Tag 71


Tag 71

Wir wachen wieder einmal durch Geräusche auf, die eindeutig durch Sauforgien ausgelöst werden. Alfred steht auch in unserer Etage. Es hagelt Hausverbote. Die Rechnungen dürfen damit als Verlust angesehen werden.

Joana kann nicht wieder einschlafen. Wir reden etwas vom Vortag. Die Bedenken nehmen zu. Es gibt aber genug Antworten auf Bewerbungen. Auch Einladungen zur Vorstellung. Nur die Entfernungen nehmen zu. Von Hafling bis Pfelders, vom Grödnertal bis Eggental und sogar bis tief ins Pustertal, ist Alles dabei. Wie scheint, deuten sich reichlich Möglichkeiten an, Südtirol kennen zu lernen.

Ein Vorschlag als Chefkoch kommt aus St.Martin. Den werde ich mir mal genauer anschauen. Ich spekuliere mit einem kurzen Arbeitsweg, den ich sicher auch mit dem Motorrad zurücklegen kann. Es zeichnet sich wieder ein geteilter Dienst ab. Einschichtige Morgenarbeit ist wahrscheinlich für mich nicht reserviert. Ich bekomme die tollsten Entschuldigungen zu hören. Dazu Ausreden und mitunter, kalt vorgebrachte Lügen in allen Varianten. Aktuell sind für mich, wie gesagt, Restaurationen interessant, die zumindest ganzjährig arbeiten. Die Kompromisse dafür sind am Rande der Unmenschlichkeit. Dienstbeginn zwischen acht und neun Uhr morgens, Dienstende gegen elf Uhr abends. Dazwischen darf ich locker einhundert Kilometer durch regen Stadtverkehr zurücklegen.

Es gibt zwei Anzeigen von Hotels in Skigebieten. Ich müsste dort übernachten und jeglichen Privatverkehr einstellen. Joana braucht das Auto. Sie müsste mich hinfahren an ihrem freien Tag. Und das im Schnee. Die Angst, wieder für die Autowerkstatt zu arbeiten statt für uns, gewinnt. Wir lassen das erst mal bei Seite.

Bei allen Angeboten kommt leider heraus, dass es Saisonangebote sind. Wir stellen die Suche erst mal ein. Außer Telefon- und Fahrtkosten hat Nichts wirklich Etwas gebracht.

Eine Ausfahrt würde sich noch anbieten. Die Ausfahrt nach Hafling. Jegliches Engagement in diesem Winter betrachte ich nur noch als Lückenfüller, der etwas Geld bringen soll. Vielleicht springt ein Vertrag für die folgende Sommersaison heraus. Unterschrieben ist bisher Nichts. Leider war ich in dem Betrieb schon mal vorstellig. Damals wurde ich abgelehnt.

Dazu hat sich ein Betrieb aus Meran gemeldet. Ein Restaurant. Dort muss ich aber noch einen Termin vereinbaren. Vielleicht gelingt mir das mit einem Weg.

Ich rufe in Meran an, ob es heute noch gelingt, uns zu treffen. Es ist möglich. Wir vereinbaren eine recht große Zeitspanne für unser Treffen. Ich rede mit einer Chefin.

Langsam mache ich mich fertig und gehe in meinem Sonntagstrainingsanzug zu Marlies. Heute hat sie keinen Kaffee vorbereitet. Ich komme zu spät. Kaum bin ich die Tür rein, rennt sie los. In der einen Hand den Kaffee und in der anderen, hält sie ein paar Kipferle. „Selbstgemacht“, ruft sie. „Probier das mal.“

„Das Kraftfutter brauche ich heute. Ich gehe wieder auf Vorstellung. Nach Hafling und Meran.“

„Oh ja. Hafling ist so schön. Wir haben bei uns Haflinger zu Hause.“

Ich staune immer mehr bei Marlies. Bauersfrauen sind normal der Chef im Bauernhaus. Und im Haus steht auch das Vieh. Um das kümmern sich größtenteils die Frauen. Die Bauern hingegen sind der Chef bei Reparaturen, auf dem Feld und an der Technik. Bauersfrau ist kein leichter Beruf. Dass Marlies noch die Freizeit findet, sich in einem Hotel um das Frühstück zu kümmern, ist allerhöchstes Lob wert. Marlies ist ganz sicher auch die Person des Bauernhaushaltes, die zuletzt ins Bett geht. Stellt man sich jetzt noch vor, Kinder gehören zum Bauernhaushalt, wird vielen angeblichen Frauen klar werden, wer wirklich arbeitet oder nur so tut. Wer unter diesem Gesichtspunkt einen Frauentag betrachtet, wird sehr schnell feststellen, wer wirklich gleichberechtigt ist und wer nur so tut.

