Fortsetzung Die Saisonpause


Der Anblick der Ortschaften macht mich irgendwie frustriert. Wie gelähmt schaue ich der Verwahrlosung zu. Wie soll ich nach diesem Urlaub, mit frischen Kräften den Saisonalltag meistern? In Unser Auto zieht eine seltsame Einsilbigkeit ein. Wir vernehmen nicht ein lächelndes Gesicht auf der Straße.

Anfang der neunziger Jahre verspürten wir einen Tatendrang. Einige Häuser wurden gemalt, andere frisch geputzt. Wir durften auch die typisch Westdeutschen Verschalungen sehen. Die fallen heute bereits wieder ab. Bezahlt sind die sicher noch nicht. Alle Farben und Putze sehen bereits jetzt schlimmer aus als zu DDR Zeiten. Die Kredite dafür sind scheinbar noch offen. Was hatte man den Leuten Alles versprochen? Trockene Häuser. Wie scheint, sind die jetzt feuchter als vorher. Und dazu gesegnet mit Sondermüll der Extraklasse. War da nicht die Rede von Asbest? Jetzt klebt es an den Fassaden.

Wir sehen bereits den Frohnauer Hammer. Drei Busse stehen davor. Die Besucher sind scheinbar weniger am Museum denn an der Toilette und der Gastronomie interessiert. Lange müssen wir nicht raten, woher die Busse kommen. Kaum sind wir an der Münze, dreht sich im Auto das Gespräch um die schönen DDR Prägungen und Sondermünzen. Jetzt wird verglichen, wer welche wertvolle Prägung besitzt. Die Schätzungen sind unglaublich. Offensichtlich sind unsere Familienmitglieder der Meinung, einen echten Schatz zu besitzen. Bei der Frage, an wen sie ihren Schatz denn so verkaufen würden, wird es bedeutend stiller. Ich glaube nicht an die heiligen Käufer, die den Wunsch der Besitzer erfüllen. Ich frage sie, ob die vergessen haben, wer unsere Schätze geraubt hat. Nüchternheit und Ruhe kehren zurück in unsere fröhliche Ausfahrt. In Annaberg angekommen, sehen wir als Erstes ein Glasbauwerk.

„Was ist das?“, frage ich.

„Das Arbeitsamt“, antwortet Karin.

„Das Haus ist größer als die Kät“, antworte ich.

Die Annaberger Kät ist der bekannteste Rummel in Sachsen neben dem Dresdner Weihnachtsmarkt. Und sicher um vierhundert Jahre älter als das Oktoberfest. Warum das ausgerechnet so verschwiegen wird im Westen, liegt wohl eher am Oktoberfest. Das wäre das angeblich größte Fest der Welt. Ja, aber die Kät ist nicht nur älter, sondern um Längen besser. Seit der Besatzung arbeitet man am Untergang dieses Volksfestes. Es darf nur einen Führer geben im Reich, könnte man denken. Das Arbeitsamt ist jetzt das neue Annaberger Volksfest. Die Menschenschlangen dort sind garantiert länger als am Zuckerwattestand der Kät. Auch die Geisterbahn der Kät kann mit diesem Amt nicht mithalten.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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