Fortsetzung Tag 87


Mein Chef ist noch nicht da. Ich gehe derweil rein ins Gelände bis vor den Speiseraum. Drinnen höre ich Stimmen. Da denke ich mir natürlich, ich könnte mit Klopfen auf mich aufmerksam machen. Das funktioniert. Die Tür springt auf und die Kollegen lassen mich scherzend herein. „Hast den Schlüssel vergessen?“

„Nein. Ich hab keinen. Mein Chef schließt mir auf.“

Sie zeigen mir eine Karte, mit der aufgeschlossen wird. Es gibt keine Schlüssel. In der Küche schon.

Ich steige über die Ausgabe und ziehe mich derweil um.

„Willst Du nen Kaffee?“

„Gerne.“

Das Personal zahlt erheblich weniger für einen Kaffee. Ich müsste das Doppelte bezahlen. Ein Kollege lässt mir einen Kaffee raus.

„Willst Du noch einen?“

„Noch Zwei wären mir lieber.“

Ich gebe den Jungs das Geld. Mit dem Kaffee gehen wir vor die Tür und Rauchen Eine zusammen. Inzwischen kommt mein Chef und wir müssen Alle zusammen lachen. Die Kollegen fragen mich, was es heute gibt und ob das so gut schmeckt wie gestern. Auf das versteckte Kompliment, das sicher auch mein Chef hören sollte, kann ich nicht antworten.

„Ich weiß nicht, Ihr Guten.“

Der Chef sagt es ihnen:

Salatauswahl

Eierstichsuppe

Spaghetti aglio e olio

Er sagte: Rindsgeschnetzeltes.

Ich habe daraus Stroganoff mit Salzkartoffeln und Spinat gemacht.

Eis

Zum Frühstück gibt es heute zusätzlich Leberkäse, Bratwurst und frische Frankfurter. Ich schätze, Ei wird heute etwas weniger konsumiert. Zu den Würsten grille ich heute Käse, zusammen mit Toast und Schinken. Ich könnte das als Karlsbader Schnitte auch überbacken. Auf dem Grill wird das aber wesentlich besser und saftiger. Die Jungs merken das auch. Sie verlangen mehr davon. Meine muslimischen Freunde fragen mich, ob ich das auch mit Bresaola kann. Die habe ich aber nicht da. Ich versuche das mit Carne Salate. Die ist etwas weicher im Schnitt und wesentlich fester im Biss. Dieses Carne wäre in meinen Augen ziemlich zäh, weil es falsch angeschnitten war.

Zur Probe habe ich eine Portion richtig geschnitten und gegrillt. Ich beobachte den Neger, wie ihm das bekommt. Er gibt mir ein Zeichen mit dem Okay von Daumen und Zeigefinger. Dabei zeigt er seine weißen Zähne. Der Mundwinkel strahlt bis zu seinen Ohren. Ich habe den richtigen Schnitt erwischt. Der gekochte Schinken war ähnlich versaut. In meinen Augen ist ein Fleisch oder ein Produkt, das falsch geschnitten wird, versaut. Das wäre für mich ein Reklamationsgrund. Ich betone das immer wieder. Das ist vergleichbar mit der falschen Bereifung auf einem Auto oder Motorrad. Das würde doch auch Keiner bezahlen. Von einem Fachmann darf ich erwarten, dass er das richtig verarbeitet. Schaue ich dagegen in diverse Kühlregale bei Händlern, kommt mir der Zweifel auf, dort wären Metzger oder Köche am Werk. Ein Schnitzel ist ein Stück Fleisch, welches dafür vorgesehen ist, kurzgebraten gegessen zu werden. Ansonsten ist es eine Scheibe oder Fette, wie unsere italienischen Landsleute dazu sagen. In der DDR haben wir solche Handelsgebaren angezeigt. Das hat gewirkt. Dafür gab es eine Arbeiter- und Bauerninspektion.

Das Frühstück hat sich heute gezogen. Massenhaft Fernfahrer waren zugegen. Alle haben belegte Brote und Brötchen bestellt. Das Betriebsgelände stand voll mit Lastwagen.

Leider ist die Speckproduktion in Südtirol eine Art Lohnarbeit oder Veredlung. Damit wird auch die volle Wertschöpfung verschenkt.

Nebenbei bleibt heute wenig Zeit, das Mittagessen vorzubereiten. Die Ansätze für Kartoffeln, Spinat, Fleisch bekomme ich gerade so in den Dämpfer. Das Fleisch muss ich nachgrillen, weil es nur kurz gekocht ist. Das Pastawasser habe ich aufgesetzt. In dreißiger Eineintel Gastronorm. Mit denen simuliere ich einen Nudelkocher, indem ich einen gelochten Gastronorm mit der Pasta einhänge. Bei den Spaghetti kann ich schlecht einen Topf nehmen. Damit wird einfach zu wenig fertig mit einem Mal. Die Jungs kommen in zu großen Gruppen. Den gelochten Gastronorm kann ich nach dem Erwärmen direkt in die Bain Marie einhängen. Der Wasserdampf hält mir die Pasta schön warm und weich. Immerhin habe ich nebenbei, das warme Essen auszugeben und die Salate aufzufüllen. Es gibt auch reichlich Sonderwünsche bis hin zu belegtem Brot.

Kurz vor dem Mittagsende kommt der Chef. Drei Minuten später, Ana. Sie ist wieder da. Ana wird gerade Zeugin einer recht komischen Bemerkung eines Gastes. Er fragt mich, ob ich nicht da bleiben möchte.

„Ich bin nur zur Vertretung da für Eure Köchin.“

„Aber Dein Essen schmeckt besser. Du kannst wenigstens Südtiroler Essen.“

„Ja, aber Ana kocht auch sehr gut. Ich habe das probiert. Dazu ist Ana mit einem Südtiroler Mann verheiratet. Und dem schmeckt das, was Ana kocht.“

Die Männergespräche. Was soll ich sagen? Ich glaube schon, vielen Männern schmeckt es im Restaurant besser als zu Hause. Aber, die müssen das mit sich und ihrem Ehepartner ausmachen.

Mein Chef lacht darüber. Ana ist etwas verstimmt nach dem Kommentar.

„Wie war der Kurzbesuch, Ana?“

„Es war eine Trauerfeier. Der Bruder ist tot.“

„Warum bist Du nicht länger geblieben?“

„Es war eher ein Anstandsbesuch. Ich liebte meinen Bruder nicht besonders. Er hat mich bestohlen.“

„Tut mir sehr leid, Ana.“

Der Chef drückt mir ein paar Scheine in die Hand.

„Wenn ich Dich wieder brauche, gebe ich Bescheid.“

„Schicke eine Email. Tschüss.“

Ana hilft mir sogar beim Putzen und Wegräumen der Reste.

„Musst Du noch Irgendwo hin?“

„Ja. Ins Ultental. Ein Altenheim.“

„Den Speiseraum mache ich. Geh.“

„Danke und machs Gut, Ana. Sag schönen Gruß zu Hause.“

„Tschüss.“

Montags die Brennerautobahn in Richtung Bozen zu fahren, ist reine Rammelei. Die Carabinieri scheinen das zu wissen. Es gibt vier Streifen bis Bozen. An jeder Streife sehe ich hektisch die Bremslichter aufblinken. Man gibt sich so die Zeichen; „Achtung! Kontrolle!“ An sich ist die Durchschnittsgeschwindigkeit um die Einhundertfünfzig. In dreißig Minuten bin ich schon an der Mautstelle Bozen Süd. Und da ist reichlich Betrieb. Trotz Telemaut brauche ich zehn Minuten, bis ich weiter fahren kann. Auf der MEBO hingegen ist recht wenig Verkehr. In zwanzig Minuten bin ich in Lana.

Um ins Ultental zu kommen, muss ich die Serpentinen aus Lana benutzen. Dort allein, stehen zwei Blitzgeräte. Das ist eine beliebte Motorradstrecke. Das mit dem Auto zu fahren, ist eher eine Belastung für Mensch und Maschine. Die Arbeiter, die das täglich fahren müssen, werden ganz sicher mit zusätzlichen Kosten konfrontiert. Ich weiß nicht, ob da Blitzer der richtige Weg sind. Die Arbeiter verlieren so schon genug Geld an Sprit- und Werkstattkosten. Ich frag mich, ob von deren Lohn noch etwas zum Leben bleibt. Zumal gerade Lana von deren Arbeit lebt.

Ich komme nach der Slalomtour im Ulten an. Die Chefin des Altenheimes erwartet mich schon.

