Tag 67


Tag 67

Joana weckt mich. Sie sagt, ich hätte Nachrichten auf meinem Handy. Zum Glück kontrolliert das meine Joana. Aus dem Kaufhaus im Nauders habe ich mir natürlich Filterkaffee mitgebracht. Der läuft gerade durch die Maschine. Ich habe Zeit, mich anständig zu rasieren und eine Morgentoilette zu machen.

Beim Kaffeetrinken schaue ich mir die Daten vom Handy an und stelle fest, ich wurde angerufen aus Schlanders. Ich rufe zurück und lasse es zwei Mal klingeln. Mir sind die Kosten zu hoch. Ich könnte zwar über das Netz anrufen, aber ich bin mir nicht sicher, ob meine Nummer gezeigt wird. Kaum habe ich die Tasse leer, klingelt das Telefon. Ich nehme mit dem Netz an. Selbst die Anrufannahme ist neuerdings gebührenpflichtig. Ich frag mich überhaupt, warum das in Südtirol noch immer telefonisch gemacht wird.

Der Chef des Hotels ist dran und sagt mir, er würde es mit mir gern probieren.‘Dem scheint ziemlich der Schuh zu drücken‘, denk ich mir. Da ich es mir abgewöhnt habe, irgendwelchen Absprachen in Südtirol zu trauen und mich darauf zu verlassen, sage ich zu. Ich kann also heute eine Probearbeit antreten. Wir verabreden uns auf zehn Uhr.

Mit der Nachricht gehe ich nach Unten. Die Mädels sind schon fertig mit ihrem Frühstück. Ich gehe in die Wäschekammer. Niemand da. Alle sind auf den Zimmern und Gängen. Joana hatte mir gesagt, auf welcher Etage sie arbeitet. Dort angekommen, treffe ich sie und Mira. Beide freuen sich darüber, als ich ihnen das mitteile. Wir verabschieden uns. Etwas aufgeregt gehe ich zum Auto. Heute erwarte ich natürlich weniger Stau. Die Straßen sind schön frei bis zur Grenze.

Am See stehen mehrere Busse. Neuerdings gibt es dort eine Kamera, an der sich die Touristen mit dem Turm im See als Hintergrund, fotografieren können. Das Teil wird fleißig genutzt von den Bustouristen.

Die Fahrt bis Schlanders bringt wenig Überraschungen. In einer knappen Stunde bin ich da. Der Chef wartet schon auf mich in der Küche. Er ist wieder am Grillen von Zucchini und Melanzane. Ich frage ihn, ob er keinen Radicchio, Zwiebel und Peperoni mit grillt. „Erst mal nicht“, antwortet er mir. Die Peperoni sind auch etwas teuer zur Zeit. Vielleicht deshalb. Er sagt mir, was wir heute kochen. Das Fleisch steht schon an der Bratplatte. Es gibt:

Salate vom Buffet

Tomatensuppe Croutons

Schlutzer

Paprikaschnitzel, Reis

Erdbeerpudding

Mich wundert das Salatbuffet bei dem Arbeiteressen. „Das hat sich bei uns so eingebürgert“, ist seine Antwort. Das scheint zu funktionieren. Südtiroler Arbeiter haben Anstand und Kultur. Ich würde das bei westdeutschen Touristen im Restaurant mit Vorsicht praktizieren.

Der Chef stellt sich mit Wolfgang vor. Ich sage ihm meinen Namen. Eigentlich sind Namen nur wichtig, wenn wir mehrere Kollegen wären. Zu Zweit braucht man das selten. Ich finde es lästig, ständig mit seinem Namen gerufen zu werden. Die Technik ist schon eingeschaltet. Ich kann gleich loslegen. Eigentlich werden Paprikaschnitzel in einer Mischung aus Mehl und Paprika mehliert. Unsere italienischen Kunden möchten das nicht. Wir machen die Sauce vorher und geben die Naturschnitzel rein. So wird der Geschmack auch etwas homogener.

