Schneefall denke ich zuerst an die untertunnelte Ausfahrt von Meran Mitte. An deren Einfahrt auf die MEBO, kann ich immer noch überlegen, wie ich weiter fahre. Auf der MEBO liegen nur ein paar Krümel Schnee. Wahrscheinlich wirkt dort noch ein Rest schon aufgebrachten Salzes. Es ist nur etwas feucht. Für Zweiradfahrer ein gefährlicher Straßenzustand. Zum Glück ist recht wenig Betrieb in die Richtung. In die Gegenrichtung, ist ein richtiges Gedränge. An der Forstbrauerei ist jeder Parkplatz belegt. Dort gibt es Stau. Das erinnert mich an DDR- Ausfluglokale im Erzgebirge oder an diversen Stauseen wie Kriebstein. In Burg – Kriebstein hatten mal zu DDR – Zeiten, Westspione die sächsische Nationalkunst geplündert. Sie gingen damit ihrer Gewohnheit nach; Plündern und Zerstören. Mit dem Fall der Mauer wurde dieser westdeutsche Nationalsport auf dem DDRgebiet kultiviert. Das war die Hochzeit für die alten verurteilten Kriegsverbrecherfamilien aus Bayern und Schwaben.

Ich bin schon zu Hause. Heute lohnt es sich, zu Joana zu fahren. Sonntags ist in meine Richtung sicher kein Stau zu erwarten.

Bis Schlanders treffe ich nur Stau auf der Gegenseite. Ich könnte an keinem Fleck einen Traktor überholen. So dicht ist der Rückreiseverkehr.

Kaum bin ich aus Schlanders raus, kommt mir der gleiche Stau wieder entgegen. Dieses Mal habe ich einige Kurvenschneider dabei, die mich weit über den rechten Rand zwingen. Ein Ochse schneidet als Erster die Kurve und alle Trottel machen es ihm nach als hingen sie bei ihm an einem Abschleppseil. Ab der Abfahrt Allitz wird Luft. Jetzt beginnt ein Wettrennen, bei dem sich alle frei fahren, die sich beengt und behindert fühlten. Und das in meinem Gegenverkehr. Drei Autos neben einander. Das ist dort die Grundnorm. Durch Eyrs ist Stau. Viele Polizisten stehen am Rand. Hin und wieder stehen auch Autofahrer bei ihnen, die sicher abkassiert werden. Ab Spondinig ist plötzlich Ruhe. Ich will es kaum glauben. Wahrscheinlich fahren die Besucher des Reschen, eher nach Hause als die aus dem Stilfser Gebiet kommenden. Bis Mals geht es schnell und ab dort, treffe ich nur noch ein paar Kollegen, die nach Hause fahren.

Alfred steht mit Dursun vorm Hotel. Sie entspannen jetzt etwas. Alfred winkt mit der Hand abfällig. Die Zwei scheinen froh zu sein, den Tag geschafft zu haben.

„So viele Reklamationen wie an diesem Sonntag, hatte ich noch nie.“

„Was ist denn reklamiert worden?“

„Der Preis.“

„Also, wie üblich. Das Buffet drei Mal leer fressen und dann reklamieren.“

„Die haben sogar für die Heimfahrt das Jausenbuffet abgeräumt.“

„Da sind wenigstens die Reste vom Frühstücksbuffet mit verräumt.“

„Zum Glück. Obwohl; unsere Schweine hätten sich auch gefreut drüber.“

„Geh mal zu Marco. Der hat Dir ein Leckerlie gekocht.“

Ich gehe zu Marco. Joana ist auch da. Marco hat mir eine Riesenschüssel Backhähnchen gekocht. Ich werde fast verrückt bei dem Anblick. Jetzt noch ein Pfund gut abgeschmeckte, selbstgemachte Mayonnaise und dann ins Bett.

„Wo bist Du morgen?“

„In Schenna. Ich glaube nicht an ein festes Engagement. Schenna hat erst im April Saisonbeginn.“

„Schenna. Ein Einfamiliengeschäft. Ni gut“, sagt Marco.

„Ein Name, eine Firma, eine Familie.“

„Genau das.“

„Danke, mei Gutster und gute Nacht.“

Joana geht mit aufs Zimmer. Wir reden noch etwas von dem Tag und verdrücken zusammen die Riesenschüssel, Backhähnchen.

