Fortsetzung Die Saisonpause


Das Mittaggeschäft ist ziemlich umfangreich. Ich komme sehr spät zur Mittagspause. Der Abend beginnt zeitiger als ich erwarte. Schon fünf Uhr stehen Gäste vor dem Restaurant. Damit habe ich keine Stunde, Ruhe gehabt. Addiert mit der sehr kurzen Nacht, ergäbe das keine sechs Stunden, Ruhezeit. Das ist eindeutig zu wenig für diese Arbeit.

Für einen Monat und das Geld, das wir brauchen, wäre das in Ordnung. Zur Saison auf der Seiser Alm würde ich aber ziemlich verbraucht antreten. Vielleicht kann ich noch ein – zwei freie Tage vor dem Saisonbeginn heraus schindern. Ich muß fragen.

Agnes sieht mir meine Sorgen an.

„Hast du etwas?“

„Ja. Es geht um die Arbeitszeit und den Saisonbeginn oben auf der Alm. Ich muss da recht frisch sein. Zwei – drei Tage vor Saisonbeginn hätte ich gern frei.“

„Das geht ohne Weiteres. Es haben sich auch schon Köche auf unsere Anzeigen gemeldet.“

Das Abendgeschäft schlägt Alles. Im Ort ist ein Trubel und jeder Gast sucht ein Restaurant. Wahrscheinlich sind sehr viele Ferienwohnungen gebucht. Hotels versorgen in Halbpension. Es kann aber auch sein, viele Gäste haben die Halbpension abgebucht und nehmen nur Frühstück. In Wandergebieten ist das keine Seltenheit. An jeder Ecke steht ein Imbiss oder eine Hütte. Es gibt einfach zu viele Restaurants. Man könnte fast denken, Essen wäre der eigentliche Urlaubszweck. So viel kann kein Mensch fressen.

Gehe ich von einem Menschen mittleren Alters aus, der vielleicht noch etwas Diät machen möchte im Urlaub, ist das Angebot einfach viel zu groß. Seien wir ehrlich. Ein Büroangestellter benötigt am Tag um die eintausend fünfhundert Kalorien. Wohlgemerkt; wenn er seine Figur behalten möchte. Die Kalorien, die er zum Wandern benötigt, werden leicht mit Getränken bedient. Ein Menü, wie wir es bieten am Abend, als dritte Mahlzeit am Tag, würde ohne die anderen Mahlzeiten völlig reichen. In einem Restaurant packen wir die Teller voll bis zum Rand. Zwei Mal am Tag. Wir rechnen, das Frühstück wird in den Ferienwohnungen sehr oft ausgelassen. Die Gäste bereiten es sich dort selbst zu.

Eine knappe Woche geht das gut. Am Wochenende ist auf der Kastelruther Straße Stau. Auch zu meinem Feierabend. Ich muss über die Völser Straße fahren. Dort erwarte ich etwas weniger Stau. Für den Verkehr in Richtung Bozen besteht dort eine größere Gefahr. Besonders für Zweiräder. Die Ränder der Linkskurven grenzen an eine zweihundert Meter tiefe Schlucht. Abends und in der Nacht, fahre ich diese Kurven fast in Schrittgeschwindigkeit. An Wochenenden sind dort sehr viele Ochsen unterwegs. Die glauben, die Völser Straße gehört ihnen allein. Der weithin sichtbare Lichtkegel interessiert die nicht. Vielleicht wissen sie auch damit nichts anzufangen.

Just an diesem Wochenende, passiert mir ein unglaublicher Unfall. Nicht in einer Linkskurve. Nein. In einer Rechtskurve. Die ist aber verdeckt und dunkel. Genau dort ziehe ich es vor, auch in Schrittgeschwindigkeit zu fahren. Das hilft aber in diesem Fall nicht. Vor mir liegt ein Riesenbrocken. Natürlich unbeleuchtet. Und in diesem Riesenfels steckt ein Panda. Die drei Meter Reaktionsweg sind auch bei Schrittgeschwindigkeit zu wenig. Man könnte fast denken, als Fußgänger würde ich auch auf das Auto auflaufen. Dessen Rücklichter waren aber beleuchtet. Etwa in Kerzenlichtstärke. Der Fahrer sitzt noch drinnen. Mir hat es die vorderen Stoßdämpfer fast bis an den Krümmer geschoben. Ich halte mich natürlich am Lenker fest, um zu reagieren. Doch ausgerechnet das scheint ein Fehler zu sein. Mein Lenker hat mich auf den Panda geschleudert. Wie ein Katapult. Beinahe hätte ich den Fels erwischt. Rekordverdächtig. Zum Glück bin ich mit meiner Lederkombi unterwegs. Ich hätte mir alle Knochen gebrochen bei dem Flug.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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