„Unsere Köchin ist krank und Sie werden für eine Vertretung benötigt. Zeigen muss ich Ihnen nichts. Sie kennen den Betrieb.“

„Wie lange, schätzen Sie, geht das hier?“

„Eine Woche, denke ich.“

„Was zahlen Sie und wie sind die Arbeitszeiten?“

„Sie wollten keine geteilte Schicht machen. Eigentlich bräuchten wir das.“

„Ich kann Ihnen das Abendessen vorkochen. Sie müssen es nur ausgeben.“

„Die Schwestern wollen das nicht. Sie tun es nicht gern.“

„Dann sind sie keine Schwestern. Abends kann ich Ihnen nicht helfen. Ich bin gerade in Nauders. Das sind hundert Kilometer. Können sie mir die bezahlen?“

„Nein. Wir können gar kein Wegegeld bezahlen.“

„Ich mach Ihnen das den Alten zu Liebe und für einen Ruf. Für eine Woche möchte ich Vierhundert.“

„Wir brauchen aber einen Zweisprachigkeitstest, Bescheinigung C.“

„Was? Soll ich mit den Pusterer Kartoffeln italienisch sprechen? Bezahlen Sie die Schule?“

„Nein. Das ist Vorschrift.“

„Ja. Dann lassen Sie bitte die Leute kochen, welche die Vorschrift erfunden haben.“

„Uns fällt sicher etwas ein. Ich lass von mir hören.“

„Bis dann. Tschüss und schönen Tag noch.“

„Gleichfalls.“

Der Einsatz war wirklich kürzer als gedacht. Ich komme rechtzeitig zu Marcos Panettone.

Der Verkehr in Richtung Reschen ist fast abgeebbt. Es herrscht schon etwas Feierabendverkehr bis ich in Naturns bin. Ab dort wird es etwas belebter. In Schlanders ist dicke Luft. Es staut bis an die Stelle, an der heute früh der Unfall war. Man ist am Bergen des Unfalllasters. Es gibt eine kleine einspurige Umleitung. Durch die Apfelplantage. Die freundlichen Bauern helfen mit. Manche auch in Feuerwehrkleidung. Sie leiten den Verkehr. So bekommen sie wenigstens den Verkehr aus Schlanders raus zu der Zeit. An einer kleinen Kirche kommen wir wieder raus. Jetzt geht es recht zügig.

Auf dem Reschen bin ich in einer und einer halben Stunde. Das ist ein recht guter Durchschnitt.

Vorm Hotel steht Dursun. Es gibt Abreisen. Keine Abreise.

Marco ist auf dem Zimmer. Der Panettone steht noch in der Küche. Der halbe Kuchen ist weg. Im Schnitt sieht das Teil wunderbar aus. Unser Stollen würde neidig werden.

Auf dem Zimmer wartet Joana mit Kaffee und einem Viertel des Panettone. Wir haben das Viertel weder gegessen noch probiert. Wir haben es gefressen. Als Nachtisch hat uns Marco noch ein halbes Grillhähnchen mit gegeben.

Nach diesem Fressen habe ich nur noch die Abrechnung geschafft. Klausen hat mir zweihundertfünfzig gebracht. Naja. Zumindest wird der Tank und der Magen nicht leer.

Tag 87


Tag 87

Joana hat mir den Wecker für heute gestellt. Ich muss sehr zeitig raus; noch vor Joana. Heute erwarte ich große Staus und schwerste Behinderungen. Montags rücken auch unsere Baufirmen aus. Nicht alle Behinderungen werden auf der Verkehrsmeldezentrale eingegeben.

Die Kaffeemaschine habe ich abends noch befüllt. Die schalte ich nur ein. Während ich im Bad bin, steht auch Joana auf. Sie lässt mir heute den Vortritt. Ich kann mich nicht recht erinnern, wann ich das letzte Mal vor Joana aufgestanden bin. Das kommt mir vor wie eine Ewigkeit.

In der DDR sind wir zwar gleichberechtigt erzogen worden, aber auch da war es Gang und Gäbe, als Mann vor seiner Frau aufzustehen. Der Herr Siegfried Schnabl, der unweit unseres Wohnortes geboren wurde, war praktisch unser Universallehrer in Sachen Familie und Gleichberechtigung. In der DDR bedurfte es seitens der Sexualforscher keiner Experimentier‘freud‘igkeit, wie im Westen. Ganz einfach deswegen, weil wir nicht kirchlich verklemmt und fehlgeleitet wurden. So nach der Devise: Die Reichen dürfen Alles, die Armen müssen beichten. Jugendliche Fehlgriffe mussten in der DDR nicht ein Leben lang bereut oder gar mittels Darlehen und abenteuerlichen Abtreibungen beseitigt werden. Unsere Frauen waren selbstbewusst, schön, sportlich, klug und fleißig. Also genau das Gegenteil des heutigen Striches, auf dem ein möglichst reicher Trottel gefangen werden muss. Kinder werden so schon frühzeitig zur Handelsware oder zum Erpressungsgrund. Sprich, zum ungeliebten Bindeglied einer Zweckgemeinschaft. In solchen Verhältnissen können keine normalen Menschen aufwachsen. Das ist und war einem DDR Bürger klar.

Marlies und unsere Kollegen kann ich heute natürlich nicht begrüßen. Dafür bin ich aber sehr zeitig mit meinem Dienst fertig. Der kleine Ausflug ins Ultental, wird hoffentlich nicht zu lange dauern. Unser gestriger Ausflug braucht schließlich noch etwas Nachbereitung. Ich möchte unbedingt die Reaktion Marcos genießen. Wir haben auch kleinere Mitbringsel für Joanas Kolleginnen, Alfred und Marlies mitgebracht. Marco hat gestern schon angedeutet, er möchte uns einen großen Panettone backen. Marco hat es drauf, den Panettone fast so zu backen, wie wir in Sachsen den Stollen. Er bestreicht den genau so.

Sein Panettone saugt sich so mit der Almbutter voll, dass der Genuss nur einer Scheibe davon zu einem glänzenden Bauchnabel führt. Und das ist doch wohl Sinn und Zweck der zu christlichen Fastenzeit. So tun als ob. Und das mit Genuss.

Der Kaffee ist abgefüllt und ich kann mich auf den Weg machen.

Vor dem Hotel wird mir auch klar; es war keine Fehlentscheidung, mit dem Auto zu fahren. Uns sucht ein deutsches Tief heim. Und das bringt Kälte und Niederschläge in der Nähe der Grenze zu Österreich.

Zuerst stelle ich das Autoradio an. Ich muss erfahren, ob es schon jetzt Behinderungen gibt. Leider ist in den Bergen der Empfang nicht gleichmäßig. Auf einer Tour von Nauders nach Klausen, muss ich die Südtiroler Sender, drei Mal umstellen und einige Male nachkorrigieren. Alle sechs Feststelltasten des Autoradios habe ich allein mit einem Sender belegt. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, an jeder Kreuzung herrschen andere Frequenzen.

Am See bemerke ich Eisglätte. Das gelb leuchtende Warnlicht der Anzeige brennt schon fast dauerhaft. Am Lenker bemerke ich es auch deutlich. Am Ende der Wintersaison kann ich damit bedeutend leichter umgehen als zu deren Beginn. Gerade im Gebirge muss das gut trainiert sein. Die Straßen sind oft nicht so breit, wie sie der Fahrer zur Not benötigen würde.

Nach Mals runter, wird das Ganze beherrschbarer. Mir scheint,unsere Jungs haben die Straße gesalzen. Im Radio jedenfalls, wird vor der Glätte gewarnt.

Ab Schluderns ist es trocken auf der Straße. Jetzt kann ich Gas geben, um den Zeitverlust aufzuholen. Außer ein paar Lastwagen, ist die Straße leer. Ich habe mit mehr Verkehr gerechnet. Entweder bin ich rechtzeitig zu Gange oder es gibt irgendwo einen Unfall oder Stau. Den gibt es. Zwischen Laas und Kortsch. Dort stehen sie also Alle. Ein Lastwagen liegt in den Apfelplantagen. Unzählige weiße Kartons liegen verstreut in der Plantage herum. Der Lastwagen liegt mit den Rädern nach Oben. Das Weiße Kreuz ist auch da. Dem Fahrer scheint es nicht gut zu gehen. Die Stelle geht nicht zu umfahren. Ich rechne mit einer halben Stunde Zeitverlust. Langsam werden mir die Knochen kribbelig. Mir rinnt die Zeit weg. Jetzt hält mich Nichts mehr. Ich muss raus. Von Schlanders kommen gerade die Carabinieri gefahren. Ich frage sie, ob sie mich nicht durchlassen können. „Ich muss nach Klausen, Personalessen kochen.“ Zum Glück kennt mich einer der Carabinieri. Er hat mich mal mit dem Motorrad kontrolliert und dabei etwas zurechtgewiesen. Damals habe ich vor dem Kreisverkehr die Spur gewechselt und bin an dem Stau vorbei, weit vor gefahren. „Sie haben eine Sperrlinie überfahren“, sagte er mir damals. „Ich muss auf Arbeit“, habe ich geantwortet.

