Tag 83


Tag 83

Joana weckt mich. Ich habe das Klingeln vom Wecker nicht gehört. In meiner Tasche habe ich noch ein Brötchen mit Speckfett von Marlies. Das nehme ich heute mit und dazu eine Thermoskanne Kaffee. Das Wetter ist nicht berühmt. Ich schätze, ich muss mit dem Auto bis Klausen fahren. Wir gehen zusammen runter und Joana begleitet mich bis ans Auto. Nach einen Kussl fahre ich los.

Die Hauptstraße ich menschenleer. Auf dem Pass liegt etwas Schnee. Hier verliere ich Zeit. Nervös werde ich deswegen nicht. Ich habe genug Reserven.

Bis nach Hause brauche ich fünfzig Minuten. Eine gute Zeit. Bei uns ist gar Nichts. Weder Schnee noch Regen. Klausen liegt aber bedeutend höher und dazu im Eisacktal. Das Eisacktal hat ein eigenes Wetter und das ist nicht das beste. Hier sind die Straßen etwas feuchter und im Winter, immer glatt. Ich fahre also gleich durch.

Mit dem Telepass spare ich mir gleich zwei – drei Minuten und bis Klausen schaffe ich es noch vor Viertel Sieben. Immerhin lege ich nach einem Routenplaner von Nauders aus, zweihundertzwanzig Kilometer zurück. Auf meinem Tacho sind es Fünfzehn mehr. Diese Zauberei immer wieder. Es gibt Betriebe, die das Kilometergeld bereits nach Routenplaner abrechnen und so ihre Arbeiter betrügen. Alles nur dafür, damit sich der Chef auch wirklich den neuesten Sechshundert PS SUV klauen kann. Naja. Die Anderen versuchen es mit einem Sportwagen. Schließlich wollen die osteuropäischen Zimmermädchen nicht in einem winzigen Kleinwagen um ihren Arbeitsplatz kämpfen. Etwas Platz muss schon sein auf der Rückbank oder dem Beifahrersitz.

Ich habe Zeit, mein Brötchen zu essen und dabei Kaffee aus der Thermoskanne zu trinken. Morgen, wenn ich allein bin, muss ich unbedingt fünfzehn Minuten eher fahren.

Nach etwas Wartezeit kommt mein Chef. Wir gehen zusammen in das Werksgelände. Es ist wieder ein Speckerzeuger. Ein namhafter.

Wir gehen zusammen in die Küche. Nebenan ist ein kleiner Raum mit einem Getränkeautomaten. Daneben steht ein Bayrischer Kaffeeautomat.

Naja. Aus dem kommt wenigstens aromatischer Hochlandkaffee und nicht diese billige Plantagenplürre. In der DDR wurde der Hochlandkaffee unter der Marke Kosta verkauft. Die war vornehmlich für Gewerbezwecke. Genau deswegen haben wir in DDR Gaststätten immer einen vorzüglichen Kaffee bekommen. Ein Vergleich mit Heute, blamiert den Westen durch und durch. Was da mitunter ausgeschenkt wird, hätten wir in der DDR als Tee verkauft. Aber nur ein Mal. Der Betrug am Gast wurde sehr hart bestraft.

Nach etwa zehn Minuten kommt eine Kollegin. Die kocht dort. Sie kommt aus Brasilien. Der Grund für die Vertretung ist ein Trauerfall in ihrer Familie. Sie muss kurz nach Hause. Die Kollegin ist extrem freundlich und wirkt sehr natürlich. Brasilianische Frauen sind zu Hause eigentlich so dominant wie unsere italienischen oder generell Frauen aus südlichen Staaten. Mich wundert das etwas.

Heute gibt es:

Hühnchenbrühe mit Gemüse

Speckknödel mit brauner Butter und Käse

Rostbratwurst, Schwenkkartoffel und Sauerkraut

Erdbeerpudding

Das ist aber nicht Alles. Sie hat als Erstes das Frühstück vorzubereiten. Dafür gibt es eine Suppe, Rührei, gekochte Einer, Spiegelei, gegrillten Leberkäse, Schinken und Speck gebraten und massenhaft belegte Brötchen. Zu erwarten sind um die achtzig Gäste. Natürlich sind Salat, Obst und kleine Leckereien im Angebot. Damit sind wir ja fast schon auf dem Niveau von DDR Betriebskantinen. Und die kenne ich ganz sicher aus dem Ef Ef.

Die Familie des Chefs und seine Kollegen kennen wir noch aus Wendezeiten. Sie kamen in die DDR, um unsere Schlachthöfe von der Treuhand zu kaufen. Die Südtiroler wurden von unseren Besatzern so beschissen wie die Besitzer der DDR Familienbetriebe. Oder soll ich beraubt sagen?

Die Brasilianische Kollegin versucht sich nebenbei, in den Pausen, am Knödeldrehen. Unsere Kunden kommen gruppenweise. Die kurzen Pausen zwischendurch sind gut geeignet, das Angebot aufzufrischen und fehlende Sortimente zu ergänzen. Die Kollegin hat dabei so viele Routinen entwickelt, damit sie die Zeit findet, ihr Mittagessen vorzubereiten. Ich sehe sie bei dem Versuch, Knödel zu drehen. Bei dem zeitlichen Aufwand, würde ich nicht unbedingt davon ausgehen, zu Mittag allen Gästen Knödel anbieten zu können. Die berühmte Südtiroler Ruhe ist beim Knödeldrehen in Werksküchen ganz sicher fehl am Platz. Vor allem dann, wenn die Küche von einer Person bekocht wird. Mein Chef schaut mich an und nickt mit dem Kopf. Den Wink verstehe ich als Aufforderung, endlich zu helfen. Ich gehe mich schnell im Trockenlager umziehen. Garderoben sind in Südtirol, Mangelware.

Nach dem Umziehen zeige ich der Kollegin, wie ich zweihundert Knödel in dreißig Minuten drehe. Sie schwärmt von meiner Technik und wir finden gleich die Zeit, einen Kaffee zusammen zu trinken. Der Chef verabschiedet sich und sagt mir, er ruft mich an.

Meine Kollegin stellt sich ganz lieb und freundlich mit Ana vor. Sie bedankt sich sehr höflich für die Lehrstunde im Knödeldrehen. Ich zeige ihr auch gleich den Ansatz für das Mittagessen. Sie wollte Alles in Töpfen kochen und das ist mir zu zeitaufwendig. Von den alten Kochplatten und deren Hitze will ich gar nicht erst anfangen. Unser Chef hat genug Gastronormbehälter und ich setze alle Beilagen als auch die Knödel, im Dämpfer an. „Alles dort?“ Sie staunt. „Dann hast Du wirklich viel Zeit.“

Die Elektroplatten stelle ich alle ab. „Energie sparen. Wegen der Klimaerwärmung. Das schützt unsere Berge und verhindert Steinschläge und Muren.“

„Aha.“

Sie hat sicher nur die Hälfte verstanden. Klimaerwärmung sagt ihr aber etwas. Und das nimmt sie sehr ernst. Ehrlich. Nicht geheuchelt. Sie lebt hier wie ich und das ist unsere Umwelt, für die wir die Verantwortung tragen. Nicht nur mit dem Maul.

Ana zeigt mir den gesamten Tagesablauf. Sie ist sehr gut. Auch sehr gewissenhaft.

Unsere Gäste kommen und begrüßen mich. Alle sind freundlich und sehr hilfsbereit.

Fortsetzung folgt

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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