Fortsetzung Joana als Gastwirtin


Praktisch verging kaum ein Tag ohne Trauerfeier. Das wurde langsam zu unserem Stammgeschäft. Trauerfeiern wurden in der DDR ziemlich üppig gefeiert. Wir haben den Hinterbliebenen unserer Stammgäste natürlich auch den gefüllten Umschlag gegeben. Damit wurde der Kauf des Grabsteines gestützt und ein angemessener Respekt bezeugt. Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich als Gastwirt die helfende Hand des Abganges war. Obwohl mir manchmal der Verdacht unterlief. Auf alle Fälle, war ich der Ersatz für einen Pfarrer. Bei den Lebenden genauso, wie bei den Toten. Viele meiner Stammgäste bekamen am Stammtisch einen Platz nach ihrem Ableben. Ihre Bilder wurden langsam zu einer Galerie der Unvergessenen. Zwei meiner Stammgäste waren in Spanien. Andere an der Ostfront. Auf beiden Seiten. Und genau diese Bilder säumten meinen Stammtisch. In meinen Augen, war das die Galerie von Helden. Die haben unser Land wieder aufgebaut und uns erzogen.

Immer öfter kamen Westautos. Vor allem, an Wochenenden. Meist waren es Familienangehörige von Ortsansässigen. Selbst ganze Familienfeiern wurden in den Osten verlegt. Das war billiger für die Westler, die uns abfällig mit Osten beleidigten. Bei den Tauschsätzen. Die haben praktisch für das eh preiswerte Bier, ein Viertel bezahlt. Es war damit billiger als sie und ihre Preise in den Kaufhallen. Büchsenbier war praktisch nur noch eine Geschenkgabe in den verhungerten Osten. Wir sammelten auch noch die leeren Büchsen. Damit wurden wir schon zeitig zur Müllgrube des Westbesuchers. Die Sammelwut ließ blitzartig nach.

Mit den Westbesuchern kamen auch reichlich Leute mit Fotoapparaten. Als Hobbyfotograf wunderte ich mich, warum die ausgerechnet Häuser und Motive wählten, die kaum einen Fotografen interessieren. Zu der Zeit, kam ein entwickeltes Foto, zwei Mark. Und die Filme waren auch nicht gerade billig. Kurt gab mir den Hinweis. „Die haben hier mal gewohnt. Die sind nach dem Krieg in den Westen gegangen.“

„Was? Was wollen die hier?“

„Das ist die Familie, denen mal Deine Gaststätte gehörte. Ich glaub, das sind Juden.“ Kurt neigt etwas zur Spekulation. Er glaubt, die Leute zu erkennen.

„Die wurden von Adolf enteignet.“

„Wieso sind die dann in den Westen gegangen?“

„Propaganda bewirkt Wunder, Karl. Jeder sucht sich seinen Henker selbst.“

Kurt wirkt etwas bissig.

„Ich hab bissl Hunger. Mach mir mal ne Scharfe Sache.“

Die „Scharfe Sache“ war eine Kreation meiner Mutter. Es war Schweinebraten, kalt, auf einer doppelten Schwarzbrotschnitte, die mit Senf bestrichen, mit Meerrettich und saurer Gurke gefüllt wurde. Das Gericht hatte ich in meine Gaststätte mitgenommen. Das Gericht wurde mit Schweinebraten der Keule kalkuliert und mit Braten der Schulter serviert. Auf diese Art, konnte ich mir ein paar Pfennige extra verdienen. Zumindest gab es mir die Möglichkeit, meine Verluste zu verringern. Die Kontrolleure der ABI haben das großmütig übersehen. ABI war die Arbeiter- und Bauerninspektion, welche die Preise und ihre Einhaltung kontrollierten. Die ABI bestand zu achtzig Prozent aus Frauen. Mit denen war kein gut Kirschen essen. Die waren unbestechlich. Trotzdem waren die Frauen realistisch. Verluste konnte ich ihnen gut erklären. Alles lag im Rahmen.

Kurt aß langsam. Er hatte erst frisch einen Stiftzahn bekommen. Den soll er noch etwas schonen, sagt er. Kurt kam fast täglich. Er trank immer ein Bier. „Gemütlich“, sagt er. Mit einem Bier ist der halbe Liter gemeint. Zu besonderen Anlässen, genehmigte er sich einen Kirschlikör. Heimlich, wenn er allein bei mir war, durfte es auch ein Eierlikör sein. Vor seinen Kollegen schämte er sich, das Weibergetränk zu konsumieren. Joana gab ihm manchmal ein Stück Kuchen vom Bäcker. Kurt war ein heimlicher Süßhahn. Seit Joana bei mir ist, bleibt er länger. Seit einem Jahr, ist er allein zu Hause. Seine Frau, Berta ist gestorben. Sie war auch eine Spanienkämpferin. Sie war aus dem Ruhrpott und ist nach dem Krieg bei Kurt geblieben. Berta trug immer das Abzeichen der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft am Revers.

Fortsetzung folgt

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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