Fortsetzung Die Saisonpause


Seit dem Saisonende habe ich die Edelblüte nicht mehr gesehen. Eigentlich haben wir ja bis in die erste Aprilwoche geöffnet. In diesem Jahr war das etwas anders. Die Gäste blieben aus und wir haben die Saison zeitiger beendet.

Der Empfang war trocken. Meine Chefs sind alle braun gebrannt. Ich schätze, sie waren in Hurghada. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, daß sich dort Menschen wohl fühlen können im Urlaub. Dagegen sind ja unsere FDGB – Urlaubseinrichtungen, wirklich für den Urlaub gedacht. Bei uns wurden nicht hundert tausende Menschen in einem Zentrum zusammen gepfercht. Ähnliche Eindrücke konnte ich auch bei uns in Italien sammeln. Das ist kein Urlaub. In einem Urlaub möchte ich ja aus meiner Umgebung, zeitweise ausbrechen. Mich davon erholen. Indem ich von einer Stadt in die nächste reise? Das kann nur ein Witz sein. Und das für nicht zu wenig Geld. Gerade Arbeiter und Unternehmer in unserem Gewerbe – Tourismus, müßten sich eher nach etwas Ruhe sehnen. Denke ich. Im Trubel kann ich mich nicht vom Trubel erholen. Ich erwarte also ziemlich nervöse Chefitäten.

Ich werde etwas enttäuscht in meiner Vorahnung. Meine Chefs waren in einem italienischen Kurort. Auf Capri, dem Ziegenland. Wohl dem, der dafür das Geld hat. Machen wir uns nichts vor. Unsere Chefs stehen für gewöhnlich, von früh bis in die Nacht an ihrem Arbeitsplatz. An unserer Seite. Mal launig wie wir. Mal fröhlich und aufgeweckt.

Es gibt natürlich Ausnahmen. Die sind in Südtirol aber selten. Zwischen uns gibt es aber einen Unterschied. Während dem Einen ein stattlicher Urlaub winkt, muß der Andere schauen, über die Runden zu kommen. Der Eine baut seinen Besitz schöner aus, der Andere hat schon im zweiten Monat – Probleme, die Miete zu bezahlen. Ohne Urlaub. Der Eine fährt zum Saisonende in den Urlaub. Der Andere steht in einer unendlichen Schlange vor dem Arbeitsamt und bettelt tatsächlich um das Geld, das ihm zusteht. Beide haben für ein und den selben Gast gearbeitet. Sie haben ein und dem selben Staat, Steuern und Abgaben bezahlt. Wenn sie ehrlich waren. Das setze ich voraus.

Im Gespräch wird mir angedeutet, das Steuerbüro hat sich verrechnet. Ich bekomme den Rest sofort ausgezahlt. Die Unterschrift muß auf einem Extrazettel gezeichnet werden. Der Zettel mit der Summe und der Unterschrift landet im Safe. Bei mir landen fast dreitausend Euro. Jetzt stimmt die Rechnung, denke ich mir. Zu Hause werde ich das noch einmal überprüfen. Der Friede ist wieder hergestellt. Joana wird sich freuen. Leider wird jetzt nichts mehr mit einem gemeinsamen Kurzurlaub. Ich rechne kurz aus, wie viele Urlaube ich mit Joana in einem Leben haben könnte. Eine bescheidene Zahl, die durch einen kleinen Fehler noch bescheidener wird. Es geht nur um unser Leben und um unsere Gesundheit. An eine verdiente Kur für meine Joana ist gar nicht zu denken.

Die Sommersaison, so wird mir angedeutet, beginnt wie immer im Juni. Mit dem Spatzenfest. Tausende europäische Fans hören sich die recht gute Musik an. Die Musik ist nicht mein Geschmack. Aber gut ist sie trotzdem.

Aus unserer Nähe kommen die Südtiroler Spitzbuam. Manchmal singen sie im Forstgarten. Man muß nicht unbedingt ein Fan dieser Musik sein. Sie werden trotzdem Gänsehaut bekommen. Ganz einfach, weil es wirklich feinste Volkskunst ist.

Mit der Aussicht auf eine Beschäftigung im Alpenrhythmus, der eine ziemlich kurze Sommersaison verspricht, sehe ich zuerst einmal weniger Schwierigkeiten. Das schöne Wetter nutze ich gleich für eine Runde durch die Dolomiten. Wohl in der Ahnung, das wird mein Arbeitsweg für die Sommersaison.

Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, braucht es jetzt trotzdem, Arbeit. Ich rufe bei den mir bekannten Arbeitsvermittlern an, ob die denn eine Stelle für mich haben. Es gibt reichlich. Alle mir bekannten Problembetriebe werden mir aufgezählt. Jetzt kommt es darauf an, einen Betrieb zu finden, in dem ich es aushalten kann. Ich bin für diese Betriebe etwas zu weichherzig. Um nicht emotional zu sagen. Einen manchen Abend kann ich die nervliche Belastung nur mit Tränen verarbeiten. Und das will schon was heißen für mich. Gerade in Südtirol habe ich das totale Abschalten gelernt. Das könnte man als Südtiroler Sturheit bezeichnen. Dagegen hilft nur frische Luft und eine Giro durch die Dolomiten. Wenn es geht, in Einsamkeit ohne Belästigung. Und gerade das, soll uns verboten werden.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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