Bis Wolfgang fertig ist mit Gemüse braten, werde ich den Pudding, die Sauce und den Reis kochen. Eine Induktion mit mehreren Kochflächen ist da. Zum Glück. Gas hat die Küche zwar auch, aber Pudding auf Gas kochen, ist ein Abenteuer für sich.

Ich kenne weder die Töpfe noch die Flammenstärke. Am Probetag so ein Risiko zu starten, wäre purer Leichtsinn.

Die Arbeiter kommen und wir sind fertig. Wolfgang lässt mich allein. Er möchte wissen, ob ich das allein schaffe. Später hat er vor, sich mittags schlafen zu legen und für abends auszuruhen. Der Wunsch ist absolut nachvollziehbar. Der Nachteil ist, er übergibt mir dieses Pensum.

Während der Ausgabe kommt Theresa, die Chefin und beklagt sich, ich hätte einen Tisch vergessen. Im Grunde könnte das passieren am ersten Tag. Es ist immerhin ein neues System, mit dem ich fertig werden muss. Theresa wirkt ungehalten. Schon beim zweiten Erscheinen ist sie schnippig, gereizt und beleidigend. Ob ich immer so lange brauche. Sie sagt das nicht ruhig. Sie faucht. Meine Reizschwelle liegt sehr hoch. Allgemein ertrage ich Dummheit, Frechheit und Schlamperei mit Ruhe. Ich setze auf Zeit. Mit der Zeit ergeben sich Routinen und folglich, ein zügiger Ablauf. Bösartigkeit und Druck bei einer Neueröffnung, haben nachhaltig, eine schlechte Qualität zur Folge. Und das will ich nicht. Außerdem führt das zu einem sehr hohen Personalwechsel. Ich müsste permanent neue Kollegen einarbeiten. Das ist sicher der falsche Weg. Immerhin kostet die Suche von Personal auch gewaltige Summen. Wenn Teil der Geschäftsführung das zu verantworten haben, tun sie mir leid. Sie richten damit ihren eigenen Betrieb zu Grunde. In der DDR würden wir dann sogar schon von Sabotage reden. Die Frau des Unternehmers sabotiert ihr Unternehmen. Ich muss etwas in mich lachen. Schadenfreude.

„Was die Hände aufbauen, reißt der Arsch ein.“

Bei zu aufdringlicher Bösartigkeit, lasse ich eigentlich die Verursacher stehen. Hier tut mir aber Wolfgang leid. Zumindest jetzt, weil er nicht da ist. „Augen zu und durch“, ist jetzt die Devise. Eine Woche am Stück, würde ich das aber nicht tun. Dann lass mich wenigstens um den Tageslohn kämpfen. Eine kleine Entschädigung habe ich mir doch schon mal verdient.

Das Mittag ist vorbei. Wolfgang kommt wieder. „Wie war es?“

„Eigentlich geht es gut. Morgen sicher auch etwas flüssiger. Habt Ihr ein Personalzimmer?“

„Nein.“

„Wo verbringe ich dann die Zimmerstunde?“

„Du hast doch nicht weit nach Hause.“

„Wann beginnt das Abendgeschäft?“

„Komm um Fünf wieder.“

Ich müsste also vier Mal täglich eine Strecke von rund fünfundzwanzig Kilometern fahren und buckeln bis in die Nacht, um einer Arbeit nachzugehen. Wir reden von der Vinschger Staatsstraße, auf der ab März, Verkehrsschlangen von fünfzig Kilometern Länge stehen. Vier Mal Lebensgefahr. Vier Mal Benzin oder Diesel. Aller zwei Monate eine Durchsicht mit Reifenwechsel.

„Kannst Du mir Kilometergeld abrechnen?“

„Wieviel denn?“

„Drei- bis Vierhundert wäre angemessen.“

„Bring ich nicht durch die Bücher.“

„Also, nicht.“

„Nein.“

„Dann musst Du ab morgen neu suchen.“

Bei etwas Willen, kann er das Kilometergeld schon aufbringen. Er hat keinen. Offensichtlich braucht die Frau das Kilometergeld. Sie fährt gerade los. Frisch hergerichtet.