„Müssen Sie heute schon wieder auf Arbeit? Nach Klausen? Ist das nicht etwas weit?“

„Für eine Arbeit würde ich auch nach Rom fahren. Ich muss eine Wohnung bezahlen.“

„Ich mache Ihnen Platz.“

Ich renne zurück zum Auto und starte. Wer winkt mich durch und ich kann Keinem sagen, wie ich ich in dem Augenblick fühle. Mir stehen die Tränen in den Augen. Ich winke dankend zurück. Das kommende Nadelöhr steht mir noch bevor. Von Latsch nach Kastelbell. Mit dem Motorrad ist das kein großes Hindernis. Mit dem Auto, schon. Zu meinem Glück, biegen die meisten Lastwagen in Richtung Latsch ab. Die kurvige Landstraße an den Kastelbeller Weinbergen ist meine. An gewissen Stellen sehe ich einen Lastwagen in meine Richtung fahrend. Ich denke, im Ort kann ich den überholen. Er biegt an der Obstgenossenschaft ab. Jetzt habe ich freie Fahrt. Es gibt noch ein, zwei Blitzer. Das war‘s dann bis Forst.

In Forst beginnt die MEBO. Ab jetzt fahre ich Autobahn. Ich habe noch eine Stunde. Eine und eine halbe Stunde habe ich schon vertrödelt. Das ist die doppelte Zeit von der, die ich mit einem Motorrad benötige ohne zu rasen. Und da soll mir einer sagen, Motorrad fahren wäre ungesund. Allein der Stress, mit meinem Auto nicht rechtzeitig anzukommen, ist bedeutend ungesünder. Das ist keine ärztliche Schätzung. Das ist reine persönliche Erfahrung.

Die MEBO entlang fahre ich in Arbeitergeschwindigkeit. Und die ist um diese Zeit, erheblich höher als erlaubt. Wir Alle leben davon.

In Bozen fahre ich auf die Brennerautobahn. Dort herrscht schon ein reges Treiben. Selbst an der Maustelle, die ich mit dem Telepass durchfahren kann, muss ich etwas warten. Das teilweise hektische Einfädeln in die jeweilige Spur ist mitunter hochgefährlich. Oft denke ich, denen brennt zu Haus ein Essen an, so stur schießen die in die Spuren. So eilig kann es kein Mensch haben.

Um Bozen ist die Autobahn trocken. Ab Atzwang wird die Straße etwas feuchter. Ab dort herrschen auch andere Bedingungen. Hier wirkt der Nordfön schon. Das wird bis Klausen nicht besser. Zeitweise komme ich mir vor, als würde ich einen endlosen Zug überholen. In Klausen muss ich mich fast schon in eine Lücke drängen. Ich bin rechtzeitig da. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Fortsetzung folgt

Tag 86


Tag 86

Den Sonntag Morgen nutzen wir für den zeitigen Aufbruch und eine Rundfahrt. Während Joana im Bad ist, gehe ich an den Automaten und hole ein dutzend Cappuccini süß. Unserem Hotelier gebe ich zwei mit rein. Er bedankt sich wortreich und gibt mir zwei Croissants. Die sind einzeln eingepackt und recht frisch, wie scheint.

Joana hat sich gefragt, wo ich bin. Jetzt staut sie. Für unser Frühstück haben wir jetzt die zwei Croissants, genug Kaffee und die Pizza.

Unser Ausflug soll uns nach Modena führen. Dort waren wir noch nie. Ich bin schon zwei Mal an Modena vorbei gefahren in Richtung Mugello. Wir arbeiten in Italien und haben keine Zeit und kein Geld, dieses wunderschöne Land zu besichtigen. Offensichtlich sollen wir bis zur Rente warten. Dabei ist natürlich einkalkuliert, in unserem Beruf wird nur selten die Rente erreicht und wenn, dann ohne Geld. Bekanntlich werden Saisonarbeiter von allen Seiten um ihre Rente beschissen. Marx nannte das, Diebstahl des Mehrwertes durch Kapitalisten. Und das ist eben die gelebte Praxis.

Modena können wir auf der Autobahn erreichen. Mit einem Motorrad ist die Maut auch erträglicher. Der größte Vorteil offenbart uns in der Stadt. Wir können mit dem Motorrad direkt bis ins Zentrum fahren. Autofahrern ist das untersagt. Die müssen an berechtigt teuren Parkplätzen stehen bleiben.

Modena ist eine sehr schöne Stadt. Vor allem, die Altstadt. An jeder Ecke wird uns der heimische Essig angeboten. Balsamico. Große Ausgaben können wir uns nicht leisten. Das Einzige, was wir tun können, ist glotzen und fotografieren. Das war‘s dann auch. Auf alle Fälle können wir erzählen, wir waren dort. Und das ist uns wichtig.

Die Abreise markiert auch unsere Heimfahrt. Sonntags ist das interessant. Die Stadtbewohner kommen uns entgegen und die Touristen fahren in unsere Richtung oder gen Süden. Witzigerweise fahren mehr in die Stadt als aus ihr heraus. Unsere italienischen Landsleute lieben das Landleben. Zumindest, in ihrer Freizeit. Sie verlassen am Wochenende ihre Städte, egal, wie schön sie sind.

Die Autobahnfahrt nach Hause geht relativ schnell. Wir sind bereits nach zwei Stunden in Trient. Eine weitere Stunde danach, zu Hause.

Wir gehen in unsere Wohnung und laden unser Gepäck um. Zum Montag will ich Nichts riskieren und mit dem Auto von Nauders zu uns fahren.

Wir nehmen die Geschenke mit und fahren in Richtung Nauders. Wie üblich am Sonntag, kommen uns die Einheimischen entgegen. Fast alle haben Ski oder Rodel auf dem Dach.

Vor dem Hotel wartet nur Dursun. Er hat noch ein paar Abreisen. Es ist schon dunkel. Marco ist in der Küche und wir zeigen ihm die Salami, die wir mitgebracht haben. Er will sie bezahlen. Das lehnen wir ab. Alfred bekommt auch Etwas. Den Wein und die Hausspezialität des Metzgers. Die Hausspezialität sind geräucherte Schinken, die aussehen, wie Rouladen. Der Metzger rollt Speck in Schweinefleisch ein, räuchert das und trocknet es an der Luft. In Scheiben geschnitten, sieht das wirklich gut aus. Es wird sicher auch gut schmecken. Alfred freut sich darüber. Wir geben ihm auch den Wein dazu. Wir trinken keinen. Von der Ausfahrt sind wir bissl müde und wir entschuldigen uns dafür beim Rückzug auf unser Zimmer.

Fortsetzung Tag 85


Mira kommt kurz zu Marco. Sie sagt mir, Ahu gäbe Joana ab Mittag frei. Bis dahin hätten die das Gröbste geschafft. Sonntag hat bekommt Joana auch frei. Ein und ein halber Tag. Ich überlege mir, wir könnten entweder nach Hause oder nach München zu Joanas Schwester fahren. Der Besuch ist seit Langem überfällig. Samstags, ab Mittag, rechne ich eh mit wenig Verkehr in Richtung München. Sonntag Nachmittag dürften uns eher die Rückkehrer aus den Skigebieten entgegen kommen. Insgesamt sähe das Vorhaben günstig aus.

Auf dem Zimmer telefoniere ich mit Pia in München. Jonas ist am Telefon. Er sagt, an diesem Wochenende ist schon sein Bruder da mit seiner Frau. Es geht also nicht.

Was könnten wir sonst noch unternehmen? Wir könnten eine Nacht in Verona oder am Garda buchen. Uschi in Mailand bliebe noch. Ich warte, bis Joana kommt und frage sie. Mailand wird ihr sicher zu stressig sein. Obwohl; an Wochenenden ist es in der Stadt sehr ruhig. Außer vielleicht in den Fußballstadien. Zur Sicherheit rufe ich Uschi an. Die Rufumleitung arbeitet. Uschi sagt, sie wären Ski fahren am Wochenende. Sie sind im Piemont. Naja. Damit wäre die Frage für das Wochenende geklärt. Hotel oder Pension. Eine Fahrt ins Blaue, sozusagen. Ich wüsste jetzt nicht, welches Hotel ich buchen könnte.

