Joana als Gastwirtin


Weil Joana Verkäuferin gelernt hat, lag es uns natürlich am Herzen, dass sie die Bedienung und den Service übernimmt. Die Entscheidung war gar nicht so übel. Joana bekam einfach mehr Trinkgeld als ich. Zu aller Erst musste meine Joana lernen, Bier zu zapfen. Das Anschreiben und Abrechnen war ihr eine Leichtigkeit. Joana verlor auch nicht den Überblick. Zusehens spürten wir, der Beruf macht Joana extrem glücklich. Sie fand es einfach besser als im Laden zu stehen. Meine Gäste fanden das auch besser. Von einem Tag zum Anderen, war ich nicht mehr ihr Ansprechpartner. Sie verlangten immer Joana als Bedienung von mir.

Damit konnte ich mich endlich mehr um die Küche bemühen. Im Nu waren wir Gesprächsthema Nummer zwei im Ort. Also, kurz nach den aktuellen Neuigkeiten.

Unsere Staatsführung gab das alte Preisniveau teilweise auf. Wir Gastwirte bekamen plötzlich das Angebot, eine neue Preisstufe beantragen zu können. Wir sollten das neue Delikatsortiment in unsere Kalkulationen einfließen lassen. Das war natürlich auch abhängig von der Preisklasse. Ich konnte also nicht über Nacht, Champignons auf alle Gerichte schmeißen. Auf die Art, versuchten viele Kollegen, ihr Angebot etwas zu verteuern. Es lockte eine etwas größere Handelsspanne. Plötzlich gab es wieder endlos beliebte Likörsorten. Leider gab es wenig Nachfrage, bei den Preisen. Dafür gab es aber harte Diskussionen am Stammtisch. Joana konnte diese Diskussionen gut abmildern. Im Grunde blieb Alles beim Alten. Der Einkauf wurde für mich etwas komplizierter.

Neuerdings kamen zu uns unsere vietnamesischen Freunde. Sie hatten oft Dinge im Gepäck, die bei uns am Stammtisch ziemlich gefragt waren. Es entwickelte sich ein kleiner Zusatzmarkt. Sozusagen, Straßenverkauf mit Prämien als Zusatzangebot. Darunter waren auch Körpersprays aus dem Westen oder zumindest mit einem Westmarkenname. Unsere vietnamesischen Freunde hatten praktisch die Überschüsse der DDR Lizenzproduktion an den Mann gebracht. Die Produkte waren nicht billig. Zudem waren sie wirklich schwer absetzbar. In der DDR gab es Besseres zu günstigere Preisen. Aber damit wurde am Stammtisch eine Welle erzeugt, die ernstere Folgen provozierte. Ich bekam jetzt häufiger Besuch von unserer Volkspolizei auf der Suche nach Schwarzhändlern. Ich wurde auch erwischt beim Verkauf. Sämtliche Waren wurden konfisziert und ich durfte mir einige Tage lang, schwere Vorwürfe, Schulungen und Belehrungen anhören.

Die Volkspolizei war sehr engagiert, uns Sündenböcke nachhaltig aufzuklären.

Montags, zu unserem Ruhetag, fanden jetzt komische Versammlungen auf unseren großen Plätzen der Kreisstadt statt. Teile unserer Stammgäste luden uns zu so einem Treffen ein. Wir gingen einmal mit. Als Sprecher und Sprecherin stranden ausgerechnet Ärzte auf dem Podium. Und die schwätzten etwas von Demokratie. In einer Demokratie, von der die da schwärmten, wären sie nie Arzt geworden. Das verschwiegen die uns. Die Leute machten sich damit lächerlich. Die knapp zweihundert Zuhörer gingen kopfschüttelnd vom Platz. Wahrscheinlich wurden solche Treffen, wöchentlich abgehalten. Ehrlich gesagt, Gastwirte haben für so einen Stuss einfach keine Zeit. Mittwochs war das natürlich Thema bei uns im Lokal. Es gab auch ein paar Antragsteller auf Ausreise in den Westen. Zwei meiner Stammgäste waren da und gaben sich alle Mühe, die Leute von der Realität im Westen zu überzeugen. Joana konnte etwas mitreden bei dem Thema. Sie hatte Westverwandtschaft und auch eigene Geschwister da.