Tag 79


Tag 79

Irgendwie ist es schon mal schön, ausschlafen zu können. In unserem Beruf wird zu langer Schlaf mit Kopfschmerzen belohnt. Wir sind es nicht gewohnt, lange zu schlafen. Die Unmengen an Benzolen, die wir bei Grill- und Bratarbeiten einatmen, tun dann ihr Werk. Dagegen ist Rauchen, reine Medizin. Besonders schlimm ist das in Gasküchen. Und genau die sind beliebt bei Unternehmern, weil billig. Gunda ist da eine Ausnahme. Ihre Bratplatte besteht aus Ceran. Der Umgang mit Ceranbratfeldern muss etwas geübt werden.

Mein Frühstück besteht aus Kaffee und selbstgedrehten, fast tabakfreien Zigaretten. Gelegentlich streue ich mir ein paar Gramm Burley mit rein. Das ergibt einen leichten Zigarrengeschmack. Ich lasse mir gerade wieder ein paar Kräuter durch die Nudelmaschine. Die fermentiere ich nach dem Schneiden. Die letzten Weinblätter musste ich anders verarbeiten. Die habe ich fast ein halbes Jahr fermentiert. Der Geschmack war dann etwas zu dominant. Nicht wirklich ein Rauchgenuss. Ich hab dann meine Hackfleischröllchen drinnen eingerollt und das Weinlaub als Bratwurstdarm benutzt. Und das schmeckte. Allgemein fermentiere ich meine Kräuter mit Vanille, Kokos, Kirsch und Rum. Das schmeckt als Rauchtabak aber witzigerweise, auch als Bratwurst. Jetzt muss ich nur noch probieren, ob das als Tee schmeckt. Dann wäre meine Welt perfekt.

Eigentlich wäre heute alpiner Sport im Fernsehen angesagt. Komisch. Solche Sportveranstaltungen finden ausnahmslos an Wochenenden statt. Dienstleister wir Köche, Kellner und viele mehr, werden davon ausgegrenzt. Uns bliebe jetzt nur die Aufzeichnung der Veranstaltung. Und das ausgerechnet bei privaten Fernsehanstalten, die selbst ihrem eigenen Programm nicht folgen.

Wir schauen dann eben diesen Profisport nicht mehr. Vielleicht ist das auch gut so. Wir haben damit eine Aufregung weniger, aber eine Ausgrenzung mehr. Eine Unterhaltung mit diesem Thema ist dann für uns tabu.

Heute Früh hat es minus ein Grad. Es ist trocken. Das ist fast schon ein ideales Motorradwetter. Um die gefrorenen Pfützen müssen wir natürlich einen Bogen fahren. Aber sonst, geht es gut.

Heute Morgen treffe ich keinen einzigen Fahrer bis Algund. Erst im Ort sind ein paar Autos zu sehen. Die meisten haben Ski auf dem Dach. Ein paar Rodel sehe ich auch.

Gunda ist noch nicht da. Wahrscheinlich ging es lange gestern Abend. Dafür ist aber Dora im Haus. Sie wischt gerade das Restaurant und putzt etwas den Tresen. In der Küche klappert es. Ich schaue hinein. „Ich bin Fausto.“

„Guten Morgen. Karl.“

„Bist Du zurecht gekommen?“

„Ja. Wann kommst Du wieder?“

„Morgen. Ich könnte auch heute Abend, wenn Du Etwas vor hast.“

„Das würde mir gut passen. Ich bin morgen in Schenna.“

„Geht gut. Ich mach das heute Abend.“

„Soll ich Dir Etwas vorbereiten?“

„Etwas Salat wäre gut. Sonntag Abend ist recht viel los.“

Dora kommt mit dem Kaffee. Kurz darauf kommt auch Gunda. Sie staunt, weil Fausto schon da ist. Er sagt ihr, dass er abends arbeitet.

Zu Mittag erwarten wir nicht die große Menge Gäste. Zum Abend schon. Ich mach uns den Salat fertig. Genug; auch für abends. Dazu koche ich für Fausto im Dämpfer, Pellkartoffeln. Dora möchte gern so ein Geflügel essen, das ich als Wiener Backhähnchen gekocht habe. Fried Chicken. Sie schaut genau zu, wie ich es mache. „Das geht ja einfach“, sagt sie zu mir.

Wir haben zu Mittag, vier Essen. Wiener Schnitzel mit Pommes. Das war‘s. Zu Nachmittag, denke ich, wird es Kuchen geben. Gunda hat drei Tortenkartons.

„Komm mal bitte zu mir ins Büro.“

Ich gehe ins Büro. Gleich hinter dem Tresen. Das Büro hat kein Fenster. Gunda bedankt sich und gibt mir Fünfhundert. Ich bedanke mich auch. Aus Höflichkeit. Für einen Lohn muss man sich nicht bedanken. Lohn ist eine Schuld für bereits erbrachte Leistung.

