Fortsetzung Die Saisonpause


„Wie lange dauert der Mittagstisch?“

„Bis ein Uhr.“

„Wann ißt die Familie?“

„Danach.“

Ich darf also vierzehn Uhr mit einer Pause rechnen.

„Wann beginnt das Abendmenü?“ frage ich sicherheitshalber noch einmal.

„Sechs Uhr dreißig.“

Meine Kollegen essen für gewöhnlich vor der Gästen. Das fällt natürlich in die Vorbereitungszeit für das Abendmenü. Ich darf also davon ausgehen, sechzehn Uhr dreißig auf Arbeit zu erscheinen. Ein und eine halbe Stunde Nachmittagspause. Und das in Sechs – Tage – Woche. Mich würden sogar Chinesen, Japaner und Südkoreaner bedauern. Und das passiert mir im Urlaub.

Joana ist auch schon auf Arbeit. Sie hat nur eine kurze Ferienpause mit mir bekommen. Joana arbeitet auch keine Doppelschichten. Aber dafür, trotzdem viel zu lange. Sie bekommt dafür etwas mehr Lohn. Und den brauchen wir schon regelmäßig als Rücklage für meine Arbeitslosigkeit. Joana braucht drei bis vier Monate, um sich zu regenerieren. Sie verliert in einer Saison zehn bis zwanzig Kilogramm Körpergewicht. Nach der Saison könnte sie als Fotomodell für Buchenwald arbeiten.

Ich fahre bei ihr auf Arbeit vorbei. Wir könnten ja gemeinsam so, wie ich es mir wünschte, den Feierabend genießen. Für eine Stunde, versteht sich. Danach darf ich wieder auf Arbeit erscheinen. Zu meiner zweiten Schicht. Wenn ich damit fertig bin, treffe ich Joana im Tiefschlaf. Ihre Nacht ist bereits vier Uhr beendet. Das Frühstück haben wir zusammen. Eine Stunde mit ein paar Unterbrechungen für die Körperpflege.

Joana wartet schon auf mich. In der Waschküche mit ihren Kolleginnen. Kaum betrete ich den mit Dampf gefüllten Raum, bombardieren mich die leicht bekleideten Frauen mit Fragen: „Wie war‘s ?“

„Das wird ganz sicher kein Urlaub.“

„Ludmilla war schon dort“, sagt Rosi. Rosi ist Joanas einheimische Kollegin. Sie verstehen sich gut. Ludmilla kommt gerade aus der Garderobe. Sie hat sich frisch gemacht. Ihre Freundinnen aus anderen Betrieben warten auf sie. Ein gemeinsamer Abend ist geplant.

„Wo wollt Ihr denn einen gemeinsamen Abend verbringen?“

Eigentlich ist Besuch in den Personalzimmern nicht gern gesehen. Es sei denn, die Personalzimmer befinden sich in einem anderen Haus als im Hotel.

„Wir sind bei Jelena.“

Jelena wohnt in einem Haus, in dem nur Personal wohnt. Die Miete dafür bekommt die Besitzerin, Erika, von den jeweiligen Hoteliers. Erika überwacht sozusagen, die Kontakte ihrer Mieterinnen. Ein Privatleben ist den Bewohnerinnen nicht möglich. Höchstens mit ihren Mitbewohnerinnen. In diesem Haus leben nur Frauen. Ein Frauenhaus. Manchmal hat man den Eindruck, die einheimischen, heiratswilligen Männer, wissen das. Vor dem Haus treffen sich auch oft die Landsleute der Frauen. Feste Freunde und Verlobte sind dabei. Getrenntes Familienleben.

Ludmilla erzählt mir von meiner neuen Chefin.

„Die Alte ist grausam.“

„So schlimm?“

„Schlimmer. Ich konnte es dort nicht aushalten. Sie wollte sogar Geld kassieren, wenn ich meine Privatwäsche mit wasche.“

„Das wäre eigentlich normal.“

„Ja. Aber meine Privatwäsche ist ja auch meine Arbeitswäsche.“

„Wenn man den ganzen Tag dort arbeitet, sicher.“

„Ich hatte dort nach der Hausreinigung auch noch zusätzlich Frühstücks- oder Abendservice.“

„Zum Glück bist du jetzt wo anders.“

„Hier ist es nicht viel besser. Ich werde nicht wieder hier her kommen.“

Rosi spitzt die Ohren. Joana auch. Sie haben fast jedes Jahr neue Kolleginnen.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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