Tag 74


Tag 74

Der Dienstag beginnt für uns gemeinsam. Ich koche den Kaffee, während Joana sich im Bad frisch macht. Die Nachricht von Gestern nahm sie locker auf. Wer Handwerk und Arbeit nicht respektiert, ist auch deren Ergebnis nicht wert.

Leider rutscht die Leistungskurve für unser gemeinschaftliches Einkommen in Richtung Joana. Ich werde Nach und Nach zur Fehlbesetzung. Das heißt, zum mithelfenden Ehemann. Langsam wird es Zeit, mich um neue Betätigungsfelder zu kümmern. Leider müssen wir uns in diesem System die Fortbildung selbst bezahlen. Und darunter fällt auch die Wahl der Lehrer.

Als Hausfrau ist ein recht gut ausgebildeter Koch schon mal die beste Wahl. Zumindest, was den gedeckten Tisch angeht. Das optimiert die Haushaltkasse gewaltig. Und das, ohne jegliche Einbusen an Lebensqualität. Ich will damit sagen, ein Koch gibt heute die beste Hausfrau. Wenn ich das noch mit den ohnehin erworbenen Handfertigkeiten kombiniere, steht fest, ein Vollservice kann von einem Koch zu Hause erbracht werden. Damit wäre ja die männliche Dominanz wieder hergestellt, die bisweilen in Frauenhänden liegt.

Joana wünscht mir Glück für den Einsatz in St.Martin. Nach meiner Recherche ist das wirklich nur ein Probeeinsatz. Ich schätze, es geht um eine Faschingsveranstaltung. In St. Martin beginnt die Saison eigentlich ziemlich spät. Das Passeiertal ist ein kaltes, fast feuchtes Tal. Vor April ist dort kaum mit Hotelöffnungen zu rechnen. Selbst Restaurants laufen dort um die Zeit auf Sparflamme. Ich richte mich auf einen oder zwei Tage ein. Mehr nicht.

Mario aus Bozen von der Sprachschule hat wieder geantwortet. Ich soll noch einmal vorbei kommen. Jetzt geht es um die Vertretung des ägyptischen Kollegen. Der will wahrscheinlich nur vierzehn Tage bleiben. Im Grunde würde das jetzt gut passen. Für später habe ich mir kaum Sorgen zu machen trotz meines Alters. Erstaunlich finde ich die Entwicklung bei der Arbeitssuche. Anfangs, vor zehn Jahren, brauchte ich höchstens zwei Anrufe und der Arbeitsplatz war perfekt. Heute muss ich um die einhundert Bewerbungen absetzen für das gleiche Ergebnis. Und das bei extrem gewachsener Erfahrung. Damit können wir die Prahlereien mit erfahrenem Personal mal kurz als Hochstapelei abtun. Wohl in der Kenntnis, dass Erfahrung, Geld kostet. Und ausgerechnet jene, die für Protzschulungen in ihren Verbänden, tausende Euro abdrücken, wollen von Saisonköchen, deren Erfahrung kostenlos. Ein Kochbuch mit zehn Rezepten, die mitunter auch noch fachlich falsch beschrieben werden, kaufen diese Trottel. Nichts liegt uns näher, als ihnen genau diese Kochbücher nachträglich aufzudrehen. So holen wir uns wenigstens einen Teil ihrer Schulden zurück, ohne ihnen Kochen zu lernen.

Der Dienstag beginnt nach unserem gemeinsamen Kaffee, wie immer bei Marlies. Um die Zeit treffe ich Alle. Ich gehe zusammen mit Joana runter. Ein gemeinsamer Arbeitsweg. Das ist wirklich eine absolute Seltenheit in unserem Beruf.

Marlies ist noch voll im Stress. Ich versuche ihr zu helfen. Zwecklos. In einem anderen Betrieb, bei einem anderen System, wirkt das eher bremsend als hilfreich. Die Kaffeemaschine läuft schon. Die Backwaren sind in Körben verteilt. Ich hole ihr nur die Schüsseln und Behälter aus dem Kühlhaus heraus. Das ist eigentlich schon genug Hilfe. Sie sagt mir, was fehlt und ich suche es. Der Kaffee ist durch und Marlies bringt mir wieder einen Rest vom Selbstgebackenem. Eine Schnecke mit Zuckerglasur. Und die schmeckt. Als Resteverwerter sind wir armen Schweine schon mal Gold wert. Und wenn Reste so gut schmecken wie Marlies‘s Schnecken, dann werden uns die Ausbeuter sogar noch beneiden. Deren Nutten können nicht kochen und backen. Ich bezweifle auch, dass die den Rest können.

Nach St.Martin im Passeiertal muss ich etwas eher aufbrechen. Ich rechne mit einem gewaltigen Berufsverkehr ab Naturns in Richtung Meran. Von Meran ganz zu schweigen. Ich stelle fest, die Arbeitswege verlängern sich wieder. Damit wird das Tanken in Österreich schon mal zur Pflicht.

Dursun und Alfred kommen. Beide fragen mich, wo ich heute arbeite. Ich sage ihnen das vom Passeiertal. Alfred reibt sich die Stirn bei den Entfernungen. Er kann nicht begreifen, welche Arbeitswege ich zurück legen muss für die Arbeit. „Du bist ja am Tag sechzehn Stunden nur für Arbeit unterwegs. Was machst Du abends. Soll ich mich um Joana kümmern?“ Er lacht dabei. Die Mädels kommen um die Ecke und Joana hat das gehört. Ahu auch. „Da muss aber noch Viel lernen“, sagt sie zu Alfred. Die Mädels kichern.

„Habt ihr die Rezeption schon fertig?“, fragt Alfred die Mädels.

„Ich hab extra fein poliert, Chef“, sagt Ahu und alle lachen.

„Chef auch?“, fragt Mira.

Alfred steckt den Zeigefinger raus und wedelt etwas hin und her.

Ich verabschiede mich. Es wird Zeit.

Joana gibt mir einen Kuss. Alle Mädels pfeifen. Marlies ruft: „Ich auch!“

Jaja. Die Frauen. Mit Pechvögeln und Alkoholikern haben sie Mitleid.

Das Auto springt gut an. Bei den Strecken gibt es sicher keine Batterieprobleme. Am Reschen ist mäßig Verkehr. Ich wünsche mir, es soll bis Meran so bleiben. Schon ab Schluderns ändert sich das. Jetzt gibt es regen Lieferverkehr. Ich staune, wie viele Lieferanten allein in Richtung Schweiz fahren und von dort kommen. Bis zur Abfahrt Prad geht es ziemlich schleppend. Ab dann kann ich Gas geben. In Eyrs natürlich nicht. Dort stehen zwei Blitzanlagen.

In Schlanders staut es wieder etwas. Bis in die Naturnser Tunnel und den anschließenden Kreisverkehr komme ich flüssig voran. Ab hier wird es dichter. Trotzdem läuft der Verkehr bis Meran flüssig. Die Einheimischen fahren gut hier. Es sind auch noch keine Traktoren mit Spritzanhängern draußen. Unsere Bauern genießen noch etwas die Winterruhe.

Durch Meran in Richtung Tirol und Passeiertal, steht Alles. Um dieses Chaos zu umfahren, ist ein Tunnel ins Passeiertal geplant. Wir können nur hoffen, der Tunnel wird möglichst bald gebaut.

Die kurvenreiche Strecke in Richtung St. Martin ist für ein Auto fast eine Zumutung. Dafür muss ich recht viel Zeit einplanen. Zur Not könnte ich ja auf das Motorrad umsteigen. Bei den Temperaturen ist das hier vertretbar. Es darf eben bloß kein Schnee fallen. Dann wird‘s kritisch.

