Fortsetzung Die Saisonpause


Die Küche sieht relativ gut aus. Sauber ist sie auch. Im Lager entdecke ich eingeschweißte, vorgefertigte Flammkuchen. Für uns hier ginge das vielleicht als unbelegte Pizza durch. Für deutsche Touristen ist das passend und sicher ausreichend. Mit einheimischen Speck belegt, könnte Unsereiner ein relativ neues Gericht kreieren. Der Ansatz gefällt mir.

In der Not sehe ich den Betrieb natürlich positiv. Im Zuge leichter Euphorie meinerseits, werden wir uns schnell einig.

Bei der Absprache über den Beginn der Probearbeit, wird mir beiläufig gesagt, wir kochen hier keine Menüs. Die Gäste essen a la carte. Typisch deutsch, denke ich mir. Wobei der Weg an sich, für die heimische Gastronomie, vorteilhaft zu sein scheint. Der Nachteil ist, im a la carte kann kein Koch frisch kochen. Das sehe ich nicht als mein Problem. Ich wollte schnell zu Hause anrufen. Verbindung gibt es keine in der Küche.

Auf dem Nachhauseweg stoppe ich die Zeit noch einmal etwas genauer. Ohne Zwischenstopp. Fast eine Stunde. Die gleiche Zeit habe ich für den Weg zur Seiser Alm benötigt. Ich muß mich darauf einrichten, meine liebe Frau jeden zweiten Tag zu sehen. Es sei denn, das Wetter ist schön. Dann könnte ich auch jeden Tag an die frische Luft. In Küchen ist diese Luft, Mangelware. Sonne auch.

Bei der Entfernung arbeite ich natürlich für die Mineralölgesellschaft. Ich rechne mit drei Mal Tanken pro Woche bei täglicher Fahrt nach Hause. Das macht, ohne Reifen- und Werkstattkosten, schon mal dreihundert und fünfzig Euro pro Monat. Ich bin kein Politiker. Die bekommen das Doppelte als Spesenzuschlag. Es gibt noch einen Unterschied. Ich möchte meine Familie sehen. Wie würden die sich fühlen – allein in einem Zimmer oder in ihrer Wohnung? Nach einem Fünfzehn Stunden Arbeitstag. Das hebt auf alle Fälle die Suizidrate im Land.

Der Mensch ist ein Gesellschaftswesen. In der Küche kann einem der Gedanke erst mal nicht unter laufen. Und wenn, braucht der Koch nur das Essen versauen. Dann bekommt er sicher genug Besuch.

Joana freut sich über die Stelle. Sie weiß nicht, wie weit das ist. Ich werde ihr den Weg mal auf einer Tour zeigen. Das hat aber einen Nachteil. Sie macht sich dann täglich Sorgen um mich. Zum Glück ist die Saison dort äußerst kurz. Zwei ein halb Monate.

Bei dem Arbeitsweg, gehe ich natürlich noch weiter suchen. Kommt ein besseres Angebot, werde ich dort absagen. Selbst bis nach Sterzing benötige ich nicht diese Fahrzeit unter den Gefahren. Im Passeiertal herrscht ein recht wilder Verkehr. In Touristenzeiten ist es dort extrem gefährlich. Das Tal ist auf Touristen in dieser Anzahl einfach nicht vorbereitet. DDR Politiker würden jetzt von einem schlechten Plan reden. Die hätten zuerst eine Verkehrsanbindung projektiert, ehe sie an große Hotelkomplexe denken. Zumindest im Angesicht der wachsenden Mobilität.

Ich habe bei der Heimreise versäumt, die Kontrollkästen für Geschwindigkeiten zu zählen. Sind es zwanzig oder gar dreißig? Dabei gilt für Arbeiter in der Gastronomie, sich zu Zeiten zu bewegen, in denen keine Touristen unterwegs sind. Die Stoppuhren stehen trotzdem. Fahre ich jetzt in der vorgeschriebenen Geschwindigkeit, verlängert sich meine Dienstreise um genau das Doppelte. Damit verbietet mir die Landesregierung, meine Frau oder eine Familie zu besuchen. Ganz einfach mit der Verlängerung der Reisezeit. Wenn ich zu einem Fünfzehn Stunden Dienst noch vier Stunden Weg dazu rechne, erübrigt sich die Frage der Nachtruhe. Ich gehe also mit der Hoffnung auf Arbeit, die Gäste meiner Einrichtung mögen bitte so gnädig sein, mir eine Zimmerstunde zu gewähren. In der könnte ich dann wenigstens den fehlenden Nachtschlaf ergänzen. Wie gesund das ist, laß ich mal bei Seite. Ich stelle mir gerade vor, wie die Gesichter in dem Parlament aussähen, wenn sie annähernd diesem Rhythmus folgen würden. Vielleicht würde uns das vor deren unsinnigen Entscheidungen schützen. Ich weiß es nicht.

So gehe ich davon aus, wenn die Verkehrsinfrastruktur steht, sind die angeschlossenen Betriebe bereits pleite. Dann ist die Struktur nur noch dafür da, der Bevölkerung das fluchtartige Verlassen des Tales zu ermöglichen. Eine ganz neue Art von Umweltschutz.

Ich rechne also damit, auf meinen Arbeitswegen, nicht nur mit Benzinkosten konfrontiert zu werden. Man holt sich auch gern den Monatslohn als Bußgeld ab.

Den zwei Hoteliers habe ich versprochen, erst Mal auf Probe zu arbeiten und die Kosten genau zu berechnen. Auf alle Fälle liebe ich die Bewegung auf Arbeit und zurück. Wer den ganzen Tag in einem Loch lebt, freut sich über jeden Kontakt mit Luft und Leuten. Gerade das Motorradfahren ist dafür die geeignetste Sportart. Mit dem Motorrad fahren, werden alle Sinne und der Körper trainiert. Stellen wir uns mal vor, ich würde diese Strecke mit einem Fahrrad absolvieren. Das Hotel in dieser Lage, gäbe es nicht. Zumindest nicht in dieser Art. Die Wirtsleute müßten es selbst tun. Ich bezweifle ein Wachstum unter diesen Bedingungen. Leider dringt das selten in die Köpfe von gelangweilten Bürokraten.

Zu Hause angekommen, erfreue ich mich an neuen Reisezielen für die kommenden Tage. Es gibt Interesse. Ich habe mittlerweile landesweit Bewerbungen verschickt. So lerne ich das Land besser kennen. Leider habe ich nur allein diesen Genuß. Meine Joana kann ich nur mitnehmen, wenn sie frei hat. Ich will sie aber nicht mit ungemütlichen Touren quälen. Der einzige frei Tag in der Woche ist der wirklichen Erholung reserviert. Und selbst von diesen Tagen, werden ihr reichlich Anteile für ungemütliche Amtsgänge geraubt. Von diversen Arztbesuchen möchte ich gar nicht erst anfangen. Arbeiter in unserem Gewerbe haben darauf zu verzichten. Es reicht, wenn die Nutten und Angehörigen der Chefs gut versorgt sind. Sie verdienen auch unser ehrliches Mitgefühl.

Nachdem wir unser Veroneser Hühnchen innen gewürzt haben, pinseln wir es außen mit Nußöl ein

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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