Leseprobe Die Saisonpause


Wir werden uns sicher im Betrieb wieder treffen. Denke ich mir.

Die Fahrt hinauf ab Blumau bis nach Völs ist untertags ziemlich gefährlich. Am besten, man kennt als Zweiradfahrer die Zeiten, in denen Busse das Tal passieren. Die können in unübersichtlichen Kurven für Überraschungen sorgen. Leichter Lastverkehr ist in dem Tal auch anzutreffen. Die größte Gefahr geht aber von Touristen und Rasern aus, die sich nicht an den Rechtsverkehr halten. Dazu zählen auch ausländische Zweiradfahrer.

Am liebsten fahre ich die Straße ganz früh morgens und spät abends. Zu diesen Zeiten gebe ich Aufblendlicht, um mich meinem Gegenverkehr zu zeigen. Die Einheimischen tun das Gleiche. Das funktioniert sehr gut. Tagsüber nutze ich eher die Straße nach Klausen. Die ist wesentlich sicherer. Viele Kollegen nutzen lieber diese Straße. Natürlich mit dem Auto. Generell gilt das Auto in Südtirol für den Arbeitsweg als die sicherste Bewegungsmethode. Das hat aber einen Nachteil. Stau. Gerade Köche müssen sich aber vier Mal zur Arbeit und zurück bewegen. Selten bei diesen Entfernungen. Da bevorzugen wir schon ein Zimmer für die Nachmittagsruhe. Der Nachteil ist schnell ausgemacht. Der Koch trifft seine Familie nicht mehr. Das betrifft alle Arbeitsstellen, bei denen ich mich bewerbe. Ob ein freier Tag reicht, die Familie zu pflegen, laß ich mal dahin gestellt. Der Ausweg wäre eigentlich schnell zu finden. Ich gehe als Frühstückskoch oder bewerbe mich nur für die Abendausgabe. Dafür gibt es zwar weniger Gehalt, aber als Frühstückskoch sehe ich wenigstens meine Frau und die Familie. Als Abendkoch treffe ich meine Frau oder Familie auch nicht. Oder nur begrenzt.

Wir haben uns dafür eingerichtet. Joana schläft sofort nach der Arbeit und kann mit mir zusammen einen Teil des Abends verbringen. Deshalb fahre ich abends nach Hause. Also, haben wir zusammen das Frühstück und einen Teil des Abends. So lange wir das Geld benötigen, ist das die beste Methode.

Mir kommen schon ein paar Kollegen entgegen. Schätze ich. Vielleicht sind es auch Bäcker oder Leute, die dem gleichen Rhythmus nachgehen wie wir. Eine junge Frau ist dabei. Sie fährt nicht nur zügig. Sie fährt sportlich. Mit sportlich meine ich auch das Schneiden der Kurven. Dabei hat sie eine Zigarette im Mund. Nicht in der Hand und am Lenker. Sie lenkt mit zwei Händen. Ich habe den Eindruck, die halbe Zigarette steckt schon bei ihr im Hals. Der Augenblick der Begegnung ist zu kurz, um das genauer zu sehen.

Ich schätze, der Frau werde ich jeden Morgen begegnen.

Kaum bin ich in Völs, sehe ich schon den ersten Arbeiterverkehr. Ich gehe davon aus, sie arbeiten alle in der Gastronomie. Natürlich brechen jetzt auch Arbeiter der Industrie auf, die sieben Uhr ihren Arbeitsbeginn im Tal haben. Genau diesen Verkehr möchte ich vermeiden. Ab hier geht es zügig.

Ich will ein anderes Mal die Zeit über Klausen stoppen. Eventuell käme sogar die Autobahn in Betracht. In diesen Fällen benötige ich aber mehr Benzin. Das muß ich noch genau ausrechnen. Schließlich möchte ich Geld verdienen und nicht für die Mineralölgesellschaft arbeiten.

Kaum bin ich auf Arbeit, begrüßt mich der Wirt persönlich. Ich gebe ihm gleich ein Kompliment für sein zeitiges Erscheinen. Normal bin ich allein in den Betrieben zu dieser Zeit.

„Ich bin immer früh der Erste“, sagt er zu mir. Er hat sogar schon diverse Rohstoffe zurecht gelegt, die ich bis Mittag vorbereiten soll. Kurz darauf verabschiedet er sich.

„Ich gehe füttern.“

„Wie viele Kühe hast du denn?“

„Dreißig. Wir haben auch Schafe, Ziegen und Schweine.“

„Das ist ein ganz schönes Programm.“

„Ich mach das nicht allein. Der Knecht kommt noch. Zuerst trinken wir einen Kaffee.“

Beim Kaffeetrinken stellt sich Alfons vor. Er ist der Vater von Agnes, der Wirtin. Er kümmert sich nur um die Tiere. Der Knecht betritt die Küche. Nach der Begrüßung, stellt er sich mit Wladimir vor. Er ist ein Slowake. Wladimir fährt die gesamte Technik des Betriebes. Das macht ihn ziemlich wertvoll für die Familie. Auf mich wirkt er etwas dominant.

Blick vom Kiosko ins Nonstal über Gles nach Madonna

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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