Tag 68 Fortsetzung


Tag 68 Fortsetzung

Ich komme in den Ort und suche das Hotel. Gegenüber einer kleinen Kirche, ist das ein gutes Plätzchen für ein Restaurant.

Die Besitzer des Hotels betreiben es selbst. Als ich ankomme, steht nur der Chef selbst in der Küche. Er dreht gerade Knödel. Die Eltern des Chefs stehen hinter dem Tresen. Vor dem Tresen sitzen, wie in Südtirol üblich, die Einheimischen. Bauern, Winterdienst und ein paar Geschäftsleute aus dem Ort.

„Wollen Sie etwas trinken?“

„Einen Capuccino, wenn es geht.“

Wir setzen uns an einen Tisch und unsere Gäste spitzen alle die Ohren. Scheinbar unbemerkt. Aber, sie sind plötzlich alle still.

„Chef. Suchen Sie einen Koch oder der gesamte Ort?“, frage ich ihn. Wir gehen darauf hin in die Küche. Die Küche wirkt oberflächlich sauber. Ich habe mir es zur Angewohnheit gemacht, ausgewählte Flächen unbemerkt zu berühren. Auf die Art möchte ich feststellen, ob der Betrieb einen Koch oder eine Putzkraft sucht. Der zweite Satz bei Vorstellungsgesprächen in Südtirol lautet immer: „Sie putzen auch die Küche? Wir wollen es sauber.“ Man glaubt bisweilen, Meisterköche würden nicht putzen. Zu gegeben, ich bin sicher kein Putzwunder. Vor allem nicht, wenn das vorher schon versäumt wurde. Das dauert schon seine Zeit. Am besten ginge das, wenn mir die Auftraggeber für den Großputz einen Tag einräumen. Das kostet aber Geld. Lohn.

Die Flächen, die ich gerade berührt habe, wurden etwa zwei Wochen nicht geputzt. Man sucht praktisch die Putzkraft für den Chef des Hauses. Nun muss ich eigentlich nur noch erfahren, ob ich kochen soll oder für seine Kochkunst die Zuarbeit zu bringen habe.

„Wie viele Portionen verkaufen Sie pro Tag?“

Es beginnt ein Gestammel, bei dem es mir schwer fällt, eine Zahl zu ermitteln. Mein Gegenüber verfällt plötzlich in einen urtiroler Dialekt. Er glaubt wahrscheinlich, ich verstehe das nicht oder nur mangelhaft.

„Haben Sie vielleicht auch die Speisekarte?“

Der Chef holt mir die Speisekarte aus dem Restaurant. Die Speisekarte ist die übliche Imbisskarte Südtirols. Spätzle, Schlutzer, Schnitzel in vier Varianten. Nichts Besonderes also.

„Kannst Du Südtiroler Küche?“

Naja. Auf die Frage habe ich gewartet. Nach meinen Beobachtungen, müsste ich hier das Aufschneiden von Päckchen mit Sarner Schlutzern oder das dosierte Einhängen von gefrorenen Gnocchi beherrschen. Ehrlich gesagt, das traue ich mir zu. Auch ohne Führerschein.

„Machen Sie auch spezielle Lammwochen, Gruppenfeiern oder Feste zum Almabtrieb?“

Ich wollte erfahren, ob denn auch ausreichend Trauerfeiern und die damit zusammenhängenden Gelage zu bekochen sind. Mich interessiert auch, ob es Bus- oder individuellen Tourismus gibt in dem Örtchen. Bisher waren sämtliche Auskünfte eher spärlich.

Auf die Frage mit den speziellen Ereignissen ging er nicht ein. Er will erst Mal erfahren, ob ich kochen kann und wie das Ergebnis schmeckt.

Er lädt mich ein, morgen einen Probetag zu arbeiten. Gut. Wir verabreden uns auf zehn Uhr. Ich sage ihm, woher ich aktuell anreise. Er versteht das.

Der nächste Termin, eine Vorstellung, ist im Ultental. Heute habe ich Zeit für die Anreise. Mit der Probearbeit in Bozen und dem Schnalser Probetag im Rücken sehe ich die Vorstellung im Ulten etwas lockerer.