Fortsetzung folgt

Tag 78


Tag 78

Ich werde geweckt. Nicht von Joana, sondern vom Zimmertelefon. Joana ist schon Unten. Reka hat die Telefonanlage neu programmiert, die mich wecken soll. Sie sagt mir, es sei eine Probe. Sie mussten die Anlage neu programmieren. „Der Kaffee wartet schon“, sagt sie zu mir und lacht.

Nach einer Katzenwäsche gehe ich schnell runter. Alle sind da. Heute ist ein Wechseltag. Für sämtliche Abreisen stehen Anreisen zu Buche. Die Zimmermädchen haben heute besonderen Druck.

Oft stehen die Anreisenden schon im Haus, während die Abreisenden noch bis Zehn im Zimmer sind. Wir üblich, gibt es auch da säumige Gäste. Die sind eben der Meinung, sie könnten bis Nachmittag im Zimmer bleiben. In so einem Fall räumt Dursun das Zimmer. Dursun weiß viel zu erzählen über solche Räumaktionen. Dursun ist aber weder ein Arzt noch ein Anwalt. Er steht nicht unter Schweigepflicht. Als Gast, der es auf so Etwas ankommen lässt, würde ich mir das vorher überlegen. Vor allem dann, wenn ich über undichte Ausscheidungsöffnungen verfüge oder es mit der Sauberkeit nicht so genau nehme. Wer sich also nach der Benutzung der Toilette nebst reichlich Toilettenpapier, ungewaschen auf das Bett setzt, zeigt das Dursun. Dursun und unsere Frauen müssen sich davon nicht mehr übergeben. Sie sehen es zu oft. Und selbst da, können sie Unterschiede zwischen einzelnen Völkern und Nationen erkennen. Und ausgerechnet die, welche Bürger anderer Nationen als Untermenschen oder Drecksvolk bezeichnen, haben die längsten Bremsspuren in der Bettwäsche. Ausgerechnet unsere italienischen und muslimischen Gäste, hinterlassen mehrheitlich, tadellose Bettwäsche. Oft denken unsere Zimmermädchen, die Zimmer wären nur kurz belegt oder gar nicht benutzt worden. Wir amüsieren uns immer wieder über Dursuns Geschichten. Ahu und Mira geben dazu auch kurze Kommentare. Genauer brauchen sie das nicht beschreiben. Der Bäcker würde denken, wir mögen seine Personalgaben nicht mehr. Zum Glück ist sonntags das Gebäck bereits verzehrt. Sonntagmorgen finden die Zimmermädchen und Dursun auch diverse Mageninhalte in den Betten und Bädern. Da bliebe das Gebäck stehen.

Mit den wirklich unterhaltsamen Frühstück im Bauch, fahre ich los. Ich befürchte einen recht strengen Verkehr. Die Befürchtung wird nicht erfüllt. Die Straßen sind leer. Fast wie Sonntagmorgen. Ab Naturns kommen mir erst Autos entgegen, die Skiausrüstungen auf dem Dach haben.

Zu Hause bin ich recht früh. Ich kann fast zwei Stunden ruhen. Ehrlich gesagt, brauche ich das auch. Ich fühle mich schlaff und verbraucht.

Zu Gunda fahre ich heute wieder mit dem Motorrad. Abends sind zwar Niederschläge angesagt, aber Schnee erwarte ich keinen. Es ist tagsüber zu warm für Schneefall.

Heute ist kein Tagesmenü vorzubereiten. Das passt. Wir sind kein Ausflugslokal. Ein paar Frühschoppler sitzen am Tresen. Sonst ist das Lokal ziemlich leer.

Küchentechnisch ist eigentlich Nichts vorzubereiten. Selbst Salatteller würde ich erst auf Abruf herstellen. Ich koche ein paar Pellkartoffeln. Gunda hat feine Pustertaler Kartoffeln mitgebracht. Die liegen etwas zu warm neben der Kühlzelle. Ein Fünf-Kilo-Säckchen koche ich, bevor sie anfangen zu keimen. Ein paar Karotten könnte ich noch schälen. Als Vorbereitung für Salat oder als Gemüsebeilage für Montag.

Das Mittag geht schnell rum. Wir verkaufen drei Spiegeleier und ein Wiener Schnitzel mit Pommes. Kaum ist das Mittag vorbei, kommt Dora. Sie bleibt bis zum Feierabend über Nachmittag. Sie hat Kuchen mit. Wahrscheinlich verkauft Gunda am Samstag Nachmittag etwas Gebäck. Ich verabschiede mich bis zum Abendservice. Selbst diese vier Wege von zu Hause zur Arbeit und zurück, kosten mich ohne den Weg nach Nauders, pro Tag, Benzin für fast vierzig Kilometer. Das sind drei Euro. Pro Monat wären das zwischen siebzig und achtzig Euro. Die Kosten inklusive Steuern, bezahle ich von einem Lohn, den ich schon versteuert habe. Und das zu Gunsten einer Firma, für die ich arbeite.

