Fortsetzung Die Saisonpause



Allgemein versucht Joana, mich auf meinem Vorstellungsweg zu begleiten. Sie möchte meine Chefs sehen und beurteilen. Zu Hause bekomme ich dann gesagt, welchen Eindruck sie bei Joana hinterlassen haben. Mir ist diese Einschätzung wichtig. Das hilft mir bei der Planung des weiteren Vorgehens. Heute erzähle ich fast wie ein Aufnahmegerät den gesamten Wortlaut meiner Gesprächspartner. Dabei versuche ich, deren Gesten halbwegs nachzuahmen. Joana soll so die Möglichkeit bekommen, die Leute zu klassifizieren. Das Ergebnis ist, ich soll mich weiter bemühen.

Die Wege werden auch länger. Langsam sehe ich die entzückenden Steine und sehr schöne Täler. Wenn der Himmel blau ist. Natürlich kenne ich auch die Zeiten der Unwetter und deren Folgen. Als Zweiradfahrer erlebe ich das auch intensiver als in einem Auto.

Am kommenden Morgen versuche ich mein erstes Stelldichein in Pfelders. Wie abgemacht. Fragen Sie nicht, welche Temperaturunterschiede ich auf einem Weg zu spüren bekomme. Zwanzig Grad. Was soll ich da anziehen? Aktuell benötige ich die größte Lederkombi. Nackt traue ich mich nicht in diese Gegend. Hinter jeder Kurve warten Steinschläge, Wasserrinnen und abgeworfene Äste von Bäumen. Vom gehetzten Gegenverkehr will ich gar nicht erst anfangen. Jeder hat es eilig. Im Dunklen geht es zur Arbeit und im Dunklen zurück. Eigentlich erwarte ich in der Höhe, Öffnungszeiten ab Juni. Hier ist das anders. Deshalb versuche ich es. Die Saison ist damit etwas länger.

Die frühen Gäste sind aber anders als die Gäste, die zu Saisonzeiten anreisen. Sie sind sparsamer und werden auch sparsamer bewirtet. In Hochsaisons kostet das Zimmer wesentlich mehr. Das wirkt natürlich auch auf das Budget für die Beköstigung. Allgemein bekommen wir den Eindruck, der Wirt und die Kollegen sollen Geld wechseln und keines verdienen. Wir leben von dem Gewerbe. Wohl auch in der Spekulation, das bezahlt zu bekommen.

Im Tal bemerke ich schon in Richtung Sankt Leonhard, leichten Bodenfrost. Die Jungs vom Straßendienst haben das schon bearbeitet. Die Straße ist teilweise frisch besprüht. Mit Salzlösung, glaube ich. Beurteilen kann ich das erst, wenn die Maschine trocknet. Bis Sankt Leonhard zähle ich zwei Dutzend Starenkästen. Auf manchen flimmert ein kleines blaues Lämpchen. Fast wie der Vorblitz von Fotoapparaten, mit denen die roten Augen vermieden werden sollen.

Am Hotel angekommen, stehe ich im Dunklen. Nirgends brennt ein Licht. Ein sparsames Lichtlein sehe ich am Eingang. Die Stufen kann ich damit nicht erkennen. In einem Zimmer brennt Licht. Könnte das die Familie des Wirtes sein? Und schon springt die Tür auf.

„Guten Morgen. Du bist aber zeitig“, flüstert Georg.

Ich bin tatsächlich sehr zeitig gefahren, in der Vermutung, ein Frühstücksbuffet vorbereiten zu müssen. Das war eine Fehlanzeige. Das Frühstück läuft wie das Mittags- und Abendgeschäft. A la carte. Das Konzept gefällt mir. Das erinnert mich an die Arbeiterversorgung in unseren Tagebaubetrieben. Mit einem Unterschied. Im Tagebau haben wir das als Selbstbedienung organisiert.

„Unsere Gäste sagen uns, was sie gern zum Frühstück hätten.“

„Und wir kochen das?“

„Ja. Wenn wir es vorrätig haben.“

„Wie oft mußt du sagen: Haben wer nicht?“

„Unsere Gäste wissen, was wir vorrätig haben. Wenn sie einen speziellen Wunsch haben, bestellen sie bei uns.“

„Planwirtschaft bei Westdeutschen.“

Ich muß lachen. Georg schaut mich fragend an. Er weiß nicht, wovon ich spreche. Das wirkt auf mich sehr beruhigend. Fern ab der Westpropaganda.

Wir haben Zeit, zusammen Kaffee zu trinken und den Tagesablauf zu besprechen. Mich erwartet eine recht gemütliche Stelle. Die Uhren arbeiten hier bedeutend langsamer. Zumindest zu dieser Jahreszeit.

„Wie läuft denn hier das Wintergeschäft?“

„Nicht viel anders als dieses.“

Die Aussage verstehe ich beim Anblick der Seilbahnen. An allen Anlagen befinden sich auch gastronomische Einrichtungen. Eigentlich ist das Geschäft mit Halb- und Vollpension ein Preiskampf mit diesen Betreibern. Wer ist billiger und wo kann der Gast für wenig Geld das meiste fressen. In dem Zusammenhang von Essen zu sprechen, widerstrebt mir. Wir reden eher von Hamstern, Einpacken und kulturlosem Fressen in irgendwelchen Ecken. Von Hygiene keine Spur. Eigentlich könnten wir das Essen auch auf der Toilette servieren für dieses Volk.

Mir geht gerade die gepflegte Gastronomie der DDR durch den Kopf. Sagen wir es ehrlich. Wir hatten nicht nur zehn mal mehr Gäste und bessere Rohstoffe, sondern auch Tischkultur. Wenn ich allein an die verkeimten Salatbuffets denke, kommt mir ein Ekelgefühl auf. Bei uns wurden diese Angebote grundsätzlich hinter einem Spuckschutz in gekühlten oder gewärmten Speiseschränken angeboten. Es gab schon auch kalte Buffets. Aber dort hatten nur wir Köche, Zugriff.

Nach dem Ölen würzen wir mit dem Rosmarinsalz das Huhn außen. Nicht zu knapp.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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