Bei uns trafen sich immer mehr junge Paare und junge Leute. Wir diskutierten über Partys, Konzerte, gemeinsame Abende und anstehende Feiern. Es entwickelten sich gute Freundschaften. Wir glaubten das zumindest. Zwei der Paare wollten in den Westen und hatten einen Antrag zu laufen. Es konnte also jeden Tag die Nachricht eintreffen, dass deren Ausreise genehmigt wird.

Die Schwester eines befreundeten Ehepaares hatte sich bereits verhurt im Westen und galt als deren Vorbild. Sie hat sich einem windigen Geschäftsmann geangelt und haute gewaltig auf die Welle. Eine alte Kollegin von Joana, auch eine Verkäuferin, war dadurch in den Verwandtschaftskreis dieser Dame geraten. Sie kam mit ihrem Mann häufig zu uns. Er war Hilfsarbeiter, später Heizer. Ein gut bezahlter Beruf in der DDR. Man feierte praktisch, ein halbes Jahr lang, den endgültigen Abschied von der DDR. Von diesen Feiern ließen sich natürlich auch ein paar vereinzelte, trinkfeste Stammgäste anstecken. Die wollten plötzlich auch ausreisen. Die alten Bergmänner und Genossen an meinem Stammtisch winkten ab: „Um die ist es nicht schade.“ Ein alter Lehrer sagte: „Das Ventil hätten wir eher öffnen sollen.“

In unsere Vereinszimmer, in dem mit dem Billard, trafen sich neuerdings zwei Züchtervereine. Der eine züchtete Rassekaninchen und die anderen waren eine Gartengemeinschaft. Der wirklich rege Betrieb bescherte uns die Möglichkeit, ein gebrauchtes Auto kaufen zu können. Es war ein Trabant mit vergrößertem Tank, extra Geräuschdämmung zum Motorraum und einem Faltdach. Den bekam ich für runde zehntausend Mark. Ab jetzt war der Einkauf einfacher und zudem ein mancher Ausflug möglich. Endlich konnten wir mit Herbert und Brigitte zusammen, Ausflüge unternehmen. Die Zwei haben sich das wirklich verdient. Herbert wurde zusehens stolzer auf Joana und mich.

Es gab einen Nachteil, den wir schnell abstellen wollten. Joana hatte noch keinen Führerschein. Sie kam nach ihrer Mutter. Die wollte keinen. Herbert hatte auch keinen. Es hat einige Zeit gedauert, Joana davon zu überzeugen, einen Führerschein zu erwerben.

Doch plötzlich stehen wir am Stammtisch, hören mit unseren Gästen Radio und hören von einem Zug aus Dresden in Richtung Prag. In Prag würden DDR Bürger begehren, in den Westen zu kommen. Kaum kommt die Nachricht im Radio, springen ein paar Stammgäste auf und wollen mit diesem Zug fahren oder zumindest, den Insassen zuwinken. Ich dachte, jetzt wäre ich endlich die problematischsten Trinker für immer los. Wenn die in den Westen gehen, müsste bei mir kein Volkspolizist mehr stehen und die Polizeistunde durchsetzen.

Die Freude war etwas zu früh. Am Tag darauf waren wieder Alle da. Ab dem Tag bestand ich darauf, nicht mehr anzuschreiben. Die Anschreiber mussten sofort zahlen. Das wirkte besser als die Revolution von 1917. Ab da, musste ich nie wieder einen Gast rausschmeißen. Disziplin zog ein.

Nach der Öffnung der Grenzen starben mir viele Genossen weg. „Dafür haben wir jeden Samstag Subotniks gemacht?“ „Für diese Verräter?“ Binnen drei Wochen starben mir vier echte Genossen; Bergmänner der ersten Stunde. Beste Freunde. Ich konnte zusehen, wie sie von ihren zwei Bier auf ein Bier und eine Limo und später, nur auf eine Limonade umbestellten. Kein Bier mehr, kein Schnäpschen. Schon am folgenden Tag kamen die Meldungen über deren Ableben. Der Schock war überwältigend.

Plötzlich kommt die Meldung, die Grenze wäre offen. Man könnte in den Westen fahren und bekäme noch Geld dafür. Joana sagt mir, wir könnten ja unsere Verwandtschaft besuchen fahren. „An unserem Ruhetag, ja.“

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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