Fortsetzung Die Saisonpause


Außer einem kleinen Schild am Reverse, wird in diesen Kreisen nicht mit Namen agiert. Und schon gar nicht persönlich. Wer weiß, ob das Schild geliehen ist? Nach einer knappen halben Stunde kommt eine Frau. Das vermute ich bei dem Anblick.

„Herr Karl?“

„Ja.“

„Wir suchen keinen Zweiten Koch mehr.“

„Na dann. Wiedersehen.“

Komisch. Mich fragt tatsächlich Keiner, was mich die Anreise, die Bewerbung, die Unterlagen usw. kostet. Gehen die mit ihrer Nutte zum Kaffeetrinken und Kuchen lecken, verlangen sie sofort eine Quittung. Selbst die Pariser wollen die absetzen. Was sollen wir diesen Halunken noch bezahlen? Den Puff in der Karibik?

Stellenausschreibungen sind Kosten. Bewerbungen zählen dazu.

Was ist das für eine Fabrik?

Unverrichteter Dinge trödele ich zu Sabine. Jetzt brauche ich eine Abkühlung.

„Schoko-Vanille, bitte.“

Sabine ist selbst im Laden.

„Im Dorf Tirol suchen sie einen Koch. Die haben neu auf geschlossen.“

Sabine hat dort Oben eine Filiale, die wir in unserer knappen Freizeit oft besucht haben. Als Urlaubs- und Freizeitersatz.

Das kann heiter werden. Vier Wege ins Dorf Tirol. Täglich. Auch bei Regen. Und dort regnet es häufig. Hin und zurück, durch Meran. Mit dem Zweirad über das schmückende, Frauenschuh-freundliche Kopfsteinpflaster. Wer schön und pünktlich sein will, muß leiden. Krankengeld gibt es immerhin drei Tage lang nach einem Sturz. Danach kann der Gefallene ja wieder arbeiten.

Mit den guten Nachrichten ziehe ich mich erst mal nach Hause zurück. Es sind noch mehr Angebote eingegangen. Die kann ich aber in meinem Urlaub, locker in diverse Rundfahrten durch die Dolomiten einbinden. Wie scheint, liegt Keinem an einem Arbeitsverhältnis mit einem Koch aus der Nähe.

Zu Hause schreibe ich plötzlich alle Bewerbungen um. Das ist zwar zwecklos, weil ich mich praktisch schon mindestens einmal beworben habe. Sozusagen, müßte ich bekannt sein wie ein gescheckter Hund. Ich frag mich eh, wieso ich den Kram immer wieder neu aufsetzen muß.

Ab sofort streiche ich alle dokumentierten Weiterbildungen, Meisterbriefe und Stellen, in denen ich schon gedient habe. Ich hänge ein paar Zeugnisse an und Ruhe. Schade; mit einem Email kann ich schlecht die Haare eines Kuhschwanzes verschicken. Damit bekäme ich garantiert eine Stelle. Jetzt, wo Bildung nichts mehr zählt.

Zeugnisse will mir so und so Keiner schreiben. Am besten wäre es, ich stelle mich als Polnischer, Slowakischer oder Ungarischer Koch der Umschulung vor. Einmal massenhaft so und ein anders Mal, massenhaft so. Kopien fremdsprachiger Zeugnisse gibt es mittlerweile im Überfluß. Sogar kostenlos. Wer unbedingt beschissen werden möchte, bekommt eben was er sich wünscht.

Damit passe ich bestens in das System. Oder glaubt tatsächlich Jemand, Massagen, Chlorwasser und desinfizierte Saunen sind für die Gesundheit? Na, gute Nacht. Gleiches gilt natürlich auch für das Essen. Wer glaubt, Glukose, behandelte Kräuter oder gepoltertes Fleisch in EU-Norm wäre gut für die Gesundheit, der glaubt auch an die Auferstehung von irgend Jemand. Die Auferstehungen im Geist gibt es tatsächlich. Leider waren das ausgerechnet keine Vorbilder der menschlichen Gesundheit und des Wohlergehens. Die uns heute die Pflanzenschutzmittel verkaufen, haben früher das Gas gegen Menschen entwickelt und mit reichlich Gewinn, verkauft. Alles aus einer Hand, sozusagen. Der Bluff ist der Führer der alten, neuen Gesellschaft. Da zählt keine Bildung.

Mir scheint langsam, je älter ich werde, desto länger wird mein Arbeitsweg. Das nennt sich hier Dank für die bisher erbrachte Leistung.

Langsam aber sicher, freunde ich mich wieder mit dem Gedanken an, täglich zwei Mal eine Dolomitenrundfahrt absolvieren zu dürfen.

Genau betrachtet, ist das oft sogar günstiger als vier Mal am Tag durch den Stadtverkehr zu rauschen.

Ich frage mich immer wieder, wann in diesem Land endlich der menschenfeindliche geteilte Dienst abgeschafft wird. Sicher erst dann, wenn auch der letzte Ausländer diese Region meidet. Die neuen Zwangsarbeiter müssen dann, wie im Deutschen Reich, herbei gebombt werden.

Ein Stück feinstes Rabland

burst

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: