Fortsetzung Die Saisonpause


Der Weg nach Hause ist relativ einsam. Ich wundere mich. Zum Abendessen kommen sehr viele Gäste und trotzdem sind die Straßen fast menschenleer. Kein Stau und nirgends Behinderungen.

Wegen der entzündeten Augen muss ich das Visier der Helmes zu klappen. Zugluft würde der Entzündung noch den Rest geben. Oder eine Fliege. Die sammeln sich um diese Zeit schon reichlich an unseren Abfallbehältern. Warum sollen die mit einem goldenen Hinterteil geschmückten Weiber der Fliegen nichts von Ostern haben? Sie können ja das Osternest mit ihren Eiern bereichern.

Ich fahre die Abkürzung durch die Stadt. Über Sinich sind es einfach zehn Kilometer mehr. Bei vier Fahrten wären das vierzig Kilometer. Die ohnehin hohen Spritkosten würden dadurch um ein Drittel höher. Neben den Kosten für die Reinigung der Berufswäsche, wäre das einer unserer großen Posten, der teurer ist als unser sparsames Essen. Wir hätten nie gedacht, für die Bewegung zur Arbeit und die Reinigung der Arbeitskleidung, mehr ausgeben zu müssen als für unsere Ernährung. Ein seltsames Land. Ich stelle mir gerade vor, die gleichen Wege mit dem Fahrrad fahren zu müssen. Solche Gedanken können nur Gehirnen entweichen, die auf irgendwelchen Bürotischen schlummern.

Joana schläft schon. Sie muß zu früh raus. Sie kann nicht auf mich warten. Wir treffen uns praktisch nie. Nur schlafend.

Joana hat sich zur Angewohnheit gemacht, früher schlafen zu gehen. Deswegen kann sie mit mir ein paar Minuten plaudern. Wir erzählen uns unsere Tageserlebnisse. Mir ist wichtig, zu erfahren, was Joana zu meiner Arbeit sagt.

Wie jeden Tag, hat mir Joana ein paar belegte Brote fertig gemacht. Sie sind mit Liebe hergerichtet. Etwas Gemüse ist dabei. Saure Gurken und ein paar saure Champignons. Unsere gemeinsame Zeit ist schnell vorbei.

Joanas Wecker höre ich heute auch. Ich stehe gleich mit auf. Mein Auge ist verklebt und entzündet. Ich muß ins Bad gehen, und versuchen, es mit angefeuchteten Toilettenpapier zu öffnen. Im Spiegel sehe ich das Dilemma. Ein zweihundert Kilo schwerer Japaner würde sicher mehr durch seine Schlitzaugen sehen, als ich. Wenn ich das nicht hin bekomme, muß ich zu einem Arzt.

Mit diesem Auge kann ich unmöglich Motorrad fahren. Das wäre der sichere Tod. Mit einem Auge kann ich weder die Balance halten noch mit meinen Messern in dieser Küche arbeiten. Geht nicht. Ich setze mich an den Computer und schicke eine Email an Gustl. Der Sicherheit halber; wenn ich ihn per Telefon nicht erreiche.

Eigentlich bin ich das nicht gewohnt. Ich war nie krank und hatte meinen einzigen Krankenstand in den Lehrjahren. Aber nicht wegen einer Krankheit. Wegen eines Streites. Mein damaliger Chef kannte meine Mutter gut und rief sie deswegen an. Mutter dachte, ich wäre schon außer Haus. Meine Eltern traf ich höchstens nach meinem Dienst in der Küche oder im Gastraum unseres Gasthofes. Morgens war ich immer allein.

Jona fährt zur Arbeit. Ich überlege, wie ich nach Naturns zum Arzt komme. Vielleicht mit der Bahn? Oder sollte ich eher nach Meran ins Krankenhaus fahren? Der Hausarzt gewinnt. Ich fahre mit der Bahn nach Naturns. Zuerst muß ich nachsehen, wann eine Bahn fährt. Eigentlich hören wir die. Sie fährt an unserem Haus direkt vorbei. Leider ist der Weg etwas zu weit, um dann loszulaufen, wenn ich sie höre.

Halb Sieben rufe ich Gustl an und sage ihm, was mir passiert ist. Gustl ist nicht begeistert.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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