Ich fahre nach Hause. Paula schaut wieder über den Balkon. „Ist es gut da?“

„Nur heute. Morgen suche ich schon neu.“

„Dort gehen Viele.“

Die Bemerkung reicht eigentlich schon. Südtiroler schmücken ihre Worte selten. Sie antworten kurz und direkt. Untereinander reden sie schon bisweilen Einzelheiten aus. Aber dafür sind wir zu selten da.

Ich brauchte über eine halbe Stunde nach Hause. Hinzu rechne ich mit der doppelten Zeit. Gegen Vier muss ich also losfahren. Mit bleibt eine Zimmerstunde zum Schlafen. Im Sinne dieses Wortes. Wohlgemerkt, wenn es keine anderen Wege erfordert, wie Ämter, Werkstatt oder Einkauf. Das ist eindeutig zu wenig.

Gegen Vier fahre ich wieder los. Kurz vor Fünf bin ich da. Jetzt liegt eine Speisekarte am Arbeitsplatz. Zu Mittag war die halb so groß. Ich überprüfe die Bestände. Alles in Butter. Es gibt kaum Etwas vorzubereiten. Sämtliche Angebote sind kurzgebraten. Also Imbiss. Haxe und Rippele steht mit drauf. Am liebsten mache ich das in der Fritteuse. Dort bekommt die Schwarte von der Haxe eine wunderbare Kruste, die aufblüht und leicht zu essen geht. Das Rippele lege ich am Stück in den Backofen warm und brate den die abgetrennte Portion auf der Platte einseitig knusprig. Hauptsächlich geht Pizza. Restauration ist nur wenig gefragt. Und da sind Pasta und Schlutzer die Favoriten. So in etwa habe ich mir das auch gedacht. Die Küche ist schnell geputzt. Den Boden wische ich gleich mit.

„Wer wäscht denn auf“, frage ich Maruschka, unsere Bardame.

Mein Gott! Hat die einen Ausschnitt! Ich glaube, ihre Brustwarzen zu sehen . So bekommt man in Südtirol schnell einen Mann. Auch Trinkgeld.

Maruschka sagt mir, ein Abspüler kommt noch. Etwas später. Ich habe mich schon gewundert, wer Nachmittags abgespült hat.

Maruschka gibt mir einen Fuffziger. „Vom Chef.“

Okay, wenigstens Etwas. Wir verabschieden uns.

Jetzt möchte ich noch zu Joana fahren. Sie wird sich nicht freuen.

Mit mir fahren wieder einige Kollegen nach Hause. Es geht zügig voran und zwei Autos fahren mit mir bis Schluderns. Die haben schon auch anständige Arbeitswege. Richtung Reschen ist kaum Verkehr.

Irgendwie kommt mir vor, als würden um diese Zeit, recht junge Leute in Richtung Reschen fahren. Mich würde das nicht wundern. Dort Oben gibt es sicher einige Diskos oder Pup‘s. Also, Saufhäuser. Für die Jugend gibt es in Südtirol wenig bis keine Möglichkeiten der kostenlosen Freizeitgestaltung. Das wird sich später schwer rächen.

Dursun steht mit Alfred vor dem Hotel. Ich schätze, es kommen noch Anreisen. Alfred ist kurz angebunden.

„Joana ist schon Oben. Wie ist die Arbeit?“

„Beschissen! Morgen bin ich schon wieder frei.“

„Alles klar.“

Dursun drückt mir sein Mitgefühl aus.

„Du machst was durch.“

Im Zimmer, oben bei Joana, kontrolliere ich das Telefon. Es gibt schon wieder zwei Nachrichten. Ich schaue auf Arbeit nicht nach dem Telefon. Ich hätte die Termine bemerken können. Nach dem Tag, verschiebe ich das auf morgen Früh.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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