Leseprobe Die Saisonpause


„Das jetzt, ist wahrscheinlich moderner.“

„Was willst du an einem neuen Bad moderner machen? Das Wasser?“

„Den Name. Das neue Bad nennt sich Erlebnisbad.“

„Um Aue und speziell im Wismutgebiet, gab es eigentlich genug schöne Schwimmhallen.“

„Aber keine Westschwimmhallen.“

„Achso. Aber die Schwimmhallen waren bezahlt. In Südtirol haben sie auch solche Erlebnisbäder gebaut.“

„Das ist moderner Umweltschutz, Karl.“

„Jaja. Die Bäder müssen auch nicht beheizt werden. Zumal, viele Hotels schon Bäder besitzen.“

Wir vertiefen uns nicht weiter in den Wunderwelten unserer Besatzer.

„Wir sind immer mit dem Fahrrad über Tschocken und Hartenstein gefahren. Auf dem Rückweg könnten wir die Route fahren.“

„Ja. Du bist aber auch mit dem Moped gefahren.“

„Aber erst, als wir aus dem Internat geflogen sind.“

„Das hab ich gar nicht gewußt.“

„Ich dachte, die haben dich damals angeschrieben.“

„Das hab ich schon vergessen.“

Joana hört interessiert zu.

„Da seid ihr aber ein ganz schönes Stück gefahren.“

„Ja. Und das täglich.“

Eigentlich hatten wir nur drei oder vier Tage pro Woche, Schule. Die frische Luft, sowohl nach der Arbeit als auch nach der Schule, tat uns gut.

Inzwischen sind wir in Schneeberg angekommen. Der Ort wirkt wie ausgestorben. Wir fahren die kleine Schleife zu unserer Berufsschule. Auf dem Parkplatz stehen ein paar Autos. Auch ein paar Scooter, Mopeds und Motorräder. Wahrscheinlich arbeitet die Schule noch. Bei uns wurden früher auch die Friseusen ausgebildet. Natürlich auch die Kellner. Die Freizeit war damit schon mal gesichert. Ich versuche, in das Schulgebäude zu kommen. Gleich im Eingang hängt eine Tafel. Auf der sind die Lehrer angeschlagen. Ich schau, ob mir bekannte Lehrer dabei sind. Keine. Sie dürften mittlerweile auch alle Rentner sein. An einer anderen Tafel sind diverse Schulrekorde angeschlagen. Ein Eintrag erweckt mein Interesse. Da steht tatsächlich mein Name. Unter Weitsprung. Weitsprung war eigentlich nicht meine Paradedisziplin. Irgendjemand muss sich da verhauen haben. Egal. Ich komme mir vor wie Al Bundy. In dieser Gesellschaft sind solche Rekorde wirklich nutzlos. Selbst Meisterbriefe sind keinen Dreck wert. Die Dümmsten werfen heute mit Titeln um sich, die keinerlei Studium oder Schule erfordern. Höchstens etwas Geld. Bachelor. Was ist das? Breitarsch?

Nach der kurzen internen Belobigung fahren wir weiter. Ich möchte gern unser Internat in Schlema sehen. Die Fördertürme stehen noch. Statt sie weg zu räumen, hängen die tatsächlich ein Denkmalschild ran. Das ist auch eine Methode, Geld zu sparen. Oder soll ich klauen sagen? Mit unseren Häusern sind die Besatzer anders umgegangen. Die haben sie kurzerhand weg gesprengt. Vor allem die, auf denen unsere Befreier, ein Karl Marx oder schlimmer, ein Ernst Thälmann zu sehen war. Das waren keine Deutschen. Oder doch? Hauptsache, in Deutschland stehen Denkmäler von Verrätern, Österreichern und braunen Ukrainern. Und die reden ausgerechnet von Nationalstolz. Die große Bergmannskantine steht nicht mehr. Schade.

In Aue hat sich kaum etwas verändert. Wie scheint, haben die Goldsucher hier Nichts zum Rauben gefunden. Das berühmte Besteckwerk hingegen, steht noch. Mutter hat dort aus dem Ausschußcontainer, ihr Besteck für die Gaststätte gezogen. Ich auch. Das Besteck war Zweite Wahl. Unser Essen, erste.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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