Tag 69


Tag 69

Der Wecker klingelt acht Uhr. Joana hat keinen Kaffee gemacht. Nach der Morgenwäsche gehe ich zu Marlies. Sie ist sicher neugierig darauf, was ich heute vor habe. Ich frag mich immer, wer Marlies Bescheid gibt, wann ich nach Unten komme. Der Kaffee steht schon da. Mit Sahne. Marlies gibt mir heute einen Kuss auf die Wange.

„Gehst Du heute auf Arbeit?“

Jetzt weiß ich‘s, die Mädels haben es ihr gesagt.

Eigentlich fehlt nur noch eine Handlung, um mich zum König zu machen. Dursun hält mir die Tür für das Auto auf. Dursun steht aber drinnen bei Marlies. Alfred und Marco natürlich auch. Er hat mir einen Schokomousse zum Kaffee gestellt.

„Der schmeckt saugut“, sagt Alfred. Wir haben auch genug Vanille und schwarzes Kakaopulver rein gegeben. „Der schmeckt besser als mit Schokolade. Marco hat gesagt, er macht das jetzt immer so.“

„Billiger ist das nicht. Du hast aber mehr Einfluss auf den Geschmack“, antworte ich.

Das Mousse schmeckt wirklich gut. Marco hat noch Einiges nachgelegt. Er hat etwas Mandellikör mit reingespritzt.

„Ich muss los. Ich will nicht zu spät kommen. Im Schnalstal erwarte ich immer ein paar Behinderungen.

Die Fahrt geht nicht ganz so reibungslos wie gestern. Donnerstags gewinnt der Lastverkehr. Die können wenigstens mehrheitlich fahren. Arbeiterverkehr ist keiner mehr. Dafür aber Einkaufs- und Lieferverkehr. Und der schon ziemlich zahlreich für diese Jahreszeit. Bei der Abfahrt geht mir durch den Kopf, ich könnte eigentlich schon mit dem Motorrad fahren. Zumindest ins Schnalstal. Zeitgewinn wäre nicht zu erwarten. Dafür aber zumindest frische Luft und gut bewegte Knochen. Zweiradfahren ist eine gute Erwärmung für den Küchendienst. Aus einem Hotelpersonalzimmer müde auf Arbeit schleichen, ist dagegen ein Schlaf bis Mittag. Selbst Beamte, die mit einem Zweirad, egal welchem, auf Arbeit kommen, fühlen sich erheblich munter und gesünder als ihre Auto fahrenden Kollegen. Das würde mir als Gesetzgeber schwer zu Denken geben. Besonders in Hinblick Frühpensionierung.

Ich komme an und der Papa vom Chef steht schon vor der Tür. Ein extrem freundlicher, liebenswert natürlicher Mensch.

„Guten Morgen.“

„Guten Morgen. Bist Du der Koch? Ich bin Sepp und meine Frau heißt Julia. Sie lässt Dir einen Kaffee durch.“

Zum Kaffeetrinken kommt mein Chef. Er stellt sich ganz höflich und freundlich mit Martin vor. Wie umgewandelt. Seine Frau, die Chefin, steht hinter dem Tresen und stellt sich händereichend vor mit Agathe. Sie ist natürlich schön. Nicht geschminkt. Die Freundlichkeit wirkt wieder etwas aufgesetzt und leicht verkrampft. Die Familie fragt mich aus, wo ich schon überall gekocht habe. Als ich nebenbei von der Sowjetunion erzähle, was eigentlich nicht hingehört, fängt Sepp an zu schwärmen. Er war im Krieg da und bekommt heute dafür eine stattliche Rente. Aus Westdeutschland. Von den Altfaschisten. Das schuldet man schließlich seinen Söldnern. Ich werfe das Thema nicht auf. Sepp ist nicht der erste Opa in Südtirol, der Rente aus dem Reich bekommt. Ich rede nicht von Denen, die in den Schützengräben gestorben sind oder einen Schuss in den Rücken bekamen. Deren Familien hören andere Lieder.