Mein Weg führt mich nach Lana. Von Lana aus geht es ziemlich kurvenreich aufwärts. Ich habe fast den Eindruck, in jeder Kurve steht eine Blitzanlage. Die Ultner, die oft bei ihrem Arbeitsweg ins Etschtal unter Zweitdruck geraten, sollen wahrscheinlich dort abkassiert werden. Damit steht ja schon mal fest, die Ultner werden bei Verzögerungen nicht schneller fahren wollen. Und im Ulten gibt es sicher reichlich Stau und Verzögerungen. Vor allem in Saisonzeiten. Ich glaube, mit dem Zweirad kommt man in dieses Tal am besten. Mit einem Auto wäre ich da permanent auf der Straße bei vier Arbeitswegen.

Es geht nach Pangraz. Dort gibt es mehrere Altenheime und eines davon sucht einen Koch. Oft. Deren Anzeigen sehe ich regelmäßig alle paar Monate in den Annoncen. Warum das so ist, kann ich nicht beurteilen. Nichts ist schöner für einen Koch, als für seine Eltern und Großeltern das Essen kochen zu dürfen.

Ich fahre in den schönen Ort ein. Man könnte glauben, in einem Märchen zu sein. Vor dem Eingang sitzen drei Ältere, eine Frau, zwei Männer und sie rauchen genussvoll. Ein alter Mann fragt mich, ob ich ihm eine Zigarette gebe. Ich zeige ihm meine. Er fragt: „Selbschtgmocht?“

„Ja.“

Er steckt sie ein. Wenn er mit meinen selbst gemachten Zigaretten spazieren geht, wird er ziemlich schnell merken, der Tabak geht im aus.

„Die konnste net long eistecken“, sag ich ihm.

„Woa?“

„Dr Tabak fällt raus in der Hosentosch.“

„Ah so!“

Im Foyer des Heimes sitzen ältere Menschen, Manchmal zusammen mit jungen. Das sind wahrscheinlich Kinder und Enkel auf Besuch. In einer Glaskanzel sieht mich eine Sekretärin, die sofort zu mir kommt und fragt, was ich möchte.

„Kalrl. Ich möchte mich als Koch bewerben.“

Nachdem sie gehört hat, ich könne unmöglich von hier sein, fragt sie mich:

„Haben Sie Unterlagen mit?“

„Meine Bewerbung ist per Email bei Ihnen eingegangen und Sie haben mich eingeladen.“

Sie stammelt Etwas in sich hinein, geht zurück ins Büro und schaut in den Computer.

„Ja. Ich sehe es gerade.“

‚Wie können die mich einladen, ohne es zu wissen?

Reden die nicht miteinander? Stellt die sich mutwillig dumm?‘

Das sind so die kleinen Fragen, die sich mir sofort aufdrängen. Die suchen einen Koch und wissen von Nichts.

„Die Chefin ist nicht da. Können Sie etwas später noch mal vorbei kommen?“

„Nein. Schicken Sie mir bitte eine Email, wenn Sie ein echtes Interesse haben. Tschüss, schönen Tag noch.“

Beim Herausgehen winken mir ein paar Alte hinterher. Ich winke freundlich zurück und verabschiede mich.

Jetzt steht noch ein Termin in Girlan an. Ein Restaurant. Der bietet nur Abendservice. Im Grunde ist das nicht mein Favorit. Da treffe ich Joana zu Hause nur schlafend. Ich würde täglich ihre Nachtruhe stören und das geht nur zeitweise, in absoluten Notfällen. Der Ruhetag passt auch nicht zu dem von Joana. Sie könnte zwar tauschen, aber das ist ein folgenschwerer Eingriff in ein funktionierendes System.

Mittlerweile ist es Mittag und wieder der gewohnte Stau an allen Schwerpunkten. Am Kreisverkehr in Lana warte ich zwanzig Minuten auf die Einfahrt. Die Zeit geht Allen von der Pausenzeit ab. Traurig, der Zustand. Warum fahren Südtiroler nicht mit einem Zweirad zur Arbeit? Das ist platzsparend, billiger und zwingt die Anderen zu mehr Rücksicht.

