Fortsetzung Tag 90 – Saisonende


Die Heimfahrt ist zu kurz für den glücklichen Moment. Die Zeit vergeht wie im Flug. Ausgerechnet die quälendsten Momente dauern am längsten. In dem Augenblick könnten wir eine Urlaubsreise antreten. Leider muss ich heute noch arbeiten.

Zu Hause angekommen, steige ich um aufs Motorrad. Joana muss sicher etwas einkaufen für uns. Das Wetter passt halbwegs. Es sind aber dicke Wolken am Himmel.

Zwanzig Minuten später bin ich schon im Seniorenheim. Die rauchenden Senioren vor dem Heim, staunen, als ich mit dem Motorrad kam. Es gibt etwas Applaus. „Der rasende Koch kommt“, rufen sie voller Freude.

Als Suppe koche ich heute Früh eine Puddingsuppe. Die ist beliebt und wird sehr gut gegessen.

Zu Mittag plane ich:

Grüne Bohnensuppe

Speckknödel

Rahmschnitzel, Kartoffelpüree und Karotten

Grießfĺamri mit Kirschen

Zur Jause koche ich ihnen ein Mus. Das wollten sie unbedingt von mir. Bei meinem Rundgang habe sich das Einige gewünscht. Ich habe sie gefragt, wie sie das Mus haben wollen. Aus Mais oder aus Hartweizen. Dabei erfuhr ich, das Mus aus Mais wird eher im Pustertal gegessen. Genau das wollen sie von mir probieren. In Südtirol gibt es dafür ein sehr feines Musmehl. Sozusagen, Polenta aus weißem Maisdunst. Eine absolute Spezialität.

Die Schnitzel soll ich vom Schnitzelfelsich herstellen. Das ist für Senioren eigentlich zu fest. Ich würde dafür eher Filetköpfe nehmen. Die sind dem Veranstalter wieder zu teuer. Ich nehme also das Schnitzelfleisch, schneide es etwas kleiner und gebe es in den Kutter.

„Was machst Du da?“, werde ich aus dem Hintergrund gefragt. Die Chefin besucht mich. „Guten Morgen.“

„Guten Morgen. Ich koche Schnitzel für Senioren.“

„Wir nehmen für Schnitzel immer Putenfleisch. Das können sie besser kauen.“

„Ja. Aber hier ist Schwein und das ist etwas fester. Ich schneide es kleiner und stelle sozusagen, ein Hackschnitzel her.“

„Geht das?“

„Aber sicher. Ich pochiere die etwas an und brate sie danach noch mal kurz.“

Das grob Gehackte drücke ich jetzt in der Dicke für Schnitzel auf mehrere Bleche und gebe sie bei fünfundsechzig Grad in den Dampf. Dabei wird auch gleich eine feine Basis für die Sauce mit.

Die Schnitzel werden zart, saftig und für Senioren ein Genuss. In Zehn Minuten ist das fertig.

Die Suppe, die Karotten und das Mus sind angesetzt. Die Basis für das Püree auch. Den Speck für die Speckknödel kuttere ich zusammen mit Öl und Zwiebel. Ich brate das gleich auf der Herdplatte an, die ich auch zum Nachgrillen der Schnitzel verwende.

Kurz vor Mittag kommt schon ein Freiwilliger für das Weiße Kreuz und holt die Speisen für die Senioren ab, die zu Hause versorgt werden. Der Freiwillige schimpft etwas. Ihm werden seine Kosten nicht in voller Höhe zurück erstattet. Das übliche Spiel. Geld verschwindet auf wundersame Weise. „Ich fahre heute das letzte Mal“, schimpft er.

Zum Mittag bekomme ich Hilfe von einer jungen Hilfskraft. Sie möchte auch gern zur Köchin umlernen. „Was ist mit der Kollegin?“

„Die lernt schon fleißig um. Heute hat sie Schule.“

Darüber freue ich mich ganz besonders. Ich sehe mich als Grund für den Wunsch.

„Sag ihr einen schönen Gruß von mir und viel Glück für die Prüfung.“

„Mach ich.“

Unser Mittag ist fertig und das Mus hänge ich in den Dämpfer ein. Dort kann es weiter ziehen ohne anzubrennen.

Dazu bereite ich braune Butter und etwas Zucker mit Zimt. Das wollen nicht alle Senioren, aber schon recht viele.

Der Kollegin gebe ich die entsprechenden Einweisungen und sie kann das jetzt zur Jause ausgeben. Für das Abendessen brauche ich Nichts vorbereiten.

„Heute gibt es Meraner und Frankfurter.“

„Also. Schönen Tag noch. Bis zum nächsten Mal.“

Die Chefin ist nicht da und ich gehe ohne Lohn. Sie hat eh meine Kontoverbindung.

„Kumm bale wieder, Bübchen“, sagt mir eine Bewohnerin mit auf den Weg. Sie sitzt vor dem Büro. Der Rest der Senioren schaut sich gerade eine Fernsehsendung an.

Das Wetter scheint noch zu halten. Ich gebe Gas. Oberhalb Lana fängt es an zu schneien. Schnieben, sagt man hierzulande. Im Nu liegen drei, vier Zentimeter und es wird gefährlich den Berg runter nach Lana. Ich muss untertourig mit dem ersten und zweiten Gang fahren. Das dauert fast eine Stunde. Joana wird warten.

Auf dem halben Berg liegt kein Schnee mehr. Dort fallen extrem wenig Flocken. Hundert Meter weiter unten, ist Alles schneefrei und auch kaum Niederschlag. Dort fallen ein paar Regentropfen.

Bei dem Gefälle muss ich auch bei Regentropfen vorsichtig fahren. Den Berg hinauf fahren fast pausenlos Zementautos und Traktoren, die reichlich Öl verlieren und auf der Straße verteilen. Ein Liter Öl versaut tausend Liter Wasser. Das nenne ich mal Umweltschmutz.

Wie üblich um diese Zeit, staut es an ein und dem selben Ort. Trotzdem bin ich ab Lana, in fünfzehn Minuten zu Hause.

Joana hat uns Kaffee gekocht und etwas Kuchen aus Algund mitgebracht. Der Kuchen ist von einer unserer Lieblingsbäckerei. Ein kleines Fest zum Saisonende muss sein.

Wir reden von Urlaub und davon, dass wir uns das nicht leisten können. Joana hat einen Vertrag. Ich nicht. Und schon sehen wir die paar Groschen mit den Raten für die Wohnung verschwinden. Im Frühjahr sind auch alle Versicherungen und Steuern fällig. Und schon wird der Verdienst wesentlich kleiner. Wir planen eine Ausfahrt nach München oder Mailand. Für einen Urlaub zu Hause reicht schon das Geld nicht mehr. Hoch lebe der Kapitalismus. An jeder Straße und in jedem Büro steht ein Kassenhäuschen. Das Alles für mehr Freiheit.

Im kommenden Roman erfahren Sie etwas mehr über die zwischenmenschliche Liebe der Saisonkräfte, über die Einsamkeit und darüber, wie sie gezwungen werden, selbst ihre Familienmitglieder zu vergessen.

Ein Liebesroman mit dem Titel:

Joana und Karl