Fortsetzung Der Saisonkoch – Frühjahr


Am Hoteleingang wartet ein Mann auf mich. Er sagt mir, ich kann das Motorrad gleich vor dem Hotel parken. Er hat etwas Akzent. Das ist aber garantiert kein Tiroler Akzent. Er stellt sich mit Hellmar vor. Wir gehen zusammen zur Rezeption.

„Martha ist in der Küche.“

Der Kücheneingang ist gleich hinter der Rezeption. Anordnung von Kücheneingang, Rezeption und Restauranteingang finde ich geschickt und gut. Kein Gast würde ungesehen an der Rezeption vorbei kommen. Wenn die besetzt ist.

Martha steht in der Küche. Sie hat feuchte Augen. Ich kann schlecht beurteilen, was die Ursache dafür ist.

„Oleg ist gegangen.“

Oleg ist ein polnischer Koch, den ich bei Martha erst ausgebildet habe. Im Praxisunterricht. Ich kann kaum beschreiben, was die Ausbildung für eine Prozedur für mich bedeutete. Ein Meisterbrief der DDR und die Jahrzehnte lange Praxis auch in Österreichischen Hotels und Restaurants, eichte der Berufsschule nur bedingt. Die forderten von mir einen Lehrausbildungskurs. Daraufhin habe ich ihnen mal die Seite meines Meisterbriefes kopiert, die klar aussagt, wo und wie ich welche Lehrlinge, weltweit ausbilden darf. Neben dem üblichen Telefonbelästigungen, ausgerechnet zu den Mahlzeiten unserer Gäste, kamen auch regelmäßig arrogante Damen in Stöckelschuhen und Balzgeschirr zu Besuch. Ich bin der festen Überzeugung, die Damen haben in ihrem Leben nie Etwas gekocht, geschweige Ahnung von Lebensmitteln. Die üblichen kleinen Zwischenfragen meinerseits, haben die Damen mit unglaublichen Gesten und Kenntnissen beantwortet. Die Aufzählung von Synonymen für diverse Lebensmittel und Gerichte, zeugt nicht unbedingt von einer Kenntnis der Produktion.

Hellmar hat ihnen auch regelmäßig eine Mahlzeit angeboten bei ihrem Erscheinen. Die haben nie abgelehnt.

Martha sagt mir, Hellmar ist ihr neuer Mann. Gerold wäre bei einem Forstunfall tödlich verunglückt. Ich will jetzt nicht fragen, wie das geschehen konnte. Hellmar ist ein Holländer und war im Haus, Stammgast. Wahrscheinlich auch schon in Marthas Schlafzimmer, wenn Gerold auf Jagd war. Gerold kam nie nüchtern von der Jagd zurück. Für den Einen ist eben der Keller oder die Garage der Platz für den regelmäßigen Alkoholgenuss, für die Anderen, der eigene Wald. Gerold war auch der Einkäufer für sein Hotel. Ich weiß nicht, ob es irgend ein Zeichen gibt, angetrunkene Fahrer nicht zu kontrollieren. Gerold jedenfalls, wurde nie kontrolliert oder erwischt. Bei Gelegenheit habe ich an seinem Nummernschild ein Zeichen gesucht. Eine Art – Freifahrtzeichen. Dort war jedenfalls keins zu sehen. Alles normal.

„Habt ihr gestritten?“, frage ich Martha.

Ich möchte heraus bekommen, ob Oleg vielleicht nur zeitweise gegangen ist. Sozusagen, in Rage.

„Hast du ihn angerufen?“

„Ja. Er nimmt nicht ab.“

„Ruf mal mit meinem Telefon an.“

Martha ruft an. Oleg nimmt nicht ab.

„Vielleicht ist er zu Hause bei seinen Eltern? Was ist die Vorwahl von Polen?“

Wir probieren. Nichts.

„Hast du die Nummer von seinen Eltern?“

„Nein.“

Komisch. Oleg hat immer die Nummer seiner Eltern hinterlegt. Ich schaue bei mir auf dem Handy.

„Verdammt. Ich habe eure Karte rein getan. Auf meiner Karte ist die Nummer sicher vorhanden. Nachher schaue ich auf meinen Computer. Dort steht sie. Was ist das Menü heute? Wie viele Gäste sind im Haus?“

Martha hat das Menü geändert. Sie bietet heute ein paniertes Schnitzel von der Putenbrust. Notküche, sagt sie.

Früher war Truthahn ein Festessen. Heute reicht das nur noch als Notküche. Traurig.

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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