Ausfahrt 22.03.21


Endlich! Nach einem halben Jahr dürfen wir wieder die Sonne sehen. Ohne Fensterrahmen oder Balkongeländer.

Nach einem halben Jahr ohne Sonne werden die Zähne locker, die Haare fallen aus und die Haut fühlt sich an wie grobes Sandpapier.

Nach einem halben Jahr ohne Motorradfahren bekommen wir Muskelschwund an der Hand zwischen Zeigefinger- und Daumenballen.

Nach einem halben Jahr ohne Ballanceübung besteht die Gefahr, beim Aufsteigen auf das Vehikel, mit dem Motorrad einfach umzufallen.

Nach einem halben Jahr sind die Beine und Füße so geschwollen, dass wir nicht einmal in die Motorradstiefel kommen.

Nach einem halben Jahr bekomme ich fast schon Gänsehaut beim Klang des Motors.

Ich hab mal ein Foto geschossen. Kein besonders schönes, aber ein unglaublich erlösendes.

In dem Sinne, möchten wir unserem Landesvater, Herrn Arno Kompatscher, herzlich für den Freigang danken.

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Tag 76


Tag 76

Die erste Nacht nach über einem Viertel Jahr, muss ich allein aufwachen. Na gut. Den Kaffee bring ich gerade noch in die Kanne. Ein zwei Zigaretten bekomme ich auch gedreht. Nur das Bad. Ich lasse mich zu gern Waschen und Rasieren von Joana. In meinem Alter, muss ich mich langsam auf die Heimbetreuung einrichten. Wir haben leider Niemand, der das bezahlt. Uns bleibt, sozusagen, die Brücke als Altersheim. Irgendwie wird es langsam Zeit, mich um einen Nachtwächterposten zu bemühen. Da wird wenigstens die Beerdigung kostenlos für meine Joana.

Heute Früh fehlt mir irgendwie der Gang zu Marlies und Dursun. Es ist so still. Unser Fernseher, ein Südtiroler Produkt vor dem uns Südtiroler Händler warnten, hat zwar eine Radiofunktion, aber das Bedienungsmenü ist kaputt. Leider baut uns den Fernseher keiner mehr. Also, gibt es eben kein Radio.

Auf meinen chinesischen Computer ist da etwas mehr Verlass. Mit dem habe ich Radio. Und genau das stelle ich mir jetzt ein. Ich möchte zumindest hören, ob sich auf meinem Arbeitsweg ein Unfall ereignet hat.

Jetzt, wenn ich einmal in Südtirol bin, kann ich auf Arbeit auch mit dem Motorrad fahren. Das erspart mir Stau und unnötige Wartezeiten. Ich bin einfach etwas pünktlicher als mit dem Auto. Der größte Vorteil ist, ich bin auf Arbeit bedeutend aufgeweckter. Das behindern nur die auf der Straßenmitte fahrenden SUV Fahrer. Die bezahlen mit ihren Steuern nicht nur die Straßen, sondern auch die Tankstellen und den Reifenservice. Dafür wollen sie natürlich die ganze Straße für sich. Eines sparen die SUV Besitzer allerdings. Nicht persönlich, sondern ihr Altwagenvermittler. Der schickt das Gefährt zur Entsorgung an die bewaffneten Gebrauchtwagenbenutzer in Libyen, Syrien oder an die ukrainische Ostfront. Dort kontrolliert auch Keiner das Reifenprofil und den Spritzschutz.

Ich bin schon da. Auch, wenn auf der Straße von Algund nach Meran, ständig Stau herrscht. Später kann ich ja die Abfahrt Mitte durch den Tunnel nehmen.

Die Chefin ist schon da. Wann schläft die gute Frau? Das erklärt mir auch das schroffe Auftreten.

„Arbeitermenü ist heute:

Salatteller

Ochsenschwanzsuppe

Hühnchenschnitzel Wiener Art, Kroketten, gegrillte Zucchini

Tiramisu.“

Kannst Du das?“

„Gerade so. Soll ich die Kroketten machen. Auch das Tiramisu?“

„Die Kroketten habe ich schon fertig gefroren. Das Tiramisu nicht.“

„Alles klar. Wie viele kommen heute?“

„Du kannst ruhig etwas mehr machen. Das verkaufe ich zur Jause und abends.“

Das ist ja schon mal eine Ansage. Die Chefin hat Alles da. Wie scheint, frisch geholt irgendwo. Es liegt noch auf dem Küchentisch.

Lange werde ich nicht brauchen. Von ein paar Rindfleischabschnitten von gestern und Wurzelgemüse, stelle ich mir ganz schnell eine Brühpaste her. Mit dem Fleischwolf mache ich das Grobe. Der Kutter geht etwas zu langsam dafür. Den nehme ich anschließend.

“Was ist das?“, fragt mich die Chefin.

„Die Brühe.“

„Die machen wir Normal anders.“

„Ich aber nicht. Die Brühe ist schneller fertig und kostet weniger Energie.“

„Willst Du Kaffee?“

„Cappuccino oder Filterkaffee. Danke.“

Inzwischen setze ich den Pastakocher an und erhitze die Bratplatte. Auf die Induktion, worüber ich mich besonders freue, setze ich gleich das Brühwasser an. Eine Schlagmaschine haben wir nicht. Dafür hat die gute aber ein feines Handgerät mit einem Schneebesenvorsatz. Das Tiramisu ist so Minutensache.

„Ich brauche einen Topf Kaffee für die Tiramisu. Oder haben wir Instantkaffee?“

„Im Trockenlager findest Du welchen.“

Da ist ja Alles klar. Ich nehme gleich das Warmwasser aus der Leitung.

Fortsetzung folgt