Tag 70


Tag 70

Freitag

Für den Freitag stehe ich eigentlich zu zeitig auf. Mit Joana zusammen. Wir unterhalten uns etwas über meine neue Arbeit. Joana ist misstrauisch, weil sie den Betrieb nicht kennt und auch die Wirtsleute nicht. Sie bemerkt Etwas bei meinen Erzählungen. Ich weiß nicht, was. Sie kann es auch nicht beschreiben. Sie fragt, wie es Paula und Antonia geht. Beide habe ich nicht getroffen. Ich soll einen schönen Gruß ausrichten, wenn wir uns sehen.

An unserer Tür klopft es leise. Mira steht davor. Joana fragt sie, ob sie einen Kaffee mit trinken möchte. Sie lehnt nicht ab. Mira möchte mit Joana den freien Tag tauschen. Sie möchte mit ihrem Freund zusammen sein. Der Freund und sie haben sich ein altes Haus gekauft. Das wollen sie nebenbei etwas renovieren. Die beiden leiden unter dem gleichen Problem wie wir. Sie haben kein gemeinsames Frei. Und das schon seit Jahren. Fast wie eine Seemannsehe. Mira ist sehr schön. Dennoch haben die Zwei ein großes Glück. Kaum ein Einheimischer würde sich um Mira bemühen.

Mira ist auch nicht der Typ dafür, sich für eine Karriere die Unterhosen zu sparen. Sie ist ziemlich dominant. Joana tauscht mit ihr. Joana hat ab jetzt, donnerstags frei. Wir besprechen das und mir passt das auch.

Die beiden gehen auch gleich zusammen zur Arbeit. Ich nutze jetzt die Freizeit, im Netz neue Arbeitsstellen zu finden. Nachdem wir festgestellt haben, hier ist Keinem zu trauen, ist die Stellensuche unser Standardprogramm für mich. Das Aufkommen von Alkoholikern, Kranken und Nervösen unter unseren Arbeitgebern ist einfach zu hoch in der Alpenregion. Zum Einen, liegt das an dem wirtschaftlichen Druck und zum Anderen daran, dass man sich schlicht verrechnet hat mit seinem Anliegen. Und das ist sehr häufig der Fall.

Die viel zu kurzen Kurse und Ausbildungen, die Gastronomen für ihr Geschäft benötigen, reichen einfach nicht, um fachlich mit der Zeit mithalten zu können. Traurig. Man lässt sich von Schreibtischidioten, Darlehen aufschwätzen, die eigentlich einer Enteignung gleichkommen.

Ich habe sechs Bewerbungen abgesetzt. Das gibt eine schöne Tour an unserem freien Tag.

Nach der üblichen Morgenhygiene begebe ich mich zu Marlies. Ich bin mir sicher, der Kaffee wartet schon.

Beim Runter gehen treffe ich ein paar Westdeutsche. Als sie vorbei sind, sagt die Frau zu ihrem Mann: „Ein Russe.“ Ich antworte nicht und tue so, als hätte ich Nichts gehört. Wahrscheinlich hat die Frau gedacht, wenn der einen Trainingsanzug an hat, kann es nur ein Russe sein. Leider fehlt das Lizenzgeber mit den weißen Streifen. In der Sowjetunion, auch in der DDR, wurden Jahrzehnte lang die Markenklamotten genäht. Im gleichen Atemzug behaupten die Besatzer, wir hätten keine Qualität produziert. Offensichtlich sind dann die Marken, Qualitätsschwindel. Ah nee. Markenschwindel.

Die angeblichen Besitzer und Hersteller eines Produktes unterschreiben mit ihrem Namen, ohne es hergestellt zu haben. Das ist ja fast wie in vielen Küchen. Produkthaftung ist dann entweder ein Witz oder eben Handelsware. Typisch Westen.

Marlies wartet tatsächlich mit dem Kaffee auf mich. Mein Aufenthalt wird kurz. Es gibt ein paar Fragen von Dursun und Marlies. Alfred ist nicht da. Er geht heute einkaufen. Zum Freitag. Beide wünschen mir einen schönen Tag, ich gebe den Wunsch zurück und verschwinde.