Zur Mittagszeit gehe ich in den Personalraum. Alle sind da. Joana auch. Marco hat Hähnchenkeulen geschmort. Mit Wurzelgemüse und Tomatensauce.

„Hast Du Heimweh?“, frage ich ihn.

„Nichts ganz. Bei echtem Heimweh hätte ich Rotwein genommen.“

„Wir fahren nach Verona. Soll ich Dir etwas mitbringen?“

„Eine gute Salami.“

„Ich versuch mein Bestes. Milanese oder Ungarese?“

„Milanese prego.“

„Darf es auch Crespone, Veronesa dolce oder Sopressa sein?“

„Aber natürlich.“

„Ich liebe die grobe Salami und Sopressa. Du auch?“

„Da haben wir den gleichen Geschmack.“

Die Köche wieder. Feinschmecker von Beruf. Die grobe Salami erfordert etwas mehr Sorgfalt bei der Herstellung. Köche wissen das zu schätzen. Bisweilen mache ich zu Hause welche. Ich lasse sie meist über den Winter trocknen. Den Schinken auch. Da gibt es keine Fliegen und die Luft ist trockener. Milde Minusgrade schaden nicht. Ich nehme kein Pökelsalz. Dafür aber recht viele Gewürze. Der untere Vinschgau ist ein guter Fleck für die Herstellung von luftgetrocknetem Fleisch.

Es gibt einen feinen trockenen Luftzug. Ideal.

Marco lobt das Mikroklima des Vinschgau auch. Er würde sich am liebsten dort niederlassen.

Nach dem Essen entlässt Ahu, Joana. Sie wünscht uns einen schönen Ausflug. Ihre Kolleginnen auch. Sie schauen dabei aus, als wollten sie lieber an der Stelle Joanas sein. Irgendwie sehe ich so einen weichen, mitfühlenden Blick in ihren Augen.

Mittags brechen wir auf. Unser Gepäck ist praktisch schon gepackt als Saisonarbeiter. Wir können direkt nach Verona fahren. Umwege sind nicht nötig. Höchstens, auf dem Nachhauseweg.

Die Mädels gehen bei unserer Abreise vor die Tür und winken. Alfred kommt etwas später dazu, fragt die Mädels etwas und winkt auch mit.

Unser Gepäck passt wunderbar in meinen Motorradkoffer. Joanas Helm liegt seit Saisonbeginn auf unserem Personalzimmer. Die Winterkombi auch. Saisonarbeiter müssen an Alles denken bei ihrem Aufbruch. Und wir sind nun mal keine Skifahrer.

Am Reschen sind um die acht Grad. Zu Mittag. Im Vinschgau können wir zwölf bis fünfzehn Grad erwarten. Es gibt auch wärmere Flecken im Vinschgau. In Vezzan zum Beispiel. Mit dem Motorrad brauche wir bis Meran keine fünfzig Minuten. Zwei Carabinieri einer Streife winken uns begeistert zu. Motorradfahrer genießen in Italien wirklich noch eine Art, Bewunderung. Vorausgesetzt, sie benehmen sich im Verkehr. Auf der MEBO sind wir nicht die Einzigen, die Motorrad fahren. Den ganzen Winter haben wir auf den Gruß zwischen Motorradfahrern gewartet. Jetzt neige ich eher dazu, selbst Rollerfahrer zu grüßen. Fast schon übereifrig. Für mich sind Rollerfahrer, Motorradfahrer. In der Saison bekäme ich keine Hand an den Lenker, so oft müsste ich grüßen.

Schon sind wir an der Autobahnauffahrt. Im Motorrad habe ich auch Telepass. Meist nutze ich die Spur, die für Motorradfahrer vorgesehen ist. Dort funktioniert der Sender am besten. Immerhin befindet der sich in einer Plastikschachtel am Lenker. Ich habe das schon mit Tanktaschen und auch direkt am Mann probiert. Das funktioniert auch. Am besten funktioniert es aber mit dieser Plastikschachtel. Den Sender muss ich auf Parkplätzen oder in der Garage entfernen. Der ist immerhin ein begehrtes Diebesgut.

Mit jedem Kilometer in Richtung Süden wird es erheblich wärmer. Wir sind schon bei achtzehn Grad. Wir könnten fast schon Oberkörper frei fahren. Richtig warm wird es ab Affi. Ein Genuss. Dort kommen uns schon richtig große Gruppen von Motorradfahrern entgegen. Sie grüßen freundlich. Viele auch mit Lichthupe. Ich überlege, ob wir vielleicht noch eine kleine Runde fahren oder lieber in Verona spazieren gehen. Joana spricht sich für Verona aus.

Wir fahren bis an den Markt und suchen uns im Stadtinneren ein Hotel. Schon bei der zweiten Besichtigung, die erste war uns viel zu teuer, kommen wir zu einem Zimmer. Ohne Frühstück. Der Hotelier bietet im Winter kein Frühstück. Es ist Nebensaison. Er ließe uns aber eins schicken. Sicher eines von der Imbisskette. Uns ist das relativ gleich. Wir wissen, wie ein italienisches Frühstück aussieht. Im Grunde wollen wir eh nur Kaffee. Viel Kaffee. Alles andere interessiert uns nicht. Es sei denn, irgendein Gastgeber würde uns einen San Daniele oder Parma servieren. Damit rechnen wir natürlich nicht. Zumindest nicht bei einem Frühstück, das im Hotelpreis inkludiert ist.

Unweit des Hotels ist eine große, relativ bekannte Macelleria. Dort möchte ich für Marco die Salamispezialität holen. Bei den Auslagen kann ich schon sehen, billig wird das nicht. Handwerk kostet eben etwas mehr. Und für einen Freund wie Marco, ist mir gar nichts zu teuer. Ich lasse Joana aussuchen. Sie sucht ausgerechnet eine Salami mit einem relativ hohen Mageranteil.

„Marco möchte eine fette, grobe Salami.“

„Dann nehm Du eine für Marco und ich gebe die den Mädels.“

Offensichtlich lassen wir unseren letzten Lohn bei dem Metzger. Er gibt uns Rabatt. Viel Rabatt und er legt uns eine Spezialität seines Betriebes mit dazu. „Saldi invernali“, fügt er lächelnd dazu. Eigentlich fehlt nur noch eine Flasche Wein und der Geschenkkorb ist voll. Als hätte er meinen Wunsch gehört, kommt er mit einer Flasche Wein um die Ecke. „Da mio fratello della valpolicella“, sagt er uns. Wir bedanken uns recht herzlich. Beinahe hätte uns der Metzger noch in ein Cafe eingeladen. Kaum haben wir den Laden verlassen, zog er sich eine Jacke über und ging in die Bar gegenüber.

Unser Gepäck ist für einen Spaziergang zu schwer. Wir legen es im Hotel ab und gehen zusammen spazieren. Eine Wohltat im winterlichen Verona. Wir haben zwanzig Grad.

Langsam wird es Zeit, sich eine Pizzeria für das Abendbrot zu suchen. Restaurants können wir uns nicht leisten. Pasta haben wir die ganze Woche. Auch auf Arbeit. In der Fußgängerzone gibt es einen wunderbaren Grill. Mit Haxen, Rippelen und feinstem gegrilltem Panchetta. Die haben geschlossen. Eine Eisdiele hat offen. Wir essen ein Eis. Bei zwanzig Grad, gerade richtig. Alle Händler arbeiten mit einem Rabatt heute. Sogar der Eisverkäufer legt uns eine Extrakugel drauf.

In der Pizzeria verlangen wir eine Familienpizza. Die ist nicht preiswerter als zwei Pizzen. Sie ist aber doppelt so groß. Und das brauchen wir jetzt. Entsprechend unserer Tour heute, verlangen wir, Vier Jahreszeiten. Das Ding kommt. Ich schätze, es hat die gesamte Ofenbreite benötigt. Der Pizzaiolo serviert es selbst. Auf einem Brett, mit dem normalerweise Brunnen abgedeckt werden.

Seine Frau hat den Tisch von Allem befreit, was den Serviervorgang behindern könnte. Das Brett ist so groß wie die Tischfläche. Wir schaffen die Hälfte. Die andere Hälfte lassen wir uns einpacken. Für das Frühstück.

Unweit unseres Hotels, ist eine kleine Tankstelle. Tanken müssen wir nicht. Die Tankstelle hat aber etwas, das wir gern zum Frühstück hätten. Einen Kaffeeautomaten. Wir ziehen eine Probe. Das Zeug schmeckt. Es schmeckt sogar besser als aus manchem Restaurant. So einen Kaffee bekomme ich höchstens in guten alten Bars, in denen der Wirt noch den Kunden liebt. Zu unserer Pizza auf dem Zimmer, werden wir also Kaffee aus diesem Automaten holen. Wir nehmen dem Hotelier Einen mit. Er freut sich. Wie üblich, verstehe ich die Hälfte.

