Fortsetzung Die Saisonpause


Auf die Frage, ob ich meine Unterlagen schicken soll, erfahre ich die Emailadresse vom Chef. Die Post geht zum Chef persönlich. Das häusliche Büro der Rezeption soll das nicht erfahren. Wahrscheinlich haben die Bürodamen auch eine ausgeprägte Spamallergie. Sie möchten sicher vermeiden, von einem Koch erwähnt zu werden. Immerhin sitzen in dem Büro mehr Angestellte als in unseren Küchen zu finden sind. Würde ich denen erzählen, dass meine Mutter oder ich selbst, Hotelbuchungen zur Küchenarbeit, allein und fehlerfrei gemacht haben, bekäme ich glatt ein beleidigendes Gegacker zu hören. Würde ich dazu unsere Zimmerzahl erwähnen, hätte ich umgehend das Erlebnis, mich in einem Hühnerstall zu befinden. Im Hintergrund höre ich schon das Geschnatter. Ich glaube, vier verschiedene Stimmen zu hören. Jetzt frage ich mich besorgt, wie viele Zimmermädchen das Hotel hat. Sicher weniger als einheimische Büroangestellte. Wenn dann die Zimmermädchen noch deren Abfallplatz aufräumen sollen, fragt sich der normale Arbeiter, wie es zu solchen Verhältnissen kommen kann. Könnte es sein, ich rede mit einem Harem? Ausgerechnet aus diesem Raum kommen die meisten Beleidigungen unserer muslimischen Mitarbeiter.

Der Chef lädt mich ein, nachmittags bei ihm vorbei zu schauen. Die Uhrzeit ist wie immer so angelegt, bei der ich dem Kontakt mit anderen Küchenmitarbeitern entgehe. Fast immer wird mir die Ablösung eines Chefkoches oder dessen Zweiten angedeutet. Wenn der Chefkoch tatsächlich gegangen wäre oder gekündigt hat, kann man das wohl offen sagen.

Die gerade herein kommende Nachricht klingt für mich etwas verlockender. Sie kommt aus Algund. Also, um die Ecke. Vier Wege dahin und zurück, würden meine Haushaltkasse nicht zu schwer belasten. Ich sage gleich einem Treffen zu. Zumindest klingt das dringend. Die Einladung aus Schenna vereinbare ich danach. Dort wäre inzwischen zu der Zeit die Küchenmannschaft wieder im Betrieb. Nach dem Rückruf vereinbaren wir eine Zeit, bei der ich die Küchenmannschaft nicht treffe. Für Algund bleibt also wenig Zeit.

Zuerst muss ich mich etwas frisch machen. Nach den Erfahrungen der letzten Tage fällt mir das schwer. Beim Zähne putzen verspüre ich ein leichtes Ziehen. Mir fehlt das Geld, um einen Zahnarzt aufsuchen zu können. Ich glaube auch nicht an eine wirkliche Hilfe in dem Zusammenhang. Eher an ein Verkaufsgespräch mit traumhaften Versprechungen. Bei nur drei Besuchen dieser Ärzte wurde mir schnell klar, hier geht es nicht um medizinische Hilfe. Mit einer Zahnreinigung für eintausend Euro, habe ich mir eine Folter der besonderen Art gestattet. Die hat mir tatsächlich ein halbes Jahr geholfen. Sie hat das schmerzfreie Einschlafen verhindert. Und das, ohne Kaffee. Die Hauptarbeit dieser Ärzte besteht im Ziehen der Zähne. Nur so, kann man dem Opfer nach einiger Zeit Zahndübel und andere Unarten andrehen. Den Arzt gibt es jetzt nicht mehr bei uns in der Nähe. Ich glaube, der hat jetzt bei Leuten angefangen, die der Folter nachgehen. Das Praktikum hat der schon mal bestanden. Würden wir in ähnlicher Qualität unser Essen abliefern, dürften wir uns vielleicht auch Doktor nennen.

Der Weg nach Algund ist kurz. Unsereiner muß abkürzen über die örtlichen Straßen. Auf der Vinschger Straße ist heute ein Lastverkehr, der seines Gleichen sucht. Ich sehe kein einziges einheimisches Kennzeichen an den Lastwagen.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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