Der Weg zur MEBO ist ziemlich belebt. Im Kreisverkehr an unser Arena, einem Sport- und Freizeitzentrum im Gewerbegebiet Sinich, gab es einen kleinen Unfall. Die Carabinieri leiten Alle auf die andere Spur in entgegengesetzte Richtung.

Das kostet mich nur zehn Minuten. Dafür habe ich jetzt in Richtung Meran, fast freie Fahrt.

Die Abfahrt nach Girlan habe ich in ein paar Minuten erreicht. Ich muss auf mein Handy schauen, wo genau dieses Restaurant ist. Gefunden. Im Ort sind mehrere Rampen gebaut worden mit Fußgängerüberwegen. Die Grundgeschwindigkeit soll dreißig nicht überschreiten. Überall stehen Blitzanlagen. Jeder Fahrradfahrer fährt heute schneller. Ohne Nummernschild. Das gibt feine Fahndungslisten.

Der Wirt vom Restaurant ist da. Er steht auf seinem Grundstück und ruft mich, was ich will.

„Ich wollte mich als Koch bewerben. Sie haben mich für eine Vorstellung eingeladen.“

Wir gehen zusammen in den Keller. Eine Kellerküche mit Speisenaufzug. Das gibt Spaß. Dass der laufend sucht, ist kein Wunder.

Die Küche ist relativ gut eingerichtet mit einer Riesenbratplatte und sehr kurzen Wegen. Das wäre ein Argument.

Wir vereinbaren einen Tag Probekochen. Kommende Woche. Es gäbe viele Bewerber, die sich noch vorstellen. Mit dieser Aussage machen sich die Wirte so lächerlich. Was soll das?

Für mich sind das Aufschneider.

Wir verabschieden uns und ich kann endlich wieder zu Joana fahren. Geld habe ich für heute genug verprasst. Ich muss noch bis hoch nach Nauders zum Tanken kommen.

Bis zum Reschen ist sehr dünner Verkehr. Man könnte fast denken, mittwochs arbeitet Niemand.

Dursun steht vor dem Hotel. „Wir haben wieder Anreisen“, sagt er zu mir. „Marco wartet auf Dich.“

Ich gehe schnell rein. Bei Marco steht Alfred. Marco ist das Schokomousse abgehauen. Er fragt mich, ob ich eine Schnellvariante ohne Schokolade kenne. Die ist dabei alle geworden.

„Hast Du Topfen oder Joghurt?“

„Ja.“

„Schlagsahne auch noch? Kokosfett oder Margarine und Kakaopulver?“

„Das ist Alles da. Kakao haben wir nur den gesüßten.“

„Na wunderbar. Fangen wir an.“

Ich zerlasse die Margarine, gebe das Kakaopulver, Eigelb hinein und verrühre das. Im Kaltwasser schlage ich die Mischung kalt, während ich die Schlagsahne schlage. Jetzt rühre ich die Schlagsahne langsam unter uns schon wird das Mousse zunehmend steifer. „Rum?“

Marco rennt und bringt schnell Rum. Ich rühre etwas Rum unter und schon wird das Mousse steif.

„Den Rest mache ich selbst.“

„Nehm einen Dipper. Damit geht es super!“

„Ich spritze es in Schalen.“

„Alles gut, mei Gutster.“

Alfred freut sich und gibt mir einen echt teuren Cognac aus. „Mach mich ja nicht zum Säufer“, sage ich ihm. „Von dem sauteurem Zeug kannste ke Säufer werden. Eher e armer Mann.“

Joana ist schon Oben. Ich erzähle ihr Alles. Sie schimpft über meine neuen Bekanntschaften.

„Brauchen die nun en Koch oder nicht?“

„Ich gehe uns was zu Essen holen“, sagt sie.

Marco wird ihr schon etwas Feines geben.

Wir essen zusammen hausschlachtene Wurst mit frischen Brötchen. Ein Genuss.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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