Ich komme in St. Martin an und suche das Hotel. An der Einfahrt bin ich zwei Mal vorbei gefahren. Das Schild steht zu versteckt. Die Eingangstür ist geöffnet. Ich werde erwartet, denke ich mir.

Der Chef steht im Foyer und fragt mich gleich: „Karl?“

„Ja. Guten Morgen.“

„Ich zeige Dir die Küche. Wir haben heute einhundert Essen zu kochen. Kein Menü. Aber ein Suppe bieten wir trotzdem an. Auch ein Speckbrettl als Begrüßung.“

Wir kochen also heute:

Speckbrettl

Stracciatella Suppe

Kalbsschulternahtl, gratinierte Kartoffel und Rosenkohl

Faschingskrapfen

Die Küche ist eine Gasküche und relativ gut eingerichtet. Ein Dämpfer ist drinnen und das reicht im Grunde für das ganze Vorhaben. Also; nichts leichter als das.

Das Speckbrettl will der Chef selbst schneiden und legen. Bei dieser Übung überrascht er mich mit einer außergewöhnlichen Fingerfertigkeit. Die kenne ich nur von Profis. Es bedarf schon einiger Übung, um das so perfekt zu machen.

Die Brühe ist schnell angesetzt. Ich finde im Lager ausreichend Würzelgemüse, um eine Brühpaste herzustellen. Ein Kutter ist auch da. Schön. Das Schulternahtl kann ich gleich im Dämpfer ansetzen, in dem ich bei der Gelegenheit auch die Brühpaste etwas anröste.

Den Rosenkohl hänge ich dort mit ein. Zugedeckt mit wenig Flüssigkeit. Nur ein paar Minuten zum Auftauen. Ich muss den danach nicht abschrecken.

In knapp drei Stunden ist das Menü fertig. Die Krapfen werden gerade geliefert. Ich esse gleich drei Stück. Sie sind ziemlich groß. Der Chef bringt mir Kaffee dazu. Einen Liter. Er hat mich gefragt, was ich gern trinke.

Nach ungefähr fünf Stunden ist der ganze Zauber überstanden. Ich putze die Küche und wasche die paar Behälter auf, die ich gebraucht habe. Nachdem, was ich gesehen und gehört habe, war es eine Faschingsgesellschaft. Sie planen einen Umzug und der scheint ziemlich traditionell zu sein. So sagt mir das der Chef. Wir Köche kommen selten aus unserem Loch, um so etwas überhaupt zu kennen, geschweige zu feiern.

Nach der Arbeit zahlt mir der Chef, Zweihundert. Eine stattliche Summe.

„Ich lass von mir hören. Deine Nummer habe ich.“

Für eine Frühschicht mit einem Arbeitsweg war das schon mal recht gut. Innerlich freue ich mich für den Auftrag. Zumindest sind damit die kommenden Tankstellenbesuche abgesichert. Voll gefressen habe ich mich auch.

Ich schaue auf den anderen Termin. Den muss ich neu ansuchen wegen heute. Ich fahre nicht direkt vorbei. Ich rufe an. Wir vereinbaren morgen. Der Betrieb ist ganzjährig geöffnet. Das wäre eigentlich eine günstige Gelegenheit. Ich bin gespannt.

Um die Zeit komme ich recht zügig zum Reschen. In einer und einer halben Stunde habe ich den gesamten Weg zurückgelegt. Durch Meran habe ich länger gebraucht als durch das Vinschgau.

Alfred ist noch zur Mittagsruhe. Marco auch und Dursun kehrt noch etwas vor dem Hotel.

„Wie war?“

„Gut. Morgen muss ich in einen anderen Betrieb. Auch in Meran.“

„Na dann. Gute Nacht.“

Er lacht ziemlich laut und redet anschließend Etwas mit sich selbst. In Türkisch.

Joana sitzt schon auf dem Zimmer. Ich gehe Duschen. Marlies hat Joana noch ein paar Schnecken mit gegeben. Die essen wir zusammen und gehen zu Bett.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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