Im Fernsehen kommt alpiner Skisport. Ich stelle die Wecker und schlafe ein bei der Übertragung. Zu Essen gibt es nichts.

Gegen halb Fünf weckt mich wieder der Wecker. Langsam wird mir der Tagesablauf zu eintönig. Schlafen, Fahren und Buckeln. Am Montag geht es nach Schenna. Mal sehen, was es dort gibt. Ich erwarte etwas Abwechslung. Sonst nichts.

Das Abendgeschäft schien mir etwas interessanter zu werden. Im Gastraum saßen um die zwanzig Gäste, die ich noch nicht gesehen habe. Ich dachte, die bleiben zum Essen. Irrtum. Zehn Minuten später brechen sie auf. Neben ein paar Wiener- und Naturschnitzeln mit Pommes und Röstkartoffeln, verkaufe ich zwei Speckbrettln. Das war mein Abendgeschäft. Ehrlich gesagt, ist der Erlös bei Spiegeleiern etwas höher.

Gunda dankt mir und Dora möchte die Küche allein putzen. Sie schicken mich nach Hause. Es ist ziemlich spät. Bei einer Stunde Fahrt, schaffe ich es noch vor Zwölf.

Zu Hause angekommen, rufe ich Joana an. Sie verbietet mir zu fahren. Mir bleibt also ein einsamer Fernsehabend. Um mich etwas aufzubauen, schaue ich mir „Die Olsenbande“ an. Trotz des lustigen Filmes, muss ich an Helga Hahnemann denken, die an Krebs starb. Helga kannte ich noch als kulinarischer Gastgeber. Sie war ziemlich oft Gastkünstler in unserem Kulturhaus.

Ich schlafe ein beim zweiten Teil dieser Serie.

Tag 77


Tag 77

Der Freitag beginnt mit dem Klingeln von Joanas Wecker. Ich stehe gleich mit auf. Freitags muss ich mit dichtem Verkehr rechnen. Ich möchte fahren, bevor der Berufsverkehr einsetzt. Zu Hause kann ich mich ja noch eine oder zwei Stunden hinlegen.

Natürlich erzähle ich Joana vom ganzen Tag und Joana mir, von ihrem. Ich teile ihr auch den Termin in Schenna mit. Da spekuliert sie auch etwas mit einem Ganzjahresplatz. Wenn ich ehrlich sein soll, ist mir angesichts der Arbeitszeiten, ein Ganzjahresarbeitsplatz gar nicht so recht. Irgendwann müssen die Knochen auch mal ausruhen. Sechstagewoche bei mindestens zwölf Stunden täglich, ist als Jahresarbeitsplatz bösartige Ausbeutung. Bei gesetzlicher Arbeitszeit wären das immerhin zwei Arbeitsplätze. Sogar in Schichtbetrieb, wie in der DDR. Nicht im geteilten Dienst mit vier riskanten, teuren Arbeitswegen wie in Südtirol. Wir reden noch nicht von Umweltschutz und den Behauptungen dahingehend. Wer eine geteilte Arbeitszeit durchsetzt, ist nicht wirklich am Umweltschutz interessiert. Und schon gar nicht an der Minderung des Verkehrsaufkommens. Mich wundert nur die relativ geringe Anzahl an Unfällen.

Nach der Toilette gehen wir zusammen runter zu Marlies. Marlies hat Stress. Sie hat aber feines Gratisgebäck vom Bäcker da liegen. Dursun ist schon am Kauen. Der Bäcker hat diesen herrlichen Stollenkuchen mitgeschickt. Bei uns wurde der Kartoffelkuchen genannt. In Sachsen. Auch bei uns in der DDR gab es regionale Unterschiede. Bei uns wurde der Pizza ähnliche Kuchen mit reichlich Butter bestrichen und Zucker bestreut. Rosinen, Mandeln und auch mitunter Zitronat, waren Bestandteile dieses Blechkuchens. Frisch schmeckte der köstlich wie jedes Hefegebäck.

Für Hefegebäck braucht es eben auch genug Kunden.