Die Kipfelen schmecken nach richtiger Butter, Nach Almbutter. Ein Hochgenuss. Vielleicht fehlt etwas Salz. Ich sage das Marlies. Unter Freunden darf man das. So sind wir erzogen worden in der DDR.

„Das hab ich wirklich vergessen, Karl. Du merkst das!“

„Das bemerken auch Andere. Die Frage ist; wer sagt Dir das. Das ist auch kein Vorwurf. Dieses Gebäck ist spitze!“

Marlies hat keine Kinder mehr zu Hause. Die gehen eigene Wege. Wenn Marlies und ihr Mann aufhören, gibt es eine Bauernfamilie weniger auf dem Reschen. Das ist schade.

Ich muss los. Marlies wünscht mir viel Glück. Zum Auto kann ich direkt gehen. Alfred steht mit Gästen zusammen an der Rezeption. Er winkt und nickt kurz. Dursun schleppt gerade ein paar Koffer durchs Haus. Er sieht ziemlich gequält aus von der Last. Es sind vier Koffer. Wenn ich ehrlich sein soll; ich bin schon mit zwei Reisetaschen restlos ausgebucht. Bei vier Koffern könnte Dursun schon als Gewichtheber anfangen. Das Paar, dem die Koffer gehören, steht draußen am Auto. Die haben nicht mal den Kofferraum oder eine Tür geöffnet. Dursun zieht ein Gesicht, dem das Lächeln nur unter Zwang herausrutscht. Er zeigt mir mit dem Kopf mein Auto. Das hat er von einer leichten Schneebedeckung befreit. Ich komme mir langsam vor wie ein Fürst. Alle meine Kollegen helfen mir unaufgefordert, bei meinen Bemühungen, eine Arbeit zu finden.

Ich verabschiede mich und fahre los. Irgendwie muss ich versuchen, Etwas mitzubringen für meine Kollegen. Meran ist dafür schon mal ein gutes Pflaster.

Die Fahrt ging relativ zügig. Ab Mals sind Touristen unterwegs, die alle frisch vom Frühstück kommen.

Selbst am Reschen oben, waren nicht so Viele zu Gange. Etwas später, stünde ich da schon im Stau.

Bis Schlanders treffe ich nur Verkehr in der Gegenrichtung. Alle fahren bergaufwärts. Auch in Richtung Sulden.

Wie üblich, biege ich in Schnals ab. Martin steht schon vor der Tür. Er raucht Eine. Ich sehe ihn das erste Mal rauchen.

„Heute können wir mit mehr Straße rechnen.“

Mit Straße meint er das a la carte – Geschäft.

„Guten Morgen. Das Übliche?“

„ Es gibt noch Etwas von Gestern mit zu verarbeiten. Ich biete es als Tagesgericht an.“

„Schopfbraten?“

„Ja. Wir müssen ein paar Knödel nachmachen und etwas Sauerkraut.“

„Geht los. Ich zieh mich um.“

Bevor ich einen Arbeitsvertrag habe, nehme ich meine Kochsachen immer mit nach Hause. Ich habe früher leider immer zu viele Sachen vergessen. Manchmal musste ich Tage später in den Betrieb fahren, um eine Kochsachen zu holen. Die waren meist in der Wäscherei. Ziemlich oft gab es Streit wegen meiner Kochsachen. Ob sie auch wirklich mir gehören. Joana hat mir ein heimliches Zeichen eingenäht, auf das ich dann zeigen muss.

Selbst diese Markierung hat manches Mal nicht geholfen. Als Ausländer streite ich natürlich nicht. Die entsprechenden Wirtsleute nutzen das aus.

Fortsetzung folgt

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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