Wir gehen in die Küche. Am ersten Tag bekomme ich den Salatposten. Zur Eingewöhnung. Die Kartoffeln schält Martin selbst. Wir reden keinen Ton. Martin stellt ein Radio an. Das tut gut. Es läuft ein Südtiroler Sender, der wirklich gute Musik bringt. Leider ist etwas zu viel Werbung auf dem Kasten. Das macht mich nervös.

Zu Mittag kommen ein paar Straßenarbeiter und der örtliche Winterdienst zum Essen. Die großen Fahrzeuge füllen fast den geräumten Bereich des Parkplatzes aus. Die Anreise habe ich durch das Küchenfenster gesehen. Mir wurde kurz mulmig wegen meines Autos. So knapp können wirklich nur Profis aus den Alpen fahren.

Es gibt:

Salatteller

Brühe mit Ei

Pasta Amatriciana

Schweinsbraten, Knödel

Kaiserschmarrn

Mir kommt das etwas füllig vor. Es gibt auch ein paar Abbestellungen von Pasta, Kaiserschmarrn oder Schweinsbraten. Das ist für mich nachvollziehbar. Die Arbeit von Köchen ist immerhin ein Schwerstberuf. Und ich würde bei so einem Menü schon ab der Hauptspeise aufgeben.

Der Tag läuft gut. Die Gäste bedanken sich bei uns. Martin wirkt auch etwas gelöster.

Nach einem Kaffee verabschiede ich mich für die Mittagspause. Ich fahre nach Hause. Trotz recht regem Verkehr, bin ich in dreißig Minuten da. Paula fehlt mir. Sie steht nicht auf dem Balkon. Was ist los?

In der Wohnung schalte ich mir den Fernseher ein und stelle das Telefon zum Wecken.

Gegen Vier stehe ich auf und trinke einen Kaffee. Ich fühle mich frisch. Auf der Straße ist recht viel Verkehr. Ich glaube fast, ich schaffe es nicht. Es staut. Rufe ich an oder nicht? Ab dem Kreisverkehr in Naturns wird es übersichtlich. Jetzt geht es zügig. Das Schnalstal hinauf ist reger, aber flüssiger einheimischer Verkehr. Jetzt bekomme ich gerade gelernt, wie man die Pässe mit dem Auto fährt.

Das Abendgeschäft ist heute recht friedlich. Wir verkaufen keine dreißig Essen. Menüs für Hausgäste gibt es nicht. Die essen a la carte. Das ist bei Wintertouristen absolut nachvollziehbar. An jeder Ecke stecht dort eine Hütte zum Einkehren. Die Gäste sind praktisch überfressen. Manche auch übersoffen.

Der Küchenputz geht relativ schnell. Martin macht mit und Sepp kontrolliert das. Mit einem Viertel in der Hand. Einem Roten. Er fragt mich, ob ich Einen möchte oder ein Bier.

„Ich muss fahren.“

„Aha.“ Er lächelt dabei.

Es ist etwas nach Neun. Im Hauslicht finde ich mein Auto auch so. Die Umgebung wirkt sehr dunkel bis schwarz. Wenn es jetzt regnen würde, wäre ich in dreißig Minuten müde.

Bis Runter brauche ich in der Dunkelheit fast vierzig Minuten. Den Gegenverkehr sehe ich zeitig. Man fährt Aufblendlicht.

In Richtung Reschen ist so gut wie kein Verkehr. Ich kann Gas geben. Ich muss nur an den Blitzkästen aufpassen. Oben, am See, kommt es mir wärmer vor als unten im Tal. Ich knipse mal die Temperaturanzeige an. Es stimmt. Hier ist es wärmer.

Vorm Hotel steht Keiner. Alfred ist drinnen an der Rezeption bei Gästen. Wir begrüßen uns still mit den Augen. Er lächelt. Marco ist schon fertig und auf dem Zimmer. Die Servicemädchen decken gerade für das Frühstück.

Joana schläft schon. Sie hat mir ein paar belegte Brötchen zurecht gemacht. Der Kaffee steht in der Thermoskanne. Ich mache ganz leise. Sie weckt trotzdem auf und gibt mir ein Kussl. Jetzt dreht sie sich rum und ich esse mein Tagesmenü.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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