Unser Morgenplausch ist recht kurz und wir beschränken uns auf kleine Anspielungen des Lächelns wegen. Frei nach de Sprichwort: „Wer lächelt, hatte Sex.“ Genau in diesem Rahmen werden dann Komplimente für Figur, Aussehen und Verhalten verteilt. Das wirkt für den kommenden Arbeitstag recht erfrischend und aufbauend. Wahrscheinlich ist das deswegen jetzt verboten. Wer will schon einen positiv motivierten, lustigen Arbeiter? Der ist doch krank.

Langsam werden die Nächte etwas wärmer, scheint mir. Ich muss das Auto nicht warm laufen lassen.

Auf der Hauptstraße ist schon reichlich Gedränge. Halb Sechs früh. Trotzdem gibt es bis Schlanders keine Behinderungen. In Schlanders wird der Verkehr etwas dicker. Das liegt aber eher an der Zeit. Warum ausgerechnet freitags und montags, mehr Betrieb ist als an den anderen Tagen, bleibt mir ein Rätsel. Arbeiten Südtiroler nur an den zwei Tagen?

Zu Hause angekommen, kann ich mich noch ein Stündchen hinschmeißen. Ich stelle mir drei Wecker. Wehe, ich verschlafe. Ich lege mir einen Film ein: „Fargo“. Der wirklich herrliche Film ist schlecht geeignet zum Einschlafen. Trotzdem gewinnt die Müdigkeit. Ich werde mir den Film zur Mittagsruhe noch einmal anschauen.

Acht Uhr klingelt mein Wecker. Nach einer kleinen Erfrischung genehmige ich mir ein zwei Kaffee.

Endlich kann ich wieder etwas Motorrad fahren.

Gunda steht nicht allein vor dem Restaurant. Sie redet mit einem Gast. Sie grüßen mich.

„Bischt Du der Neie?“

„Ja. Guten Morgen.“

„Er isch e Extrakommitarier aus Ostdeitschloand“, sagt Gunda zu ihm. Gunda ist dreisprachig, bemerke ich gerade. Italienisch, Deutsch und Südtirolerisch. Italienisch und Mundart, nutzt man gern, wenn man nicht verstanden werden möchte.

Ich verstehe das als Aufforderung, zu gehen.

Kaum bin ich umgezogen, kommt Gunda. „Heute gibt es:

Salatteller

Tomatensuppe

Spaghetti Carbonara

Rippelen, Röstkartoffel, Sauerkraut

Erdbeerjoghurt

In der Küche steht ein Karton mit deutschen, abgekratzten Knochen als Rippelen. Da muss ich ja pro Kunde ein Kilo braten, damit der etwas Fleisch findet. Dazu werde ich eine Extratonne für Knochenabfälle benötigen. Auf die Art exportiert das Reich seine Knochen. Aber wehe, ein Südamerikaner lässt die Knochen am Rinderrücken. Die müssen in Südamerika vergraben werden. In Fleisch mit Knochen bekommt der deutsche Westfleischer auch keine fünfzig Prozent Salzwasser. Schließlich wollen die Westkunden, Salzwasser statt Fleisch. Sie sind das gewöhnt. Dazulande möchte man Fleisch mit dem Löffel oder der Heugabel essen.

Die Carbonara werden mich über Mittag ziemlich beschäftigen. Rippelen passen da sehr gut dazu. Die sind nach meiner Behandlung fertig portioniert und ich muss sie nur ausgeben. Im Kutter mache ich mir gleich die Würzmischung mit Öl fertig. Damit muss ich die Rippelen nur einstreichen. In den Dämpfer geht der ganze Kartoninhalt rein. Zehn Kilo. Ich schätze, abends wird es davon auch noch etwas geben.

Zu Mittag sind es heute relativ wenig Gäste. Entweder haben sie schon frei, setzen ab oder sie wollen zeitig Feierabend machen. Es könnte auch sein, die Kunden sparen für das Wochenende. Schließlich ist am Wochenende die Familie auszuführen. Und genau das, kann in Südtirol ziemlich teuer sein. Zumindest für Jene, die nicht direkt aussehen wie Südtiroler.

Ich fahre in unsere Wohnung und starte den Film in der Hoffnung, ihn mir ansehen zu können. Von meinen Nachbarn ist leider Keiner anzutreffen. Vielleicht sind sie bei Doris, Karten spielen. Ich nehme mir vor, abends ein Rippele zu kosten. Zumindest da möchte ich wissen, ob sie auch schmecken. Deutsches Fleisch esse ich sonst nicht. Schon gar nicht das von unseren Besatzern. Sie müssten uns DDR – Bürgern das eh ein Leben lang schenken. Bei dem, was die uns geklaut haben.

