Leseprobe Die Saisonpause


Berichten zu Folge, sind die alle privatisiert. Unser Geld und unsere Arbeit, gestohlen. Die eigentlichen Besitzer dieser Wohnungen sollen die nun kaufen. Am besten, auf Kredit, doppelt bezahlt. Genau so sehen wir die Gesichter der wenigen Menschen, die wir treffen. Kein Lächeln. Keine Freude. Bei diesem Anblick, wünschen wir uns, dort nicht hin gefahren zu sein. Schade um die Zeit. Welche Reaktionen kann ich von Menschen erwarten, die jetzt, statt ein Zehntel ihres Einkommens, das gesamte Einkommen für die Miete ihres Eigentums aufbringen sollen. Dieser Urlaub sollte unserer Erholung dienen. Statt dessen, befinden wir uns mitten im Ghetto. Jetzt wissen wir, warum die Neubausiedlungen in kapitalistischen Ländern, Ghettos genannt werden. Das sind die neuen Konzentrationslager für benachteiligte Menschen. Damit soll ihnen auch noch die Sozialhilfe komplett abgenommen werden. Die Sozialhilfe gilt also nicht den betroffenen Menschen, sondern den Verwaltern der Konzentrationslager. Wir lernen schnell.

Im Restaurant sitzen wir an einer Tafel. Unsere griechischen Gastgeber haben sie mit viel Liebe her gerichtet. Fast die gesamte griechische Familie erwartet uns am Eingang. Sie helfen uns aus der Garderobe.

Der Abend ist schnell vorbei. Wir verabreden uns zu einer Ausfahrt nach Dresden und Meißen. Eigentlich wollten wir eine Flasche Wein mitnehmen. Aber in unserem neuen Bekanntenkreis herrscht eher die Vorliebe nach Landwein. Diesen Leuten fehlt irgendwie die Einbildung, ein teures Gesöff in der Hand halten zu müssen.

Am Morgen kocht uns Mutter einen Liter Kaffee. Wir setzen uns etwas in den Gastraum und sprechen von den aktuellen Ereignissen im Ort und in unserem Bekanntenkreis. Weit über die Hälfte der Leute, die wir kennen, sind inzwischen verstorben oder haben sich das Leben genommen. Die jüngeren Bekannten sind entweder ausgewandert oder umgezogen. Der Ort hat sich in ein Altenheim verwandelt. Wir gehen kurz über den Friedhof, der direkt an unser Grundstück grenzt. Die Kirche leuchtet in neuer Farbenpracht. Die Gräber wirken oft verlassen und verödet. Bei dem Anblick entschließen wir uns, nach unserem Ableben in keinem Grab, Platz nehmen zu wollen. Das beste Grab ist wohl eher der Kopf unserer noch lebenden Angehörigen. Sofern wir uns recht gut benommen haben im Leben, werden wir nicht zu schnell aus ihren Köpfen verschwinden.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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