Fortsetzung Die Saisonpause


Im Auto würde es etwas eng. Fünf Personen zusätzlich. Zum Glück sind meine Cousinen zeitgemäß, figürlich auf dem Laufenden. Sie hungern sich in ihre Klamotten. Mutter verzichtet auf die Mitfahrt. Sie will uns Platz lassen. Barbara fährt ein recht großes Auto. Einen Dreihunderter. Sie scheint gut zu verdienen. Barbara schlägt kurzerhand vor, mit ihrem Auto zu fahren. Schon wäre auch Platz für meine Mutter. Ich stelle mich etwas betroffen hin, weil ich auch der dickste unserer Runde bin. Barbara drückt mir den Schlüssel in die Hand. „Den kannst du doch auch fahren.“ Ich habe früher einen Kombi dieser Klasse gefahren. Barbara weiß das.

„Ich muß mich erst wieder an das Riesending gewöhnen“, sag ich den Frauen. Die nehmen das gelassen. Zum Glück ist das Auto von Barbara auch ein Automatik. Sie scheint ziemlich oft gestöckelt unterwegs zu sein. Barbara war, wie ihre Mutter, Mannequin. Joana

war auch ein Mannequin. Jetzt haben die Damen wenigstens ein Gesprächsthema während der Fahrt. Ich bin beruhigt. Auf der hinteren Sitzbank sitzen jetzt vier Frauen und neben mir, Mutter. Lisa in meiner Nachbarschaft wäre mir eigentlich lieber gewesen. Mutter redet mir zu oft rein. Und das ausgerechnet bei ihrem Fahrstil.

Unser erster Weg sollte uns nach Oberwiesenthal führen. Die Frauen protestieren lautstark. Irgendwie ist ihnen dieser Ort zu wider. Wer weiß, was die Frauen vor mir verbergen wollen. Wir entscheiden uns, zuerst nach Annaberg zu fahren und von dort nach Altenberg.

Mein eigentlicher Plan sah anders aus. Ich wollte gern Klingenthal und Johanngeorgenstadt mit besuchen. Das wäre dann aber schon fast eine Zweitagestour mit dem Besuch von Morgenröthe – Rautenkranz. Dort wurde immerhin der erste Deutsche Kosmonaut geboren. Ganz zufällig habe ich in genau diesem Regiment gedient, in dem dieser Mann auch diente. Er hat sozusagen, bei mir gegessen. Das macht mich auch etwas stolz. Obwohl ich sicher kein guter Soldat war.

Für unsere Platzverhältnisse im Auto ist dieser Weg zu lang. Wir müssen so und so mit reichlich Pausen rechnen. Nicht, daß sich die Gliedmaßen meiner Frauen unter dem Druck verbiegen. Beim Anblick meiner Fahrgäste auf der Rückbank, fühlte ich mich gezwungen, den Rückspiegel meinem Sichtfeld etwas anzupassen.

„Du Ferkel“, ruft Lisa mir zu.

Meine Weiberfuhre quiekt laut. Ich habe den Spiegel etwas gesenkt. Wegen der vier Insassen auf der Rückbank ist es nicht möglich, dem Nachfolgeverkehr zu folgen. Ich entschließe mich, lieber der träumenden Ablenkung zu frönen. Bei diesem Anblick kommt ein Männchen schnell ins Träumen. Joana und Mutter sind die Einzigen, die Hosen an haben. Man könnte fast denken, auf der Rückbank sitzt eine komplette Mannequinschule. Mannequins für Unterwäsche. Als Kleiderständer für den anderen Kram, sind meine Tante und Cousinen wirklich nicht geeignet. Zumindest nicht in der heutigen Zeit. In der DDR hat man die verhungerten Kreaturen eher zur Kur geschickt als auf einen Laufsteg. Alle Ärzte von damals waren sich einig, Kranke sofort behandeln zu müssen. Die Kurheime von damals werden heute eher für saufende Sesselfurzer aus dem Westen mit zu viel Freizeit benötigt. Arbeiter kämen da nie hin. Schon gar keine einheimischen. Das sind jetzt alles Privatkliniken für Besatzer und ihre Nutten.

Wir fahren eine, unter uns Motorradfreunden, sehr beliebte Straße. Von Karl – Marx – Stadt nach Annaberg.

In Karl – Marx – Stadt muss ich etwas suchen. Die Besatzer haben die komplette Straßenführung umgebaut. Dabei haben sie auch die Straßen umbenannt. Jetzt wurden fleißige Arbeiternamen mit Namen von Deutschem Abschaum überpinselt. Unsereiner ist fast geneigt, die Straße deshalb zu umfahren. Die Besatzer dachten sich wahrscheinlich, die Ghettos können ruhig den entsprechenden Führernamen vertragen. Beim Anblick diverser Viertel bin ich geneigt, an die fünfziger Jahre zu denken. An unsere Kindheit. Wir sind noch durch Ruinen gelaufen. Die Besatzer haben sie uns zurück gebracht. All die weltberühmten Werke, die Stammwerke vieler Produkte, verfallen. Kein Mensch ist davor zu sehen. Kein Auto, Nichts. Ich dachte, die enteigneten Eigentümer und geflohenen Kriegsverbrecherfamilien möchten ihren zusammen geklauten Besitz wieder haben. Keine Spur. Lisa sagt, die Abfindungen werden eher im Ausland investiert.

„Ach so. So sehr lieben Euch, Eure Besatzer“, antworte ich. „Die Deutschen Faschisten scheinen für Deutsche wenig übrig zu haben.“

Mutter zügelt mich wieder etwas.

„Versau uns nicht den Tag mit deinem politischen Kram.“

Naja. Dann konzentriere ich mich eben auf die Straße und den Blick nach Hinten.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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