Nach dem Aufwecken fahre ich sofort zu Gunda. Abends rechnen wir mit etwas mehr Kundschaft. Es gibt Einiges vorzubereiten. Bei meiner Ankunft steht schon der Parkplatz voll. Mir schwant Schlimmes. Sollte etwa eine Gesellschaft da sein, von der mir Gunda nichts gesagt hat? Mal sehen.

Ich gehe nicht durchs Restaurant in die Küche, sondern den Personalschleichweg. Der führt an der Toilette vorbei. Und die riecht etwas unangenehm. Man feiert ausgelassen. In der Küche steht schon Jemand. Eine junge Frau. Dora. Sie stellt sich mit dem Namen vor.

„Ich helfe freitags immer etwas.“

Wahrscheinlich muss ich freitags nicht abspülen. Das klingt fast wie eine Erleichterung. Wenn sie sich wirklich auskennt hier, ist es eine.

Die Röstkartoffeln hat sie schon geschnitten. Ich vermenge sie gleich mit Zwiebelöl und Gewürzen. Die Mischung gebe ich in zwei Gastronorm und schiebe sie in den Dämpfer bei zweihundertdreißig Grad. Eier hat mir Dora schon bereits gestellt. Den Salat auch. Ich frage sie, ob das reicht. Sie nickt.

Gunda kommt in die Küche und stellt mir Dora vor. Familie. Alles bestens. Mehr muss ich nicht wissen bei meinem kurzen Einsatz hier.

Entgegen den Erwartungen, bleibt das Abendgeschäft relativ ruhig. Mit einem Unterschied. Ich verkaufe heute das erste Mal einen Rostbraten. Ein Rumpsteak mit dem Namen. Als Koch würde ich so Etwas niemals in einem Restaurant bestellen. Es sei denn, für meine Gäste. Für den Preis einer Portion bekomme ich ein Kilo im Laden. Und genau dieses Kilo, würde ich nur mit meiner Joana verdrücken. Wir kommen heute Abend nicht ins Schwimmen. Alles bleibt gemütlich, obwohl wir sechzig Portionen verkaufen. Dora lobt meine Ruhe und Besonnenheit.

Gegen Zehn sind wir fertig. Die Küche ist zu Zweit schnell geputzt. Gunda bringt mir einen Kaffee und wir verabreden uns auf morgen.

Freitagabend ist auf der Algunder Straße recht viel los. Fast wie werktags gegen Mittag. Ich muss mich etwas in Acht nehmen. Die Jugend fährt ziemlich übermütig. Und nicht nur die. Man hat den Hang, unbedingt ein Rennen zu veranstalten. Sobald ich zum Überholen ansetze, gibt der Fahrer des trödelndem Fahrzeuges, das ich überholen möchte, plötzlich Gas. Nicht nur Einer. Die Krankheit ist weit verbreitet. Ich frag mich, ob die schon fertig sind, ihre Raten zu bezahlen. Bei der Feierlaune. Naja. Vielleicht hat ihnen der Papa ein Auto geschenkt. So fahren auf alle Fälle keine Jugendlichen, die sich ihr Auto selbst verdienen mussten.

Zu Hause angekommen, überlege ich, ob ich noch zu Joana hoch fahre. Freitags scheint mir das zu riskant. Ich rufe Joana an. Sie rät mir ab, sagt aber nicht, Nein.

Ich ziehe mich um und fahre. Irgendwie brauche ich das. Bis Schlanders geht das auch recht flüssig. Außerhalb Schlanders ist reger Verkehr. Ich schätze, irgendwo sind Discos oder Tanzlokale. Anders kann ich mir den Verkehr nicht erklären. Die Autos sitzen alle voll mit Jugendlichen.

Ab Spondinig ist etwas mehr Ruhe. Gelegentlich kommt ein Gegenverkehr. Nach Mals wird es aber wieder lebhaft. Mich überholen laufend einheimische Jugendliche. Man setzt auf getunte Fahrzeuge mit den üblichen Fuchsschwänzen und Schleifchen an den Antennen.

In Nauders angekommen, stelle ich auch dort einen regen Verkehr fest. Der Ort ist voller Spaziergänger und Touristen. Wahrscheinlich ist Anreise angesagt. Alfred jedenfalls, steht noch an der Rezeption. Und die wird rege belagert. Alfred winkt nur. Zu Marco schaue ich ganz kurz rein. Er schwimmt. Dursun hilft ihm.

Joana schläft schon. Es ist weit nach Elf. In knapp fünf Stunden steht Joana wieder auf. Joana hat mir ein Schnitzel in eine Semmel gelegt. Das ist mein Tagesessen vor dem Schlafengehen.

Wander-/Lieferausflug Prad 23.03.2021


Ausfahrt/Lieferung 230321

Die heutige Buchlieferung schickte mich nach Prad.

