Leseprobe Der Saisonkoch – Erster Monat


Waisenkinder müssen um Spenden betteln. Ich kann es nicht fassen. Das ist die Aufgabe des Staates, so etwas zu organisieren. Was ist das für ein Regime, das seine Kinder für das Lebensnotwendigste arbeiten lässt. Im Westfernsehen haben sie das mal der DDR unterstellt. Man filmte damals unseren Werksunterricht und log das Blaue vom Himmel. Das kommunistische DDR-Regime würde selbst Kinder arbeiten lassen, um den Plan zu erfüllen. Unsere Eltern, meist unter faschistischer Erziehung aufgewachsen, glaubten teilweise diesem Unfug. Wohl in der Annahme, sie würden im Westfernsehen die Wahrheit erfahren. Heute wissen wir, dass die Vertreter des kapitalistischen Systems, ausnahmslos verlogene Verbrecher sind. Mir fällt keine dieser Gestalten ein, die bei einem fähigen Staatsanwalt, straffrei ausgehen würde. Im Grunde befinden wir uns seit der Wende in einem durch und durch kriminellen Umfeld. Für DDR-Bürger ist das eine neue Erfahrung, die ganz sicher einer gewissen Anpassung bedarf.

Nach der Essensausgabe packe ich schnell meine drei Sachen und wünsche den Damen eine gute Bescherung, um nicht Beschälung zu sagen. Ich rufe im Haupthaus an, damit sie mich abholen kommen. Fünf Minuten später war mein türkischer Kollege schon da. Ich war noch am Küche putzen. Der Kollege packte meine leeren Behälter, führte mit meinen Kolleginnen noch einen kleinen Plausch bis ich fertig war und los ging‘s. Der Fahrerkollege stellte sich mit Urban vor und sagte mir, er wäre der Hausmann. Er fragte mich, ob er mich bei meinem Auto absetzen soll, was ich bejahte. „Der Chef hat für Jeden ein Weihnachtsgeschenk“, sagte er mir. „Das wird mir sicher nicht weglaufen“, antworte ich ihm. „Meine Frau ist mir wichtiger.“ Am Auto angekommen, verabschiedete ich mich von Urban und sagte ihm, er soll den Kollegen und dem Chef eine frohe Weihnacht wünschen von mir.

Die Fahrt aus dem Tal war die einsamste, die ich bisher erlebt habe. Ich traf keinen einzigen Fahrer, keinen Gegenverkehr, keinen Fußgänger, Niemand. Die Häuser waren mit bescheidenem Weihnachtsschmuck versehen, der teilweise leuchtete. Mit Sachsen, nicht vergleichbar. Angekommen in Prutz, sah ich eine etwas größere Menschenmenge vor der Kirche stehen. Die Kirchenglocken läuteten fast schon inbrünstig. Wahrscheinlich sind reichlich Spendengelder eingegangen, die bekannterweise im Namen vermeintlicher Waisen, hilfsbedürftiger, afrikanischer Kinder oder Kriegsopfern ein gebettelt werden. Der mediale Aufwand ist enorm. Das scheint sich zu lohnen. Nur nicht für die angegebenen Spendenempfänger. Immerhin hat der Pfarrer ein stattliches Gehalt, für das ich schon drei Monate arbeiten müsste. Da soll Einer sagen, Märchen erzählen wäre blauer Dunst, von dem man nicht leben kann. Im Kapitalismus leben etliche Mitbürger fürstlich vom Märchen erzählen.

In der DDR nannten wir das Gewerbe Agitprop; Agitation und Propaganda. Die Vertreter dieses Faches waren unsere Aufklärer, die der Aufgabe nachgingen, die Lügen der Westmedien samt ihrer Vertreter zu widerlegen. Leider logen die Westlügner so heftig, dass eine Sendung oder Versammlung pro Woche nicht annähernd reichte, um deren permanente Lügenkultur zu widerlegen. Im Grunde hätte es gereicht, Westmedien einfach abzuschalten. Nicht wegen der Behinderung der freien Meinungsäußerung; sondern einfach wegen der Behinderung von verbrecherischen Lügen, die alle hoch kriminell sind. Ein Doktor Goebbels wäre dafür am Galgen gelandet. Er wusste das selbst zu verhindern.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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