Fortsetzung Der Saisonkoch – Frühjahr


Wenn ich im Etschtal nichts bekomme, bleiben mir noch die Dolomiten. Vielleicht gibt es da eine Anzeige.

Die Ausfahrt genieße ich trotzdem. Ich fahre über Klausen zurück. Am frühen Vormittag ist auf der Völser Straße zu viel Betrieb. Touristen, Busse und Baufahrzeuge machen mir den Arbeitsweg zu gefährlich.

Mein erster Anruf geht zu den Arbeitsvermittlern. Bei ihnen scheint es eine große Nachfrage zu geben. Trotzdem darf ich schon bei den ersten Gesprächen registrieren, die freien Stellen werden nicht abgemeldet bei Besetzung. Es kann aber auch sein, meine Sprache erweckt Ablehnung. Sächsisch finden zwar Viele lustig, aber auch lästig. Oder gehen sie davon aus, Sachsen seien faul? Naja; fauler als unsere Gastgeber können wir DDR Bürger schon mal nicht sein. Wir müssen uns immerhin eine neue Existenz aufbauen.

Zu Hause wird mir schnell klar, welche unglaublichen Misshandlungen sich Joana gefallen lässt. Nur, um unsere Familie zu ernähren. Wir haben schon ein paar Mal versucht, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Vielleicht wäre eine Auswanderung besser gewesen. Leider sind unsere finanziellen Möglichkeiten derart begrenzt, dass wir den Gedanken regelmäßig über Bord werfen.

Ausgerechnet die suchenden Betriebe sind jene, die mit ihren Mitarbeitern auch entsprechend umgehen. Keiner bleibt dort. Genau diese Betriebe werden aber, wenn man zu spät ist, die Ansprechpartner für Suchende. Das Elend darf sich also fortsetzen.

Mir fällt eine Anzeige in unserer Nähe auf. Wie üblich, wird dringend gesucht. Die Lage ist günstig. Ich muss nicht lange überlegen, wo sich dieses Objekt befindet.

Das Ganze hat noch einen Vorteil. Ich habe wenig Arbeitsweg.

Ich rufe an und werde sofort aufgefordert, vorbei zu kommen. Per Email schicke ich schon mal meine Unterlagen. Ausdrucken können wir uns nicht leisten. Zumal ich wirklich selten meine Unterlagen zurück bekomme. Ich weiß nicht, in welchen Sammlungen die verschwinden. Von Datenschutz kann so schon mal keine Rede sein. Diese Daten werden regelmäßig geklaut. Dabei sind die Unterlagen nicht unbedingt billig. Bei hundert Bewerbungen kostet mich das locker zwischen fünfhundert und eintausend Euro. Wieso soll ich als Arbeitsloser denen noch die Unterlagen zahlen? Die Email ist für mich also die preiswerteste Variante der Bewerbung. Dazu auch recht umweltfreundlich. Bei mir sitzt auch eine Einstellung ziemlich fest im Hinterkopf. Wer mit Hochglanzbroschüren arbeitet, ist ein Betrüger. Wir sagen dazu: Außen hui – Innen pfui.

Ich fahre sofort dort hin. Die Begrüßung ist herzlich. Wir stellen uns vor. Auf die Frage zu meinen Unterlagen, verweise ich auf die Email. Der Hotelier stellt sich mit Hannes vor.

„Wir haben noch kein Telefon und Internet.“

„Aber ein Handy haben sie sicher.“

Ich habe ja auf dem Handy angerufen.

„Ja. Wir wollen kommende Woche eröffnen.“

Bis dahin sind es noch drei Tage. Er führt mich durch das Haus. Das Haus ist sehr schön. Gepflegt. Das Mobiliar ist zwar etwas älter, aber keineswegs ungepflegt. Das Haus verbreitet einen gewissen Charme. Einen Südtiroler Charme. Nicht überdreht. Nicht aufdringlich.

Von der Größe und dem Platz her, würde sich dieses Haus für Gruppenreisen empfehlen. Das ist sicher auch das Ziel meines Ansprechpartners.

Wir gehen gemeinsam in die Küche. Neu ist dort nichts. Aber auch nicht ungepflegt. An den Kühlzellen arbeiten gerade ein paar Handwerker. Die wirken etwas widerwillig. Trotzdem routiniert.

„Der neue Koch?“, fragen sie Hannes.

„Mal sehen“, antwortet er.

Mich fragt Keiner. Ich komme mir vor wie ein fremdes Werkzeug.

Von den Monteuren kommt mir Einer bekannt vor. Ein ziemlich Durstiger. Den treffe ich häufig in unserer Nachbarschaft bei Doris. Mich wundert, den Mann bei seinem Durst, auch noch mit Fahrzeug zu sehen. Der ist doch nie nüchtern. Wie geht das?

Autor: dersaisonkoch

Meisterkoch der DDR

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