Prad liegt unterhalb des Stilfser Joches. Das ist momentan noch gesperrt.

Natürlich nutze ich die Gelegenheit, etwas zu wandern. In Motorradmontur. Als Knieschützer nehme ich in diesen Tagen eine mobile Anwendung. Die kann ich am Ziel abnehmen und dann, wandern.

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Heute bin ich mal vom Parkplatz am Hotel Prad bis zum Gasthof Adler und zurück gelaufen. Luisa und Reinhold von Hotel Prad haben freundlich gewunken. Sie hoffen immer noch, zu Ostern ihre ersten Gäste in diesem Jahr empfangen zu dürfen.

Liebe Landsleute, besucht die zwei Gastrosenioren und gebt ihnen etwas Hoffnung für die kommenden Monate. Die Saison in dieser Gegend ist eh viel zu kurz.

Auf der Rückfahrt habe ich Euch mal einen Blick auf Hafling fotografiert.

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Fortsetzung Tag 76


Fortsetzung Tag 76

Eigentlich backe ich zum Tiramisu meinen eigenen Biskuit. Die Chefin wollte das nicht. Ich soll den fertigen Keks nehmen. Ich weiche die Biscotti in Kaffee ein. Und mache mich an die Creme. Normal müsste ich jetzt Ei trennen, das Eiweiß steif schlagen und Mascarpone unterziehen. Es gibt aber auch Methoden, die zwar nicht billiger sind aber etwas gebräuchlicher. Und eine davon nutze ich jetzt. Sagen wir dazu, alpine Version des Tiramisu. Ich schlage einfach unsere frische Alpensahne mit einer Prise Salz, Zucker, Vanillie und Zitronenabrieb cremesteif, ziehe da die Mascarpone unter und schlage das zusammen steif. Jetzt fehlt nur noch ein oder zwei Eigelb, pasta gialla, ein winziger Schuss Rum und schon steht vor mir ein Tiramisu-Männchen. Obwohl; jetzt, verspritzt in ein Schale, ähnelt die Form eher einem alpinen Tiramisu-Weibchen mit kräftigen Hüften. Fast wie eine Matroschka. Man könnte fast meinen, unsere russischen Freunde hätten das Dessert erfunden. Bei denen nennt sich das Sotschniki. Und dieser Biskuit wird selbst gebacken, nicht gekauft. Vielleicht haben es unsere Venezianischen Freunde von der Krim mitgebracht. Mr rinnt die Zeit weg bei meinen philosophischen Ausflügen.

Jetzt kommt der Salat dran und bei der Gelegenheit wasche und schneide ich auch gleich meine Zucchini zum Grillen mit. Zur Garnitur grille ich zwei Tomatenviertel mit. Unsere Arbeiter werden sich freuen.

Die Salate sind fertig, das Dessert auch, die Zucchini auch und die Suppe….schmeckt. Ein Wunder. Die Chefin kommt und sagt mir, ich hätte die Pasta vergessen. Das stimmt, muss ich feststellen. Da bleibt jetzt nur eine schnelle Napoli und der Hausfrieden ist wieder hergestellt. Die Chefin hat mir das Menü diktiert. Aber, ich darf nicht streiten, hat Joana gesagt. „Halt Dein Maul.“

Aber, das scheint in meinem Handwerk nichts zu bringen. Kochen muss ich es trotzdem und das unter besonderem Druck. Bei Zimmermädchen ist das etwas anders.

Die Hühnerbrustschnitzel schneide ich etwas kleiner und verarbeite sie als Fried Chicken. Die Chefin guckt erst etwas überrascht, ist aber nach einer Probe begeistert. Hoffentlich will sie jetzt keinen Sex. Köche sind heiß begehrt als Haussklaven. Sie sind selten zu Hause und wenn, dann müssen sie kochen. Für den Sex sind sie ja nicht da. Das machen dann Andere.

Das Mittag läuft gut. Ich bekomme zwei Besuche in der Küche, die mir ein Bier ausgeben wollen. Zu Mittag. Warum nicht zum Frühstück? Andere Länder, gleiche Sitten. „Bist Du der Ersatzmann?“ Jetzt kommt es raus. Also doch. Naja. Wenn es gut bezahlt wird, warum nicht. Gunda, den Namen der Chefin erfahre ich gleich mit, verschwindet erst mal kurz.

Die Gäste sind draußen, das Mittag beendet und Gunda bestätigt mir das. Am Montag kommt Fausto, der Koch wieder. Man hätte sich gestritten. Das ist eigentlich schon wieder gelogen. Vielleicht sind nur ein paar freie Tage offen oder Fausto hatte einen Familienanlass. Dem Ansuchen von Angestellten, kommen Südtiroler Unternehmer nur schwer entgegen. Man muss sozusagen, jedes Mal mit einer Kündigung drohen.

