Die Eröffnung


Die Eröffnung

Selbstverständlich muss eine Eröffnung anständig vorbereitet werden. Leider gibt es noch keine Lieferanten mit einem Vollsortiment bei uns. Aus dem Grund, haben wir uns ein Auto zulegen müssen, mit dem wir den Einkauf hin bekommen. Für unseren Einkauf mussten wir anfangs weit fahren. Bis in den Westen nach Nürnberg. Wegen der zu zahlenden Zinsen samt Tilgung, waren wir natürlich gezwungen, unsere Umsätze komplett zu erklären. Betrugsmöglichkeiten wie im Westen, hatten wir wenig bis keine. Ein Finanzamt möchte schon gern wissen, woher wir das Geld nehmen, mit dem wir unsere Raten bezahlen. Wohl dem, der keinen Kredit benötigt. Damit ergibt sich schon ein gewaltiger Wettbewerbsnachteil für DDR Unternehmer. Bekanntlich sorgen Schulden auch für Gewissensbisse und Krämpfe. Zumindest bei den Bürgern, die sich eines Gewissens bedienen.

Auf unseren Touren in dieser heißen Gegend, gab es natürlich täglich Unfälle aller Schweregrade. Die Heimfahrt war praktisch immer ein Lottospiel für uns. Joana verkrampfte sich regelmäßig an den Haltegriffen der Autotüren. Bisweilen quälte mich die Befürchtung, sie hätte irgendwann einmal die Tür in der Hand. Natürlich waren meine Fahrmanöver am Rande von riskant. In Rennfahrerkreisen würden wir meine Fahrweise als sportlich bezeichnen. Unseren Fahrgästen wurde es regelmäßig schlecht auf einer Tour mit uns. Ich dachte schon darüber nach, die Kotztüten für Flugzeuge im Auto zu deponieren.

Bei der Grundreinigung zu Hause durften wir feststellen, Hausreinigung ist nicht jedermanns Sache. Und gerade unsere lieben DDR Frauen hatten teilweise schwere Probleme damit. Vielleicht liegt es nur daran, dass die wenigsten Frauen wirklich für das Putzen ausgebildet sind. Es könnte auch sein, sie lieben das Putzen nicht sonderlich. Joana hat das kontrolliert und wir mussten schon in den ersten Tagen, Laufpässe verteilen. Natürlich sind unsere Mitarbeiter sämtlich aus der Gegend. Wir haben keine Fremdarbeiter für niedere Tätigkeiten importiert. Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir lernen das oder wir verlieren. DDR Bürger fühlen sich zu dieser Zeit als ein Volk, das gemeinsam diese Anstrengung angeht. Die Laufpässe und der dahinter stehende neue gesellschaftliche Druck, sorgen natürlich für reichlich Unmut. Wir mussten zu mancher Aussprache gehen und unser Anliegen verteidigen. Und da lagen natürlich auch persönliche Befangenheiten auf dem Tisch.

„Kannst Du Dich erinnern? Du hast bei uns gearbeitet. Der Fleißigste warst Du nicht!“ Der Vergleich mit der Schulzeit ist zwar ehrlich gemeint, aber ganz sicher fehl am Platz. Junge Menschen müssen zur Arbeit erst erzogen werden. Wenn die Lehre aber in einem ganz anderen Bereich stattfand, hilft auch keine Entschuldigung. Dann ist die Person für diesen Beruf einfach nicht geeignet. Zeit für die entsprechende Ausbildung haben wir aber nicht bei einer Eröffnung.

Karin und Steffen kommen an. Mit ihrem Protzschlitten natürlich. Der Gepäckraum war wieder voll mit Gaben für Joana. Für mich waren auch einige dabei.

„Für Deinen schlappen Jungen haben wir auch Geräte mit. Die Kur wird Dir gefallen.“

Karin beugt sich über den Kofferraum. Ich kann ihr bis in den Magen schauen.

„Habt Ihr schon Etwas gegessen?“, ist das Einzige, was mir gerade einfällt. Karin schaut mir über die linke Schulter in die Augen. Sie kontrolliert, wie ich das meine. Steffen stutzt mich mit einer Flasche Metaxa an und grinst.

„Hast Du auch Wilthener mit?“

„Das Hessengesöff?“

„Wieso Hessen?“

„Die haben Wilthen übernommen:“

„Naja. Dann trinken wir eben Metaxa zusammen.“

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Joana wird Hotelier


Als wir zu Hause ankommen, steht schon die gesamte Nachbarschaft mit den Köpfen zusammen und tuschelt.

„Schau. Die haben schon ein neues Auto.“

Wir könnten fast meinen, wir seien unbeliebt. Eigentlich könnten wir davon ausgehen, wir wären bekannt hier. Woher kommt plötzlich das Misstrauen und die nachbarliche, versteckte Missgunst?

Einige Arbeiter sind noch da. Sie sagen uns, die Küche kommt morgen.

Langsam wird es Zeit, sich um Gehilfen oder Personal zu kümmern. Das Haus braucht eine Grundreinigung. Außerdem müssen die Lieferungen eingeräumt und auf Probe gekocht werden.

Ralf und Julia wollen meine Eltern und ihren Gasthof kennen lernen. Wir gehen gleich Essen bei ihnen. Das Telefon funktioniert mittlerweile. Mutter ist erstaunt von uns zu hören.

Am Stammtisch bei Mutter werden die Stammgäste langsam neugierig.

„Wann ist denn Eröffnung?“

„Ich schätze, in vierzehn Tagen.“

„Das ging aber schnell. Ihr habt zwei Monate gebraucht.“

„Ich bin selbst überrascht. Wir dachten zeitweise, das Haus bekommen wir nie auf.“

„Gab es denn Probleme?“

„Ja. Die Zahlungen der Handwerker kamen oft nicht pünktlich. Dann war das Konto auch mal gesperrt. Dank Rolf liefen die Zahlungen dann aber wieder.“

„Wer ist denn Rolf?“

Ich zeige auf unser Klempnerehepaar. Rolf stellt sich und Julia gleich vor. Mutter spendiert uns Allen das Essen. Schnitzel mit Pilzen. Typisch sächsisch.

Neben vielen Ratschlägen, erfahre ich von ihr, wie die Leute im Ort über unsere Gaststätte reden. Die Meinungen sind uns wichtig. Viele Bauarbeiter kommen aus dem Ort, in dem Mutter ihren Gasthof betreibt. Mit Einigen hatte ich etwas Streit, weil sie den Bau mit einem Abriss verwechselt haben. Und das waren ausgerechnet gute Schulfreunde von mir.

Mir fiel ein völlig neues Phänomen auf in unserer Gesellschaft.

Es war die peinliche Angst um den Arbeitsplatz. Und nicht nur das. Mit einem Mal war die eigene Meinung weg, die früher lautstark auch am Stammtisch geäußert wurde. Plötzlich kroch Jeder seinem Chef in den Hintern. Alle machten ausschließlich das, was der Chef auftrug. Das Ergebnis war schlechter, nicht besser. Es gab viele Pannen und unordentliche Baustellen. Die Rechnungen waren gepfeffert und es gab viel Streit. Auch vor Gericht.

Joana musste zu der Zeit oft die Gummifreunde benutzen. Ich wurde nahezu unfruchtbar. Die Nerven spielten nicht mit. Jetzt lernten wir die Krankheiten des Westens kennen.

Wir luden Steffen und Karin ein zur Eröffnung. Nicht nur die. Auch die Familien und Handwerker. Es sollte ein Bauheben geben, bei dem wir auch die neue Technik einweihen konnten.