Das Zimmer ist sehr sauber. Auch das Bad. Im Fernseher läuft etwas Sport und viel Fußball. Also, lassen wir das und kümmern uns um den Urlaub. Und der sieht, in der Hoffnung, früh ausschlafen zu dürfen, köstlich aus. An Joana entdecke ich Kurven, die ich bis jetzt sehr selten sehen durfte.

Tag 85


Tag 85

Heute wecke ich vor Joana ohne Wecker auf. Ich setze den Kaffee an und wecke Joana. Wir reden von meinem freien Wochenende. Heute bekommt sie wegen den vielen Anreisen kein Frei. Für den Sonntag muss ich Alfred oder Ahu fragen. Bei Ahu habe ich keine Bedenken. Alfred wirkte etwas nervös gestern. Das hat mich etwas verunsichert. Joana geht schon auf Arbeit. Vielleicht hat sie etwas früher frei. Mal sehen.

Ich schaue auf den Stellenmarkt. Oder soll ich Sklavenmarkt sagen? Arbeit als Markt. Wer bietet mehr für weniger Geld? Schon der Begriff ist ein Verbrechen. ‚Sieht der Sklave auch schön gesund aus? Lässt er sich Alles gefallen? Ist er billiger als mein Sofa? Ist sie als meine neue Nutte geeignet? Kann der meine Alte oder Tochter bespringen?‘ Man möchte bitte ein Foto beilegen. Bildung ist zweitrangig. Hauptsache, er ist schon bei den Kollegen gut durchgeschwommen. Man empfiehlt den Sklave. Wohl in der Absicht, ihn endlich los zu sein. Da werden mitunter auch schon mal ein paar Standesfreundschaften verraten oder missbraucht.

Langsam tut sich Etwas auf dem Stellenmarkt. Die Saison rückt näher. Vom Altenheim im Ultental ist auch Post da. Es geht um eine Vertretung. Ehrlich gesagt, sieht das eher wie ein Probeengagement aus. Vertretungen hat sich der jeweilige Koch meist selbst schon organisiert. Es sei denn, er hat in dieser Firma nichts zu sagen. Allgemein ist der Zweite Koch die Vertretung. Bei einem Alleinkoch fällt das aus. Ich persönlich kann nicht nachvollziehen, dass sich eine Firma, ein Altersheim oder generell ein wichtiges Unternehmen, den Zweiten Koch spart. Und das bei täglichem Bedarf an drei oder vier Mahlzeiten. Allein dieser Vorgang bezeugt nur eine Art von Kaltblütigkeit. Was machen diese Verwalter an den freien Tagen des Koches? Holen die das Essen an der Tankstelle? Etwa auch für ihre eigenen Eltern? Oder schmieren sie belegte Brote für die zahnlosen Insassen des Heimes. Von Verantwortung keine Spur. Und das bei den Gebühren. Da gilt es in erster Linie, die Lohnzettel dieser Verwalter zu durchforsten.

Pflege heißt in erster Linie, aus den Augen eines Koches, gesunde Beköstigung,. Es gibt einen schönen Film mit Michael Cain. Ein paar ältere Mitbürger gehen eine Bank ausrauben. „Abgang mit Stil“. John Ortiz sagt darin: „Eine Gesellschaft hat die Pflicht, sich um seine älteren Mitbürger zu kümmern!“

Ich rufe an und verspreche, montags, nach dem Dienst, vorbei zu kommen. Mit dem Motorrad.

Ehrlich gesagt, fahre ich ungern im Ultental mit dem Auto. Das ist aber nicht das einzige Tal, das ich mit dem Auto meide. Ich bekomme jetzt wieder die Gelegenheit, meine Vorurteile mit der Realität abzugleichen.

Zum Frühstück gehe ich nicht runter zu Marlies. Eher am Ende des Frühstückservices. Samstag um diese Zeit ist sicher reichlich Hektik. Die Eintagestouristen sind die schlimmsten. Wie überall. Naja. Die Reste müssen auch vertan werden. Also, lassen wir ihnen die Zeit zum Essen einpacken.

Alfred hat voll zu tun an der Rezeption, wie an jedem Ab- und Anreisetag. Reka hat eine roten Kopf. Marco ist in der Küche mit Eierspeisen beschäftigt. „Ich koche heute schon das fünfte Mal Rührei. Eine Kiste Eier habe ich bis jetzt gebraucht.“

Dreihundertsechzig Eier bei achtzig Gästen zu den eh schon gekochten Eiern. Das sind mindestens fünf Stück pro Kopf. An Anreisetagen rechnen wir eh schon mit einem gekochten Ei pro Kopf. Bei westdeutschen Touristen ist das anders. Die stecken pro Kopf drei gekochte Eier ein. Das sind arme verhungerte Soziopathen. Von denen erwarten wir das in der Form.

Marco hat eine frische Heidelbeermarmelade gekocht. Diesen Gästen serviert er die nicht. Für die gibt es die Zehnliterkübel. Nur das Beste.

Wir hatten an vergangenen Tagen über die Bindung der Marmelade gefachsimpelt. Ich habe Stärke vorgeschlagen und er hat von Pektin und Gelierzucker geschwärmt. Alle diese Proben hat er da. Wir fangen an zu naschen. Natürlich mit den feinen Brötchen des örtlichen Bäckers. Und jetzt kommt der Clou. Marco findet die Stärkebindung am besten. Ich gebe ihm Recht. Die Marmelade bekommt einen homogenen Geschmack. Er hat, wie ich ihm riet, auch etwas Fett oder Butter mit rein gegeben. Perfekt.

Fortsetzung folgt

Eine kleine Ausfahrt gestern und heute


Pünktlich zum Ende der Ausgangssperre, die nur zu Hause – Sitzenden auferlegt wird, kommt wie versprochen das beschissene Wetter.

Für zwei Tage dürfen wir auch bei dem Wetter etwas Genuss empfinden, trotz recht tiefer Temperaturen. In den vergangenen Gefängnistagen hatte wir draußen bis zu 27°C.

Jetzt haben wir Glück, wenn wir15°C erleben.

Natürlich liegt in den Bergen noch Schnee und die Temperaturen sind in Nörderseiten, unter dem Gefrierpunkt. Nörderseiten sind die Stellen, die kaum Sonne abbekommen. Im Hochsommer mag das erfrischend wirken; im Winter eher im Geldbeutel.

Fortsetzung Tag 84


Das Essen reicht. Ich habe genug gekocht; auch für die Nachtschicht. Alle Mitarbeiter, Gäste und Kunden wünschen mir ein schönes Wochenende. Das ist weiß Gott, das erste Mal in meinen Ohren , solch einen Wunsch vernehmen zu dürfen. Gleich vor der Haustür bekomme ich bewiesen, was dieser Wunsch wert ist. Stau, Unfälle an jeder Ecke, Streit und sture Verkehrsteilnehmer. An jeder Mautstation, Stau, überall Schlangen frustrierte Autolenker. „Schönes Wochenende!“ Das klingt in meinen Ohren schon nach den ersten dreißig Kilometern wie eine Drohung.

Der einzige Vorteil unseres Berufes lässt sich fast schon in einem Satz beschreiben. Früh und Nachts, bleibt uns der Stau samt Streit auf unseren Arbeitswegen erspart. Es ist dunkel auf dem Weg zur Arbeit und dunkel, wenn wir nach Hause kommen. Die wenigen Sonnenstunden, die wir bekommen, müssen wir wenigstens nur mit Haarausfall, Zahnausfall und Hautschäden bezahlen. Die Viren und Bakterien unserer Mitbürger, bleiben uns erspart. Die bekommt der Abspüler. Deswegen sind unsere Abspüler auch wirklich die Härtesten. Unsere Abspüler sind selten krank. Und wenn, dann darf ich davon ausgehen, er simuliert. Bei dieser extrem harten, weit unterbezahlten Arbeit ist das schon ein Menschenrecht.

Freitags durch den Vinschgau zu fahren, ginge mit dem Einkaufswagen schneller als mit dem Auto. Ich überlege, ob ich nicht zu Hause umsteige und mit dem Motorrad nach Nauders fahre. Immerhin wäre ich der Erste, der in diesem Jahr den Reschen mit dem Motorrad überquert. Vermute ich. Ich habe schon genug Motorradfahrer im Winter getroffen. Meist jedoch bei uns im Unterland oder am Garda. Selten auf den Pässen. Auf alle Fälle, brächte mir das eine Art Bewunderung ein, wenn ich nach Nauders mit dem Moto fahre.

Gedacht, getan. Ich ziehe die Winterkombi an und mache mich auf den Weg. Paula winkt mir zu. Durch ihr Fenster. Sie hat ans Fenster geklopft und ich konnte es noch hören.

Im Februar, die erste Fahrt mit dem Motorrad auf den Reschen. Links und Rechts liegt noch Schnee da Oben. Aber die Straße ist frei. Ich fahre nicht das erste Mal mit dem Motorrad durch Schnee. Auf der Seiser Alm hat es mich im Mai damit erwischt. Auch im Ultental durfte ich bei Schnee nach Hause fahre. Dort war das besonders heikel. Im Eggental bin ich bei zwanzig Zentimeter Neuschnee mit dem Motorrad zur und von der Arbeit gefahren. Hinter mir fuhren begeisterte italienische Touristen, die applaudierend hupten und Lichtsignale gaben. Im Eggental habe ich damals die neuen Motorrad Winterreifen getestet. Es waren türkische. Wunderbar. Ich hätte nie gedacht, unsere türkischen Freunde würden solche Winterreifen herstellen. Für diese Größe waren sie verfügbar. Für mein neues Motorrad nicht. Schade. Ganzjahresfahrer kennen die wetterbedingten Tücken. Und die zu meistern, ist fast schon die Krönung unserer Leidenschaft. Und da soll Einer sagen, Köche würden wegen ihrer Arbeitszeit keine Abenteuer erleben.

Die Fahrt auf den Reschen ist eine reine Slalomfahrt. Stellenweise sind die Straßen feucht. Um die Spritzer auf das Visier zu vermeiden, muss ich etwas Abstand nehmen. Die Spritzer sind vom Salzwasser. Das Visier wird umgehend blind beim Trocknen im Fahrtwind. Und schon geht die alte Leier mit dem Spritzschutz wieder los. Diese Millionärsdroschken haben keinen Spritzschutz.

Mit Millionären meine ich die Schulden dieser Protzer. Und auf die bin ich sicher nicht neidig.

Dursun vor dem Hotel traut seinen Augen nicht. Er läuft aufgeregt ins Foyer und holt Alfred raus. Alfred schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Er hat Tränen in den Augen, darf ich nach dem Absteigen feststellen.

„Ich bin früher auch so gefahren wie Du. Bei jedem Wetter.“

„Naja. Hier auf dem Reschen warst Du ja fast gezwungen dazu.“

„Im Mai, Juni. Im August und im September. Wir hatten oft Schnee, als ich von meinen Ausflügen zurück kam.“

„Du kannst ja morgen mal probieren, ob Du das noch beherrschst.“

„Zu gerne. Ich habe aber Angst, Dir einen Schaden ran zu fahren. Das Ding ist doch neu.“

„So neu nun auch nicht. Ich fahre im Jahr sechzig bis siebzig Tausend Kilometer.“

„So viel? Da bist Du ja Südtirolmeister.“

„Naja. In Deutschland ist ein Motorrad mit dem Kilometerstand schon das dritte Mal verkauft. Bei uns fahren die Arbeiter im Unterland und Bozen, ganzjährig. Auch mit ihren Scootern.“

„Die Roller haben ja auch einen feinen Spritzschutz.“

„Auf dem Roller habe ich mehr abbekommen als auf dem Motorrad.“

„Wirklich. Ich habe noch einen und fahr den manchmal.“

„Die Verkleidung erzeugt diverse Strömungen und Strudel, die der Fahrer alle abbekommt. Und das oft noch konzentriert. Auf dem Moto habe ich das nicht.“

„Kaum zu glauben. Du musst das wissen.“

Marco steht in der Küche und fängt gleich an zu träumen. „Mit dem Moto! Meins steht zu Hause.“

Ich spüre richtig, wie ihm die Finger jucken.

„Für drei, vier Involtini kannst de mal ne Rnde drehen. Das ist ein Scherz.“

„Morgen.“

„Gut. Morgen. Wenn das Wetter gut ist.“

„Dein Essen ist schon Oben. Du hast fast Recht mit Deinen Involtini.“

„Danke. Wenn Du mich abends brauchst, rufe an.“

„Bis dann!“

Joana ist schon Oben, trotz Freitag.
„Morgen ist großer Wechsel.“

„Ich dachte, den gibt es nicht mehr. Die wechseln doch jetzt jeden Tag groß.“

„Leider.“

Wir essen. Marco hat eine Fleischrolle gekocht. Das ist eine große Roulade. Vom Alpenrind, abgeschmeckt wie Involtini oder Roulade und in Rotwein geschmort. Ein Genuss.

Wir schauen noch ein paar Filme. Columbo. Ein faszinierender Schauspieler, der Peter Falk. Ich glaube, seine Filme kann man ein Leben lang anschauen.

Tag 84


Tag 84

Ich wecke mit dem Wecker auf. Joana auch. Wir haben den Wecker auf eine halbe Stunde eher eingestellt. Joana lässt mir schnell den Kaffee durch, während ich im Bad bin. Mir bleibt Zeit für eine Tasse. Den Rest füllt mir Joana in die Thermoskanne. Es gibt einen Kuss und los geht‘s.

Auf der Hauptstraße ist kein Verkehr.

Bis Latsch treffe ich kaum Autos. Dort fahre ich nach dem Kreisverkehr in die Parkmulde und trinke erst mal einen Kaffee aus der Thermoskanne. Dazu gehe ich eine kleine Runde vor das Auto an die Luft zum Rauchen. Die fünf Minuten hat es gebraucht. Mir zog es die Augen zu. Die Müdigkeit hätte ich eher auf der Autobahn erwartet als auf der Landstraße. Was nicht ist, kann noch werden bei dem Arbeitsweg.

Ich kann wieder nicht nach Hause und fahre vorbei. Die Fahrtzeit ist gut bisher. Fünfundvierzig Minuten. Auf der MEBO ist schon etwas mehr Verkehr. Lastwagen. Sie fahren in beide Richtungen. Wieso fahren die freitags so spät? Die kommen ganz sicher in den Werksverkehr. Ich kann das nicht verstehen.

Am Telepass geht die Schranke nicht auf. Ich rufe in das Mikrofon. Eine krächzende Stimme fragt mich auf Italienisch, ob ich noch einmal zurückfahren kann. Er will die Nummer noch mal sehen. Komisch. Diese Kontrollen habe ich immer in Bozen Süd und in Rovereto. Sonst nirgends.

Auf der Autobahn herrscht schon extrem reger Verkehr. Ich fahre oft hinter Lastwagen, die sich überholen. Bei uns in Richtung Brenner ist Überholverbot.

In Klausen bin ich sechs Uhr. Auf dem Betriebsgelände herrscht Ruhe. Lastwagen sind noch keine da. Im Speiseraum brennt aber Licht. Mein Chef ist schon da. Er hat den Schlüssel dafür. Wir trinken Kaffee aus dem Automaten. Rauchen soll ich vor der Tür. Im Betriebsgebäude ist es verboten. Außer auf der Toilette. Zu den Pausenzeiten ist dort mehr Betrieb als im Waschraum. Man könnte fast den Eindruck bekommen, Raucher sterben an der Luft, zu der sie wegen ihrem Genuss verdammt werden. Irgendeine Behauptung muss schließlich gefunden werden. Ich stelle mir gerade vor, wir würden die Nichtraucher zum Essen auf die Toilette schicken. Nennen wird das einfach, Diskriminierung einer Mehrheit. Und das, trotz der gesetzlichen Behauptung, alle Menschen wären gleich. Man beugt bereits hier das erste Gesetz. Vor gar nicht allzu langer Zeit hat man Betrieben per Gesetz vorgeschrieben, wenn sie Raucher und Nichtraucher beschäftigen, für eine saubere Luft zu sorgen. Ein Luftreiniger kostete sechstausend und reinigte achtundvierzig Kubikmeter. Reinigen die Dinger immer noch die Luft? Jetzt, wo sie endlich bezahlt sind. Oder liegen die jetzt in der Abfallverwertung. Das nennt sich Umweltschutz.

Fast wie bei den Fahrzeugen.

Ich soll heute das Menü kochen:

Salate, Obst, belegte Brote und Kuchen zur Wahl.

Natürlich die verarbeiteten Reste vom Frühstück, wie Wurstsalat, Käsesalat und so weiter.

Zucchinicremesuppe

Spinatspätzle

Selchhaxe, Stampfkartoffel, Weinkraut

Macedonia

Das klingt nach richtig viel Arbeit.