„Wenn ich einer Ersatz brauche, habe ich zu viel bürokratischen Kram zu erledigen.“

„Sie sind aber Bestandteil und Förderer dieser Bürokratie“, sag ich zu Ihr.

„Wieso? Das ist ein Witz!“

„Wenn ein Gastarbeiter aus Osteuropa zu Hause einen Trauerfall hat und drei Tage frei haben möchte, verlangen Sie von ihm die amtlich beglaubigte Sterbeurkunde. Damit sind Sie Bestandteil und Förderer der Bürokratie.“

„Oh ja. Sie haben wahrscheinlich Recht. Aber wir bekommen die Fehltage nicht bezahlt.“

„Sind Sie der Unternehmer oder das Amt? Wenn Sie frei machen, bekommen Sie das auch nicht bezahlt. Oder doch?“

Für mich sind das Alles, Schutzbehauptungen. Grobe Unwissenheit will ich mal Keinem unterstellen. Und übertriebene Ehrlichkeit schon gar nicht.

Zur Mittagsruhe ist wieder Fernsehen angesagt. Ich stelle mir einen Film an, bei dem ich gut einschlafen kann. „Das Fenster zum Hof.“ Mein Fenster wird schnell dunkel.

Meine vier Wecker melden sich. Jetzt bräuchte ich auch vier Hände, um die Geräusche abzustellen.

Zum Abendgeschäft das Gleiche wie gestern. Ich komme mir vor wie Ostern. Eier, Eier, Eier. Ein Speckbrett für Vier. „Na endlich mal etwas zu Essen.“ Ich huste nach der Bemerkung. Gunda lacht. „Vergess die Sauren Zwiebeln nicht!“

Das hätte ich tatsächlich vergessen. Leider wird das in vielen Restaurants nicht mehr dazu gegeben. Eine Tradition schläft eben langsam ein, wenn man es nicht selbst tut.

Zum Feierabend begleitet mich Gunda an die Tür. Sie will sehen und hören, wie mein Moto klingt und wie ich drauf hänge.

Zu Hause wechsele ich das Fahrzeug, trinke schnell noch einen Kaffee und begebe mich in Richtung Reschen. Es ist Alles frei bis Nauders. Ich komme nach fünfundvierzig Minute Oben an. Das riecht nach einem Rekord. Dursun oder Alfred stehen nicht vor der Tür. Aber im Foyer.

„Ein seltener Gast“, ruft Alfred. Ich war nur einen Tag weg und schon vermisst er mich.

„Alles gut“, fragt Dursun.

„Ja, bis morgen oder Sonntag.“

„Und. Hast Du schon wieder Termine?“

„Ja. In Schenna.“

„Also, noch weiter weg.“

„Es gäbe vielleicht noch Etwas in Prad. Aber da muss ich erst noch mal anrufen.“

„Du bist ein viel beschäftigter Mann“, scherzt Alfred. „Dein Essen steht schon Oben. Gute Nacht.“

Joana schläft schon. Bei der Arbeit, kein Wunder. Nach meiner Toilette ist sie wach und hat mir einen Kaffee eingegossen. Wir reden noch etwas.

„Heute wäre eigentlich mal bissl Sex dran“, sag ich zu Joana. „Den hatte ich schon“, scherzt sie zurück.

Ausfahrt 22.03.21


Endlich! Nach einem halben Jahr dürfen wir wieder die Sonne sehen. Ohne Fensterrahmen oder Balkongeländer.

Nach einem halben Jahr ohne Sonne werden die Zähne locker, die Haare fallen aus und die Haut fühlt sich an wie grobes Sandpapier.

Nach einem halben Jahr ohne Motorradfahren bekommen wir Muskelschwund an der Hand zwischen Zeigefinger- und Daumenballen.

Nach einem halben Jahr ohne Ballanceübung besteht die Gefahr, beim Aufsteigen auf das Vehikel, mit dem Motorrad einfach umzufallen.

Nach einem halben Jahr sind die Beine und Füße so geschwollen, dass wir nicht einmal in die Motorradstiefel kommen.

Nach einem halben Jahr bekomme ich fast schon Gänsehaut beim Klang des Motors.

Ich hab mal ein Foto geschossen. Kein besonders schönes, aber ein unglaublich erlösendes.

In dem Sinne, möchten wir unserem Landesvater, Herrn Arno Kompatscher, herzlich für den Freigang danken.

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