Fortsetzung Joana wird Hotelier


Bei Jens im Jugendclub wird gerade gebaut. Jens wird den Jugendclub wieder bekommen. Die Gemeinde hat den Club übernommen und Margret ist eine Sponsorin. Die Gemeindebibliothek zieht aus. Bücher braucht jetzt Keiner mehr. Vor allem Bücher über den sozialistischen Aufbau werden ausrangiert. Ich weiß nicht, ob die verbrannt werden. Das hat Tradition in den Kreisen. Die Bibliothek wird zukünftig die Wohnung von Jens und Agnes. Im Haus arbeitet ein Klempner aus Mannheim mit einem Kollegen. Jens empfiehlt mir den Handwerker. Wir reden kurz mit ihm und vereinbaren einen Termin.

Eigentlich wollten wir noch bei einem Teil unserer Eltern vorbei fahren. Übernachten können wir bei ihnen nicht mehr. Unsere neue Errungenschaft muss bewacht werden. Mit der Annexion der DDR kommen auch massenhaft kriminelle Elemente. Und die klauen, was ihnen in die Finger fällt. Eine funktionierende Polizei haben wir schon lange nicht mehr. Die Besatzer haben viele Polizisten einfach raus geschmissen aus ihren Ämtern und Stationen. Sobald der Polizist ein Parteibuch der SED hatte, war er fällig. 1933 lässt grüßen. Nur die braunen Hemden fehlen. Die sind jetzt weiß und mit dunkelblauen Wollmänteln behangen. Fast wie, schwarzblau ist die Haselnuss.

Wir fahren bei Herbert vorbei. Geht es ihm wieder besser?

Zu Hause angekommen, werden wir von einem Strich empfangen. Herbert. Er wiegt keine fünfzig Kilo mehr. Wir sind erschüttert. Brigitte lässt uns einen Kaffee durch und fragt, ob wir mit Abendbrot essen möchten. Herbert fragt, wie es mit dem Geschäft steht.

„Alles ist genehmigt. Wir warten jetzt auf den Finanzierungsplan.“

„Und die Handwerker? Die haben doch sicher alle Hände voll zu tun.“

„Das macht sie nur teurer. Darauf haben sie vierzig Jahre gewartet.“

„Und? Können sie wenigstens gleich anfangen?“

„Der Dachdecker kommt aus dem Ort. Der fängt gleich als Erster an. Danach kommt der Klempner und Elektriker. Zuletzt der Leichtbau.“

„Und Dir geht nicht die Hose bei dem Umfang?“

„Naja. Sicher bin ich mir nicht ganz. Was soll ich tun?“

„Ihr hättet weg gehen können.“

„Wir gehen weg von unseren teilweise kranken Eltern und Großeltern? Sollen wir Euch im Stich lassen?“

„Schlaft Ihr hier?“, fragt Mutter.

„Nein. Wir müssen unsere Schulden bewachen.“

Wir fahren zurück in unser neues Heim.

Am Morgen kommt der Chef der Sparkasse mit seinen Kollegen. Er hat den Finanzierungsplan mit. Es gibt diverse Hilfsprogramme von Aufbaubanken. Die aktuellen zwölf Prozent Zinsen sollen damit wenigstens halbiert werden. Die Bedingungen sind für uns annehmbar. Wir verstehen nur die Hälfte von dem ganzen geschriebenen Texte. Das ist sicher auch die Absicht dahinter. Zumindest waren wir gewohnt, geschriebene Gesetze zu verstehen. DDR Gesetze waren eindeutig und Verträge auch. Wildwest hält bei uns Einzug. Wir unterschreiben und werden ab jetzt, heuchelnd freundlich gegrüßt. Es gibt dutzende Ratschläge. Keinen davon können wir gebrauchen. Im Lager stehen noch ein paar Schnapsflaschen aus DDR Zeiten. Mangelware ist dabei. Ich biete den Herrschaften zur Feier des Vertragsabschlusses einen Apfelschnaps an. Die Gesichter verraten uns, dass die von der DDR wenig halten. Keiner der Leute verrät mir seinen Namen und Keiner bietet uns das Du an. Alles ist anonym.

Vor der Haustür steht der Dachdecker. Er könnte die Woche anfangen. Über den Preis waren wir uns einig. Wir decken mit Kunstschiefer. Einheimischer Schiefer, der traditionell hier gedeckt wird, wird über Nacht unbezahlbar. Der Preis verzehnfacht sich. Der Dachdecker hat mir davon auch abgeraten. Die Last wäre zu hoch bei unserem großen Bau.

Der Klempner steht auch schon da. Er kommt zusammen mit seiner Frau. Sympathische Leute, die Zwei. Julia geht mit der Kamera ihrem Rolf hinter her. Sie fotografiert und schreibt, während Rolf misst und diktiert. Joana kocht den Zweien inzwischen einen Kaffee. Im Kulturbüro oben, stand noch eine gute DDR Kaffeemaschine. Eine K108 mit Perlonfilter nach dem System der Frau Melitta. Rolf sagt, er wird uns einen Kostenvoranschlag unterbreiten. Wir wollen eine Ölheizung mit Warmwasser einbauen. Bisher wurde in einem Extra Heizkeller, mit Kohle geheizt. Eigentlich wäre das sinnvoller. Das System steht und ist eingerichtet. Leider wurde über Nacht die Kohle zehn Mal teurer. Damit ging nur Öl zu rechnen, bei dem Verbrauch, den wir planten.

Die Planung von dem Projekt haben wir noch einem DDR Ingenieurbetrieb machen lassen. Rolf lobte uns für dieses Projekt und sagte:

„Das Geld hättet Ihr Euch sparen können.“

„Wieso?“

„Das macht bei uns der Installateur, also ich.“

„So ist das! Bei uns war das Pflicht, eine Baumaßnahme dieser Größe zu planen.“

„Planwirtschaft“, scherzt Rolf. „Ich finde das gut.“

Ob das vom Herzen kommt, können wir nicht beurteilen. Dafür kennen wir uns zu wenig. Die Zwei scheinen ehrlich zu sein. Wir vertrauen ihnen.

Wir reden noch den halben Tag, erzählen, was wir vorhaben und verabreden uns für Übermorgen.

Fortsetzung folgt

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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