Die Fahrt ist schon am See eine Zumutung. Ganze Kolonnen von Baubetreiben sind in Richtung Meran unterwegs. Sie setzen um auf die nächste Baustelle. Freitag ist der Lieblingstag unserer Polizisten. In Ortschaften kann ich heute nicht überholen, ohne den Führerschein zu riskieren.

Es zieht sich hin. Ab Mals kommt auch noch Schulverkehr dazu. Die Uhrzeit ist für Pendler ungeeignet. Ich muss entweder früher oder später fahren. Freitags scheidet später Fahren aus.

In Schlanders steht Alles. Eine halbe Stunde bleibt auf der Straße liegen. Bis zum Kreisverkehr Latsch geht es recht zügig und von dort bis Kastelbell, ist Kolonnenverkehr angesagt, der an der örtlichen Durchfahrt staut. Wieder eine halbe Stunde weg. Langsam werde ich nervös. Wie soll ein Mensch mit so einem Druck, Höchstleistungen verbringen?

Unmöglich. Ab Kastelbell bis an die Schnalser Abfahrt vor Naturns, ist Kolonnenverkehr. Und der bewegt sich vorsichtig zügig. Das heißt, bei vorgeschriebener Geschwindigkeit plus Toleranz.

Mir reicht das, um wieder etwas lockerer zu werden.

Ich biege an der Abfahrt Schnals ab. Im ersten Tunnel kann ich noch etwas Zeit gut machen. Schon ab dem zweiten, zieht es sich. Touristen mit Skiern auf dem Dach. Unsere Landsleute aus dem Süden. Sie fahren wie üblich vorsichtig, aber recht zielstrebig. Die Straßen sind gut geräumt. Stau wegen Kettenanlegern, muss ich nicht befürchten.

Ich staune, wie gut unsere Landsleute mit Sommerreifen fahren. An den steilen Aufgängen zwischendurch, sind sie etwas vorsichtiger in den Kurven. Da sieht der Fahrer auch nicht, ob es einen Steinschlag oder eine Kleinlawine gab.

Martin erwartet mich schon. Er ist nervös. Ich frag mich, warum. Wir sind zu zweit und notfalls, können die Eltern helfen. Die haben den Betrieb schließlich aufgebaut. Der Kaffee steht bei Betreten des Restaurants schon auf dem Tresen. Eine große Tasse. Das will Etwas bedeuten.

Beim morgendlichen Gespräch stellt sich heraus, wir haben heute eine Trauerfeier. Eine kleine, sagt Sepp. Er sagt mir durch die Blume, der Verstorbene war nicht besonders beliebt im Ort. Schon kurz darauf darf ich feststellen, der liebe Sepp hat für meine Verhältnisse unrecht. Martin rechnet mit rund hundert Gästen. In meinen Augen, ist das schon recht viel. Martin sagt, es wäre eine kleine Trauerfeier. Bei beliebten Leuten käme leicht die dreifache Anzahl an Gästen. Jetzt bleibt mir die Spucke weg. Solche Trauerfeiern kenne ich bestenfalls beim Ableben von guten Genossen in unserer Partei. Und da war grundsätzlich Westpropaganda vor Ort. Für deren Lügner war das ein Feiertag. Strafen sind ja keine zu erwarten. Nürnberger Tribunale sind wirklich selten. Der Autobahn- und Eisenbahnbau in Sibirien war eher eine Erholung als eine Strafe.

Nicht ganz. Arbeit ist für dieses faule Gesindel immer eine Strafe.

„Was gibt es zur Trauerfeier? Wollen sie ein Menü oder ein einzelnes Trauerbrot?“

„Bleibt ganz ruhig. Ich habe schon Alles fertig. Heute sind nur diese Gäste. Zuerst machst Du uns mal dreihundert belegte Brote.“

Er legt mir sehr feines Stangenbrot auf den Tisch. Mehrkorn und Weizen. Dazu niedliche Vinschgerlen, die aussehen wie kurze Stangenbrot. Er hat mir schon jeweils eine Probe angeschnitten, um mir zu zeigen, wie ich sie schneiden soll. Vorbildlich. Er hat sie genau so geschnitten, wie ich sie geschnitten hätte.

Fortsetzung folgt

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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