Fortsetzung Die Saisonpause


Joana ist fertig und wir können gehen. Das erste Mal, seit wir hier in Südtirol sind, gehen wir gemeinsam in den Feierabend. Nach fünfzehn Jahren. Wir fühlen uns wie Umweltschützer, die gemeinsam in einem Auto, zum Feierabend fahren. Schon morgen wird sich das ändern. Ich muss wieder mit dem Motorrad fahren. Joana nimmt lieber das Auto.

Joana hat es mal mit einem Scooter probiert. Sie ist gestürzt. Rippenbruch und Vorwürfe des Chefs ob ihres Krankenstandes. Seit dem hat sie fürchterliche Angst vor so einem Zweirad. Auf sie einreden, bringt nichts mehr.

Die Finanzierung unserer Wohnung hat Vorrang. Ein einfaches Dach über dem Kopf bestimmt den Lebensinhalt. Ein Grundrecht.

In Österreich haben wir mit Kollegen gearbeitet, die zusammen in einem Wohnmobil hausten. Selbst Zigeuner zu sein, bringt ein ganz neues Lebensgefühl. Wehe, du bist in der Situation nicht mit einer weißen Hautfarbe gesegnet. So wirst du wenigstens noch mit einem Tourist verwechselt. Schale Blicke erntest du aber immer. Sagte die britische Kollegin und ihr Mann. Sie arbeitete als Bedienung und ihr Mann auf dem Bau. In einem Wohnwagen haben sie wenigstens die Miete gespart. Und die ist in Touristengebieten üppig. Dort werden nicht nur die Touristen ausgenommen. Das Personal bringt den meisten Gewinn. Den Mehrwert, von dem Herr Marx schrieb.

Das Preisniveau in Touristengegenden ist unglaublich hoch. Mehl wird fast so teuer wie Gold gehandelt. Und wehe, du benötigst ein Produkt, welches von der örtlichen Gastronomie verwendet wird.

Zu Hause warten bereits Neugierige. Die paar Fragen meiner Mitbewohner können auf dem Weg in die Wohnung beantwortet werden. Lange Gespräche sind erst Mal nicht nötig. In zwei Tagen kann ich schon genauere Auskunft geben. Unsere Nachrichtenzentrale muss mit wahrhaften Meldungen beschickt werden. Falschmeldungen schaden Allen.

Zur Feier des Tages genehmigen wir uns eine Pizza von Karib bei Doris. Im äußeren Gästebereich sitzen schon Touristen. Wir hören Stimmen der Heimat. Wenn ich die Sächsische Sprache vernehme, hält mich kaum Etwas. Ich muss sofort Kontakt suchen. Joana schaut mich böse an. „Bleib sitzen!“, zischt sie. Ich soll zuerst einmal etwas lauschen, was denn unsere Nachbarn so von sich geben. Jetzt, nach einiger Zeit, muss ich Joana Recht geben. Mein Kontaktversuch wäre nach Hinten los gegangen. Die Angepeilten waren froh, nicht mehr in der DDR zu leben. Dem Gespräch folgend, gehe ich von Ärzten aus. Früher dachte ich, ein Arzt fühlt sich den Menschen und dem Sozialen verbunden. Irrtum. Ich schäme mich für meine Landsleute.

Doris kommt mit unserer Pizza. Sie sagt leise zu mir: „Deine Landsleute.“

„Die falschen“, flüstere ich zurück. Doris zwinkert mich an und fragt mich, was ich trinken möchte. Jetzt, nach einem Jahr, könnte ich mir eigentlich ein zweites Bier genehmigen. Nach der Bestellung bemerkt Joana, „du trinkst noch ein Bier?“ Allgemein bricht dann Joana auf und geht. Sie ist der Meinung, ich würde bereits nach dem zweiten Bier, besoffen reden. Joana meidet Betrunkene. Ich muss ihr in der Beziehung Recht geben. Zu viel Alkohol verleidet mich zu Selbstmitleid. Ein Mann darf in der Öffentlichkeit nicht weinen. Schon gar nicht in Gaststätten.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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