Tag 84


Tag 84

Ich wecke mit dem Wecker auf. Joana auch. Wir haben den Wecker auf eine halbe Stunde eher eingestellt. Joana lässt mir schnell den Kaffee durch, während ich im Bad bin. Mir bleibt Zeit für eine Tasse. Den Rest füllt mir Joana in die Thermoskanne. Es gibt einen Kuss und los geht‘s.

Auf der Hauptstraße ist kein Verkehr.

Bis Latsch treffe ich kaum Autos. Dort fahre ich nach dem Kreisverkehr in die Parkmulde und trinke erst mal einen Kaffee aus der Thermoskanne. Dazu gehe ich eine kleine Runde vor das Auto an die Luft zum Rauchen. Die fünf Minuten hat es gebraucht. Mir zog es die Augen zu. Die Müdigkeit hätte ich eher auf der Autobahn erwartet als auf der Landstraße. Was nicht ist, kann noch werden bei dem Arbeitsweg.

Ich kann wieder nicht nach Hause und fahre vorbei. Die Fahrtzeit ist gut bisher. Fünfundvierzig Minuten. Auf der MEBO ist schon etwas mehr Verkehr. Lastwagen. Sie fahren in beide Richtungen. Wieso fahren die freitags so spät? Die kommen ganz sicher in den Werksverkehr. Ich kann das nicht verstehen.

Am Telepass geht die Schranke nicht auf. Ich rufe in das Mikrofon. Eine krächzende Stimme fragt mich auf Italienisch, ob ich noch einmal zurückfahren kann. Er will die Nummer noch mal sehen. Komisch. Diese Kontrollen habe ich immer in Bozen Süd und in Rovereto. Sonst nirgends.

Auf der Autobahn herrscht schon extrem reger Verkehr. Ich fahre oft hinter Lastwagen, die sich überholen. Bei uns in Richtung Brenner ist Überholverbot.

In Klausen bin ich sechs Uhr. Auf dem Betriebsgelände herrscht Ruhe. Lastwagen sind noch keine da. Im Speiseraum brennt aber Licht. Mein Chef ist schon da. Er hat den Schlüssel dafür. Wir trinken Kaffee aus dem Automaten. Rauchen soll ich vor der Tür. Im Betriebsgebäude ist es verboten. Außer auf der Toilette. Zu den Pausenzeiten ist dort mehr Betrieb als im Waschraum. Man könnte fast den Eindruck bekommen, Raucher sterben an der Luft, zu der sie wegen ihrem Genuss verdammt werden. Irgendeine Behauptung muss schließlich gefunden werden. Ich stelle mir gerade vor, wir würden die Nichtraucher zum Essen auf die Toilette schicken. Nennen wird das einfach, Diskriminierung einer Mehrheit. Und das, trotz der gesetzlichen Behauptung, alle Menschen wären gleich. Man beugt bereits hier das erste Gesetz. Vor gar nicht allzu langer Zeit hat man Betrieben per Gesetz vorgeschrieben, wenn sie Raucher und Nichtraucher beschäftigen, für eine saubere Luft zu sorgen. Ein Luftreiniger kostete sechstausend und reinigte achtundvierzig Kubikmeter. Reinigen die Dinger immer noch die Luft? Jetzt, wo sie endlich bezahlt sind. Oder liegen die jetzt in der Abfallverwertung. Das nennt sich Umweltschutz.

Fast wie bei den Fahrzeugen.

Ich soll heute das Menü kochen:

Salate, Obst, belegte Brote und Kuchen zur Wahl.

Natürlich die verarbeiteten Reste vom Frühstück, wie Wurstsalat, Käsesalat und so weiter.

Zucchinicremesuppe

Spinatspätzle

Selchhaxe, Stampfkartoffel, Weinkraut

Macedonia

Das klingt nach richtig viel Arbeit.

„Soll ich Dir bei irgendetwas helfen?“

„Wenn Alles da ist, sicher nicht. Danke. Haben wir einen Kutter?“

„Einen kleinen. Für was?“

„Für die Spinatspätzle.“

„Ich mach die immer mit dem großen Stabmixer.“

„Alles klar. Haben wir dafür einen Schneebesenvorsatz?“

„Aber sicher.“

„Naja. Dann kann es losgehen.“

Für die Spätzle muss ich gleich einen Wassertopf ansetzen. Ich setze zwei an. Einen für die Brühe.

Die Metzger haben mir Markknochen ins Kühlhaus gestellt.

Nudelkocher gibt es keinen. Die Küche wurde im vorletzten Jahrhundert gebaut. Jetzt weiß ich, warum die Firma die Personalversorgung verpachtet hat. Man möchte die Einrichtung der Küche sparen. Europa pur. In der DDR hätten wir so Etwas mit einer Zentralküche gelöst. Das zu planen und praktisch umzusetzen, war Bestandteil meiner zweiten Meisterprüfung. In den Alpen gibt es dafür erst in hundert Jahren Nachfrage. Bei uns existierte das bereits in den sechziger Jahren. Die gute Versorgung unserer Arbeiter war immerhin ein Parteianliegen. Deswegen war die SED eine Arbeiterpartei.

Den Dämpfer beschicke ich gleich mit geschnittenem Weißkraut, Selchhaxen, Pellkartoffeln und den Zucchini für die Suppe. Die Macedonia gibt es in Konserven. Wir reichern das mit Äpfeln, Mandarinen, Kiwi und Orangen an. Weintrauben sind um diese Jahreszeit zu teuer.

Zum Glück gibt es aber einen recht großen Blender. Und ich nehme lieber den für den Spinat. Der Spinat wird darin viel besser püriert.

Zum Glück hat mein Chef die pasteurisierten Eier in Literverpackungen. Bei den Spätzlen gebe ich von dem Eiweiß gern etwas mehr. Das hilft etwas, die schöne grüne Farbe zu betonen.

Die Kartoffeln sind fertig. Ich kann sie jetzt abschrecken und schnell pellen. Ich zerquetsche sie einfach mit der Hand in einen Topf. Zuletzt muss ich nur noch etwas Butter, Gewürz, Kräuter und Brühe drauf geben. In einem Bain Mariebehälter gebe ich die Zucchini, etwas Brühe und mixe das mit dem Stabmixer. Die Creme mache ich mit Kartoffelflocken. Die sind reichlich da bei uns. Neben dem kochenden Wasser für die Spätzle stelle ich einen Riesentopf mit kaltem Wasser. Die Spinatspätzle müssen abgeschreckt werden. Heute würde es vielleicht genügen, wenn ich die Spätzle anschaue. Die ersten Tage so früh aufstehen, hinterlassen ihre Spuren.

Das Weinkraut ist jetzt weich genug. Jetzt kann ich endlich etwas Butter, Weinessig und Gewürze dazu geben. Binden tue ich es wieder mit Kartoffelflocken. Das ist fast Sächsisch. Den Speck habe ich im Dämpfer gleich mitgekocht. Den muss ich extra geben. Wir haben ein paar muslimische Arbeiter. Für die grille ich Hühnchenbrust. Ich habe fast den Verdacht, dass einige meiner Kunden schnell den Glauben wechseln für die Hühnerbrust. Vor allem, unsere weiblichen Kunden.

Fortsetzung folgt