„Soll ich Dir bei irgendetwas helfen?“

„Wenn Alles da ist, sicher nicht. Danke. Haben wir einen Kutter?“

„Einen kleinen. Für was?“

„Für die Spinatspätzle.“

„Ich mach die immer mit dem großen Stabmixer.“

„Alles klar. Haben wir dafür einen Schneebesenvorsatz?“

„Aber sicher.“

„Naja. Dann kann es losgehen.“

Für die Spätzle muss ich gleich einen Wassertopf ansetzen. Ich setze zwei an. Einen für die Brühe.

Die Metzger haben mir Markknochen ins Kühlhaus gestellt.

Nudelkocher gibt es keinen. Die Küche wurde im vorletzten Jahrhundert gebaut. Jetzt weiß ich, warum die Firma die Personalversorgung verpachtet hat. Man möchte die Einrichtung der Küche sparen. Europa pur. In der DDR hätten wir so Etwas mit einer Zentralküche gelöst. Das zu planen und praktisch umzusetzen, war Bestandteil meiner zweiten Meisterprüfung. In den Alpen gibt es dafür erst in hundert Jahren Nachfrage. Bei uns existierte das bereits in den sechziger Jahren. Die gute Versorgung unserer Arbeiter war immerhin ein Parteianliegen. Deswegen war die SED eine Arbeiterpartei.

Den Dämpfer beschicke ich gleich mit geschnittenem Weißkraut, Selchhaxen, Pellkartoffeln und den Zucchini für die Suppe. Die Macedonia gibt es in Konserven. Wir reichern das mit Äpfeln, Mandarinen, Kiwi und Orangen an. Weintrauben sind um diese Jahreszeit zu teuer.

Zum Glück gibt es aber einen recht großen Blender. Und ich nehme lieber den für den Spinat. Der Spinat wird darin viel besser püriert.

Zum Glück hat mein Chef die pasteurisierten Eier in Literverpackungen. Bei den Spätzlen gebe ich von dem Eiweiß gern etwas mehr. Das hilft etwas, die schöne grüne Farbe zu betonen.

Die Kartoffeln sind fertig. Ich kann sie jetzt abschrecken und schnell pellen. Ich zerquetsche sie einfach mit der Hand in einen Topf. Zuletzt muss ich nur noch etwas Butter, Gewürz, Kräuter und Brühe drauf geben. In einem Bain Mariebehälter gebe ich die Zucchini, etwas Brühe und mixe das mit dem Stabmixer. Die Creme mache ich mit Kartoffelflocken. Die sind reichlich da bei uns. Neben dem kochenden Wasser für die Spätzle stelle ich einen Riesentopf mit kaltem Wasser. Die Spinatspätzle müssen abgeschreckt werden. Heute würde es vielleicht genügen, wenn ich die Spätzle anschaue. Die ersten Tage so früh aufstehen, hinterlassen ihre Spuren.

Das Weinkraut ist jetzt weich genug. Jetzt kann ich endlich etwas Butter, Weinessig und Gewürze dazu geben. Binden tue ich es wieder mit Kartoffelflocken. Das ist fast Sächsisch. Den Speck habe ich im Dämpfer gleich mitgekocht. Den muss ich extra geben. Wir haben ein paar muslimische Arbeiter. Für die grille ich Hühnchenbrust. Ich habe fast den Verdacht, dass einige meiner Kunden schnell den Glauben wechseln für die Hühnerbrust. Vor allem, unsere weiblichen Kunden.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Tag 83


Wie im letzten Speckbetrieb bekomme ich bewiesen, Menschen anderer Nationen scheinen mehr Erfahrung beim Trocknen von Fleisch zu haben. In Afrika zum Beispiel, kann nahezu jeder Bürger zu Hause Trockenfleisch herstellen. Das Gleiche gilt für Osteuropa oder gar Russland. Ganz zu schweigen von Süd- und Westasien. In Mittel- und Südamerika ist Trockenfleisch und Trockenfisch in nahezu jeder Hosentasche zu finden. Die Herstellung unserer Südtiroler Spezialitäten ist sozusagen, in kompetenten Händen. Endlich habe ich die Gelegenheit, unsere afrikanischen Freunde mit Mundschutz, Kopfschutz, Körperschutz und Gummihandschuhen begrüßen zu dürfen. Bei ihnen zu Hause ist das nicht notwendig. Das Farbenspiel ist großartig. Wer also in Osteuropa und auf der Welt, Südtiroler Speck verkaufen will, möchte sich damit abfinden, gelegentlich von deren Fachleuten, Hilfe zu bekommen. Komisch. Bei Computern, Fernsehern, Autos, Fahrrädern und Motorrädern gibt es da keine Probleme.

Bei den ersten Mahlzeiten mache ich natüruch noch gewisse Fehler. Ich kenne die Gewohnheiten unserer Gäste noch nicht. Einer möchte viel, der Andere wenig. Dann die persönlichen Empfindlichkeiten. In einer Essenausgabe habe ich den direkten Kontakt mit meinen Gästen. Und das ist mir das Liebste. Ich bekomme Kritik und Lob direkt ins Gesicht gesagt. Sozialismus pur. Meine Hand für mein Produkt. Genau das wünsche ich mir auch für die Gastronomie. Keine Trinkgeld haschenden Nutten mit komischem Gesichtsausdruck bei Kutteln und keine vergessenen Bestellungen. Jeder kann sagen: „Davon etwas mehr. Davon etwas weniger. Das lass bitte weg.“ Keiner muss bitte sagen und kann sich die Floskeln sparen. Es geht einfach um gutes Essen. Meine Begeisterung wächst.

Mitunter sehe ich Speisemarken, die anders aussehen als die der Kollegen. Die Marken werden von Kraftfahrern und Frächtern vorgelegt. Was soll ich sagen. Heute sind das viele. Langsam drohen Engpässe und Absagen bei bestimmten Speisen. Und die Leute wollen nicht wissen, was Embargos und Sanktionen bedeuten. Ich muss also schnell Etwas nachkochen. Ana beruhigt mich und sagt: Alles reicht.

Gegen Ende des Mittagessens kommt der Chef mit seinen Sekretärinnen und Gehilfen. Ob er mich wieder erkennt? Nach so vielen Jahren?

„Sie sind der Aushilfskoch?“

„Ja.“

„Aah. Sie kommen aus dem Osten. Von woher genau?“

„Aus der Nähe von Karl-Marx-Stadt.“

„Das kenne ich.“

„Sie waren dort mit Kollegen und wollten den Schlachthof kaufen.“

„Ja. Das war ein Fehler.“

„Ich kenne auch die Verkäufer. Die Angestellten der Treuhand. Die wollten Ihnen das ganz sicher nicht verkaufen.“

„So sehe ich das heute auch. Wie lange sind Sie hier?“

„Ich bin nur ein paar Tage zur Vertretung hier.“

„Die Knödel sind gut.“

„Die hat Ana gekocht. Die Bratwurst ist sicher auch ein Genuss. Die ist von Ihnen.“

Anfangs keine Antwort. „Danke.“

„Bei uns wird die Bratwurst grob gemacht. Grüne oder frische Bratwurst nennen wir die.“

„Die Bratwurst bei Ihnen war ein Genuss.“

„Heute geht das gar nicht mehr. Das Fleisch wird zu hart gepoltert. Die Bratwurst würde rosa werden.“

„Sie kennen sich aus. Ich heiße Gotthilf und Du?“

„Karl.“

„Ich muss los. Wir reden morgen noch Etwas.“

„Bis morgen. Danke.“

Ana zeigt mir, wie sie die Küche putzt und an was alles zu denken ist. Da gibt es sicher einfachere Methoden. Die muss ich mal meinem Chef vortragen. Der Abzieher ist kaputt. Ana quält sich etwas mit dem Wischen und Nachtrocknen. Das kostet Zeit.

Sie zeigt mir auch, was ich für die Jause und das Abendessen vorbereiten soll. Eine Bain Marie ist mit dem warmen Essen zu füllen. Die wird abends von den Metzgern selbst eingeschaltet. Für die Jause ist ein Kuchen und eine Auswahl an belegtem Brot bereit zu stellen.

„Ein Uhr dreißig ist Feierabend. Ausstempeln und Abmelden.“

„Alles klar!“

„Schlüssel ins Büro bringen.“

„Okay.“

„Ich fliege noch heute Abend.“

„Grüß Deine Familie von mir. Guten Flug!“

„Gerne. Danke.“

„Wann kommst Du wieder?“

„Dienstag.“

„Alles klar.“

Bis Dienstag geht die Vertretung. Ich kann mich weiter kümmern.

