Fortsetzung Tag 73


Normal lasse ich Knödel, bevor ich sie einfroste, einen halben Tag draußen stehen. Die Oberfläche der Knödel trocknet dabei etwas an und verdunkelt sich eine Spur. Man könnte meinen, sie bilden eine Haut. Und genau diese Haut verhindert das Verwässern beim Kochen oder aufwärmen. Die Knödel bleiben dadurch fest zusammen, behalten ihre Form und gwinnen ihre frische Farbe zurück. Ich erwärme Knödel für das Mittagsgeschäft grundsätzlich in der Bain Marie im zugedeckten Gastronorm. Dabei werden die etwas größer und pflaumig. Sie bleiben aber stabil. Auf die Art, kann ich Knödel, zwei Stunden und länger, warm halten. Das Südtiroler Sprichwort. Der Gast wartet auf den Knödel und nicht der Knödel auf den Gast, wird damit etwas missachtet. Aber, rein theoretisch, bräuchte ich, wenn die Gäste wie üblich, nacheinander kommen, zwanzig Töpfe oder Behälter, um die Knödel zu erwärmen. Die Südtiroler helfen sich mit der Mikrowelle. Heimlich. Keiner erzählt das den Gästen. Trotzdem dauert diese Prozedur drei Minuten. Und das bei erheblichem Qualitätsverlust. Da spielt es auch keine Rolle, ob die wirklich exakt rund sind. Die Knödel sind schon mal versaut. Probieren Sie das Mal zu Hause. Zudem lassen sich meine Knödel hervorragend im Dampf erwärmen. Nur, für den Moment, zu dem Knödel nachgekocht werden müssen.

Martin lernt mir heute, für den eigenen Stursinn werden selbst Lebensmittel weggeworfen. Und das ausgerechnet in einem Land, in dem unsere Eltern und Großeltern eine Trauerfeier abhielten, wenn ein Ei weg geworfen werden musste. Unsere Großeltern haben selbst die Rücklaufteller abgeräumt und wieder verwertet; sprich, verkauft. Ich stell mir gerade vor, das würde ich heute tun. Schon einen Tag später würden mich die Carabinieri abholen.

„Die Knödel sind nicht gut“, sagt Martin.

„Ein Drittel hast Du gedreht. Warum hast Du die weggeworfen?“

„Ich konnte sie nicht sortieren.“

Wahrscheinlich konnte er keinen Unterschied finden.

„Ich mach ab heute, keine Knödel mehr.“

„Dann brauch ich Dich nicht.“

„Tschüss.“

Den Streit finde ich etwas vorsätzlich herbei geführt. Ich schätze, die Trauerfeier war doch eine große, die sonst so nicht stattfindet. Martin brauchte sozusagen, Hilfe. Und jetzt ist die Hilfe zu teuer.

Vor der Tür steht immer noch Sepp. Er drückt mir einen Hunderter in die Hand.

„Pass auf. Nicht, dass Ihr pleite geht deswegen.“

Sepp lacht und verabschiedet sich höflich. „Schau mal vorbei!“

„Ganz sicher!“

Auf der Fahrt aus dem Schnalstal bin ich nicht allein. Vor mir eiern massenhaft Touristen auf ihrer Heimfahrt das Tal hinunter. Montag scheint der neue Abreisetag zu sein. Arbeiter können das nicht sein. Die werden doch keinen Urlaubstag für einen freien Tag opfern. Für Arbeiter sind auch die Autos zu protzig. Arbeiter müssen den Sonntag opfern für ihre Heimfahrt. Hoffentlich schlafen die wenigstens auf Arbeit aus von dem Stress.

Nun hab ich ganz vergessen, bei Martin noch die zwei SMS-Nachrichten zu lesen. Unten, am Schloss Juval von Herrn Messner, nehme ich mir mal die Zeit. Leider kann ich nicht ins Bauernlädele am Parkplatz. Aktuell ist das nicht meine Preislage. Für mich ist im Moment die Abfalltonne und die Hoteltafel von Alfred reserviert.

Eine Probearbeit liegt morgen in St.Martin an und am gleichen Tag, eine im Martelltal. Obwohl mir das Martelltal sehr gut gefällt, versuche ich es erst mal im Passeiertal. Das ist näher für mich und hilft sparen.

Mit dem Trost begebe ich mich erst Mal zu Joana und Alfred.

Die Reise um diese Zeit grenzt an Folter. Fast an jeder Kreuzung steht eine Carabinieristreife und nimmt einen Unfall auf. Die Fahrt bis Mals dauert weit über eine Stunde. Und genau hier, steht ein Stau, der sich gewaschen hat. Wenn ich wüsste, wo der Unfall war, könnte ich ja eine leichte Umfahrung in Angriff nehmen. Dort würde mir das gelingen. In dem Unwissen bleibe ich lieber erst mal im Stau stehen. Vielleicht geht es schnell vorbei. Das Warten hat sich gelohnt. Die Bauern und der Winterdienst haben die Unfallfahrzeuge von der Straße geräumt.

Kurz danach komme ich an dem Unfallplatz vorbei und sehe ein Auto in so komischen Farben, gefleckt, fast getarnt. Der Kasten ist auf einen Lieferwagen aufgefahren. Frontal. Er wollte überholen und hat den übersehen. Alfred erzählt mir später, die gefleckten Kästen wären Testautos. Deutsche. Haben die in Deutschland keine Straßen, wo sie ihre Bevölkerung tot fahren können? Warum kommt dieses Gesindel extra nach Südtirol? In eine soundso verkehrsgeplagte Touristenregion. Irgendwie reicht es uns, im Frühjahr massenhaft deutsche Motorradfahrer begrüßen zu dürfen, die weder auf- noch absteigen können, ohne das Motorrad umzuschmeißen.

Vorm Hotel wartet Niemand auf mich um diese Zeit. Dursun hat sicher zu tun mit dem Schwimmbad und dem Skiraum. Alfred wird von Hausgästen belagert. Grauenvoll. „Können Sie uns ein Cafe im Ort empfehlen?“ „Was gibt es heute Abend als Menü? Ich esse keine Rindszunge.“

Die Sorgen möchte ich haben.

Ich gehe noch mal runter in die Wäscherei. Joana ist noch nicht da. Mira schon. Sie gibt Joana Bescheid, sagt sie zu mir.

Marco bastelt noch am Menü. Heute gibt es Hase. Frisch aus Argentinien. „Isst Du unser Personalessen mit?“

„Ich habe heute keinen Appetit.“

„Schon wieder Schluss?“

„Morgen geht‘s weiter.“

Ich gehe aufs Zimmer und lege mich hin.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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