Fortsetzung Die Suche


Beim Betreten des Büros kommt uns eine Wolke entgegen, die Joana sofort dazu zwang, sich die Nase mit dem Taschentuch zu bedecken. Saufen die das Kölnisch-Wasser schon literweise? Dabei sind diese Gestalten total verschmiert. Ich dachte, ich stehe in Hamburg auf dem Strich. Wer malt diese Kreaturen an. Der Plakatanbringer einer Litfaßsäule? Nehmen die vierziger Rasierpinsel für den Kleister?

„Wir sind hier, weil wir eine Gaststätte suchen.“

„Hier ist die Liste aller uns zur Verfügung stehenden Objekte.“

„Haben Sie auch eine Liste aus unserem Kreisgebiet? Ich möchte nicht den Bekanntenkreis wechseln.“

„Die Gesamtliste ist nach Verwaltungseinheiten sortiert. Sie müssen nur Ihre suchen.“

„Wo muss ich dann den Antrag abgeben?“

„Hier in Chemnitz.“

„Sie meinen Karl-Marx-Stadt?“

„Wie Sie das nennen, ist mir egal. Bei mir heißt das Chemnitz.“

„Dazu hab ich nur die Frage. Sie verwechseln nicht zufällig den Campingplatz bei Großkotzenburg mit Karl-Marx-Stadt? Kommen Sie aus diesem Kaff.“

„Ich habe jetzt Termine.“

„Mit dem Wollmantel vor der Tür?“

„Auf Wiedersehen.“

Der Hefter war etwa zehn Zentimeter dick. Woher wissen die von einem Tag auf den anderen, welche Objekte von der Treuhand verschachert werden sollen? Die Liste muss, bei dem Arbeitstempo dieser dummen, leichten Damen, schon vorher geschrieben worden sein. Die Kreatur dort Drinnen jedenfalls, wusste weder, von welchem Kreis wir reden noch Irgendetwas von den Objekten.

Wir blättern in dem Hefter und finden, man glaubt es kaum, unsere alte Gaststätte darin. Joana fragt mich besorgt, was hier los ist.

„Ich weiß es auch nicht.“

Wir kommen auf die letzten Seiten dieses Kataloges. Dort steht beschrieben, wie wir uns um ein Objekt bewerben sollen. Wir bräuchten eine Machbarkeitsstudie, eine Vermögensaufstellung, Darlehenszusagen von Banken und einen Businessplan. Das sollte von einem Steuerbüro, von vereidigten Wirtschaftsberatern und vereidigten Anwälten ausgefertigt werden. Natürlich von Westdeutschen, zu deren Kosten.

Strohdummes, versoffenes, verhurtes Gesindel sollte uns beraten, wie wir eine Wirtschaft in der DDR zu führen haben. Die haben das nicht kostenlos gemacht. Joana sah schwarz für unsere Zukunft in Deutschland. Etwas Hoffnung hatte ich noch.

„Wir fahren nach Berlin und versuchen dort unser Glück.“ Ich dachte, auf die Provinz haben sie die Unfähigsten geschickt.

Unsere Nachbarin Julia, die in der Brauerei arbeitet, möchte uns den Trabi abkaufen. Ein anderes Auto kann sie nicht fahren, sagt sie. Sie bietet uns sieben tausend Westmark. Das waren praktisch vierzehntausend Mark. Wir werden uns schnell einig. Das Auto ist jetzt weg. Wir sind Fußgänger. Zu der Zeit scheint das ein Nachteil zu sein.

Just an dem Tag ruft mich meine Mutter an und sagt, sie hätte jetzt ein Westauto. Der Wartburg von ihr ist jetzt frei. Die Freude ist groß. Wir brauchen jetzt dringend ein Auto. Ein Auto, Westgeld und schon kann der Kampf um eine Gaststätte beginnen. Wir treten jetzt gegen Mitbieter an, die ihre eigenen Bürger im Westen schon anständig beraubt haben und gegen Glücksritter. Selbst vorher ausgereiste DDR Bürger finden plötzlich ihre Heimat wieder attraktiv. Sie spielen sich jetzt als kenntnisreiche Westdeutsche auf. Alte Bekannte grüßen sie auf einmal wieder. Sie heucheln eine Gemeinsamkeit.

„Wir kommen ja von hier.“

Sie sagen nicht, „im Westen ist mein Traum zerplatzt und Alles ist schief gelaufen.“ Das wäre ja ein Offenbarungseid an ihre verlogenen Ausreisegründe. Sie spielen jetzt Chef. Sie sind etwas Besseres und reichlich überheblich. In dem Umfeld wird es wirklich schwer, den Boden zu behalten. Dank Joanas Eltern und ihrer Geschwister, blieben wir auf dem Boden.

Auf der Fahrt nach Berlin ärgern wir uns, mit dem Auto gefahren zu sein. Selbst unsere Feldwege waren in einem besseren Zustand als die Wege dort, die sie Straße nennen. Endlose Staus und an jeder Ecke mindestens ein Unfall. An den Straßenrändern stehen nahtlos Nutten, die mit Polizisten ums Schutzgeld schachern. Unsere Parks verkommen zu Bumsecken. Besucher laufen dort bereits flächendeckend auf gefüllten Parisern. Erde ist dort keine mehr zu sehen. Vor jeder Toilette steht irgendeine Mafia und will selbst für kleine Geschäfte, drei Mark. Ein Jahr, und aus einer wirklich schönen, sehenswerten Kulturstadt, wird ein mit Nutten und Kriminellen verseuchtes Drecksloch. Ich frag mich, wer in diesem Umfeld ein Geschäft machen möchte. Das, was wir in amerikanischen Filmen zu sehen bekamen, ist Wirklichkeit geworden.

Ausgerechnet im Haus der DDR Ministerien siedelt sich eine Verbrecherorganisation an, die schon in früheren Reichszeiten für Millionen Zwangsarbeiter sorgte. Schon beim Betreten der mir bekannten Flure, begegneten uns wieder die dunkelblauen Wollmäntel. Dieses Mal, massenhaft. Alle mit kantigen Aktentaschen der gleichen Marke. Und diese gewissenlosen Kreaturen, wollen über unsere Menschen der Volkskammer oder des Politbüros lästern. Das ist, als würde sich stinkendes Abwasser über die Vorrichtung beschweren, die es geruchslos beseitigt.

Fortsetzung folgt

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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