Wir verabschieden uns und mein Chef hat noch angerufen, ob ich Etwas brauche. „Einen neuen Abzieher. Der ist kaputt. Nimm die Billigen. Die Teuren gehen alle nicht.“

„Wir treffen uns morgen.“

Ich nehme mir vor, gleich nach Nauders zu fahren ohne Pause zu Hause.

Die Fahrt geht recht flott. In zwei ein halb Stunden bin ich schon auf dem Reschen. Das ist der erste Feierabend vor Vier Uhr nachmittags seit Vezzan. Ein Genuss. Joana wird mich schon erwarten.

Alfred und Dursun sind auf Zimmerstunde als ich ankomme. Marco auch. Joana ist noch wach. Sie schaut gerade einen Film. Einen sehr schönen: „Mackenna‘s Gold.“ Den konnten wir schon in der DDR anschauen.

„Morgen möchte ich etwas eher losfahren. Freitag, Du weißt.“

Marco hat Joana Hackepeter durch gelassen. Hackepeter ist Tatar vom Schweinefleisch. Eine Nationalspeise in Sachsen. Das Gehackte wird mit Salz, Pfeffer, Zwiebel und gemahlenem Kümmel abgeschmeckt. Ein Genuss auf einem frischen Butterbrötchen.

Nach dem Essen falle ich auf den Rücken und schlafe ein.

Tag 83


Tag 83

Joana weckt mich. Ich habe das Klingeln vom Wecker nicht gehört. In meiner Tasche habe ich noch ein Brötchen mit Speckfett von Marlies. Das nehme ich heute mit und dazu eine Thermoskanne Kaffee. Das Wetter ist nicht berühmt. Ich schätze, ich muss mit dem Auto bis Klausen fahren. Wir gehen zusammen runter und Joana begleitet mich bis ans Auto. Nach einen Kussl fahre ich los.

Die Hauptstraße ich menschenleer. Auf dem Pass liegt etwas Schnee. Hier verliere ich Zeit. Nervös werde ich deswegen nicht. Ich habe genug Reserven.

Bis nach Hause brauche ich fünfzig Minuten. Eine gute Zeit. Bei uns ist gar Nichts. Weder Schnee noch Regen. Klausen liegt aber bedeutend höher und dazu im Eisacktal. Das Eisacktal hat ein eigenes Wetter und das ist nicht das beste. Hier sind die Straßen etwas feuchter und im Winter, immer glatt. Ich fahre also gleich durch.

Mit dem Telepass spare ich mir gleich zwei – drei Minuten und bis Klausen schaffe ich es noch vor Viertel Sieben. Immerhin lege ich nach einem Routenplaner von Nauders aus, zweihundertzwanzig Kilometer zurück. Auf meinem Tacho sind es Fünfzehn mehr. Diese Zauberei immer wieder. Es gibt Betriebe, die das Kilometergeld bereits nach Routenplaner abrechnen und so ihre Arbeiter betrügen. Alles nur dafür, damit sich der Chef auch wirklich den neuesten Sechshundert PS SUV klauen kann. Naja. Die Anderen versuchen es mit einem Sportwagen. Schließlich wollen die osteuropäischen Zimmermädchen nicht in einem winzigen Kleinwagen um ihren Arbeitsplatz kämpfen. Etwas Platz muss schon sein auf der Rückbank oder dem Beifahrersitz.

Ich habe Zeit, mein Brötchen zu essen und dabei Kaffee aus der Thermoskanne zu trinken. Morgen, wenn ich allein bin, muss ich unbedingt fünfzehn Minuten eher fahren.

Nach etwas Wartezeit kommt mein Chef. Wir gehen zusammen in das Werksgelände. Es ist wieder ein Speckerzeuger. Ein namhafter.

Wir gehen zusammen in die Küche. Nebenan ist ein kleiner Raum mit einem Getränkeautomaten. Daneben steht ein Bayrischer Kaffeeautomat.

Naja. Aus dem kommt wenigstens aromatischer Hochlandkaffee und nicht diese billige Plantagenplürre. In der DDR wurde der Hochlandkaffee unter der Marke Kosta verkauft. Die war vornehmlich für Gewerbezwecke. Genau deswegen haben wir in DDR Gaststätten immer einen vorzüglichen Kaffee bekommen. Ein Vergleich mit Heute, blamiert den Westen durch und durch. Was da mitunter ausgeschenkt wird, hätten wir in der DDR als Tee verkauft. Aber nur ein Mal. Der Betrug am Gast wurde sehr hart bestraft.

Nach etwa zehn Minuten kommt eine Kollegin. Die kocht dort. Sie kommt aus Brasilien. Der Grund für die Vertretung ist ein Trauerfall in ihrer Familie. Sie muss kurz nach Hause. Die Kollegin ist extrem freundlich und wirkt sehr natürlich. Brasilianische Frauen sind zu Hause eigentlich so dominant wie unsere italienischen oder generell Frauen aus südlichen Staaten. Mich wundert das etwas.

Heute gibt es:

Hühnchenbrühe mit Gemüse

Speckknödel mit brauner Butter und Käse

Rostbratwurst, Schwenkkartoffel und Sauerkraut

Erdbeerpudding

Das ist aber nicht Alles. Sie hat als Erstes das Frühstück vorzubereiten. Dafür gibt es eine Suppe, Rührei, gekochte Einer, Spiegelei, gegrillten Leberkäse, Schinken und Speck gebraten und massenhaft belegte Brötchen. Zu erwarten sind um die achtzig Gäste. Natürlich sind Salat, Obst und kleine Leckereien im Angebot. Damit sind wir ja fast schon auf dem Niveau von DDR Betriebskantinen. Und die kenne ich ganz sicher aus dem Ef Ef.

Die Familie des Chefs und seine Kollegen kennen wir noch aus Wendezeiten. Sie kamen in die DDR, um unsere Schlachthöfe von der Treuhand zu kaufen. Die Südtiroler wurden von unseren Besatzern so beschissen wie die Besitzer der DDR Familienbetriebe. Oder soll ich beraubt sagen?

Die Brasilianische Kollegin versucht sich nebenbei, in den Pausen, am Knödeldrehen. Unsere Kunden kommen gruppenweise. Die kurzen Pausen zwischendurch sind gut geeignet, das Angebot aufzufrischen und fehlende Sortimente zu ergänzen. Die Kollegin hat dabei so viele Routinen entwickelt, damit sie die Zeit findet, ihr Mittagessen vorzubereiten. Ich sehe sie bei dem Versuch, Knödel zu drehen. Bei dem zeitlichen Aufwand, würde ich nicht unbedingt davon ausgehen, zu Mittag allen Gästen Knödel anbieten zu können. Die berühmte Südtiroler Ruhe ist beim Knödeldrehen in Werksküchen ganz sicher fehl am Platz. Vor allem dann, wenn die Küche von einer Person bekocht wird. Mein Chef schaut mich an und nickt mit dem Kopf. Den Wink verstehe ich als Aufforderung, endlich zu helfen. Ich gehe mich schnell im Trockenlager umziehen. Garderoben sind in Südtirol, Mangelware.

Nach dem Umziehen zeige ich der Kollegin, wie ich zweihundert Knödel in dreißig Minuten drehe. Sie schwärmt von meiner Technik und wir finden gleich die Zeit, einen Kaffee zusammen zu trinken. Der Chef verabschiedet sich und sagt mir, er ruft mich an.

Meine Kollegin stellt sich ganz lieb und freundlich mit Ana vor. Sie bedankt sich sehr höflich für die Lehrstunde im Knödeldrehen. Ich zeige ihr auch gleich den Ansatz für das Mittagessen. Sie wollte Alles in Töpfen kochen und das ist mir zu zeitaufwendig. Von den alten Kochplatten und deren Hitze will ich gar nicht erst anfangen. Unser Chef hat genug Gastronormbehälter und ich setze alle Beilagen als auch die Knödel, im Dämpfer an. „Alles dort?“ Sie staunt. „Dann hast Du wirklich viel Zeit.“

Die Elektroplatten stelle ich alle ab. „Energie sparen. Wegen der Klimaerwärmung. Das schützt unsere Berge und verhindert Steinschläge und Muren.“

„Aha.“

Sie hat sicher nur die Hälfte verstanden. Klimaerwärmung sagt ihr aber etwas. Und das nimmt sie sehr ernst. Ehrlich. Nicht geheuchelt. Sie lebt hier wie ich und das ist unsere Umwelt, für die wir die Verantwortung tragen. Nicht nur mit dem Maul.

Ana zeigt mir den gesamten Tagesablauf. Sie ist sehr gut. Auch sehr gewissenhaft.

Unsere Gäste kommen und begrüßen mich. Alle sind freundlich und sehr hilfsbereit.

Fortsetzung folgt