Fortsetzung Die Saisonpause


Von Reitzenhain fahren wir zurück. Wir kommen nach Marienberg. Dort war zu DDR Zeiten eine schöne Kaserne. Die Besatzer haben andere Fahnen gehißt. Jetzt geht es auch nicht mehr um die Verteidigung des Volkseigentums. Die neu erklärten Gegner sind Untermenschen. Egal, welcher Hautfarbe. Ich schätze, der Umgangston hat sich damit auch gewaltig geändert.

Die, in ihrer Heimat Vertriebenen, werden jetzt Flüchtlinge und Ausländer genannt. In dem Atemzug fällt auch oft das Wort: Russe. DDR Bürger sind schon seit der Wende, Menschen zweiter Wahl.

Wir fahren zügig vorbei. Eigentlich sind wir jetzt eine Runde um Zschopau gefahren. Ich frage meine Begleiterinnen, ob sie noch nach Augustusburg wollen. Sie winken ab. Meine Frauen sind Stadtmenschen. Ich spüre das. Einer Landfahrt können sie nichts abgewinnen. Das erklärt mir auch, warum sie uns bis jetzt nicht in Südtirol besucht haben. Ich erneuere meine Einladung. Bis auf freundliche Bekundungen werden wir nichts Anderes bekommen. Die Wende scheint bis in das Schlafzimmer zu wirken.

Karl-Marx-Stadt wollen wir uns heute sparen. Wir fahren zügig durch, soweit wir können. Der Werksverkehr hat schon begonnen. Eine kluge Umfahrung wäre vielleicht angebrachter. Zu spät. Lisa schickt mich auf den Südring. Komisch. Sie kann sich eigentlich gar nicht auskennen. Lisa fährt kein Auto. Sie hat keinen Führerschein. Karin hat sie oft mitgenommen. Barbara etwas seltener. Trotzdem kennt sie die Straßen gut und redet mir sogar rein. „Du mußt jetzt Links abbiegen“, sagt sie in einem ruhigen Ton. Ich komme mir vor wie an einer Sexhotline.

„Du könntest fast in einer Sexhotline arbeiten“, antworte ich und lache.

„In Chemnitz Nord ist eine“, antwortet sie mir.

„Hast du dich dort schon beworben?“

Lisa lacht.

„Ich bin dafür zu alt.“

„Ja, aber dich sieht doch keiner.“

Meine Damen lachen.

Eigentlich könnten wir noch einen Kaffee trinken gehen.

Der Vorschlag wird breit abgelehnt. Wegen der Figur. Zucker ist das neue Gift. Brot nicht. Wir sehen, das logische Denken hat verloren in unserer Familie. Traurig.

Die Besatzer scheinen auch das Gehirn mit gestohlen zu haben. Der Ersatz wirkt etwas kümmerlich.

Zu Hause bei Lisa gibt es jetzt Kaffee. Lisa hat beim Kaffee kaufen keine so glückliche Hand. Sie kauft scheinbar einheimisch. Die Besatzer versuchen auf die Art, ihre minderwertige Ware zu vertrödeln. Der Kaffee schmeckt nach einer schlechten Bohne. Dritte Wahl.

„Kannst du den nicht reklamieren?“

„Das kostet mich mehr als ihn weg zu werfen.“

„Westkultur!“

Der Schutt ist trotzdem verkauft.

„Es war ein Angebot“, sagt mir Lisa.

„Ein Angebot ist Werbung. Und wenn eine Firma damit wirbt, naja. Dann ist sie eine Schuttfirma. Im Westen hat das Kultur.“

Lisa hat früher „Meine Hand für mein Produkt“ gelebt. Man hat sich bei der Partei beschwert, wenn ein Kollege eine Zweite Wahl zur Ersten gelegt hat. In knapp dreißig Jahren haben sie das vergessen. Wir hätten es ihnen einprügeln sollen, könnte man denken.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: